Veganismus ist keine Teenie-Rebellion

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Folge 050 - Veganismus ist keine Teenie-Rebellion

Veganer*innen wird oft vorgeworfen, sie würden sich für etwas besseres halten. Seien vegan geworden, um anders zu sein, um hervorzustechen, um Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ich wurde gefragt, ob mein Akt mit 11 Jahren Vegetarierin zu werden, eine Rebellion gegen die Werte meiner Eltern gewesen sei. Ob ich mich nur so entschieden hatte, um mich gegen meine Eltern zu stellen.

24 Jahre nachdem ich Vegetarierin wurde, bin ich es immer noch, ich bin sogar vor 4 Jahren den nächsten Schritt gegangen und vegan geworden. Eine Teenie-Rebellion sieht für mich anders aus.

Wenn ich mich aus ethischen Gründen entscheide vegetarisch oder vegan zu leben, dann geht es um Werte und nicht um Trotzreaktionen. Die Zusammenhänge sind viel größer und weiter, als egoistische Zwänge- ich mache das nicht für mich, sondern für die Tiere und die Umwelt.

Und nein, damit will ich mich auf keinen Podest stellen, sondern genauso wie es mir meine Werte verbieten einen anderen Menschen zu töten, so verbieten es mir meine Werte anderen Lebewesen zu schaden.

Und ja- das werde ich niemals perfekt hinbekommen. Darum geht es auch gar nicht. Menschen können nicht perfekt sein. Es geht darum sich zu strecken und nach seinen Werten zu streben, bestmöglich zu handeln.

Es geht nicht um Aufmerksamkeit, im Mittelpunkt stehen, ein Helfersyndrom oder was auch immer- es geht um Werte.

Vollständiges Transkript

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des Von Herzen Vegan Podcast, der dir hilft, dich gelassen und souverän durch deinen veganen Alltag zu bewegen. Ich bin Stefanie und ich möchte in dieser Folge darüber sprechen, was vegan leben nicht ist. Was es nicht bedeutet.

Und zwar ganz speziell, vor allem, dass es keine Rebellion gegen die Werte der eigenen Eltern ist. Zumindest war es das bei mir nicht. Ich habe ja vor fünf Jahren eine Therapie gemacht und meine Therapeutin hat mich im Laufe unserer Therapie gefragt, ob das vegetarisch werden damals, als ich elf war, vielleicht eine Rebellion gegen die Werte meiner Eltern gewesen sei. Und ich habe darüber nachgedacht und auch länger darüber nachgedacht und habe dann gedacht, wenn es nur so eine Phase gewesen wäre, also nur ein Auflehnen gegen meine Eltern, um denen den Stinkefinger zu zeigen, dann hätte ich das eigentlich nicht durchgehalten. Denn das hat ja vor meiner Pubertät angefangen und das hat sich dann 20 Jahre durchgezogen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wenn es nur so eine Phase gewesen wäre und eine Rebellion gegen meine Eltern, nur ein „ich pierce mich jetzt irgendwohin“ - Gedanke, dann hätte es nicht so lang gehalten.

Und mittlerweile bin ich auch wirklich ganz der festen Überzeugung es sind meine Werte, es sind meine ureigenen Werte, die ich damals verfolgt habe. Und Teile davon sind während meiner Pubertät dann wieder verschütt gegangen durch all das Gemurkse, was ich in meinem Leben schon erlebt habe. Und durch alles, was ich im Elternhaus mitbekommen habe. Und einfach mein ganzes Leben. Aber ich habe sie dann, als ich die Therapie angefangen habe, wieder ausgegraben und Schritt für Schritt so archäologisch wieder freigelegt, so den Staub weggepinselt und solche Sachen und so, dass ich heute an einem Punkt stehe, an dem ich klar sagen kann, das ist mein Wertesystem. Und ein Teil dieses Wertesystems war mir eben damals schon klar. Dann kam die Pubertät und äh, ja, und dann hat es eben so lange gedauert, bis ich mich frei gestrampelt hatte wieder. Dann ist da ganz viel Schutt drauf geladen worden. Aber das vegetarisch sein ist trotzdem geblieben. Und deswegen kann ich sagen, es ist nicht nur eine Phase.

Ich muss aber dazu auch wieder sagen, dass meine Therapeutin erst im Erwachsenenalter Vegetarierin geworden war, aber auch nur so halb so, wie wir das so kennen. Ich glaube, sie hat sogar noch Fisch gegessen und so. Ich bin dann im ersten Jahr der Therapie vegan geworden und habe ihr das auch erzählt und das war so was, was sie eben nicht so nachvollziehen konnte. Und ich denke nach wie vor, es ist schwierig, eine Therapie bei jemandem zu machen, der diesen Teil der eigenen Werte einfach nicht nachempfinden kann. Ich bin ganz, ganz dankbar, dass ich diese Therapeutin hatte. Sie hat mir sehr geholfen und ich kann das nur empfehlen, wenn du das Gefühl hast, du brauchst Hilfe, dir eine Therapeutin zu suchen oder einen Therapeuten, je nachdem, was dir besser gefällt und auch wirklich nicht den oder die Erstbeste·n zu nehmen, sondern auch wirklich zu schauen, wer passt zu mir?

Und trotzdem habe ich mittlerweile das Gefühl, dass halt manche Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind, weil diese Therapeut·innen, die eben nicht vegan leben, noch in dem karnistischen System stecken und da heraus argumentieren. Und das kann sich mit unserer Realität, die wir ja schon die rosa Pille geschluckt haben, die wir schon aus der Matrix ausgetreten sind, beißen. Und deswegen kann ich dir heute eben sagen: Nein, vegan oder vegetarisch zu leben ist keine Rebellion gegen die Werte der Eltern, sondern ein Freilegen deiner eigenen Werte und ein Herausfinden wonach du strebst. Und es ist auch kein psychischer Defekt, dass du irgendwie das Gefühl hast, du musst halt allen helfen. Oder du möchtest dringend irgendwie was anderes sein, was Besseres sein.

Ich kannte mal eine Jugendliche, die immer nur Bands gut fand, solange sie noch unbekannt waren. Das ist jetzt kein psychischer Defekt, das ist schon klar. Aber sie fand nicht die Band um ihrer selbst willen gut, sondern nur, solange sie noch unbekannt war. Und so ist es eben nicht mit dem vegan leben. Wenn du von Herzen vegan lebst, ethisch motiviert, ja, dann lebst du vegan, weil du deinen Werten gefolgt bist, weil du herausgefunden hast, was dir wirklich wichtig ist, was dein ureigenes Wertesystem ist und nicht, weil du anders sein willst, weil du besser sein willst, weil du irgendwas sein willst, sondern weil du ganz tief in dir drin spürst, dass das für dich das Richtige ist. Es ist also kein Trend, keine Marotte, kein ach, ich weiß nicht, irgendwas, womit man sich schmücken will oder sonst irgendwas, sondern es ist dein ureigenes Wertesystem.

Und es hat eigentlich mit deinen Eltern auch erst mal gar nichts zu tun, außer natürlich, wenn du schon in jungen Jahren vegan wirst oder vegetarisch. Ich denke, heutzutage würden Kinder in dem Alter eher vegan werden als vegetarisch. Da die Informationen ja jetzt alle da sind, wirkt es erst mal so „Teenie rebelliert“ und man wird erst mal nicht ernst genommen. Tatsächlich ist es aber ernst und die Einschätzung dieser Entscheidung als Rebellion kann eben wieder nur von Menschen so eingeschätzt werden, die nicht selbst vegan leben, die noch in diesem karnistischen System verhaftet sind und daraus herausschauen. Und das, finde ich, ist wirklich ganz wichtig, das im Hinterkopf zu behalten. Aus welcher Position argumentiert mein Gegenüber denn? Das relativiert dann auch wieder ganz viel.

Das ist generell so bei Ärzt·innen und Therapeut·innen. Wir denken, das sind für uns eben Autoritätspersonen und wir müssen ihnen ja auch irgendwie vertrauen. Wir haben das schließlich nicht alles studiert. Und äh, nein, Doktor Internet hilft da auch nicht. Und deshalb ist es ja so wichtig, dass wir zum·zur Ärzt·in oder zur Therapie gehen. Und trotzdem sollten wir im Hinterkopf behalten: wenn unser Gegenüber nicht vegan lebt, kann es nicht wirklich alles beurteilen. Und wir können erst mal uns das alles anhören, was der·die Ärzt·in, Therapeut·in zu sagen hat und dann das in Relation setzen. Das ist ganz, ganz wichtig, wenn es um unser Wertesystem geht oder wenn es um unseren Körper geht, dann sind wir letzten Endes immer die Expert·innen. Du bist die·der Expert·in für dein Leben und andere können dir Ratschläge geben und du kannst ihnen zuhören und du kannst es aber auch lassen.

Und dann freue ich mich, wenn du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist.

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Hinweis zum Von Herzen Vegan Clan

Im November 2021 ist der Von Herzen Vegan Clan ein Teil meiner damals neuen Community, des Experimentariums geworden.

Das Experimentarium gibt es seit Dezember 2022 nicht mehr.

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