Nehme ich mein Vegan-Sein noch ernst?

Ein Beitrag

Folge 061 - Nehme ich mein Vegan-Sein überhaupt ernst?

In dieser Folge möchte ich noch einmal über Schuld und Scham sprechen.

Stell Dir vor, Du lebst schon lange vegan, sagen wir 6 Jahre. In diesen Jahren hast Du Dich rein pflanzlich ernährt, Dir wäre auch gar nichts anderes in den Sinn gekommen.

Und dann hast Du diesen stressigen Tag. Du sehnst Dich nach einer Pause. Kaffee. Kaffee ist für Dich ein Seelentröster, eine Entspannungspause. Du möchtest Dir etwas Gutes tun und einfach nur für 5 Minuten einen schönen Kaffee mit Milch trinken.

Dummerweise hast Du Deine Pflanzenmilch zuhause vergessen. Du hast schon zwei Tassen schwarzen Kaffee getrunken und Du sehnst Dich nach einem Schuss Milch im Kaffee.

Du weißt auch nicht was Dich da gerade reitet, doch Du greifst zur Kuhmilch und schüttest sie in Deinen Kaffee. Du trinkst davon und es schmeckt grauenvoll. Kein bisschen nach Entspannung, wie Du es Dir gehofft hattest. Du schämst Dich, schüttest den Kaffee weg und fühlst Dich ungemein schuldig.

Gedanken gehen Dir durch den Kopf. "Wie konnte ich nur?! Kuhmilch?! Meine ich es überhaupt ernst mit dem Vegan-Sein?" Du bist sauer auf Dich. Du hasst Dich regelrecht. Es frisst Dich innerlich auf.

Was kannst Du nun tun? Darüber spreche ich in dieser Podcastfolge.

Vollständiges Transkript

Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge des Von Herzen Vegan Podcasts, der dir hilft, dich gelassen und souverän durch deinen veganen Alltag zu bewegen. Ich bin Stefanie und ich möchte in dieser Folge noch einmal über Schuld und Scham reden.

Stell dir vor, du lebst schon lange vegan, sagen wir sechs Jahre und du arbeitest als Grundschullehrer·in und du hast einen stressigen Tag. Die Kinder sind wilder als sonst und du hast nicht gut geschlafen und dir geht's einfach nicht so gut und du willst jetzt einfach mal eine Pause machen. Du hast aber deine Sojamilch vergessen, sodass es keine Pflanzenmilch in der Küche gibt und für dich ist ein Kaffee mit einem Schuss guter Milch, in deinem Fall guter Pflanzenmilch, eine Art zu entspannen. Und du hast schon zwei Tassen schwarzen Kaffee getrunken und jetzt willst du einfach entspannen und einfach mal einen Kaffee mit Milch trinken, nur für fünf Minuten Ruhe von diesem turbulenten Alltag bekommen.

Und du weißt nicht, was dich da reitet, aber du greifst nach der Kuhmilch und schüttest sie in deinen Kaffee. Du trinkst ein bisschen davon und es schmeckt widerlich und du ekelst dich und du kannst es gar nicht trinken und du wolltest dir was Gutes tun, aber es hat einfach nicht funktioniert. Es konnte auch gar nicht funktionieren und du schämst dich und du schüttest den Kaffee weg und fühlst dich schuldig und es ist alles ganz falsch gelaufen. Du fühlst dich kein bisschen besser, was es dir eigentlich sollte, nachdem du diesen Kaffee getrunken hast. Du plagst dich mit diesen Schuldgefühlen, dieser Scham, du weißt nicht, was du jetzt tun sollst.

Und dann kommen Zweifel hoch, nimmst du das eigentlich wirklich ernst mit dem Vegan sein, du lebst zwar schon seit 6 Jahren vegan, aber du hast jetzt Kuhmilch getrunken und du wolltest dir damit was Gutes tun und was geht in deinem Kopf ab, was ist denn da los? Also bist du ne Heuchlerin? Ja, da kommen die ganze Zeit Zweifel hoch und du fühlst dich schuldig und du schämst dich total und du weißt überhaupt nicht, ob du das überhaupt je jemanden erzählen kannst und du fürchtest dich auch davor, dass andere Veganer·innen jetzt sagen werden: nein, du lebst nicht vegan, du bist nicht vegan, wenn dir so etwas passiert. Und du bist auch total sauer auf dich, also du schämst dich und du bist sauer auf dich, dass dir das passieren konnte und es lässt dich einfach nicht mehr los.

Was kannst du in so einer Situation tun, wenn dir so etwas passiert? Ganz wichtig ist erstmal Schuld und Scham voneinander zu unterscheiden. Wir, in unserer christlichen Gesellschaft, nutzen den Begriff Schuld oft im Zusammenhang mit sündig und Sünde und ewiger Verdammnis und wir neigen dazu uns zu geißeln, uns gedanklich mit der neunschwänzigen Katze zu schlagen und „mea culpa, mea maxima culpa“ zu sagen und damit auch gar nicht aufzuhören, das verbinden wir mit Schuld, dass wir ewig daran gebunden sind. Aber diese Definition von Schuld ist tatsächlich in unserer Gesellschaft entstanden, um Menschen klein zu halten und sie abhängig zu machen, von denen die damals und heute etwas zu sagen haben.

Eigentlich bedeutet Schuld, ich habe etwas falsch gemacht und ich übernehme die Verantwortung dafür. Ich sage: ja, ich habe etwas falsch gemacht und ich werde jetzt schauen, wie ich es beim nächsten Mal besser machen kann. Also bei Schuld geht es um deine Handlung und darum, dass du etwas Falsches getan hast und bei Scham geht es darum, dass du selbst falsch bist, du bist falsch, das ist Scham und deswegen sitzt Scham eigentlich noch viel tiefer, weil sie dich selbst in deinem Kern angreift.

Du im Kern bist falsch, nicht deine Handlung ist falsch, sondern du bist falsch und das ist in diesem Beispiel ganz klar, dass du deinen Werten entsprechend falsch gehandelt hast, also bist du in diesem Sinne schuldig, aber du bist nicht als Person falsch.

Wir neigen aber dazu, uns dann selbst an Frage zu stellen, bin ich wirklich richtig, bin ich vegan genug? Meine ich es ernst, bin ich als Person überhaupt zurechnungsfähig? Wir stellen uns also selbst in Frage und solche Gedanken machen uns dann handlungsunfähig. Wir bleiben dann in diesem Gefühl, Schuld und Scham vermischt sich und wir kommen da nicht raus.

Es geht keinesfalls darum, Gefühle zu unterdrücken, das keinesfalls, es ist wichtig den Gefühlen Raum zu geben und sie zu beobachten und ihnen einfach zu gestatten da zu sein und dann ist es ebenso wichtig, dir zu überlegen, wie du beim nächsten Mal anders handeln kannst, die Verantwortung zu übernehmen und zu sagen: ja ich habe einen Fehler gemacht, das war falsch und beim nächsten Mal mache ich es anders. Und dich dann hinzusetzen und dir aufzuschreiben, wie ist es denn überhaupt zu der Situation gekommen, also wie konnte es dazu kommen, dass du zur Kuhmilch gegriffen hast und wie könntest du verhindern, dass es nochmal passiert? Könntest du vielleicht einen größeren Vorrat anlegen, an Sojamilch oder anderer pflanzlicher Milch oder liegt es vielleicht dann doch eher daran, dass du total ausgelaugt warst und am Ende und könntest du da vorbeugen und vielleicht besser für dich sorgen und dich um dich kümmern, dass du überhaupt gar nicht erst an diesem Punkt anlangst, dass du total gestresst bist und jetzt ganz dringend einen Kaffee mit Milch brauchst?

Was genau du da an Strategien aufschreibst, ist ganz individuell, es hängt ganz stark mit deiner Persönlichkeit zusammen und natürlich auch mit der Situation, was passt zu dir und was hast du für Möglichkeiten überhaupt in dieser Situation, was kannst du tun, es ist sehr individuell. Wichtig ist nur, dass du es dir aufschreibst und dich damit beschäftigst, damit du beim nächsten Mal anders handeln kannst. Und dann ist es wichtig, dir Zeit zu geben. Gib dir Zeit, dass all das, was du jetzt fühlst und dieser Schuld- und Scham-Cocktail, dass der vergehen kann.

Wenn du in diesen sechs Jahren noch kein Mal bewusst nach der Kuhmilch gegriffen hast und das jetzt das erste Mal ist, dann sehe ich keinen Grund, dein vegan sein in Frage zu stellen, denn das war eine einmalige Situation und ich sehe es als sehr viel sinnvoller an, dann zu schauen, wie konnte es dazu kommen und dass wie einen Fall, ein Detektivfall vielleicht, nachzukonstruieren und zu überlegen, wie kam es dazu, wie konnte ich so handeln, wie kam es dazu, dass ich zur Kuhmilch gegriffen habe und dann rekonstruierst du den Tathergang und überlegst, was hat dazu geführt, dass ich letztlich zur Kuhmilch gegriffen habe? Ich bin ein großer Fan davon, das alles spielerisch anzugehen, das wäre jetzt eine Möglichkeit zu schauen, du gehst mit der Lupe ran und guckst den Tathergang an und schaust nach Indizien und schaust, wie konnte das passieren und dann natürlich auch zu gucken, was muss ich tun, damit es beim nächsten Mal nicht noch einmal passiert?

Du kannst diese Geschichte auch aus der dritten Person niederschreiben, also er·sie, nimm einen Namen - deinen Namen oder einen anderen Namen - und schreibst in der dritten Person Singular alles nieder, er ·sie trank Kuhmilch, wie konnte das passieren? Als Marianne an diesem Tag aufwachte und so weiter und sofort. Also rekonstruiere den Tathergang, überlege dir, wie es passieren konnte und dann überleg dir, wie du es besser machen kannst, denn es ist wissenschaftlich bewiesen, dass es uns leichter fällt mit unseren Gefühlen und Erlebten klarzukommen, wenn wir das Ganze aus der dritten Person Singular betrachten, also wenn wir die Geschichte nochmal erzählen und nicht sagen, ich tat dies und das, sondern Stefanie trank einen Kakao oder sowas. Probier das doch gerne mal aus, also sei neugierig, sei experimentierfreudig und schreib eine Geschichte über dich in der dritten Person Singular.

Ganz wichtig, wenn dir so etwas passiert, wie ich es gerade geschildert habe und du dir einmal einen Fehltritt leistest, dann bist nicht du falsch, sondern die Handlung war falsch. Nicht du bist es, sondern deine Handlung. Und deine Handlung kannst du jederzeit ändern und dir vornehmen, es beim nächsten Mal anders zu machen.

Ich weiß, dass es schwer ist und doch empfehle ich dir, sei liebevoll zu dir selbst. Versuche, dich liebevoll zu begleiten und nicht zu streng mit dir zu sein. Wir sind immer so hart zu uns selbst und wir machen uns immer so fertig und wir urteilen so stark über uns, wie wir nie über andere urteilen würden. Ja, du hast dann einen Fehler gemacht und jetzt geht es darum, die Verantwortung dafür zu übernehmen, dich gerade zu machen und zu sagen, ja, ich habe das getan und ich gucke jetzt mal, wie ich es beim nächsten Mal besser machen kann.

Und dann freue ich mich, wenn du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist.

Links zur Folge

Blogartikel "Schuld und Scham" von Dami Charf
https://www.traumaheilung.de/wie-scham-entsteht/

Video zum Thema Scham von Dami Charf
https://www.youtube.com/watch?v=3BVM9pQPoAE

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