Folge 8 - Die Milchwirtschaft in der Nachkriegszeit

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Folge 8 - Die Milchwirtschaft in der Nachkriegszeit

In dieser Folge

  • spreche ich über die Milchwirtschaft in den Nachkriegsjahren
  • erzähle ich vom Marshall-Plan und vom Grünen Plan und
  • erkläre ich die Rolle, die beide für die Entwicklung der Milchwirtschaft gespielt haben.

In den Nachkriegsjahren beginnt eine spannende Zeit für die Milchwirtschaft. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft setzt auf Effizienz und Leistung.

Natur- und Umweltschutz oder gar Tierwohl werden hintenan gestellt- Deutschland soll wieder gesunden und das so schnell wie möglich.

Ab dieser Folge bis zur Wiedervereinigung 1989 geht es nun ausschließlich um die Milchwirtschaft in Westdeutschland.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und ich nehme dich mit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegsjahre in Deutschland.

In den vorangegangenen Folgen haben wir die Milchkuh durchs Mittelalter begleitet, die Kaiserzeit, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg. Und nun geht es quasi ans Eingemachte, denn jetzt in dieser Zeit, in der Nachkriegszeit, werden die Grundlagen gelegt, die Weichen gestellt für eine Milchwirtschaft, wie wir sie kennen.

Damit wir uns einmal zeitlich orientieren können, der Krieg war vorbei, 1949 wurde dann die Bundesrepublik Deutschland gegründet und kurz darauf auch die Deutsche Demokratische Republik, was dann eben der erste Schritt in Richtung Teilung war. Es gab noch nicht die Mauer, aber ein unterschiedliches Staatssystem und dann dementsprechend auch ein unterschiedliches, wirtschaftliches System. Ab jetzt, ab 1949 bis 1989, betrachten wir nur die westdeutsche Entwicklung der Milchwirtschaft, denn die ist maßgeblich dafür, dass aus der Kuhmilch ein Grundnahrungsmittel werden konnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Wirtschaft in Deutschland am Boden, alles lag in Trümmern und jetzt musste, um tatsächlich diesen Staat wieder neu aufzubauen, erst einmal Hilfe von außen angenommen werden. Diese Hilfe kam dann in Form des Marschallplans, der Marschallplan lief 1948 an, die USA stellten Kredite bereit und lieferten Waren, Rohstoffe und Lebensmittel, also vor allem als erstes Lebensmittel, damit die Menschen nicht mehr hungern mussten und dann kamen auch Waren und Rohstoffe.

Zwischen 1948 und 1952 flossen auf diesem Weg 1,5 Milliarden Dollar nach Westdeutschland. Der Marschallplan sollte also die Wirtschaft ankurbeln und wurde aber nur von Westdeutschland angenommen, galt eigentlich für ganz Europa. Aber Ostdeutschland hatte diesen Marschallplan abgelehnt und so auch alle osteuropäischen Staaten auf Druck der UDSSR und das war mit einem Teilungsgrund für West- und Ostdeutschland, einfach diese verschiedenen Ausrichtungen.

In 1948 gab es dann auch die nächste Währungsreform, und zwar wurde die Reichsmark dann entwertet und die deutsche Mark wurde eingeführt. Das bedeutet, dass das Sparguthaben, was bis dahin vorhanden war, entwertet wurde, es verlor komplett an Wert. Nur Löhne, Gehälter und Mieten wurden im Verhältnis von 1 zu 1 umgewertet. An diesem Stichtag, dem 21. Juni 1948, bekam jeder Westdeutsche, jede Westdeutsche 40 D-Mark ausgezahlt. Und ab da verschwand dann eben auch der Schwarzmarkt, denn jetzt war die Währung wieder stabil und es konnte wieder eingekauft werden. Auf einmal füllten sich die Schaufenster mit Waren, niemand hatte eigentlich Geld, um was zu kaufen, aber die Waren waren auf einmal wieder da. Ich habe wieder etwas zu kaufen, allerdings, wie gesagt, nur in Westdeutschland.

In Ostdeutschland gab es kurz danach, drei Tage später, dann am 24. Juni 1948 auch eine Währungsreform, da aber da noch kein neues Geld gedruckt werden konnte, wurde erst mal die Reichsmarkscheine mit Coupons beklebt und jede Ostdeutsche bekam 70 Mark ausgezahlt, da in Ostdeutschland die Zwangsbewirtschaftung immer noch anhielt oder auch die nächsten 40 Jahre anhalten sollte, konnte sich da keine freie Wirtschaft entwickeln und der Lebensstandard konnte sich nicht heben.

Du findest zum Marschallplan unter dem Transkript zwei Links, und zwar auch wieder zu dem lebendigen Museum Online, da gibt es einen kleinen Text und auch ein Video, ein Ausschnitt aus einem US-amerikanischen Film über die Marschallplanhilfe. Wenn du also dich weiter informieren willst, schau auf jeden Fall da mal rein.

Zeitgleich, also in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, passierte politisch und sozial natürlich extrem viel, Deutschland sollte wieder aufgebaut werden, Deutschland sollte vor allem wirtschaftlich wieder eine Rolle spielen, so dann auch später politisch und deshalb gab es dann auch den Grünen Plan.

Der Grüne Plan wurde erst 1956 ins Leben gerufen und ich möchte dazu einen Text vorlesen, an den ich auch wieder aus dem „Lebendigen Museum Online“ zitiere: „Die Landwirtschaft erlebt in den 1950er Jahren einen tiefgreifenden Strukturwandel. Viele Arbeitskräfte wandern in den gewerblichen Sektor ab, weil dort höhere Löhne gezahlt werden. Die Technik hält in großem Umfang Einzug. Nur große Höfe können noch rentabel wirtschaften, kleine Familienbetriebe geraten dagegen ins Abseits. Trotz staatlicher Schutzpolitik sind die bäuerlichen Einkommen bedroht. Das Landwirtschaftsgesetz von 1955 will die Nachteile des Agrarsektors gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen ausgleichen und seine Produktivität steigern. Im Grünen Bericht gibt der Bundesernährungsminister seit 1956 alljährlich Auskunft über die Entwicklung und Lage der Wirtschaft.

Dieser wird ergänzt durch den Grünen Plan, einen Förderprogramm für die Landwirtschaft. Durch gezielte Verbesserungen der Leistungsfähigkeit, Subventionen, Zuschüsse und Prämien sollen rationell arbeitende Betriebe geschaffen werden, die den Landwirten ein befriedigendes Einkommen sichern können. Als zusätzliche soziale Maßnahme wird 1957 die gesetzliche Altershilfe für Landwirte eingeführt. Der Verbesserung der Agrarstruktur dient auch die Flurbereinigung, die die unwirtschaftliche Zersplitterung der Besitzflächen beseitigt und große Ackerflächen für die Arbeit mit modernen Maschinen schafft. Motorisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft führen bei rückläufiger Beschäftigten Zahl zu verbesserten Ernteerträgen.“

Diese Umstrukturierung im Rahmen des Grünen Plans und die neuen Landwirtschaftsgesetze sind definitiv der Grundstein für die florierende Milchwirtschaft. Es ist so, dass klarerweise kleine Bauernhöfe verschwinden, immer wieder, das erste Mal jetzt während dieser Umstrukturierung und dann natürlich immer wieder in den folgenden Jahren einfach aufgrunddessen, weil immer nur auf Effizienz geschaut wird. Es wird nur darauf geschaut, wie viel Milch produziert werden kann und natürlich nicht auf das Tierwohl, denn das ist erstmal wieder ins Hintertreffen geraten. Und so ist der Grüne Plan und auch der Marschallplan die Grundlage für diese Entwicklung hin zu den großen Höfen mit den 500 Milchkühen, den Riesenherden und der Automatisierung.

Denn es ging ja da um Produktionssteigerung, man muss irgendwie mithalten und wer wirklich jetzt diesen Weg gewählt hat und gesagt hat, ich mache immer weiter mit, ich mache immer weiter mit, ich spezialisiere mich immer weiter und ich baue meinen Hof soweit aus. Das war einfach und ist es immer noch eine Einbahnstraße. Welcher Landwirt und welche Landwirtin dort so viel investiert hat an Geld und Zeit, kann nicht mehr zurück.

In dem lebendigen Museum Online gibt es auch eine Broschüre, die man sich anschauen kann, wo der Grüne Plan vorgestellt wird. Und dort ist auch die Förderung der Milchwirtschaft abgebildet. Das ist wahrscheinlich nur exemplarisch, weil hier nur so drei Seiten gezeigt werden. Aber es ist trotzdem sehr interessant, dann nochmal einmal reinzuschauen. Also wenn du die Möglichkeit hast, schau doch einfach nochmal unter dem Transkript in die Links und klick da auf den Link, dann kannst du dir das einmal anschauen.

Es geht hier um die Bekämpfung von Tierseuchen immer noch, um die Zusammenlegung von unwirtschaftlichen Molkereien. Vor allem die Förderung der Milchleistungsprüfung. Hier steht, dass rund 29% aller Kühe in der Bundesrepublik der freiwilligen Milchleistungsprüfung angeschlossen sind. Nur 29%. Und deswegen soll jetzt ja dann das gefördert werden, dass sich mehr dieser Milchleistungsprüfung anschließen. Und es gibt dann auch Fördermittel, die für kleinere Betriebe höher ausfallen als für größere Betriebe. Und interessant ist eben auch, dass hier steht, okay, für alle Betriebe 1 bis 5 Kühe gibt es 5 DM je Kuh. Für Betriebe 6 bis 7 Kühe gibt es 4 DM je Kuh. Dann wird hier unterschieden in Futterbaubetriebe mit über 60% Futterbauanteil, 6 bis 10 Kühe. Da bekommen sie dann noch 4 Mark pro Kuh. Und für Bergbauernbetriebe mit 6 bis 12 Kühen gibt es auch 4 DM je Kuh. Da sind nicht diese Dimensionen genannt mit den 500 Kühen oder, meinetwegen auch den 50 Kühen oder den 100 Kühen, sondern wir sprechen hier von 6 bis 12 Kühen. Und da siehst du ganz klar, wie sich das alles entwickelt hat.

Damals natürlich, nach dem Krieg, da konnte man auch noch nicht so eine riesen Herde haben, weil einfach gerade durch den Krieg und den Zweiten und den Ersten Weltkrieg so viel kaputt gegangen ist. Und wer kann es schaffen, in der Zeit wirklich große Herden beizubehalten? Das war kaum möglich. Die meisten Betriebe hatten eben nur so wenig Kühe und die waren unrentabel und deswegen mussten die kleinen Höfe dann aufgeben. Hier wird dann auch noch gesprochen von Kühleinrichtungen für Milcherzeuger, Silo-Bau und natürlich kommen wir auch später in einer Folge nochmal drauf, die Bereitstellung von Trinkmilch in Schulen.

Denn Schulmilch ist definitiv etwas, was von Anfang an, also nach dem Zweiten Weltkrieg, stark gefördert wurde. Hier steht auch der Förderungsbeitrag für Schulmilch beläuft sich auf 6 Millionen D-Mark. Und ich zitiere hier auch nochmal einmal: „Durch die Bereitstellung von Trinkmilch soll den jungen Menschen Milch als wertvolle Nahrung zugeführt, sie an die Milch gewöhnt und hier durch der Trinkmilch-Absatz gesteigert werden. Schüler und Schülerinnen im Alter von 6 bis 14 Jahren können an der Schulmilch-Speise um teilnehmen.“

Die Schulmilch ist definitiv ein Grund, weswegen heute so viele Menschen aggressiv darauf reagieren, wenn man ihnen die Milch wegnehmen will. Denn sie sind in der Zeit 1956 - wer 1956 ein Schulkind war, ist heute dementsprechend schon etwas älter - sie sind in der Zeit sozialisiert worden mit der Milch. Und das kann eben sein, dass es deine Eltern sind, die damit sozialisiert wurden, die das dann an dich weitergegeben haben. Oder es sind deine Großeltern, wenn du noch recht jung bist und die das dann halt an dich weitergegeben haben. Also es ist wirklich so in diese Angst und das Bedürfnis Milch zu trinken und dieses Gefühl, es ist normal, wurde vor allem eben auch in den Schulen erzeugt. Darauf möchte ich in einer anderen Folge noch einmal detaillierter eingehen.

Jetzt wollte ich einfach nur einmal diesen Abriss machen, damit du weißt, wo wir stehen und auch wie jetzt so die Grundvoraussetzungen sind, was so ist. Es gab den Marschallplan, es gab den Grünen Plan und beides sollte eben dazu dienen, die Wirtschaft anzukurbeln, Westdeutschland effizient zu machen, Westdeutschland wieder wettbewerbsfähig zu machen und die Landwirtschaft vor allem auch wettbewerbsfähig zu machen, im Vergleich zu dem Industriesektor, der jetzt im Extrem anlief, da dort einfach die besseren Löhne zu finden waren.

Und in den nächsten Folgen soll es dann nochmal weitergehen mit verschiedenen Aspekten, die in der Nachkriegszeit wichtig waren, also welche Zielgruppen wurden angesprochen. Die Menschen haben damals noch nicht viel Milch getrunken, deswegen mussten sie irgendwie an die Milch herangeführt werden und um dieses Vorgehen, die Art der Werbung, die verschiedenen Zielgruppen und wer da welche Rolle gespielt hat, soll es dann in den nächsten Folgen gehen. Und ich freue mich, wenn du dann wieder dabei bist.

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Quellen

Einen großen Teil meiner Informationen beziehe ich aus der Bibliothek der ehemaligen Milchforschungsanstalt in Kiel.

Max Rubner-Institut
Hermann-Weigmann-Str. 1
24103 Kiel

Webseite

Diese Bibliothek beherbergt einen wahren Schatz an Dokumenten zur Milchwissenschaft und direkt gegenüber ist auch noch der Unverpacktladen- sehr praktisch :-)

Weitere Quellen

ROLLINGER, Maria, 2013: Milch besser nicht. 5. Auflage Trier: JOU-Verlag | Meine Rezension zum Anhören.

Die Milch : Geschichte und Zukunft eines Lebensmittels / hrsg. im Auftr. der Stiftung Museumsdorf Cloppenburg, Niedersächsisches Freilichtmuseum von Helmut Ottenjann ... [Museumsdorf Cloppenburg, Niedersächsisches Freilichtmuseum], Cloppenburg : Museumsdorf Cloppenburg, 1996.

FINK-KEßLER, Andrea, 2013: Milch - Vom Mythos zur Massenware. 1. Auflage München: oekom

HAHN, Christian Diederich, 1972: Vom Pfennigartikel zum Milliardenobjekt - 100 Jahre Milchwirtschaft in Deutschland. 2. Auflage Hildesheim : Verlag Th. Mann OHG

SCHWERDTFEGER, Curt, 1956: Milch, Wunder der Schöpfung, Quelle der Gesundheit : Ein dokumentar. Bildwerk über d. Milch u.d. Milcherzeugnisse. 2. Auflage Hildesheim : Verlag Th. Mann

WIEGELMANN, Günter, 1986: Unsere tägliche Kost. Geschichte und regionale Prägung. 2. Aufl. Münster: F. Coppenrath Verlag

BROCKS, Christine, 1997: Die Kuh - die Milch : eine Publikation des Deutschen Hygiene-Museums Dresden

Grafes Handbuch der organischen Warenkunde, Vol. 5 Halbbd. 1 (ab S. 306)
http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN832533432

Lebendiges Museum online: http://www.dhm.de/lemo