Ich kann nicht immer nett sein.

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Folge 069 - Ich kann nicht immer nett sein.

Bist Du die ewig gleichen Fragen und Diskussionen auch manchmal so satt?

Gerade wenn es Menschen sind, die Dir nahe stehen oder Du nett findest, willst Du sie eigentlich wohlwollend auf ihrem Weg ins vegane Leben unterstützen.

Aber "Lächeln, loben, nicken, Verständnis aufbringen... Das fällt mir nicht (immer) leicht.", wie eine Kundin von mir schreibt.

Mir ist das jetzt aktuell auch passiert und für mich persönlich ist es immer ein Warnsignal, dass ich mehr auf mich achten und für mich sorgen sollte.

Wenn ich meinen Mitmenschen nicht mehr offen und wertschätzend gegenübertreten kann, habe ich mich meist in der Vergangenheit vernachlässigt und bin über meine Bedürfnisse und Grenzen hinweggangen.

Wie ich damit umgehe, berichte ich in dieser Folge.

Vollständiges Transkript

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des Von Herzen Vegan Podcasts, der dir hilft, dich gelassen und souverän durch deinen veganen Alltag zu bewegen. Ich bin Stefanie und diese Folge ist quasi eine Fortsetzung der vorangegangenen Folge. Du kannst sie aber auch völlig unabhängig voneinander hören.

Ich habe die Geschichte einfach nur aus dem selben Setting gezogen. Sie hat jetzt einfach einen anderen Schwerpunkt und zwar war ich bei einer Fortbildung für Kursleiterinnen der VHS und wir hatten schon einige Zeit miteinander verbracht. Dann gab es eine längere Pause, damit wir was zu Mittag essen konnten und ich bin dann losgezogen und habe mir einen veganen Burger besorgt, habe den in meiner Metalldose zurück transportiert in den Pausenraum und habe mich da dann mit, ich glaube, sechs anderen Teilnehmer·innen an einen Tisch gesetzt und jede hatte etwas anderes dabei.

Die meisten hatten sich auch was gekauft, aber eben nicht in ihre Dosen packen lassen, sondern in ein Verpackungsmaterial, was sie danach weggeschmissen haben. Eine·r hatte sich was von zu Hause mitgebracht und da die anderen wussten, dass ich Kurse zum Thema Nachhaltigkeit gebe, hat mich die eine, die mir gegenüber saß, dann gleich gefragt: Was ist denn da auf deinem Klima Burger? Woraufhin ich gesagt habe, das ist ein veganer Burger und ich glaube, das Patty ist ein Seitan Patty. Woraufhin mich die Person, die neben mir saß, gefragt hat, wie denn da der Verbrauch sei im Vergleich jetzt so? Und da habe ich den Fehler gemacht, nicht zu fragen im Vergleich zu was, sondern gleich anzunehmen, dass sie Fleisch meint und ich habe dann auch gedacht, ob sie vielleicht irgendwie nicht ganz informiert ist und habe sie gefragt, meinst du Soja, weil ja die meisten immer mit diesem Soja Argument kommen und bei Seitan hatte ich das bisher noch nicht gehört und sonst kommt ja immer Soja, dein Sojakonsum zerstört den Regenwald und so weiter.

Sie meinte das aber dann in Bezug auf Wasser und da habe ich mich tatsächlich noch nicht informiert, was ich jetzt auf jeden Fall nachholen werde, wie hoch der Wasserverbrauch eines Seitanpatties ist und wie das dann im Vergleich zu anderen vergleichbaren Produkten steht.

Und dann kam wieder die Diskussion zu Plastik, eingeschweißte Biogurke in Plastik und der konventionellen Gurke ohne Plastik. Ich kaufe zum Beispiel mittlerweile Salatgurken, nur noch wenn sie Saison haben und dann halt auf dem Wochenmarkt oder im Hofladen und da sind sie dann eben nicht eingepackt. Und klar, wenn du sie im Supermarkt kaufst, dann kann das sein, dass die Biogurke in Plastik eingeschweißt ist. Heißt eben, ich verzichte zu der Zeit, jetzt im Moment zum Beispiel, im Winter auf Gurken und Tomaten, weil sie einfach keine Saison haben und ja, mein Leben ist dadurch etwas eingeschränkter, aber es ist mir wert.

So, die gleiche Person hatte mich dann auch nochmal so mit dem „Jetzt test ich dich mal“ - Ton in der Stimme gefragt: „Ja wie stehst du denn so zu Avocados?“ und das war halt, ja das ich gedacht habe, Mensch, warum, warum und dann habe ich ihr gesagt, dass ich keine Avocados esse, früher habe ich sie schon gegessen, aber mittlerweile denke ich eben, das muss ja nicht sein.

Und ich merke einfach auch, dass es Situationen gibt, in denen es mir schwer fällt, immer und immer wieder die gleichen Fragen zu beantworten, auch wenn diese Menschen sie wahrscheinlich zum ersten Mal stellen und ich weiß, dass es unter meinen Hörer·innen auch Menschen gibt, denen es schwer fällt, immer zu lächeln und freundlich zu sein und kleine Schritte zu bejubeln, die andere tun und das wertzuschätzen, was die anderen tun, auch wenn es nur ganz klein ist. Obwohl wir dann doch irgendwie diesen Hintergedanken haben, meine Güte, das reicht nicht, mach doch mal bitte jetzt einen großen Schritt und nicht so einen kleinen. Das in dem Moment dann laut auszusprechen, wäre natürlich kontraproduktiv, es aber in mich reinzufressen, ist auch nicht gut.

Und deswegen schreibe ich solche Sachen immer auf, spreche auch viel mit anderen darüber, vor allem mit Carsten und teile das dann mit Gleichgesinnten, die mich verstehen, wo ich offen sein kann und einfach darüber reden kann.

Und was mir auch hilft, sind meine Powerups, diese Energieschübe, die kleinen Übungen, die ich in meinen Alltag einbaue, ganz regelmäßig. Dinge, die mir gut tun und die mich stärken und dann mich auch solche Situationen überstehen lassen und auch dieses Mitgefühl in mir dann öffnen für die Menschen, die einfach noch einen längeren Weg vor sich haben, die den Weg in ihrem Tempo gehen und die mir helfen, nicht ungeduldig zu sein mit meinen Mitmenschen, obwohl ich ihnen vielleicht schon so viele Schritte voraus bin, dass ich mittlerweile denke, meine Güte, was brauchst du so lange dafür?

Wenn ich mich dabei ertappe, dass ich so denke, dass ich mein Gegenüber dafür verurteile, dass es noch nicht den großen Schritt gemacht hat und immer noch da fest steckt und sagt, ich könnte nie auf Käse verzichten oder ich schaffe es einfach nicht zum Unverpackladen zu gehen (obwohl der Unverpackladen direkt um die Ecke liegt, also nicht, wenn der Unverpackladen 100 Kilometer entfernt in der nächsten Stadt ist, also hat alles eine Relation), dann ist es für mich ein Warnsignal, dass ich wieder mehr für mich sorgen muss.

Meine Intention, meine Wertvorstellung, mein Ideal ist es, dass ich Mitgefühl für alle Lebewesen habe, quasi bedingungslos und das kann ich nur leben, wenn ich gut für mich sorge. Wenn ich merke, dass ich andere verurteile für das, was sie tun oder noch nicht tun, dann sorge ich gerade nicht gut genug für mich selbst, dann kann ich mein Herz einfach nicht öffnen, dann bin ich innerlich eigentlich mehr mit mir selbst beschäftigt, als dass ich die Kraft habe, für andere da zu sein und Fürsorge für uns selbst sieht für jeden Menschen anders aus.

Ich ziehe mich oft zurück, gehe gerne alleine in den Wald oder alleine irgendwo hin, wo keine Menschen sind, ich lese, ich schreibe, ich male, ich hör schöne Musik, ich tausche mich mit meinem Mann aus, ich spiele Spiele mit meinem Mann und meinem Kind, wir puzzeln zusammen, das sind alles Dinge, die ich für mich tue und wenn ich dann wieder mehr in mir ruhe, dann kann ich mich auch wieder mehr für andere öffnen und für sie da sein und das abfedern, dass sie mir Dinge erzählen, die für mich eigentlich nicht in Ordnung sind, aber diesen Menschen zubilligen, dass sie den Weg in ihrem Tempo gehen.

Ich habe auch lange Jahre gebraucht, um vegan zu werden und ich habe auch lange Jahre gebraucht, um zu verstehen, was Nachhaltigkeit wirklich bedeutet und ich lerne immer noch, ich lerne die ganze Zeit dazu, ich bin nicht perfekt, ich lerne, ich lerne die ganze Zeit und wenn ich mir vorstelle, dass es da Menschen gibt, die viel weiter sind als ich und dass sie mich verurteilen dafür, dass ich noch nicht so weit bin und mir Vorhaltungen machen, dann fühlt sich das für mich ganz furchtbar an.

Ich möchte lieber offen angenommen und liebevoll unterstützt werden dabei, dass ich meinen Weg weitergehe und genau das, was ich mir für mich wünsche, möchte ich eben auch für andere weitergeben.

Ich verstehe dich total, wenn du in so einer Situation bist und einfach keine Kraft mehr hast zu lächeln und freundlich zu sein, obwohl du innerlich das Gefühl hast, es ist überhaupt nicht so - jetzt, verzichte endlich auf Käse, lass es endlich sein, da ist so viel Unendliches Leid damit verbunden - aber vielleicht ist dein Gegenüber einfach noch nicht so weit und wenn du jetzt das aussprichst, was du denkst und damit Druck erzeugst, wird er·sie vielleicht nie so weit sein.

Deswegen ist mein Weg, mich dann zurückzuziehen und für mich zu sorgen, bis ich wieder so viel Kraft habe zu lächeln und mein Gegenüber freundlich zu unterstützen und dann freue ich mich, wenn du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist.

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Hinweis zum Von Herzen Vegan Clan

Im November 2021 ist der Von Herzen Vegan Clan ein Teil meiner damals neuen Community, des Experimentariums geworden.

Das Experimentarium gibt es seit Dezember 2022 nicht mehr.

Ich bin gerade dabei eine neue Online-Community aufzubauen. Wenn Du interessiert bist, schau doch mal vorbei:

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