Folge 19 - Wunderpraktiken mit Bullensperma

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Folge 19 - Wunderpraktiken mit Bullensperma

In dieser Folge zitiere ich einige Passagen aus "Vom Pfennigartikel zum Milliardenobjekt - 100 Jahre Milchwirtschaft in Deutschland" von Christian Diederich Hahn, erschienen 1971, um die Rolle der Züchtung zur heutigen Milchleistung einer Milchkuh zu demonstrieren.

Denn neben der Werbung musste natürlich auch die Kuhmilch selbst ausreichend vorhanden sein, um ein Grundnahrungsmittel zu werden.

Und ohne den züchterischen Eingriff der Menschen und die Entwicklung einiger spezieller Techniken, würde die Kuh auch heute nur noch ca. 10 Liter/Tag geben- eben genauso viel, wie ein Kälbchen braucht, um satt zu werden.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und in dieser Folge möchte ich einmal über die Züchtung der Rinder sprechen, der Rinderrassen, der Milchkuhrassen, die zu diesen Supermilchkühnen geführt haben, also ein bisschen ein historischer Abriss der Züchtung.

Dazu möchte ich zunächst einmal aus dem Buch „Vom Pfennigartikel zum Milliardenobjekt - 100 Jahre Milchwirtschaft in Deutschland“ von Christian Diederich Hahn zitieren. Dieses Buch wurde 1971 veröffentlicht. Es ist also schon ein paar Jährchen alt, diese 100 Jahre Milchwirtschaft beziehen sich auf den Beginn von 1870 bis 1970 und dementsprechend ist natürlich der Stand der Forschung hier auch nur bis 1970 aufgefasst.

“Perspektiven für Erzeuger. Die Verbraucher, also wir alle, sind darum bemüht, gesundheitsbewusster zu leben. Die Ernährungsindustrie richtet sich nach diesem Trend. Wir wollen unter anderem das Fett in der Ernährung zugunsten des Eiweißgehaltes zurückgedrängt sehen. Seit 100 Jahren gibt es bereits besonders fabrizierte Kindernahrung, neuerdings auch speziell zusammengestellte Nahrung für Diabetiker oder Leberkranke oder für ältere Menschen. In allen Sparten spielt die Milch eine einzigartige Rolle. Ihre Grunderzeuger, die Bauern, sind von den derzeitigen Land- und Grundstückswerten hergesehen Millionäre. Gleichzeitig haben sie in der Praxis kaum mehr Einkommen als ein moderner, städtischer Müllkutscher.

Es ist kaum bekannt, was ein fortschrittlicher Landwirt alles wissen muss, um aus gesunden Kühen eine so hohe, qualitativ einwandfreie Jahresdurchschnittsleistung herauszuholen, dass sich die Milchviehhaltung rentiert. Können Forschungsergebnisse und wirtschaftliche Überlegungen modernster Art den Grunderzeugern der Milch weiterhelfen? Sollen zu viele die Milchurproduktion aufgeben? Stehen wir nicht längst an der gefährlichen Grenze einer so weitgehenden Schrumpfung der Milchproduktion nach den Plänen von EWG-Vizepräsident S. Mansholt, dass die gesunde Ernährung der Verbraucher in naher Zukunft gefährdet wird? Wie sehen die Perspektiven für die Produktionsumstände dieser Leute in Sorgen aus, die ja auch endlich ein besseres Leben führen wollen?“

Und dann geht es hier weiter mit der nächsten Unterüberschrift „Wunderpraktiken mit Bullensperma. 1942, als der alte Adolf Köppe in Ostfriesland auf dem Höhepunkt seiner züchterischen Leistungsstand war, hatte die Einführung der künstlichen Besamung in der Milchviehhaltung noch nicht begonnen. Ursprünglich wurde sie zur Bekämpfung von Deckinfektionen eingesetzt. 1969 wurden von unserem damaligen Stand von 5,8 Millionen Kühen rund 3,7 Millionen mit einem Kostenaufwand von rund 100 Millionen D-Mark künstlich besamt. Dieser bis dahin unvorstellbaren Entwicklung in der Tierzucht verdanken wir zum Teil die schnelle Steigerung der Milchleistung pro Kuh und Jahr von rund 3.000 Kilo im Jahr 1939 auf über 4.000 Kilo mit der Chance, 6.000 bis 8.000 Liter zu erreichen. Diese Zahlen kennzeichnen die Entwicklung seit dem genialen Dr. H. C. Adolf Köppe, der als Tierzüchter ein Grundkapital für diese Expansion schuf.

Früher konnte ein Bulle 80 Kühe im Jahr decken. Heute liefert ein Bulle auf einer Besamungsstation bei entsprechender Samenverdünnung pro Monat 1.500 bis 2.000, also jährlich rund 20.000 Portionen Samen. Sie lassen sich durch Einführung der Tiefkühlung in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius ziemlich unbegrenzt haltbar machen. Dadurch hat sich ein weltweiter Handel mit tiefgekühlten Samenportionen ergeben. Noch vor wenigen Jahren galt es als wunderbar, dass ein Großversuchszuchtbetrieb sich per Kabel in Amerika Zuchttiere bestellte und sie nach 48 Stunden per Flugzeug frei Hof geliefert bekam. Heute kann sich ein deutscher Landwirt auf viel einfacher Weise von einem berühmten Bullen als besten Vererber von Milchleistungen per Tiefkühlpaket Samen bestellen.

Besonders erbwertvolle Bullen, zum Beispiel in den USA und Kanada, erzielen auf Auktionen Preise von über 100.000 Dollar. Je weiter sich die künstliche Besamung ausdehnt, umso strengere Auslesebestimmungen werden natürlich an die wenigen Bullen gestellt, die für die künstliche Besamung ausgesucht werden. Man begann zum Beispiel damit im Rahmen eines neuen Zuchtprogrammes 20 Besamungsgenossenschaften mit den Zuchtverbänden unter einen Hut zu bringen, um aus 250.000 Kühen, ähnlich wie Köppe auf seinem ostpreussischen Höfen seine Primadonnen, die 3.000 Besten auszuwählen. Jungbullen, die nach Form und Abstammung für die Einschaltung in die künstliche Besamung geeignet erscheinen, werden zunächst als sogenannte Prüfbullen eingestellt. Sie sollen zunächst Samen liefern, aus denen etwa 50 Töchter hervorgehen. Der Bulle wird dann als Wartebulle sozusagen in den vorübergehenden Ruhestand versetzt, bis die Töchter erwachsen sind und eine Laktation hinter sich haben. In der Wartezeit wird bereits ein Spermavorrat bei minus 196° eingelagert. Wenn sich dann die Erwartungen an die Vererbungsqualitäten des Bullen erfüllt haben, wird er als Arbeitsbulle in der künstlichen Besamung laufend verwendet, wobei eine 5- bis 6-jährige Benutzungszeit üblich ist, theoretisch mit 100.000 Samenportionen.

Bei dieser Entwicklung entstehen neben den Tierzüchtern Kontrolltierzuchtzentralen, um die künstliche Besamung planvoll zu überwachen, auszunutzen und über Computer das Grundlagenmaterial genetisch statistischer Daten aus der Milchleistungsprüfung und den Mastprüfungsstationen für die Zuchtplanung zur Verfügung zu haben.“

Ich muss da mal einmal kurz was einschieben, ein kleiner Kommentar von mir. Ich finde sowohl die Praktiken als auch die Wortwahl sehr interessant, denn dieser Zuchtbulle wird ja 5- bis 6 Jahre benutzt. Also es ist quasi ein Ding, ein Ding, das benutzt wird, damit Kühe gezüchtet werden können, Milchkühe, die besonders viel Milch geben. Also hier ist es wirklich schon so, dass das Tier verdinglicht worden ist. Und das ist 1970. Heute sind wir ja schon 50 Jahre weiter. Und diese Verdinglichung der Tiere ist ja auch notwendig, da sie im Akkord produzieren sollen und dann müssen sie funktionieren.

Wenn wir uns da aber mal einmal zurücknehmen und schauen, worüber denn da gesprochen wird und dass das fühlende Lebewesen sind, die auch Wünsche und Träume haben und die miteinander kommunizieren und dann wieder dahin schauen, was da überhaupt geschrieben wird, wie denn geschaut wird, wonach die produziert werden. Und ja, was ist denn, wenn so ein Zuchtbulle dann nicht das Sperma liefert, das jetzt diese Züchtungserfolge bringt, ja, dann wird der unter Garantie schnell das Zeitliche segnen. Und das sind alles so Dinge, da lohnt es sich tatsächlich mal drüber nachzudenken, wie ist unser Verhältnis überhaupt zu Tieren und dürfen wir das denn? Ist das okay?

Dieser Abschnitt beschreibt jetzt aber auch sehr gut, wie das funktionieren konnte, dass es auf einmal so einen Anstieg gab in der Milchleistung. Er schreibt, dass 1939 3000 Kilo pro Jahr pro Kuh als Milchleistung angegeben wurde. Und dann hatten sie eine Steigerung auf über 4000 Kilo und dann die Hoffnung eben auf 6000 bis 8000 Kilo. Wir sind jetzt dabei, es sind jetzt fast 8000 Kilo, wenn wir nur Deutschland betrachten. Und das ist eben wirklich durch diese gezielte Züchtung möglich. Und diese Praktik ist ja dann auch so, dass ganz viele Tiere einen einzigen Vater haben. Und da schließt hier noch einen Kapitel an, das ich jetzt noch einmal kurz vorlesen möchte.

„Gretchenfrage, wer ist der Vater? Für jede genetische Kontrolle und Planung ist selbstverständlich ein exakter Abstammungsnachweis erforderlich. Da seit jeher manche ungestüme Jungbulle außerhalb der ihm vom Menschen aufgezwungenen Legalität aktiv gewesen sein mag, schien die Überwachung der Abstammung mit der Einführung der künstlichen Besamung vor unüberwindlichen Schwierigkeiten zu stehen. Aber aus dieser Klemme halfen die faszinierenden Ergebnisse der Blutgruppenforschung, die in wenigen Jahren erarbeitet wurden. Die chemischen Verbindungen an der Oberfläche der roten Blutkörper hin werden Blutgruppenfaktoren genannt und können im Reagenzglas mit Testseren, Antikörpern, nachgewiesen werden. In Deutschland und in den USA wurde in der ersten Nachkriegszeit ohne Wissen voneinander parallel gearbeitet. Ein späterer Vergleich zeigte, dass die gefundenen Blutgruppenfaktoren, ob gleich anders benannt, identisch waren. Die große Anzahl der heute nachweisbaren Blutkörperchen-Eigenschaften lässt mehr als drei Billionen genotypische Kombinationen zu. Abgesehen von einigen Zwillingen gibt es wohl kaum zwei Rinder, die den gleichen Bluttyp haben. Da die Blutgruppenfaktoren nach den mendelschen Gesetzen vererbt werden, kann die Abstammung mit hoher Sicherheit überwacht werden, so dass damit auch die Leistungskontrolle eine solide Basis erhalten hat, selbst dann, wenn der Bulle schon in die ewigen Weidegründe eingegangen ist.

Interessant ist, dass die Entdeckung der Blutgruppenverhältnisse bei Rinderzwillingen die Grundlage für die Erforschung der sogenannten immunologischen Toleranz war. Das heißt, dass die Verträglichkeit von Fremdgewebe, die in den letzten Jahren im Hinblick auf Organübertragung, insbesondere Herztransplantationen, in das Blickfeld auch der Öffentlichkeit gerückt wurde. Anlass für die Entdeckung? Zwei-eiige Zwillinge tauschen im Mutterleib über Gefäßverbindungen ihre roten Blutkörperchen aus, so dass sie nach der Geburt zwei Arten von roten Blutkörperchen besitzen. Die eine Art haben sie geerbt, die zweite mit den anderen Blutgruppen-Eigenschaften ist ihnen vom Zwillingspartner sozusagen geschenkt worden und zeitlebens bilden sie auch diese überwanderten roten Blutkörperchen. Nach der Geburt würde eine solche Schenkung fremder Zellen mit Sicherheit zum Tode führen. Ergo, um Fremdorgane zu übertragen, muss man den gleichen immunologischen Zugang herstellen, wie er vor der Geburt vorhanden war. Das ist ein Beispiel dafür, welch enge Verflechtungen scheinbar nur in loser Verbindung stehende Wissenschaftszweige miteinander haben.“

Ich habe dir das jetzt vorgelesen, weil ich es einfach wichtig finde nochmal zu beleuchten, wie es dazu kommen konnte, dass die Milchkuh so viel Milch gibt. Dass es wirklich aufgrund der Züchtung ist und eben auch, dass die Kühe künstlich befruchtet werden. Dass dieser Durchbruch seit eben die Kühe künstlich befruchtet werden können, dass es seitdem mit der Milchleistung bergauf geht und sie dadurch einfach noch mehr zu Dingen werden, denn das ist ja jetzt noch mechanischer.

Du hast es bestimmt auch schon mal gesehen, wie das aussieht, künstliche Besamungen, diese ganzen Sachen. Also eine Bulle in dem Sinne existiert dann quasi gar nicht mehr, sondern es existiert nur noch das Sperma. Und das ist eben der andere Grundpfeiler. Denn meine Intention ist es ja zu zeigen, wie aus Kuhmilch ein Grundnahrungsmittel werden konnte, also das herauszufinden. Und es mussten halt zwei Grundvoraussetzungen da sein. Zum einen musste die Kuhmilch ausreichend vorhanden sein und zum anderen musste ausreichend Werbung gemacht werden. Da es ja nicht von Anfang an selbstverständlich war Milch zu trinken, weil sie eben auch nicht überall vorhanden war. In den Mengen, in der wir sie heute haben.

Begleitumstände sind dann natürlich auch noch die Fütterung und die Haltung. Denn eine Spitzenkuh, die nur Heu und Gras frisst, würde pro Tag höchstens 20 Kilo Milch geben, weil ihr Verdauungssystem nur eine begrenzte Menge der voluminösen Pflanzennahrung verarbeiten kann. Und da sind alles Erkenntnisse, die eben jetzt erst so in den letzten 50, 60 Jahren aufkamen, wo zwar schon vorher zu geforscht wurde, aber dann teilweise die Umstände eben dazwischen kamen, wie die beiden Weltkriege, oder eben die Forschung noch nicht so weit war, dass sie das technisch umsetzen konnte, wie jetzt bei der künstlichen Besamung, beim eingefrorenen Bullensperma. Und das kam alles erst in den letzten Jahrzehnten und konnte sich dann aber in den letzten 50 Jahren auch wirklich so durchsetzen, dass wir heute bei dieser Situation sind, die wir haben mit der Massentierhaltung und der Milchkuh eigentlich wirklich als Maschine.

In den folgenden Episoden werde ich dann nochmal auf einige Aspekte ein bisschen tiefer eingehen, auch zum Beispiel die Entwicklung der Melkmaschine, die für die Milchkuh nicht gerade sehr angenehm war. Und ich freue mich, wenn du dann wieder mit dabei bist.

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Quellen

Einen großen Teil meiner Informationen beziehe ich aus der Bibliothek der ehemaligen Milchforschungsanstalt in Kiel.

Max Rubner-Institut
Hermann-Weigmann-Str. 1
24103 Kiel

Webseite

Diese Bibliothek beherbergt einen wahren Schatz an Dokumenten zur Milchwissenschaft und direkt gegenüber ist auch noch der Unverpacktladen- sehr praktisch :-)

Weitere Quellen

ROLLINGER, Maria, 2013: Milch besser nicht. 5. Auflage Trier: JOU-Verlag | Meine Rezension zum Anhören.

Die Milch : Geschichte und Zukunft eines Lebensmittels / hrsg. im Auftr. der Stiftung Museumsdorf Cloppenburg, Niedersächsisches Freilichtmuseum von Helmut Ottenjann ... [Museumsdorf Cloppenburg, Niedersächsisches Freilichtmuseum], Cloppenburg : Museumsdorf Cloppenburg, 1996.

FINK-KEßLER, Andrea, 2013: Milch - Vom Mythos zur Massenware. 1. Auflage München: oekom

HAHN, Christian Diederich, 1972: Vom Pfennigartikel zum Milliardenobjekt - 100 Jahre Milchwirtschaft in Deutschland. 2. Auflage Hildesheim : Verlag Th. Mann OHG

SCHWERDTFEGER, Curt, 1956: Milch, Wunder der Schöpfung, Quelle der Gesundheit : Ein dokumentar. Bildwerk über d. Milch u.d. Milcherzeugnisse. 2. Auflage Hildesheim : Verlag Th. Mann

WIEGELMANN, Günter, 1986: Unsere tägliche Kost. Geschichte und regionale Prägung. 2. Aufl. Münster: F. Coppenrath Verlag

BROCKS, Christine, 1997: Die Kuh - die Milch : eine Publikation des Deutschen Hygiene-Museums Dresden

Grafes Handbuch der organischen Warenkunde, Vol. 5 Halbbd. 1 (ab S. 306)
http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN832533432

Lebendiges Museum online: http://www.dhm.de/lemo