Kritische Gespräche souverän meistern

Ein Beitrag von Stefanie

Kritische Gespräche am Buffet souverän meistern

In diesem Blogartikel hatte ich Dir von meinem Erlebnis beim schulischen Adventsbacken erzählt.

Von den neugierigen, aber wohlwollenden Fragen, der Arglosigkeit und der Offenheit der anderen Mütter.

Es geht natürlich auch ganz anders.

Es gibt da auch diese Menschen, die sich ihre Meinung über "diese Veganer" schon gebildet haben und die ist nicht sehr positiv...

Neben einem Exemplar dieser Gattung fand ich mich beim Adventsfrühstück in der Schule wieder.

Es war der Freitag vor dem dritten Advent, die Schulferien waren zum Greifen nahe und alle schon in vorweihnachtlicher Stimmung.

Alle Eltern sollten etwas zum Buffet beitragen und dann einige Stunden gemeinsam im Klassenraum verbringen.

Bei solchen Gelegenheiten sorge ich immer für ausreichend veganes Essen für mein Kind und mich, wer mag kann mitessen, aber ich mache das in erster Linie tatsächlich ganz egoistisch nur für uns.

Wenn mir danach ist, wähle ich auch Gerichte, mit denen ich die anderen beeindrucken kann, um zu zeigen wie lecker vegan ist, aber dieses Mal ging es mir nur darum uns zu versorgen.

Es kam ein riesiges Buffet zusammen mit großen Fleisch- und Käseplatten, Obst und Gemüse, Brot und Eiern- sehr vielen Eiern - und auch Quark und Joghurt.

Sehr klassisch...

Ich bin daraufhin mit meinem Sohn die Tische abgegangen und habe ihm gezeigt, was vegan ist und was nicht, damit er sich, wie die anderen, selbst davon nehmen konnte.

Das hat super funktioniert und ist auch mittlerweile kein Problem mehr bei uns. Er will die tierlichen Sachen gar nicht essen, braucht einfach nur Hilfe bei der Unterscheidung, da man es manchen Dingen schlicht nicht ansieht, ob sie vegan sind oder nicht.

Dann suchten wir Eltern uns jeder einen Platz und ich kam neben dem Vater eines Spielkameraden meines Kindes zu sitzen.

Du ahnst es schon: das ist der Mensch, um den sich die Geschichte nun drehen wird...

Ich saß also auf diesem kleinen Stühlchen am niedrigen Tisch und versuchte möglichst würdevoll meinen Kichererbsensalat zu essen, während sich der Vater, nennen wir ihn Hugo, neben mir ein Brötchen schmierte.

Hugo: "Ihr lebt also vegan. Macht ihr das schon lange?"
Ich: "Ja, seit fast 4 Jahren."
Hugo: "Aha, soso..."

Stille. Es wird gegessen. Dann:

Hugo: "Ich hab das ja auch mal gemacht. 1 Jahr lang."
Ich: "Oha, soso, was ist passiert?"
Hugo: "Ja, aber es hat nicht den gewünschten Effekt erzielt, deshalb hab ich dann wieder aufgehört."
Ich: "Oh."

Darauf folgten dann längere Erklärungen, wie anstrengend das gewesen sei vegan zu leben, während Frau und Kind nicht vegan lebten und veganer Käse würde ja auch einfach nicht schmecken und ob ich denn mal diese veganen Kuhbonbons gegessen hätte- das sei ja ein Hohn!

Er hörte gar nicht mehr auf, er musste all seinen Frust loswerden und ich nickte zwischendurch und grunzte mitfühlend.

Dann dachte ich mir aber, das kann es doch nicht gewesen sein und fragte: "Also hast Du aus gesundheitlichen Gründen angefangen vegan zu leben?"
Hugo: "Ja, ich hatte ein Problem mit meinem Bein und mein Arzt meinte, ich solle mal meine Ernährung ändern und so habe ich dann angefangen vegan zu leben."
Ich: "Aha!"
Hugo: "Ich hab zwar ein bisschen abgenommen, aber das war es dann auch nicht wert- ich könnte ja nie auf Butter verzichten."
Ich: "Hmrghmpf..."

Dann erneut Stille. Wir füllen unsere Teller wieder auf. Essen. Trinken. Sprechen mit unseren Kindern. Ich schmiere mir Hummus aufs Fladenbrot.

Hugo: "Und Du, warum lebst Du vegan?"
Ich: "Wegen der Tiere. Ich habe vorher schon 20 Jahre vegetarisch gelebt und damals hat mir ein anderes Mädchen erklärt, dass Tiere für unser Essen leiden und sterben und da habe ich dann beschlossen Vegetarierin zu werden. Das mit den Milchkühen und den Legehennen war mir damals nicht bewusst, als ich das dann verstanden hatte, bin ich vegan geworden."
Hugo: "Aha."

Wieder Stille. Es gibt eine Pause, in der die Kinder an die frische Luft gehen, wir vertreten uns die Beine, kommen wieder zurück an unseren Platz.

Da sagt Hugo, sichtlich hibbelig: "Darf ich Dich mal was fragen?"

Ich: "Nur zu."
Hugo: "Trägst Du Lederschuhe?"
Ich: "Ähm, nein..."
Hugo: "Also, wenn man wegen der Tiere vegan lebt und dann Lederschuhe trägt, das finde ich ja total unvernünftig! Das passt überhaupt nicht! Das ist Heuchelei!"
Ich: "Naja, zu Beginn habe ich schon noch Lederschuhe getragen, weil ich es nicht gerade nachhaltig finde, meine Schuhe einfach wegzuschmeißen..."
Hugo: "Hmpf... naja... stimmt schon."

Stille. Wir essen. Trinken. Die Kinder kommen wieder rein, essen auch ein bisschen. Dann...
Hugo: "Apropos Nachhaltigkeit: Wir verwenden ja alles vom Tier."
Ich: "Aha."
Hugo: "Leder ist ja ein Abfallprodukt und deshalb ist es total sinnvoll, das auch zu verwenden. Und wir essen ja sowieso nur ganz wenig Fleisch und wenn dann Bio..."
Ich: "Naja, eigentlich ist Leder kein Abfallprodukt, sondern bringt genauso viel Gewinn wie das Fleisch..."
Hugo: "Ja, meinst Du wirklich? Aber trotzdem ist es besser es zu nutzen, als es wegzuschmeißen..."

Und dann wendete sich unser Gespräch anderen Dingen zu...

Kennst Du solche Gespräche?

Ich habe immer mal wieder mit dieser Gattung Mensch zu tun.

Sie denken Veganer*innen hielten sich für etwas Besseres und wollen deren Scheinheiligkeit auch unbedingt entlarven. Deshalb stellen sie Fragen wie nach den Lederschuhen oder auch gerne nach irrsinnigen Situationen wie "was würdest Du tun, wenn Du auf einer einsamen Insel wärst?" und versuchen einen Punkt zu finden, an dem Du aus ihrer Sicht nicht perfekt bist.

Du erkennst sie auch daran, dass sie von sich aus ständig das Gespräch auf das Thema "vegan" lenken und Dir unbedingt ihre Meinung dazu kundtun wollen.

Ich habe in der oben beschrieben Situation nicht ein Gespräch über vegane Themen begonnen - ich hätte mich gern über andere Dinge unterhalten, aber Hugo kam immer wieder darauf zurück.

Es war wie ein Zwang, er musste mir all diese Fragen stellen und seine Ansicht dazu darlegen.

Er ist ein typischer Vertreter der Gattung "Heiliger Bio-Indianer":

Der Glaube an die indianische Weisheit alles vom Tier zu verwerten (was für die Indianer damals in ihrer Situation wunderbar funktioniert hat) kombiniert mit den Eigenschaften des Bio-Heuchlers (ich kaufe nur ganz wenig und wenn dann Bio und das ganz bewusst) und der Gewissheit damit das Richtige zu tun.

Wie gehst Du mit so jemanden um?

Wie immer gilt: es kommt auf die Situation an, in der Du Dich befindest, es kommt darauf an, wie es Dir in dem Moment geht und dann kannst Du ganz individuell entscheiden, wie Du handeln willst.

Meine Erfahrung mit "Heiligen Bio-Indianern" ist, dass Du mit ihnen nicht diskutieren kannst. Sie haben ihre Meinung schon gebildet, sie haben vieles abgewogen und sind zu dem Schluss gekommen, dass ihre Wahl die richtige ist. Sie legen nun großen Wert darauf alle anderen als Heuchler zu entlarven, besonders Vegetarier und Veganer.

Es geht also nun darum zu schauen, wie Du Dich schützen kannst.

Es steht Dir immer frei den Raum zu verlassen, Dir die Beine zu vertreten oder die Toilette aufzusuchen.

Regt Dich das Gespräch stark auf, würde ich das auch tatsächlich tun und dann, wenn Du allein bist, atmen. Simpel, aber wirksam.

Brauchst Du Unterstützung, findest Du im Gelassen Vegan Masterplan jede Menge Übungen, die Dir in akuten Notfallsituationen oder auch als Prävention helfen.

Diskussionen würde ich nur beginnen, wenn Du Dich innerlich sicher und gelassen fühlst und es Dir Spaß bereitet, ansonsten ist es verschwendete Energie.

Menschen wie Hugo wollen ihre Meinung nicht ändern, sie wollen Dich bloßstellen und Recht behalten. Eine Diskussion kannst Du daher als Rhetorikübung nutzen, wenn Dir gerade danach ist...

Je gelassener Du bist, desto bereichender wird es für Dich sein.

Alles Gute,
Stefanie

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