Oh nein, ich bin vor Wut explodiert!

Ein Beitrag

Folge 057 - Jetzt ist es passiert: ich bin vor Wut explodiert!

Und dann ist es passiert: Du hast in der Öffentlichkeit geschrien, hast Dich mitreißen lassen und Deinem Gegenüber so richtig die Meinung gesagt.

Jetzt schämst Du Dich und hast Schuldgefühle, weil Du vielleicht doch keinen guten Eindruck als Veganer*in hinterlassen hast. Womöglich hast Du dem Veganismus sogar geschadet? Hast das Bild des*der wilden, missionierenden Veganer*in hinterlassen?

Normalerweise wäre Dir das nicht passiert- Du bist gar nicht der Typ dazu. Nur in diesem Moment hat Dich Dein Gegenüber so gereizt, dass Du einfach aus der Haut gefahren bist. Und jetzt wünschst Du, es wäre nie geschehen.

Oder es passiert Dir öfter und Du willst es aber gar nicht- Du weißt doch, dass Du auf diese Art gar nichts erreichst, bist aber ständig kurz vorm Überbrodeln.

Was Du in diesen Situationen tun kannst und wie es mir selbst ergangen ist, darüber spreche ich in dieser Podcastfolge.

Vollständiges Transkript

Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge des Von Herzen Vegan Podcasts, der dir hilft, dich gelassen und souverän durch deinen veganen Alltag zu bewegen. Ich bin Stefanie und in dieser Folge möchte ich dich noch einmal daran erinnern, dass es nicht darum geht, perfekt zu sein.

Du kennst diese Situation vielleicht auch. Du wirst in der Fußgängerzone angesprochen von Aktivist·innen, von Menschen, die für eine Organisation arbeiten oder generell von Menschen, die gerne eine Unterschrift von dir haben möchten. Und es gibt da auch diese sehr penetranten Vertreter·innen, die das beruflich machen und wahrscheinlich auch eine Provision dafür bekommen und die dann versuchen, dich irgendwie festzunageln. Die rhetorisch geschult sind und alle möglichen Kniffe anwenden, die die Menschenmenge scannen und dich dann fast schon anspringen, damit du da stehen bleibst und die dich dann mit möglichst emotionalen Argumenten dazu bringen wollen, eine Mitgliedschaft abzuschließen oder möglichst viel Geld zu spenden.

Das ist mir in der Vergangenheit schon häufiger passiert und mittlerweile halt weniger, weil ich einfach gar nicht mehr so häufig in den Fußgängerzonen unterwegs bin. Aber wenn dann gezielte ausweiche, weil ich sie schon von Weitem sehe oder ich versuche diese Personen zu ignorieren. Ich habe auch schon mal, wenn mich so ein Greenpeace-Aktivist angesprungen hat, gesagt, na, lebst du vegan oder lebt doch erstmal vegan oder so, also solche Dinge.

Und ich hatte eine Situation, da war ich in Rostock, das war im letzten Jahr, da sind wir da durch die Fußgängerzone gegangen und da hat mich ein Vertreter von „Plan“ angesprochen, so eine Kindernothilfe-Organisation und er hat uns direkt schon so als Familie angesprochen, hat uns allen die Hand gegeben, hat sich vorgestellt und hat uns gefragt, wie wir heißen und ich sage dann immer einen falschen Namen, weil ich einfach nicht möchte, dass Menschen wissen, wie ich heiße, also zumindest nicht auf der Straße - du weißt es natürlich - und der fing dann eben an uns irgendwie so zu befragen und Carsten ist dann schon mit unserem Kind weitergegangen und der Mann hat mich dann so ins Gespräch verwickelt, dass ich gemerkt habe, dass ich immer emotionaler werde.

Und ich weiß nicht mehr genau, wie es gelaufen ist, aber jedenfalls hatte ich dann auch gesagt: naja, ich möchte nichts geben und er ist dann nicht sachlich gewesen, sondern sehr persönlich. Und ich habe dann auch gesagt: okay, also lebst du denn vegan und dann hat er gesagt: nein, vegetarisch und dann habe ich gesagt: naja, durch deinen Milchkonsum sterben die Kinder in Afrika auch und dann ist er auch immer emotionaler geworden und letztlich haben wir uns dann gegenseitig angeschrien und das ist natürlich auch für jemanden der bei so einer Organisation arbeitet, nicht gerade zielführend und ich bin dann weggegangen, also einfach weggegangen und danach habe ich es natürlich bereut, überhaupt mit dem das Gespräch angefangen zu haben und habe dann auch gedacht, dass er jetzt einen echt schlechten Eindruck von einer Veganerin hat, dass sie ihn halt so anschreit und ja, das ist passiert.

Das ist tatsächlich passiert und ganz ehrlich, das ist menschlich und manchmal sind wir einfach nicht die besten Vertreter·innen des Veganismus und auch wir machen Fehler und auch wir dürfen Fehler machen, denn wir sind Menschen und Menschen sind einfach nicht perfekt und dann ist das passiert, dann hast du in der Öffentlichkeit geschrien und hast einen schlechten Eindruck hinterlassen. Und es nutzt dann gar nichts, sich da ewig lange Vorwürfe zu machen. Ich habe in dem Moment natürlich auch nicht gesagt: oh ja, hast du gut gemacht, dass du den jetzt angeschrien hast! Fehler sind dazu da daraus zu lernen. Deshalb habe ich mir gedacht, ich werde jetzt erstmal solche Menschen meiden, solche Stände und habe das auch seitdem gemacht, weil ich einfach merke, dass mich das zu sehr angreift und ich dann Gefahr laufe wiederum zu schreien. Denn je nachdem, was für rhetorische Kniffe da angewandt werden, wird da ja einiges bei einem berührt und offensichtlich hat der da irgendwas bei mir gedrückt, irgendeinen Knopf, der mich dann vollkommen in Rage gebracht hat. Und meine Intention war es dann zu sagen, okay, ich ignoriere solche Menschen jetzt erstmal.

Dieser Vorfall hat mich dann natürlich eine Weile verfolgt, ich habe dann einige Techniken angewandt, um da nicht mehr die ganze Zeit dran denken zu müssen, sondern also wirklich auch die Emotionen da dann rauszunehmen und wie gesagt letztendlich habe ich für mich dann mitgenommen, dass ich nicht mehr in Konfrontation mit solchen Menschen treten werde, das ist jetzt meine Entscheidung, also mein Weg.

Und vielleicht passiert Dir sowas auch. Im Straßenverkehr passiert einem das ja auch, dass man dann irgendwie in Rage gerät und generell, also kann ja jedem passieren, dass man in Rage gerät, manche geraten früher in Rage als andere und bei manchen muss schon wirklich viel passieren, bis sie dann anfangen, loszuschreien.

Carsten ist es auch mal passiert, das hat er schon mal im Clan berichtet. Da war gerade Wahlen und da hatte die FDP einen Stand auf dem Wochenmarkt und dann ist er mit einem sehr engagierten FDP-Vertreter aneinander geraten und hat den auch erst mal angeschrien. Und Carsten ist eigentlich nicht der Typ, der jetzt einfach so grundlos irgendwelche Menschen anschreit und da muss halt auch schon einiges passieren, dass er so in Rage gerät. Und manchmal ist das einfach so, manchmal passiert das und es bringt halt keinem von uns dann was, wenn wir uns ewig lange dafür schämen und in Schuldgefühlen wälzen. Es ist natürlich erst mal was, wo wir durchgehen müssen. Kinder können das noch gut, wenn wir sie lassen, dass sie eine Emotion durchleben. Uns ist es als Erwachsene meist abtrainiert worden.

Du kennst es sicherlich, wenn Kinder hinfallen, dass ihnen sofort gesagt wird, steh auf. Oder früher, als unser Kind klein war, hatten wir Nachbarn, deren Kind ein halbes Jahr älter als unser Kind, also so im ähnlichen Alter war. Und wenn das geweint hat, dann wurde dem gesagt: so, hör erst mal auf zu weinen und dann bekommst du das und das, aber erst aufhören zu weinen! Dabei ist das Weinen halt so wichtig, um mal diese Emotionen rauszulassen. Und auch nicht zu sagen wenn ein Kind hinfällt: „Ist ja nicht so schlimm!“ Das mag für uns vielleicht nicht so schlimm sein, aber für das Kind ist es in dem Moment schlimm und das ist halt subjektiv, ob was schlimm ist oder nicht. Das kann ich nicht beurteilen als Außenstehende·r und da kann ich nicht von außen sagen: okay es ist nicht so schlimm, jetzt mach halt mal. Für das Kind oder die Person generell ist das in dem Moment aber schlimm und auch wenn wir das nicht nachvollziehen können, was daran denn jetzt so schlimm ist, ist es wichtig, dass die Person oder das Kind, jetzt in diesem Fall, durch diese Emotionen durchlaufen darf.

Und ich konnte das immer sehr gut bei unserem Kind beobachten, das muss da einmal durchgehen und hat dann einfach geweint und das rausgelassen und dann war es gut, dann ist das raus. Wenn du da nicht durchgehst, staut sich die Energie in dir auf und dann rotierst Du immer wieder und rotierst und irgendwann bricht es aus dir raus, aber wenn du in dem Moment halt schon alles so rauslässt und dann vielleicht auch weinst oder darüber redest, dann meisterst du diese Situation viel einfacher.

Ich kann vielleicht nochmal Übungen sagen, wenn du jetzt so einen Moment gehabt hast, wie zum Beispiel du bist in Rage geraten und hast jetzt so ein·e Vertreter·in einer Organisation angeschrien, dass du dann, wenn du dann ein bisschen Abstand von ihm hast zumindest, dich erst mal schüttelst. Alles abschüttelst, deinen Körper abklopfst, um dann runterzukommen.

Ich habe ja auch die Folge mit dem Notfallkoffer, da sind einige Übungen drin. Es ist wichtig, dass diese angestaute Energie rauskommt und das ist ja das, was Kinder ganz automatisch durch Weinen machen und dass sie vielleicht auch irgendwie um sich schlagen oder so, also da kommt die Energie dann raus. Das ist ganz automatisch und das ist total gesund. Es geht natürlich jetzt nicht darum, dass du dich irgendwie ausagierst und Leute verprügelst oder so, sondern in Maßen anspannen, loslassen, atmen oder abklopfen und so, dass das rauskommt.

Und dann, wenn diese ganze Anspannung erstmal weg ist und du Abstand gewonnen hast, dann zu überlegen, okay, was ist denn da schief gelaufen, warum bin ich in Rage geraten? Was hat mich denn da getriggert und wie könnte ich es beim nächsten Mal anders machen? Und ich kann ja aus meiner Erfahrung sagen, dass ich früher, bevor ich angefangen habe, mich mehr um mich selbst zu kümmern, viel, viel häufiger in Rage geraten bin, also exponentiell häufiger, als ich es heute tue. Es wird tatsächlich besser, wenn du dich mehr um dich kümmerst. Was dem ja zugrunde liegt, ist dann auch die Anzeichen zu erkennen, zu schauen, wann ist das Fass kurz davor überzulaufen und dann nochmal ein paar Schritte zurück, also so, dass du nicht immer merkst, oh, gleich explodiere ich oder halt gar nicht merkst, dass du gleich explodierst und dann explodierst du, sondern vorher schon zu merken, okay, stopp, Alarm, Alarm, Alarm, ich brauche jetzt Zeit für mich. Ich muss mich jetzt um mich kümmern, ich habe keine Energie mehr, denn wenn du immer kurz vorm Anschlag bist, dann ist es halt relativ wahrscheinlich, dass du gleich und häufig explodierst.

Wenn du es aber schaffst, so gut für dich zu sorgen, dass du ein Level erreichst, in dem du entspannt bist und gelassen mit anderen Menschen umgehen kannst, dann kannst du auch beobachten, wann du dieses Level verlässt, wann du merkst, okay, was sind die ersten Warnanzeichen, woran erkennst du, dass du jetzt wieder mehr für dich sorgen solltest, weil du sonst bald explodierst beim nächsten Problem, bei der nächsten Herausforderung oder wenn dich jemand schief anguckt. Das ist, wie immer, nicht durch ein Fingerschnippen zu machen, sondern ein Weg, ein Prozess und das ist auch etwas, was ich jetzt über die Jahre hinweg gelernt habe und immer noch lerne. Es gibt immer noch Zeiten, in denen ich mich übergehe und das dann wirklich bereue, weil ich merke, okay, ich bin schon wieder am Limit, ich kann nicht mehr oder ich habe das Kind harsch angefahren, obwohl ich es nicht wollte. Für mich ist mein Kind ein sehr guter Indikator, je nachdem wie es auf mich reagiert weiß ich, okay, jetzt darfst du mal wieder runterschrauben. Wir sind quasi so gut aufeinander eingeschwungen, dass ich an ihm beobachten kann, wenn ich mich nicht gut genug um mich kümmere, weil er sehr sensibel auf mich reagiert und ich sehe sofort an ihm, wenn ich mich im Ton vergriffen habe.

Das ist nicht schon dieses Extrem, dass ich ihn jetzt irgendwie zusammenschreie oder so, da muss ich schon wirklich explodiert sein. Es sind wirklich schon so ganz kleine Nuancen, dass ich merke, okay, jetzt sollte ich mal wieder ein bisschen Zeit für mich nehmen, ich gehe mal raus, also alles, was ich so machen kann, damit ich einfach runterkomme und auch gut für ihn sorgen kann und das ist was, was ich eingespielt habe. Wenn du jetzt aber kein Kind hast - du brauchst nicht unbedingt ein Kind, um herauszufinden, wann du explodierst - wenn du also kein Kind hast, dann geht es sicherlich auch anders und dann ist es noch viel wichtiger, dass du wirklich in dich reinhorchst und auch an Außenfaktoren erkennst, okay, das hat mich schon wieder aufgeregt. Und du kannst vielleicht - das ist eine Einladung nur, also kein Muss - und du kannst vielleicht ein Tagebuch führen und dir aufschreiben, wann es dir besonders gut geht, wann es dir besonders schlecht geht und ein wenig austarieren und schauen, okay, das tut mir gut, das tut mir nicht gut und wann ist das vielleicht so.

Für uns Frauen* kommt ja dann auch immer noch der Menstruationszyklus dazu und ich hatte da ja das Interview mit Dörte Stanek geführt und wenn du als Hörer·in das noch nicht gehört hast, also als Frau*, dann empfehle ich dir da auf jeden Fall noch mal reinzuhören, denn auch das ist für mich wichtig, zu schauen, okay, wo im Zyklus stehe ich jetzt gerade und das beeinflusst ganz stark meinen Energielevel, ob ich jetzt Energiegeladener bin oder ob ich noch eigentlich viel mehr auf mich achten muss, weil mein Körper gerade ganz viel Energie zieht, weil er eben gerade in einer Phase des Zyklus ist, wo ich mehr nach innen gekehrt bin.

Das wirkt alles so zusammen und so ist die Idee auch wirklich, wenn du so ein Tagebuch führst oder einen Kalender, aufzuschreiben, was für Faktoren sind das, was wirkt denn da, um so einen Weg zu finden, zu schauen, was sind denn diese Punkte auf dem Weg zur Rage, also wann ist das Fass übergelaufen und was könnten Alarmzeichen sein? Woran merke ich, dass ich jetzt wieder mehr auf mich achten sollte und das ist auch eine Funktion der Power-Ups, die ich zu Beginn des Podcasts beschrieben habe und die auch ein wichtiger Bestandteil meines Buchs sind, die dafür sorgen, dass du dich stärkst und so eine gelassene Haltung entwickelst und eben nicht so schnell in Rage gerätst.

Also wenn du dich angesprochen fühlst, dann probier das doch mit dem Kalender mal aus und schreib doch mal auf, wie es dir geht, also vielleicht fängst du einfach damit an, dass du diese Tage markierst, an denen du in Rage gerätst und vielleicht dann auch an denen es dir richtig gut geht und dann kannst du es vielleicht runterschrauben auf okay das tut mir gut, das tut mir nicht so gut und vielleicht kannst du ja ein Ritual daraus machen, dass du jeden Abend dich hinsetzt und aufschreibst, was hat dir gut getan, was hat dir nicht gut getan und auch die Außenfaktoren dazu in Beziehung setzt. Also was war der Auslöser dafür, dass dir etwas nicht gut getan hat. Dazu gibt es noch unendlich viele Übungen, einige davon habe ich hier schon im Podcast vorgestellt und wenn du magst, kannst du mir auch gerne davon berichten und natürlich, wenn du Fragen hast oder Anregungen, schreib mir gerne eine E-Mail an post [at] vonherzenvegan [punkt] de. Und dann danke ich dir fürs zuhören und ich freue mich, wenn du beim nächsten mal wieder mit dabei bist.

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Hinweis zum Von Herzen Vegan Clan

Im November 2021 ist der Von Herzen Vegan Clan ein Teil meiner damals neuen Community, des Experimentariums geworden.

Das Experimentarium gibt es seit Dezember 2022 nicht mehr.

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