Souverän debattieren mit dem Graslutscher

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Folge 060 - Souverän debattieren mit dem Graslutscher

In dieser Folge freue ich mich sehr über meinen Gast: den Graslutscher.

Mir passiert es oft, dass mich Kommentare und Diskussionen in den sozialen Medien aufregen und ich neige dazu sie zu ignorieren, damit ich nicht getriggert werde.

Das ist meine Strategie- um Dir auch noch andere Strategien vorzustellen habe ich mich an einen Experten gewandt, der beruflich viel in den sozialen Medien debattiert und dabei meist gelassen bleibt.

Jan, besser bekannt als der Graslutscher, schreibt nun seit 2014 Artikel, die sich kritisch mit anti-veganen Argumenten auseinandersetzen und steht so ganz bewusst in der Öffentlichkeit und macht sich angreifbar.

  • Wie er damit umgeht,
  • woher er die Energie dazu nimmt sich täglich aufs neue in den Debattierring zu stürzen und
  • welche Tipps er Dir geben kann,

darüber haben wir in dieser Folge gesprochen. Hör doch gleich einmal rein.

Transkript (Korrektur gelesen von Lakoja)

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des Von Herzen Vegan Podcasts, der dir hilft, die Herausforderungen in deinem veganen Alltag gelassen und souverän zu meistern. Ich bin Stefanie und in dieser Folge freue ich mich ganz, ganz riesig, einen Gast zu haben. Der Graslutscher hatte nämlich Zeit für mich und ich konnte ihn befragen. Ich hatte nämlich einige Fragen zum Thema Social Media. Mir passiert das häufiger und vielleicht dir ja auch, dass da Kommentare auftauchen, die mich emotional triggern und wo es mir dann schwer fällt, sachlich zu bleiben. Und der Graslutscher ist da ja ein Experte in diesem Gebiet, da er das auch zu seinem Beruf gemacht hat, zu debattieren und kritische Artikel zu schreiben. Ich folge ihm auf Twitter. [Anmerkung: mittlerweile bin ich auch nicht mehr bei Twitter, sondern nur noch bei Mastodon und folge dort dem Graslutscher.] Ich bin ja nicht auf Facebook, aber ich schaue immer auf Twitter, was er so schreibt und finde es sehr bewundernswert, wie souverän er dabei bleibt. Und deswegen habe ich ihn gefragt, ob er mir in einer Folge seine Tipps verrät und er hat zugesagt. Und hör doch gleich mal rein.

Stefanie In dieser Folge freue ich mich sehr, dass ich Jan zu Gast habe. Und Jan ist besser bekannt als der Graslutscher. Und für diejenigen Hörerinnen und Hörer, die dich vielleicht noch nicht kennen, könntest du dich bitte einmal vorstellen, Jan?

Jan Hey, guten Morgen. Jetzt hast du schon gespoilert. Mein Name ist Jan und ich betreibe seit 2014 einen Blog. Klingt jetzt erst mal ganz oldschool. Der heißt „Der Graslutscher“. Und den habe ich eigentlich mal angefangen, um Zeit zu sparen, die ich ansonsten verschwendet hätte, mit Diskussionen im Internet. Ich hatte so den Plan, dass ich einfach für jede blöde Frage eine tolle Antwort vorformuliere. Und wenn sie irgendwo gestellt wird, dann poste ich einfach die Antwort rein. Hat dann in der Praxis nicht so gut funktioniert. Ich diskutiere jetzt noch viel mehr als früher, aber das war so die erste Intention. Und ja, deswegen gehört es zu meinem Alltag, sehr viel online zu diskutieren.

Stefanie Und das ist quasi ein super Einstieg, weil das auch der Grund ist, warum ich dich eingeladen habe, weil du so ein Profi im Diskutieren bist. Und ich merke das immer wieder bei mir selbst, wenn ich solche Kommentare jetzt zum Beispiel auf Twitter oder so lese, dann, wenn da wieder irgendwas kommt von wegen „Veganer sind alles religiöse Ideologen oder Fanatiker oder Terroristen“, dann fällt es mir schwer, da irgendwie ruhig zu bleiben und sachlich zu argumentieren. Wie machst du das denn? Woher nimmst du diese Souveränität?

Jan Ja, okay, das unterstellt jetzt, ich wär immer souverän. Das klingt natürlich jetzt für alle Zuhörenden so, also so ist es nicht. Ich bin auch manchmal furchtbar sauer und würde am liebsten irgendwo reinbeißen. Ich glaube, ich mache es einfach schon so lange. Also ich habe, ich überlege gerade, wann habe ich angefangen, kein Fleisch mehr zu essen? Das war irgendwie mit Anfang 20, das ist jetzt über 15 Jahre her. Da gab es auch noch gar kein Facebook und auch kein Twitter. Da habe ich mich mit Leuten im Counter-Strike Forum darüber gestritten, ob man Fleisch essen sollte. Ich weiß, das klingt jetzt ein bisschen verrückt und da habe ich, glaube ich, die ersten zwei, drei Jahre bin ich genauso eskaliert, wie viele andere auch. Und ich glaube, dass es einfach eine Frage der Übung ist, in erster Linie.

Stefanie Und also Übung kann ich mir gut vorstellen. Also du machst es ja beruflich auch, dass du dich jetzt mit anderen rumstreitest. Wie schaffst du es denn, dass du jetzt nicht den ganzen Tag Amok läufst?

Jan Okay, also wenn man jetzt pro vegan argumentiert im Internet, erster Tipp: versuchen, das Thema, wie soll ich sagen, ein bisschen zu abstrahieren. Also wenn ich mir tatsächlich vor so einer Diskussion zum Beispiel jetzt einen Schlachthof-Video angucken würde oder irgendwelches Videomaterial, in dem Tiere gequält werden, dann hätte ich ein großes Problem damit, ruhig zu bleiben, weil dann die Ungerechtigkeit viel stärker triggern würde. Dann würde ich denken „Boah, da sitzt jetzt einer, der macht sich über mich lustig und versucht das alles so ein bisschen als lächerlich darzustellen.“ Und ich habe dann diesen Eindruck noch ganz frisch im Kopf, wie ungerecht das eigentlich ist. Und dann finde ich es auch persönlich schwer, da ruhig und sachlich zu bleiben oder ja auch mit diesen wahnsinnig unlustigen Witzen klarzukommen, die dann da inflationär mal rein gepostet werden. Ich versuche tatsächlich, auch wenn ich irgendwas schreibe, das so ein bisschen von mir wegzuschieben. Ich weiß natürlich rein rational noch was für schlimme Sachen passieren. Ich versuche mich davon emotional ein bisschen loszulösen in dem Moment, einfach um auf eine Sachebene kommen zu können. Ich weiß nicht, ob das alle so können, ob das vielleicht auch eine Frage der Einstellung ist. Ich kann das auch manchmal, wenn ich irgendwie, keine Ahnung, super traurige Filme gucke, mich davon irgendwie abzukoppeln, denn wenn ich es nicht mache, ist vielleicht so ein bisschen so ein Symptom, wie auch manche Ärzte das machen, dass die versuchen, zu manchen Patienten nicht mehr so ein ganz enges Verhältnis aufzubauen, weil es dann umso schwerer wird, auf rein rationaler Ebene damit umzugehen. Und das hilft oft dann. Denn mein Eindruck ist, dass viele Anti-Veganer oder Leute, die halt dagegen argumentieren, versuchen, einen von der Sachebene runter zu bekommen, die versuchen, einen in so einen emotionalen Schlagabtausch zu bekommen, wo dann Beleidigungen fallen und in denen praktisch ein neutraler Beobachter am Ende denken muss „Okay, die sind alle verrückt, die Hardcore Fleischer sind verrückt, aber die Veganer genauso. Und deswegen mache ich so wie alle anderen, ich bin so in der Mitte, ich bin ein moderater Fleischesser und damit fahre ich genau richtig.“ und dann hat man so ein bisschen verloren. Deswegen versuche ich immer, von dieser Ebene wegzubleiben und und wirklich ganz sachlich nur die reinen Argumente auseinander zu nehmen, die die Leute haben. Und dann hat man nämlich ein leichtes Spiel, denn es gibt eigentlich ja kein gutes, plausibles Argument dafür, warum man Fleisch essen sollte, also zumindest im Jahr 2019 nicht.

Stefanie Und wenn dann so jemand aber unsachlich wird und dich irgendwie angeht, machst du dann weiter oder brichst du dann die Diskussion ab?

Jan Das kommt immer ein bisschen darauf an, wo die Diskussion stattfindet. Ich habe ganz oft zum Beispiel Leute, die scheuen dann die offene Bühne, die diskutieren mit mir auf meinem Profil oder sowas und wissen natürlich dann, dass dann potenziell 40.000 Leute mitlesen können. Und dann schreib ich auch zum Beispiel keine Privatnachricht und sage hier, ich wollte nochmal in Ruhe mit dir reden oder sowas. Da gehe ich zum Beispiel gar nicht drauf ein, weil das dann eine Diskussion ist, die ich alleine mit einem sehr überzeugten Fleischesser führe, den ich vermutlich nicht überzeugen werde und der mich auch nicht überzeugt. Das, finde ich zum Beispiel, ist komplett verlorene Zeit. Ich diskutiere nicht mit Leuten, ja, wo ich davon ausgehe, dass die nicht mehr überzeugt werden können, nur weil andere Leute das mitlesen können oder zuhören. Denn das sind eigentlich die Personen, für die ich die Diskussion dann führe, um die zu überzeugen. Die meisten Leute, die so richtig hardcore drauf sind, die, die so ein Schnitzel da reinposten und sagen “Oh. Ich habe von der Diskussion Hunger bekommen. Ich ess’ jetzt Steak.” Das sind Leute, ich glaube, die müssen schon wirklich irgendwann mal aus Versehen in Schweinetransporter reinfahren, um noch mal zum Nachdenken bewegt zu werden. Ansonsten werden die, glaube ich, so bleiben, wie sie sind. Aber die große Menge von Menschen, die da eben nicht so festgelegt ist, die halt jetzt zum Beispiel Fleisch essen einfach aus Gewohnheit, die erreicht man sehr gut, wenn man in so einer Diskussion der sachliche und, ja, sympathischere Part ist. Das war jetzt eine lange Antwort, Entschuldigung.

Stefanie Nein, es ist alles gut. Deswegen frage ich dich ja, nicht, damit ich reden kann, sondern damit du redest. Es klingt so, als würdest du dich auch darauf vorbereiten, auf solche Diskussionen. Ist das so?

Jan Ja, jetzt nicht so richtig wissentlich. Also, es ist jetzt nicht so, dass ich morgens hier am Coworking Space ankomme und sage “So, heute diskutiere ich mal ein bisschen”. Aber wenn ich zum Beispiel sehe, keine Ahnung, dass jemand mit viel Reichweite irgendwas gepostet hat, was sehr leicht angreifbar ist, dann dann räume ich manchmal ein bisschen Zeit frei und sage okay, da investiere ich jetzt mal eine Stunde und guck mal, wie weit wir kommen. Aber meinst du jetzt das? Oder meinst du, dass ich jetzt wirklich sage okay, Dienstag Morgen, mach ich, keine Ahnung, Facebook Diskussion.

Stefanie Zum Beispiel. Aber auch, dass du sagst “okay, ich gehe jetzt nicht einfach so auf Facebook und guck mal, was da so los ist und stürzt mich einfach so in eine Diskussion.”

Jan Ja, das mache ich leider manchmal. Aber das ist nicht schlau. Das mache ich nur, wenn es mich zu sehr triggert. Wenn ich sehe, dass, ja, keine Ahnung, also wenn jetzt zum Beispiel irgendein Bildredakteur was Dummes schreibt oder sowas, dann reagiere ich da eigentlich nicht mehr drauf, weil ich halt weiß, okay, ist ein Bildredakteur oder wenn, wenn Clemens Tönnies von dieser Groß-Schlachterei irgendwelchen Unsinn schreibt, dann gehe ich da auch nicht drauf, weil ich weiß, okay, das ist ein Typ, dem gehört ein Schlachtkonzern. Das ist jetzt nicht groß überraschend. Was mich spontan manchmal noch kriegt, wenn jemand, der es eigentlich besser wissen sollte, sowas macht. Wenn jemand, keine Ahnung, aus irgendeiner Orga, die sich um Umweltschutz kümmert oder die da auch irgendwie verbandelt ist, wenn die dann irgendwie sagt, keine Ahnung, irgendwie so ein bisschen Bullshit Bingo spielt und zum Beispiel sagt, wie toll Rindfleisch aus Weidehaltung ist oder sowas, dann reagiere ich da eher spontan drauf.

Stefanie Und hast du dann irgendwelche Regeln für dich aufgestellt? Irgendwie was in der, du machst das ja jetzt schon viele, viele Jahre, dass du irgendwie so Grundregeln hast, dass du sagst okay, darauf reagiere ich gar nicht, das hast du ja vorhin schon gesagt. Aber so im Sinne von ich habe irgendwie Grundsätze, die ich befolge?

Jan Äh, ja, also wenn jemand zu weit draußen ist und wirklich, wenn er sich praktisch so selbst schon demontiert, dass niemand ihn ernst nimmt, dann ignoriere ich das auch. Wenn jemand, keine Ahnung, einen riesen Absatz nur voll mit Beleidigungen reinpackt oder auch, was du gerade gesagt hast, wenn die direkt mit der sagen, es sind alles Fanatiker oder Extremisten oder so was, dann reagier ich da meistens nicht mehr drauf oder halt, es gibt natürlich auch leider in dem Feld auch mal ein paar Rechtsextreme, die irgendwas schreiben. Die blocke ich dann mittlerweile sofort. Ich diskutiere nicht mehr mit Leuten, die irgendwie schreiben: “Früher wärt ihr vergast worden”, irgendwie so was. Das habe ich früher auch gemacht. Aber ein paar schlaue Leute, die sich mit Extremismus auskennen, haben mich überzeugt, dass das nicht schlau ist, mit diesen Leuten überhaupt zu reden.

Stefanie Und du hast ja gesagt, manchmal packt dich das doch und triggert dich irgendwas und du bist auch nicht immer souverän. Also, das heißt, wenn jetzt deine Emotionen überkochen, hast du irgendwelche Strategien, wie du dann wieder runterkommen kannst?

Jan Ja, sofort aufhören zu schreiben, wenn man merkt, man schreibt irgendwas. Also bei mir ist es mal so, ich ich lösche dann den Satz direkt wieder, schreibe neu hin, lösch den wieder und merke währenddessen, dass ich meine Hand die ganze Zeit zur Faust balle oder irgendwie so was. Dann weiß ich, was immer ich jetzt hier hinschreibe, das ist nicht klug. Ich stehe dann eigentlich meistens auf und gehe einmal zur Kaffeemaschine oder sowas oder hol mir irgendwas anderes und fünf Minuten später ist es bei mir schon wieder verraucht. Dann ist es schon wieder in Ordnung und dann übernimmt irgendwie wieder das rationale Zentrum die Kontrolle. Aber einfach früh genug aufhören. Also ich glaube, man kann nicht aus der, also ich zumindest nicht, ich kann nicht aus der Emotion heraus dann irgendwas Vernünftiges zu Papier bringen, naja was Vernünftiges schon, aber wenn ich es dann danach nochmal lese, bereue ich es eigentlich immer. Dann denk ich immer “Boah, das sieht dann immer anreifbar aus”. Wenn jemand das liest, dann kann jeamdn denken “Ja, guck mal hier, der ist jetzt emotional” oder was weiß ich.

Stefanie Das klingt jetzt so, als würdest du relativ schnell runterkommen wieder von diesem emotionalen Hoch. Hast du dann auch manchmal so Situationen, vielleicht nicht unbedingt von Kommentaren, aber vielleicht auch von Videos oder so, dass die dich völlig fertig machen? Oder hast du das gar nicht?

Jan Ja, habe ich. Und zwar eigentlich immer alles Videomaterial, auf dem wirklich Tierquälerei zu sehen ist. Das schockiert mich nach wie vor ganz genauso. Ich glaube, das ist auch was Gutes. Ich glaube, wenn man das ausblenden könnte, dann stimmt irgendwas nicht mit einem. Tatsächlich versuche ich mir das nicht allzu oft anzugucken, weil ich ja weiß, was da gemacht wird und ich gemerkt habe, dass das auch keine gute Wirkung auf mich hat, wenn ich das zu oft sehe. Ich weiß noch, so vor fünf, sechs Jahren kannte ich ganz viele Leute bei Facebook, deren ganzer Feed ständig voll war mit diesen Videos, die von alleine auch angehen, wo man sofort so ein Schwein in einer von diesen Ferkelbuchten sieht. Und man sieht in der ersten Sekunde schon grauenvolle Dinge und es hat mich echt dann auch fertig gemacht. Dann sitze ich da mal eine halbe Stunde und werde unglaublich wütend. Und bin dann in so einer unproduktiven Wut drin und, keine Ahnung, google wo welche Fleischkonzerne sind oder wo wieviel Tiere geschlachtet werden. Aber das bringt alles eigentlich nichts. Deswegen gucke ich das tatsächlich nur noch zu Recherchezwecken, wenn ich irgendwas ganz speziell wissen muss für einen Artikel. Ansonsten versuche ich es einfach nicht mehr anzugucken.

Stefanie Und wenn du so jetzt aus deiner Erfahrung heraus Tipps ableiten könntest für jetzt die Hörerinnen und Hörer, vielleicht irgendwie so drei Tipps, was sie beachten sollten bei solchen Diskussionen in Social Media, hast du da was?

Jan Ich weiß nicht, ob ich jetzt drei zusammen kriege, aber erstens ist es immer sehr hilfreich, wenn man sich ein bisschen damit auseinandersetzt, was für Fehlschlüsse es in Diskussionen gibt. Das braucht man ja nicht nur in Fleisch-Diskussionen. Aber es gibt so ein paar immer wiederkehrende Muster, mit denen Menschen diskutieren, die, ich will nicht sagen, im Unrecht sind, das klingt jetzt ein bisschen sehr eingebildet, als wenn ich immer im Recht wäre. Ich bin ja auch manchmal im Unrecht. Aber so verbale Kommunikation ist nicht immer zwingend dazu geeignet, dass man sofort sieht, wer die besseren Argumente hat. Und da gibt es halt so ein paar Fehlschlüsse, mit denen man das sehr gut verschleiern kann. Und wenn man sich da ein paar anguckt oder zumindest die gängigsten, zum Beispiel was ein Strohmann-Argument ist, was ein naturalistischer Fehlschluss ist. Das klingt jetzt alles total trocken und nach Theorie und so, aber das ist, ich würde mal sagen, so in jeder zweiten Vegetarierdiskussion kommt das eigentlich vor, dass Leute, dir zum Beispiel irgendwas vorwerfen, was du gar nicht gesagt hast. Und wenn man da nicht drin geschult ist, dann geht man manchmal auf diesen Vorwurf ein, was aber komplette Zeitverschwendung ist, denn man hat diesen Vorwurf überhaupt nie geäußert. Typisches Beispiel: Fleischesser sagt ja, aber ihr wollt ja, dass Löwen jetzt in Zukunft nur noch Salat essen dürfen oder so was. Und da kann man jetzt entweder zehn Minuten lang erklären, wie Veganer zu Löwen eingestellt sind oder man sagt halt einfach “Du, das habe ich gar nicht behauptet” und sagt halt, dass das ein schlechter Stil ist, denn damit kann man das meistens eingrenzen. Das zweite ist, das zweite beliebte Muster ist so ein totales Themenspringen, dass jemand wirklich so dieses ganze Omni-Bingo mit einem so abarbeitet. Der sagt zuerst “ja, aber vegetarisch ist ungesund” und dann antwortet man dem lang und breit, warum vegetarisch nicht ungesund ist. Und dann reagiert er aber nicht darauf, sondern springt direkt zum nächsten und erzählt einem, keine Ahnung, irgendwas von Weideland oder von Soja im Regenwald. Und da kann man sehr viel Zeit drauf drauf verwenden. Wenn man dem jetzt die ganze Zeit hinterher läuft und alles entkräftet. Aber je nachdem wie viel Publikum man so hat, wenn da jetzt ja nicht viele zuhören und man sich wirklich mit der Person auseinandersetzt, dann sage ich mittlerweile eigentlich “Du, was ist denn jetzt mit dem ersten Punkt eigentlich? Was ist mit dem Regenwald?” Denn oft ist es so, dass man dann merkt, die Person will eigentlich gar nicht diskutieren. Die will eigentlich nur ihre eigene Meinung präsentieren und dafür Applaus bekommen und möchte gar keine Gegenargumente hören. Und wenn das der Fall ist und jemand eigentlich gar keine Diskussion führen möchte, dann lohnt es sich manchmal gar nicht, groß weiter zu reden und dann beende ich das. Ja, und das dritte ist eigentlich das, was wir eben schon gesagt haben. Da haben wir jetzt gespoilert. Also wenn man merkt, man ist gerade mega emotional und auch wirklich getroffen, kann ja auch sein, also mit viel Übung prallt das zwar an einem ab, aber wenn jemand was richtig beschissenes sagt, dann sitze ich natürlich auch erst mal da, denk “Boah. Das war jetzt übel”. Dann einfach mal überlegen, ob man da jetzt überhaupt antworten möchte. Oder es gibt ja meistens zeitgleich noch 3 Millionen andere Dinge, die man tun kann. Und oft ist es so, dass die beste Entscheidung da ist zu sagen “Komm, ich diskutiere mit jemand anderem.”

Stefanie Du springst ja jetzt quasi jedes Mal wieder in diesen Pool, sage ich jetzt mal. Scheint, dass du immer wieder in den oder springst immer wieder in den Ring, wie auch immer wir das nennen wollen. Woher nimmst du die Kraft dafür?

Jan Hm, ich glaube, ich habe so eine krankhafte Freude daran zu debattieren. Das ist natürlich in dem Fall super praktisch. Aber ich merke das schon, auch wenn ich wenn mit anderen Leuten über ganz andere Themen rede, dann kriege ich manchmal so ein genervtes Augenrollen und die sagen “Boah, wie lange willst du jetzt noch darüber reden?” Weil, das ist jetzt keine Rechthaberei, ich geh manchmal halt gerne Dingen auf den Grund. Und es ist oft auch so, dass ich durch solche Diskussionen selber erst irgendwelche Dinge richtig begriffen habe für mich. Also ich sag mal die beste Diskussion, die ich geführt habe, war die, in der ich unrecht hatte, weil ich durch die gelernt habe, ja, was eigentlich wichtig ist. Ich habe auch mal in irgendeinem ich weiß nicht, ob es ein Internetforum war, aber ich habe auch mal irgendwelche Fleischi-Sprüche gemacht und irgendjemand Schlaues hat sie dann entkräftet. Und dadurch stehe ich jetzt da, wo ich bin. Ich glaube, das kommt so aus mir heraus. Es ist ja nicht so mit nur Fleischessen. Ich diskutiere auch wahnsinnig gern über über andere Sachen, einfach weil ich Erkenntnisgewinn mag, glaube ich.

Stefanie Also du meinst, es ist eher eine Typsache?

Jan Ja, einerseits schon und es macht mir auch einfach Spaß. Also das merke ich auch jetzt. Ich habe meinen bisherigen Job auf 1/4 gekürzt und und schreibe jetzt 3/4 des Tages. Und das ist eine ganz andere Geschichte. Ich bin viel stärker selbst motiviert. Also wenn ich rein für Geld arbeite, dann sitze ich da und lasse mich wahnsinnig schnell ablenken und keine Ahnung, habe das Handy neben mir liegen und zocke ein bisschen oder guck, was auf Twitter gerade losgeht. Und wenn ich in einem Text drin stecke oder in der Diskussion, dann bin ich da richtig im Tunnel drin. Dann will ich auch nichts anderes wissen. Dann vergesse ich manchmal, dass ich eigentlich was zu essen mir holen sollte oder dass es schon viel zu spät ist und dass das eigentlich mal ein gutes Zeichen ist, dass man das macht, wofür man halt brennt. Und dann kostet das auch eigentlich keine Kraft, dann kommt die Kraft aus einem selber. Es ist natürlich trotzdem irgendwie anstrengend. Also nach vier Tagen FAZ Artikel zerlegen merke ich natürlich auch Boah, jetzt bin ich ganz schön ausgepowert gerade. Aber das ist eigentlich, das ist ein angenehmes Gefühl: Wie nach zehn Kilometer Joggen oder so was.

Stefanie Und was machst du dann, wenn du dich so ausgepowert fühlst? Machst du auch mal Pause?

Jan Ja, ja, auf jeden Fall. Da habe ich wirklich schon ein paar Sachen geändert. Ich habe mir im Coworking Space hier endlich einen Spind besorgt und versucht, das Notebook so oft wie ich kann, auch wirklich dann abends hier zu lassen, denn ansonsten war ich manchmal versucht, eine Ahnung, ich komme dann nach Hause und sehe da auf meinem Handy, dass irgendjemand einen blöden Kommentar unter einen von den Artikeln gepackt hat. Und dann war ich manchmal versucht, da noch rumzudiskutieren und dann sagen Freundin und Kinder natürlich irgendwann “Ey, machst du auch mal irgendwann Feierabend?” Und ja, das kann ich nur jedem empfehlen, dann wirklich alles abzuschalten und zu sagen hier, es ist nicht schlimm, wenn man dem erst zehn Stunden später antwortet.

Stefanie Das war aber wahrscheinlich nicht von Anfang an so, dass du das so geschafft hast, oder?

Jan Ja, stimmt, stimmt. Ganz, ganz am Anfang habe ich das ja eigentlich nur nebenbei gemacht. Da hatte ich eigentlich einen Fulltimejob und habe währenddessen gebloggt. Und das habe ich eigentlich immer dann in den Feierabend reingelegt oder hab das während Zugfahrten gemacht oder wenn ich irgendwie bei Kunden war. Woanders, habe ich abends an der Hotellobby gesessen und Texte geschrieben. Das war auch irgendwie cool, weil das alles ganz neu war und da lief das auch so nebenher. Aber das würde ich zum Beispiel jetzt nicht mehr können. Das würde mich total ausbrennen, glaube ich. Ja, musste ich erst lernen.

Stefanie Und du hast ja jetzt gerade schon gesagt: Freundin und Kinder. Also machen wir jetzt die Überleitung.

Jan Gute Überleitung!

Stefanie Mich würde natürlich auch interessieren, wie du jetzt diese ganzen Emotionen, die da hochkommen, immer mit diesen Artikeln. Und du stürzt dich da immer rein und machst es zwar schon gerne, aber ich kann mir schon vorstellen, dass da immer so ein emotionales Hoch und Runter ist, wie du das vereinbarst jetzt mit der Familie, weil da muss man ja auch präsent sein irgendwie für die Kinder und für die Freundin.

Jan Ja, stimmt. Das versuche ich einmal dadurch zu machen, dass ich da sage “Pass auf, Feierabend ist Feierabend”. Da reagiere ich nur, wenn jetzt wirklich, keine Ahnung, wenn ich merke, mir schreibt irgendein Faschist 10.000 Kommentare irgendwie rein, dass ich dann einmal sage hier, muss ich mal ganz kurz blocken, aber das passiert auch nicht oft. Und Wochenende ist auch, ja, wir haben da meistens so ein Agreement. Wenn wir sowieso da so sitzen und, keine Ahnung, Kinder zocken irgendwie oder spielen irgendwas und meine Freundin zockt dann auch irgendwas auf ihrem Handy und dann gucke ich natürlich auch manchmal nochmal auf Twitter oder so was. Aber ansonsten haben wir versucht, das irgendwie so aufzuteilen, also Quality Time sagt man auf Neudeutsch, wo dann auch Handy aus ist oder halt irgendwie nicht online und man dann was zusammen macht, ohne aufs Handy zu gucken. Wir haben so ein paar Regeln aufgestellt und gucken, wie gut man sie einhalten kann.

Stefanie Ich denke einfach nur, dass ja dieses Thema einen ja die ganze Zeit bewegt und auch einem immer begegnet. Diskutierst du das auch mit deinen Kindern und deiner Freundin oder redet ihr über andere Dinge dann oder hast du solche Sachen, irgendwie, “der hat schon wieder so einen Kommentar gepostet. Unverschämt.” Also teilst du das auch?

Jan Nee. Ach so, ja, das mache ich eigentlich nicht. Also ich versuche auch, rede mit meiner Freundin darüber, wenn zum Beispiel ich jetzt gerade irgendeinen längeren Text schreibe und da manchmal wirklich erstaunt bin, was im Jahr 2019 manche Leute wirklich ernst gemeint irgendwo hinschreiben, das ist so was nach dem Motto, so, hier jetzt letzte Woche habe ich diesen Artikel zur FAZ gemacht, da habe ich auch erzählt, hier, der Typ wusste zum Beispiel nicht, dass das englische Wort “diet” nicht mit Diät übersetzt wird in der Regel, sondern dass es halt Ernährungsweise heißt. Und das erzähle ich dann schon irgendwie abends, weil ich weiß, dass sie das auch lustig findet. Und weil sie dann oft auch die Texte noch mal lektoriert. Sie liest sie dann sowieso irgendwann. Aber mit meinen Kindern rede ich da eigentlich, also ich komm jetzt nicht nach Hause und sage ihnen, was ich gerade so gemacht habe, weil ich glaube, das wird sie auch langweilen. Außerdem sind sie jetzt in dem Alter, da will ich irgendwie wissen, was sie gemacht haben. Das ist schon so dieser Bereich, wo ich dann sage “Na, wie war es in der Schule?” und ich kriege dann einfach so “ja, war okay” oder irgendwie sowas. Und versuche dann meistens so 15 Minuten lang irgendwas aus denen rauszukriegen. Das passiert eigentlich eher von deren Seite. Also wenn wir über Fleisch und sowas reden, dann liegt das daran, dass die irgendwas erlebt haben und das dann oft so an uns reflektieren. Eine Freundin von meiner Tochter hat ihr gesagt, man müsse Fleisch essen, weil das ansonsten ungesund sei oder kann, also sie fands sehr faszinierend, dass ihre eine Klassenkameradin, die ist Muslimin, dass die halt kategorisch kein Schweinefleisch ist, aber alles andere Fleisch und hatte das einfach überhaupt nicht verstanden das Konzept und dann haben wir drüber gesprochen was so die verschiedenen Ursachen sind und die sind auch alle in dem Thema drin. Also, wenn wir einkaufen gehen, dann suchen die irgendwie in der Süßigkeitenabteilung, die Gummibärchen ohne Gelatine und so was und wissen das auch und haben das für sich auch angenommen. Das ist jetzt nicht so, dass ich da irgendwie groß das Thema setzen muss, kennst du ja wahrscheinlich. Die fragen sich irgendwann wieso? Wieso essen wir eigentlich kein Fleisch, oder kein Käse oder keine Milch? Und haben das alles eigentlich schon ziemlich gut verstanden.

Stefanie Das heißt, ihr lebt auch wirklich alle vegan und nicht die Kinder vegetarisch, oder?

Jan Ja, also zu Hause gibt es nichts Unveganes, weil ich auch keine Lust habe, das einzukaufen. Ich weiß noch, einmal war ein Kumpel zum Übernachten da, dann habe ich gesagt, wir bestellen für alle Pizza und dann wollte der halt eine Pizza mit Schinken drauf. Ich habe mir dann auch eine bestellt, aber irgendwie habe ich mich dabei total komisch gefühlt, weil ich sie halt bezahlt habe. Hab es beim nächsten Mal auch irgendwie anders gemacht. Ich weiß aber nicht, was sie unterwegs machen. Also ich weiß zum Beispiel, dass in der Schule es nicht zwingend immer vegane Verpflegung gibt und dass sie auch nicht genau wissen, was alles vegan ist. Also zum Beispiel, keine Ahnung. Die essen dann auch Kartoffelbrei und wissen in dem Moment einfach nicht, dass da Kuhmilch drin ist, weil sie nicht wissen, wie man Kartoffelbrei kocht. Die Freiheit lasse ich ihnen aber, weil ich glaube, dass es nachhaltiger ist, wenn sie diese Entscheidungen selber für sich treffen und ich nicht sage “Hier das und das könnt ihr nicht essen, weil da Tierprodukte drin sind”. Das führt dazu, dass ich würde mal sagen, sie sind zu 90 % Veganer und ich habe die große Hoffnung, dass sie dadurch sich von alleine dafür entscheiden, dass das der richtige Weg ist und das dann auch wesentlich konsequenter leben können, als wenn sie irgendwelche Regelungen von ihren Eltern befolgt haben und irgendwann sagen “Boah, finde ich irgendwie blöd. Ich mache jetzt mal meine rebellische Phase” und machen ein Praktikum bei McDonald's oder sowas.

Stefanie Ja, das ist auch schon so, denke ich auch. Wer weiß, was dann als Teenie passiert.

Jan Ja, genau, ich habe jetzt schon Angst.

Stefanie Das ist das Worst Case Szenario. Essen nur noch bei McDonald's und.

Jan Kommen mir immer jeden Abend mit so einem Riesenpacken vom Metzger nach Hause. Und dann streiten wir uns, welche Pfanne sie benutzen dürfen, um das zuzubereiten.

Stefanie Wo du gerade bei Zukunftsperspektiven bist. Noch eine Frage. Jetzt haben wir viel über Klimawandel, auch die ganze Zeit in den Medien. Gott sei Dank auch, dass das jetzt so ein bisschen präsenter geworden ist. Wie sieht das bei dir aus? Bist du hoffnungsfroh? Schaust du hoffnungsfroh in die Zukunft? Oder eher pessimistisch? Pessimistisch, habe ich pestimistisch gesagt?

Jan Das ist aber eher pessimistisch. Ich bin so ein Berufsoptimist. Ich glaube, anders könnte ich das auch nicht machen. Deswegen habe ich eigentlich immer die Grundüberzeugung, dass das schon irgendwie funktionieren wird. Das soll jetzt nicht naiv klingen. Das heißt nicht, dass ich das nicht sehr, sehr ernst nehme. Ich habe auch manchmal Tage, wo ich erst mal Tweets von all den ganzen Klimaforschern lese, denen ich auf Twitter folge und erst mal krieg ein bisschen Panik und muss dass dann irgendwie wieder ein bisschen in den Griff bekommen. Ich weiß aber, dass es theoretisch gar kein Problem wäre. Das ist so ein bisschen der Faktor, aus dem ich so meine Hoffnung schöpfe. Ich weiß, dass es technisch und organisatorisch eigentlich total simpel machbar wäre, dieses Problem in den Griff zu bekommen und dass es nur ein, nur in Anführungszeichen ein politisches ist, dass wir einfach nicht die richtigen Leute haben, die willens sind, diese Schritte zu gehen. Es wäre schlechter, wenn wir Leute hätten, die das wollen, und es wäre aber überhaupt nicht mehr möglich, irgendwas zu machen. Es gäbe keine Möglichkeit, klimaneutral zu reisen oder klimaneutral seine Wohnung zu beheizen. Ich meine, dann wären wir echt im Arsch. Aber das ist etwas, was mich an der Debatte meistens wahnsinnig nervt. Das triggert mich übrigens am meisten. Da werde ich eher emotional und muss mich zusammenreißen. Wenn Leute irgendwo schreiben: Wir brauchen jetzt keine Verbote und Regeln, sondern wir brauchen jetzt ganz viel Geld für Leute, die schlaue Innovationen entwickeln. Das liest man ja irgendwie jeden zweiten Tag am liebsten bei der FDP oder der Werte-Union. Und das ist so ein Bullshit. Wir müssen da nichts groß erfinden, das gibt es alles längst. Es gibt da für jeden Lebensbereich Lösungen. Und wenn einfach jedes Land sagen würde: “Pass mal auf, das ist jetzt Prio Nummer eins, wir müssen das als erstes machen und alle anderen Dinge sind nicht so wichtig.” Ja, dann wäre das fast schon trivial eigentlich. Es ist nur eine Frage davon, ja, mit wie viel Geld wir welche Maßnahme fördern und daraus schöpfe ich so ein bisschen die Hoffnung, dass wir das vielleicht noch in den Griff bekommen. Aber wenn das jetzt jemand hört und denkt “Boah, Jan ist ja total naiv”, ich weiß, wie ernst das ist. Ich weiß, dass man das nicht auf die leichte Schulter nehmen kann. Ich versuche noch ein bisschen Kraft daraus zu schöpfen, mir zu sagen, dass wir durchaus noch eine Option haben.

Stefanie Okay. Ja, weil viele ja auch sagen, “die Politik macht gar nichts. Und was nützt das überhaupt, was ich mache? Und ich gebe jetzt einfach auf.”

Jan Ja, ich kann das menschlich sogar ein bisschen nachvollziehen, wenn jemand das sagt, wenn jemand von den ganzen Entwicklungen so übermannt ist und sich dann in dem Moment wahnsinnig klein und unbedeutend fühlt und denkt “Boah, das hat ja gar keine Auswirkung, was ich mache. Aber das ist erstens zu leicht gedacht, also alles hat eine Auswirkung. Gut, wir sind halt siebeneinhalb Milliarden Menschen, das heißt, was man persönlich macht, hat immer nur eine Wirkung von ein siebeneinhalb Milliardstel. Wobei man als Europäer sowieso schon ein paar Größenordnungen drüber ist. Aber spätestens wenn man im wahlfähigen Alter ist, hat man noch einen viel größeren Wirkhebel, indem man halt Leute wählt, die das Thema ernst nehmen. Und ja, damit kann man sehr viel erreichen. Das finde ich noch viel schlimmer, wenn jemand dann sagt, das ist ja sowieso egal, die sind sowieso alle gleich, da muss man nur mal ein Parteiprogramm lesen, da sieht man starke Unterschiede. Gerade bei dem Thema kann man durchaus was machen. Und letztes Jahr, da war ich richtig frustriert, sechs Monate lang, ging es nur darum, keine Ahnung, ob Horst Seehofer die Koalition sprengt und weiß nicht, was war da noch? Dann war noch irgendein Fußball-Event und noch irgendwas. Und ich habe die ganze Zeit gedacht “Boah Leute, wir haben die Klimakatastrophe und ihr redet über Horst Seehofer.” Und das macht mich auch ein bisschen hoffnungsvoll, dass wir mittlerweile Massendemonstrationen haben und die auch nicht locker lassen. Ich denke mal, das wird noch interessant werden. Was mir noch aufgefallen ist, gerade was das Klimawandel-Thema angeht, gibt es bei Social Media wirklich eine ganze Menge, ja, wie soll ich das nennen, Trolle oder Leute, die mit sehr viel Zeit und sehr viel Energie ganz bewusst Falschmeldungen streuen? Ich weiß nicht, ob sie selber wissen, dass es Falschmeldungen sind, aber ich mache jetzt dieses Jahr ein bisschen mehr auf Twitter und da ist das wesentlich verbreiteter. Das sind winzig kleine Accounts, da sieht man, denen folgen kaum Leute, die haben kein Profilbild und die ballern jeden Tag dutzende Links raus. Ja, zu irgendwelchen Klimaleugner-Seiten. Und die Strategie dahinter ist oft das, dass sie versuchen einen dann in eine Diskussion rein zu reinzubekommen, um einem einfach Zeit zu stehlen. Und da habe ich gemerkt, also da lohnt es sich wirklich einfach dann zu blocken, ich, normalerweise weigere ich mich mal dagegen Leute zu blocken, weil das so ein, ja, weil meine innere Überzeugung ist, dass dass Gespräche eigentlich immer was bringen und dass man immer Erkenntnisse gewinnen kann, wenn man sich sachlich über irgendwas unterhält. Aber es gibt da Leute, denen geht es nicht darum, sich sachlich zu unterhalten. Die wollen eigentlich einfach nur der Gegenseite die Zeit und Energie stehlen. Und da muss man manchmal erkennen, wann das der Fall ist und dann einfach sagen Pass auf, den haue ich jetzt raus und kümmere mich um irgendjemanden, der wirklich an einer Unterhaltung interessiert ist. Da habe ich, glaube ich, ein paar Tage komplett in den Sand gesetzt mit sowas und habe irgendeinem Typen die halbe Welt erklärt und am Ende gemerkt, der wollte gar keine Erklärung, der wollte einfach nur sehen, wie lange ich so durchhalte. Bisschen undankbar.

Stefanie Aber das sind ja dann alles zumindest Erfahrungen, aus denen du dann schöpfen kannst, oder? Dann weißt du, beim nächsten Mal machst du es nicht mehr.

Jan Ja, auf jeden Fall. Also jetzt mache ich es gar nicht mehr so sehr. Lessons learned sagt man dazu, glaube ich in der IT.

Stefanie Dokumentierst du irgendwo auch so was? Deine ganzen Erfahrungen, dass du irgendwie weißt, okay, das habe ich ausprobiert, das funktioniert nicht. Oder geht das so in Fleisch und Blut über, dass du das einfach intuitiv kannst?

Jan Das mache ich wirklich intuitiv. Ich habe ganz am Anfang, wie am Anfang gesagt, viel darüber gelesen, was es für Debatten gibt und was für verschiedene Argumentationsweisen, einfach um es besser zu identifizieren. Aber je nachdem. Also wenn jetzt jemand irgendwas reinschreibt, dann schreibe ich meistens tatsächlich von ganz vorne irgendeine Antwort. Ich verlinke auch eigentlich nur selten jetzt einen Artikel von mir, wenn irgendwas ist, auch wenn ich das schon mal ganz toll irgendwo aufgeschrieben habe, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass nur wenig Leute überhaupt noch so einen langen Text dann lesen, wenn das schon so ein Schlagabtausch ist, dann muss man versuchen, das irgendwie kurz und knackig auf den Punkt zu bringen. Und das wirkt meistens am besten.

Stefanie Das heißt, wenn ich mich nicht in der Lage dazu fühle, das so kurz und knackig zu machen und mich das total aufregt, dann lass ich es lieber?

Jan Boah, das ist fast schon philosophisch. Also wenn du merkst, es regt mich total auf, gerade dann würde ich tatsächlich sagen: guck mal zehn Minuten, ob mich das dann immer noch so aufregt und auch, kommt auch mal drauf an, wo man das macht. Ich diskutiere zum Beispiel nie auf der Seite vom Fleischerei-Verband oder geh auch nie jetzt auf die Seite von der AfD Thüringen und rede da über Migrationspolitik oder irgendwie sowas. Weil es umso schwerer wird, je asymmetrischer das Verhältnis ist, wenn man ganz alleine gegen zehn Leute argumentiert. Da braucht man schon echt ein dickes Fell. Besonders wenn das dann so Leute sind, die sehr aggressiv sind und beleidigend oder so was. Das kann ich auch nicht empfehlen. Ich versuche eigentlich, das immer entweder auf meiner Seite zu machen, weil ich es besser kann oder auf möglichst neutralen. Auf der Facebookseite von der ARD oder von der Tagesschau oder irgendwie sowas. Weil da ist ja ein ganz normaler Bevölkerungsdurchschnitt unterwegs. Und ja, wenn du es da auch nicht kannst, dann weiß ich nicht. Ich will jetzt niemandem raten, er soll sich bitte unglücklich machen und den ganzen Tag debattieren und am Ende weinend im Bett liegen. Dann, wenn man trotzdem irgendwas tun möchte. Gibt ja auch 1000 andere Sachen, wie man sich irgendwie einsetzen kann. Ich kann dafür andere Sachen nicht. Ich kann zum Beispiel ganz schlecht in die Fußgängerzone gehen, Leuten einen Flyer in die Hand drücken und ihnen erklären, was die Vorzüge von einer veganen Ernährungsweise sind. Andere Leute können das irgendwie aus dem Stegreif. Die haben überhaupt kein Problem, auf Leute zuzugehen, ist gar nicht mein Ding. Kann ich nicht.

Stefanie Ok, also meine Theorie ist auch, dass jeder für sich seine passende Form des Aktivismus finden sollte. Also das heißt, das ist auch so, was du sagst, deine Neigung ist eben das Debattieren, das macht dir Spaß, dann machst du's auch. Also wenn das nicht meine Neigung ist, dann mach ich es besser nicht, oder in Maßen?

Jan Ansonsten ja. Also, was heißt denn, wenn du merkst, es tut dir nicht gut, dann würde ich es, glaube ich, nicht machen. Denn es gibt genug andere Aufgaben. Und es ist jetzt auch nicht so, dass ich der Einzige bin, der im Internet für Veganismus diskutiert. Da gibt es ja wirklich eine ganze Menge Leute, die was auf dem Kasten haben. Wenn es jetzt einer von euch hört oder eine und ihr denkt “Boah, was mache ich denn jetzt, wenn ich irgendwas lese, wo Leute totalen Blödsinn behaupten? Und ich will eigentlich, dass das mal irgendjemand widerlegt und habe aber keine Zeit, Kraft oder Lust dazu.” Es gibt auch bei Facebook zum Beispiel ein paar, ein paar Gruppen “Vegan activism” oder so was. Da kann man reingehen und so Hinweise geben. “Hier Leute, da ist gerade eine Diskussion.” Und wenn dann jemand Zeit Lust hat, dann kann der selber da reingehen und gucken. Oder manche markieren mich auch einfach. Wenn das jetzt irgendwie gerade eine große Diskussion ist, sagen “Ey, hast du das schon gesehen?” dann markieren die mich bei Facebook als Graslutscher. Und wenn ich Zeit Lust habe, dann gehe ich natürlich auch selber rein und diskutiere mit oder postest einfach irgendwo. Und da finden sich eigentlich immer ein paar Leute, die gerade online sind und sagen: “Ja, gut, das sind so blöde Argumente, die kann ich auch widerlegen”.

Stefanie Okay, ja, das klingt sehr vernünftig. Also, wenn du eine Botschaft an alle Menschen auf der Welt schicken könntest, welche wäre das?

Jan Boah, die ist aber jetzt hart? Eine Botschaft an alle Menschen auf der Welt? Oh, krass. Eine Botschaft? Ich weiß jetzt gar nicht, ob die bezogen auf Veganismus wäre oder ob ich sie ein bisschen ultimativer fassen würde. Aber wahrscheinlich ja doch. Ich würde gerne allen Menschen vermitteln, wie viele wir eigentlich sind und dass das wir alle, alle siebeneinhalb Milliarden Menschen und alle ich weiß nicht wie viele Milliarden Nutztiere in Anführungszeichen es gibt weltweit, dass wir alle die selben Grundbedürfnisse haben und es eigentlich möglich wäre, dass wir alle diesen Planeten bewohnen und es uns irgendwie einigermaßen gut geht. Und so wie wir das momentan machen, es dem Großteil all dieser Lebewesen ziemlich schlecht geht und das alles nur für den Fun von irgendwie, keine Ahnung, den obersten 10% davon und wär irgendwie ne geile Sache, wenn wir das irgendwann in den nächsten Jahren mal lassen könnten.

Stefanie Ja, vielen Dank. Wo findet man dich denn jetzt so im Internet? Und vor allem wie kann man dich denn unterstützen?

Jan Eine sehr gute Frage. Wie alle modernen Influencer? Nein, war ein Scherz. Ich hasse das Wort Influencer. Da habe ich natürlich so eine ganz tolle Facebookpräsenz und Twitterpräsenz jeweils unter Graslutscher oder Der Graslutscher und natürlich auch den Blog unter graslutscher.de. Und da gibt es einen kleinen Reiter, der heißt Unterstützer. Da fällt mir auf, eigentlich müsste es Unterstützerinnen heißen. Und wenn ihr da drauf klickt, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten. Entweder ganz einfach per PayPal oder so verschiedene von diesen neumodischen, na wie heißt das, diesen Plattformen, wo man so Mikrospenden machen kann. Wer mich unterstützen möchte, muss nicht viel Geld ausgeben. Ich bin total dankbar, wenn ich von irgendwem einen Dollar pro Monat oder sowas bekomme. Das tut eigentlich niemandem wirklich weh, aber wenn das viele machen, dann hilft mir das natürlich, meine Miete damit zu bezahlen, denn momentan liege ich leider noch drunter. Momentan knappse ich ein bisschen was von meinem Ersparten ab, um die Lücke zu füllen und es wäre total toll, wenn ich einfach nur genug hätte, um zu leben. Ich will auch gar nicht reich werden damit. Also ich bin natürlich auch total dankbar für die Leute, die das schon alle machen, falls jemand das jetzt gerade hört. Find ich super cool, denn ich habe ja auch was davon. Ich kann das machen, was mir wahnsinnig viel Spaß macht. Und habe ja mein Hobby zum Beruf gemacht, könnte man so sagen. Und wenn ihr das gut findet, dann könnte es irgendwann anstatt 3/4 sogar 4/4 sein. Das ist so mein großes Ziel.

Stefanie Ja, über, über Steady und über Patreon kann man dich unterstützen. Und ich finde das Modell halt ziemlich cool, dass du sagst, okay, je mehr zahlen, also wenn du eine gewisse Summe erreicht hast, kannst du soundso viele Tage arbeiten dafür. Das ist ziemlich cool.

Jan Ja, also ich bin jetzt einfach ein bisschen ins kalte Wasser gesprungen, weil ich gemerkt habe, dass man bestimmte Dinge auch nur machen kann, wenn man wirklich genug Zeit dafür hat. Ich habe die Jahre vorher immer gesagt “Pass auf, ich mach jetzt drei Tage im Monat reines Schreiben”, also zum Beispiel sowas wie letzte Woche diesen FAZ-Artikel. Also da sitzt man halt locker drei Tage am Stück dran. Das kann man eigentlich nicht machen, wenn man noch einen richtigen Job nebenher macht. Das geht so nicht. Und ich hoffe natürlich, dass ich dadurch auch echt ein paar coolere Sachen mache, mit denen ich mehr Leute erreiche und dass das dann am Ende sich so ausgeht, anstatt jetzt halt immer zu warten, ob was geht. Weil es geht mir auch wahnsinnig durch die Lappen, wenn das so ist, ich sehe dann okay, in der FAZ hat jemand Blödsinn geschrieben und gleichzeitig ist aber in der Süddeutschen noch was viel blöderes und ich muss mich dann entscheiden und weiß, irgendwas davon wird unwidersprochen im Internet bleiben und das finde ich unerträglich.

Stefanie Ja, okay, und dann, wenn wir dich unterstützen, dann kannst du beides machen.

Jan Ja, kann ich beides machen? Genau. Und wenn immer noch was Drittes kommt, dann muss ich mich klonen oder Praktikanten einstellen. Oder irgendwie sowas. Weiß ich auch noch nicht genau.

Stefanie Also, du hast auch schon Expansionspläne. Ja, dann bedanke ich mich auf jeden Fall für deine ganzen Tipps und die Einsichten in deine Arbeit und, ich freue mich, dass du hier im Podcast dabei warst.

Jan Ja, gerne. Danke für die Einladung.

Stefanie Das war das Interview mit dem Graslutscher und wir hätten noch viel mehr bereden können. Wir haben tatsächlich auch danach noch, als ich die Aufnahme schon beendet hatte, noch ein bisschen was gesprochen. Aber die Zeit war knapp und so haben wir uns auf Social Media beschränkt. Und, ja, ich hoffe, du bist inspiriert und konntest diese Tipps mitnehmen. Die Links findest du natürlich alle wieder, wie immer in den Shownotes.

Und dann freue ich mich auch noch, wenn du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist.

Links zur Folge

Der Graslutscher im Internet
http://graslutscher.de/

Der Graslutscher bei mastodon
https://chaos.social/@JanHegenberg

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https://graslutscher.de/unterstuetzer/

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Hinweis zum Von Herzen Vegan Clan

Im November 2021 ist der Von Herzen Vegan Clan ein Teil meiner damals neuen Community, des Experimentariums geworden.

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