Folge 075 - Ich bin nicht aktiv genug.

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Folge 075 - Ich bin nicht aktiv genug.

Neulich überraschte mich ein Clanmitglied, das schon viel länger als ich vegan lebt, mit der Aussage, dass sie sich nicht aktiv genug fühle.

Sie war gerade umgezogen und hatte ihr tierrechtliches Engagement zugunsten des Alltags zurückgeschraubt und fühlte sich nun schuldig.

Da mir dieses Gefühl "nicht aktiv genug zu sein" sehr gut bekannt ist, habe ich dieses Ergeignis zum Anlass genommen eine Podcastfolge dazu aufzunehmen.

Meiner Meinung nach wird das Gefüh durch zweierlei Umstände ausgelöst: einmal durch die Tatsache, dass wir nie aktiv genug sein können, um all das Tierleid auf dieser Welt zu beenden. Und dann durch Vergleiche mit anderen Veganer·innen, die in unseren Augen immer viel aktiver sind als wir.

Wie ich damit umgehe und was ich aus den vergangenen Jahren Aktivismus gelernt habe, das erzähle ich Dir in dieser Folge.

Vollständiges Transkript

Herzlich Willkommen zu einer neuen Folge des Von Herzen Vegan Podcasts, der dir hilft, dich gelassen und souverän durch deinen veganen Alltag zu bewegen. Ich bin Stefanie und ich möchte heute über das Gefühl sprechen, nicht aktiv genug zu sein, aktiv für den Veganismus, für die Tiere, für unsere Umwelt und für unsere Zukunft.

Und inspiriert hat mich dazu ein Clanmitglied, die schon sehr lange vegan lebt, aber trotzdem immer wieder dieses Gefühl, sie macht einfach nicht genug, sie ist nicht aktiv genug, auch wenn sie sich engagiert und entsprechend ihrer Möglichkeiten aktiv ist, hat sie trotzdem immer wieder das Gefühl, nicht aktiv genug zu sein, nicht genug zu tun und fühlt sich deswegen schlecht. Und ich kenne das Gefühl auch ganz klar und wahrscheinlich kennst du es auch und wir kennen es alle und das führt mich auch zu der Frage, wann ist es denn genug, was bedeutet denn genug?

Und im Vergleich zu dem Tierleid, was auf der Welt existiert, kann es natürlich nie genug sein, was wir tun. Und wir werden es natürlich auch nie schaffen, genug zu tun, als Einzelpersonen. Nichtsdestotrotz ist aber das, was jede·r Einzelne von uns tut, wirklich wichtig. Und wenn alle sagen würden: okay, ich kann einfach nie aktiv genug sein, ich höre jetzt auf, aktiv zu sein, dann würde natürlich das den Tieren auch eher schaden als nützen.

Wenn ich dieses Gefühl habe und denke, ich bin nicht aktiv genug, dann rührt es meistens daher, dass ich mich mit anderen vergleiche, was die gerade alles machen, dass ich schaue, was tun andere Podcaster·innen, wie aktiv sind die denn und was schaffen die alles und wie kriegen die das denn alles hin, dass die noch zu dieser Veranstaltung gehen und zu jener Veranstaltung und überall sind und aktiv sind und das alles schaffen und so. Oder sie sind auf Social Media sehr aktiv und immer dabei und argumentieren und debattieren und diskutieren und greifen alles auf und haben gefühlt 24 Stunden am Tag nichts anderes zu tun, als sich wirklich zu engagieren. Und wenn mir dann bewusst wird, dass ich mich da wieder vergleiche, dann versuche ich mir selbst bewusst zu machen, dass ich einfach nur entsprechend meiner Möglichkeiten aktiv sein kann. Wenn ich versuchen würde es genauso zu machen, wie die, mit denen ich mich vergleiche, dann würde ich ganz ganz schnell ausbrennen.

Ich kann nur entsprechend meiner Möglichkeiten aktiv sein und kann einfach nur das geben, was meiner Energie auch entspricht, meiner Kraft entspricht, alles was mir als Individuum, als individuelle Person möglich ist. Denn wir sehen natürlich auch immer nur die lauten Menschen, die, die wirklich vorne stehen, nach draußen gehen und sich zeigen und so auf diese Art und Weise aktiv sind. Wir sehen nicht die Leisen, die im Hintergrund sind und vielleicht sich in einer Partei engagieren oder vielleicht im Hintergrund diese Aktion koordinieren oder sie vielleicht auch einfach finanzieren, weil sie einfach nicht die Möglichkeiten haben, sich zeitlich zu engagieren und deswegen diese Aktionen erst durch ihre finanzielle Unterstützung möglich machen.

Wenn es also darum geht, dass ich mich nicht aktiv genug und mich deswegen schlecht fühle oder schlecht rede und denke ich mache nicht genug und die anderen die machen viel mehr und es gibt so viel Tierleid auf der Welt und so viel Leiden generell, da müsste ich doch viel mehr machen, dann ist es total wichtig mal zu schauen: was kann ich denn überhaupt machen und was mache ich auch schon. Ich besinne mich dann darauf was ich alles schon tue, ich schreibe mir das auf, ich überlege okay was habe ich alles schon geschafft, was mache ich wirklich alles schon und dann schaue ich außerdem auch was kann ich überhaupt tun, was ist überhaupt in meinen Möglichkeiten, um dann auch zu schauen: was würde denn mit mir passieren, wenn ich jetzt wirklich 100 Prozent mich engagieren würde. Was bedeutet das dann? Was würde ich dann vernachlässigen und für wen oder was könnte ich dann nicht mehr da sein?

In meinem Fall ist es dann definitiv auch die Familie, mein Kind und mein Mann, für die ich dann nicht mehr da sein könnte, für die ich aber sehr gerne da sein möchte und zumindest was mein Kind betrifft, für die ich auch eine gewisse Verantwortung trage, da sein zu sollen quasi und da gibt es eben verschiedene Ansprüche in meinem Leben, denen ich gerecht werden möchte und der Tierrechtsaktivismus ist einer davon, den ich aber mit mir selbst abwägen muss, mit meinem Privatleben, meinem Alltag, mit den Menschen und Dingen, die sich sonst noch in meinem Alltag befinden.

Und dann natürlich nicht zu vergessen, wie viel Kraftreserven habe ich denn selber und was bin ich überhaupt für ein Typ Mensch, was für einen Charakter habe ich, was für Eigenschaften? Bin ich eher extrovertiert oder introvertiert, was macht mich aus und was kann ich gut ertragen und was nicht? Wenn ich regelmäßig erschöpft bin, wenn ich auf größeren Veranstaltungen war und unter Menschenmengen, dann ist das auch einfach nichts für mich, dann ist es besser, mir wirklich eine Aktionsform zu suchen, die besser zu mir passt und wo ich mehr Energie reinstecken kann, als sie dann tatsächlich aus mir rauszieht.

Das ist natürlich ein Ausprobieren, ein Rausfinden und was ich für mich auch rausgefunden habe, ist, dass ich das eine Zeit lang sehr gut konnte, auf die Straße zu gehen und mit Menschen zu reden und für sie da zu sein und eher meine extrovertierte Seite auszuleben und ich im Moment einfach merke, ich kann das jetzt nicht mehr, ich habe keine Kraft mehr, mich da an so einen Infostand zu stellen und mit den Menschen, die immer und immer gleichen Fragen zu klären oder eben dann wirklich auf Demonstrationen zu gehen und da in einem riesen Menschenpulk unterwegs zu sein. Und ich glaube nicht, dass ich mich jetzt irgendwie in meinem Wesenskern geändert habe, sondern dass es tatsächlich Phasen sind.

Ich bin gerade einfach in einer eher zurückgezogenen Phase, in der ich nicht so gerne auf die Straße gehe und in der mich das sehr viel Kraft kostet, auf die Straße zu gehen und dort aktiv zu sein und in der ich sehr gut abwägen muss, ob ich jetzt tatsächlich einen Vortrag vor vielen Menschen halte oder nicht und in der ich diese Aktion sehr gut dosieren muss, weil mich das sehr, sehr viel Kraft und Energie kostet und das konnte ich einfach alles auch nur rausfinden, indem ich mehr auf mich geachtet habe, indem ich Zwiesprache mit mir selbst gehalten habe, indem ich auch mehr Kontakt zu meinem Körper aufgenommen habe und Signale meines Körpers immer besser deuten kann.

Wir haben nur diesen einen Körper und auch wenn wir alle gerne sehr rational nur in unserem Kopf unterwegs sind, können wir das nicht ohne unseren Körper sein, denn ohne Körper existieren wir einfach nicht mehr. Wir können jetzt natürlich philosophische Fragen anstellen, wer denkt denn da überhaupt in uns und wer bin ich denn überhaupt, wenn ich über meinen Körper nachdenken kann und über meine Seele und was denkt denn da, also das können wir natürlich alles machen, nur was ich damit sagen möchte, ist, dass es total wichtig ist, auf deinen Körper zu achten und auf die Kraft- und Energiereserven, die du hast und die verändern sich eben über die verschiedensten Lebensphasen ganz individuell, je nachdem was du in deinem Alltag alles noch stemmen musst.

Und das geht eben Hand in Hand mit diesem Gefühl, ich bin nicht aktiv genug, ich müsste eigentlich noch mehr machen, weil zum einen andere auch viel mehr machen und zum anderen eben tatsächlich nie genug getan werden kann, um endlich dieses Tierleid zu beenden.

Gerade bei dem letzten Punkt besteht natürlich die Gefahr dann abzurutschen und zu verbittern und dann wirklich in dieses Gefühl reinzurutschen, es wird nie gut werden, alles wird nur schlechter werden, wir werden es niemals schaffen. Wenn dieses Gefühl gerade akut bei dir ist, dann hast du mehrere Möglichkeiten. Du kannst so als erste Hilfestrategie dir auf jeden Fall nochmal die ersten Folgen dieses Podcasts anhören, da sind Resilienzstrategien, die dir helfen in so einer Situation wieder aus diesem Loch herauszukommen.

Wenn du aber immer und immer wieder in diesem Loch landest, dann ist es vielleicht Zeit dir therapeutische Hilfe zu suchen, denn dann kann es gut sein, dass du da nicht alleine rausfindest und dass da noch viel mehr dahinter steckt und das Tierleid einfach jetzt der letzte Tropfen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat und dich einfach in so ein Strudel gezogen hat, aus dem du alleine nicht mehr herauskommst.

Das nur als Anmerkung von mir: das Gefühl nicht aktiv genug zu sein und sich deswegen eben schlecht zu fühlen, kann natürlich auch ein Teil deiner kritischen inneren Stimme sein. Diese inneren Stimmen kennst du unter Garantie und bei Menschen mit Gebärmutter treten diese inneren Stimmen sehr häufig in der prä-menstruellen Phase auf. Das ist überhaupt nichts diffamierendes, sondern das gehört einfach zu diesem Zyklus dazu, zum Menstruationszyklus und die Stimmen können natürlich ständig auftauchen, nur gehäuft, wenn du darauf achtest, treten sie da dann in dieser prä-menstruellen Phase auf. Und die Stimmen sind tatsächlich wichtig, es ist nichts, was du wegdrängen solltest und du kannst über sie nachdenken und über die Kommentare und die Fragen und diese Gefühle, die sie in dir auslösen. Nur es muss nicht alles wahr sein, was du dann denkst.

Und so verhält sich eben auch mit diesem Gefühl, dass du nicht aktiv genug bist. Das kann natürlich immer wieder auftauchen und es ist dann auch berechtigt, denn du kannst nie aktiv genug sein, das ist einfach eine Tatsache. Und letztlich geht es darum zu sagen, okay, ich bin meinen Möglichkeiten entsprechend aktiv genug und ich kann einfach nicht mehr geben, als das, was ich jetzt gerade gebe. Und das muss dann in Ordnung sein. Das ist etwas, was du dann mit dir selbst verhandelst, denn von außen kann dir niemand den Segen geben. Es kann sein, dass du diesen Segen auch gar nicht annehmen kannst, weil du trotzdem weiterhin dieses Gefühl hast, du bist nicht aktiv genug. Es ist quasi eine stetige Übung darin, dich nicht mit anderen zu vergleichen und dich so anzunehmen, wie du bist.

Das sagt sich jetzt natürlich ganz leicht, auch ich hadere da immer und immer wieder mit mir, du bist definitiv nicht allein und du bist definitiv nicht die einzige, die denkt, sie sei nicht aktiv genug.

Und dann freue ich mich, wenn du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist.

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Hinweis zum Von Herzen Vegan Clan

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