Ich hab auch mal streng vegan gelebt...

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Folge 103 - Ich hab auch mal streng vegan gelebt...

In einem Artikel in einer Zeitschrift fand ich diesen Absatz:

"Zwischenzeitlich war ich streng vegan, heute vertraue ich der richtigen Balance: Wein und Smoothie, Schokolade und Salat. Beides geht. Intensiv leben - aber mit Augenmaß..."

Da war es wieder, dieses "streng vegan" und ich muss zugeben, dass es mir ein genervtes Augenrollen entlockt hat. In der Vergangenheit ist mir diese Bezeichnung schon des öfteren begegnet und daher möchte ich in dieser Folge meine Gedanken dazu mit Dir teilen.

Abgesehen von dieser merkwürdigen Aufreihung "Wein und Smoothie, Schokolade und Salat. Beides geht." - ja genau, beides geht - alle vier Nahrungsmitteln funktionieren auch ganz wunderbar vegan, wo ist da das Problem?! - geht es mir nicht nur um die Ernährung, sondern um die Lebensweise und auch da bringe ich noch ein Beispiel mit, das unter dem Titel "streng vegan" läuft.

Vollständiges Transkript

Herzlich willkommen zu dieser neuen Folge des von Herzen Vegan Podcasts, der dir hilft, dich gelassen und souverän durch deinen veganen Alltag zu bewegen. Ich bin Stefanie und ich möchte in dieser Folge über die Bezeichnung „streng vegan“ sprechen.

Ich hatte ja gesagt, ich meld mich mal wieder, wenn etwas ist, wenn ich etwas mit dir teilen möchte und das ist jetzt auch der Fall, denn ich bin beim Blättern durch eine Zeitschrift mal wieder auf den Begriff „streng vegan“ gestoßen und darüber gestolpert, daran hängen geblieben und möchte das jetzt zum Anlass nehmen, einmal meine Gedanken zu diesem Thema mit dir zu teilen.

Und zwar muss ich ja zugeben, dass ich gerne ab und zu durch die „Happinez“ blättere und ähnliche Zeitschriften, davon gibt es ja jetzt einige, die so ähnlich aufgebaut sind und so ähnlich gestaltet und es gibt über die Onleihe, die Möglichkeit die „Happinez“ auszuleihen als E-Book und sowas mache ich ab und zu, dass ich dann seit ich das Tablet habe, seit der Corona-Zeit quasi, leihe ich ab und zu jetzt über die Onleihe auch Zeitschriften aus und darunter eben die „Happinez“. Und da blätter ich dann durch, weil die Zeitschriften immer nur einen Tag ausgeliehen werden können, was natürlich, wenn es wirklich mal darum geht, Fachzeitschriften zu lesen, etwas kurz ist, aber für einmal Durchblättern reicht das für mich und ich mache mir dann auch immer Screenshots von Artikeln, wenn ich sie noch ein bisschen öfter lesen möchte oder wenn ich eben darauf referenzieren will.

In diesem Fall bin ich da über einen Artikel gestolpert, in dem eine Dame schreibt, wie sie zu sich selber gefunden hat auf einer Insel und ja, die Details sind eigentlich nicht so wichtig. Ich möchte dir nur einen kurzen Absatz vorlesen.

“Zwischenzeitlich war ich streng vegan, heute vertraue ich der richtigen Balance, Wein und Smoothie, Schokolade und Salat. Beides geht, intensiv leben, aber mit Augenmaß.“

Das schreibt die Autoren dieses Artikel als Endpunkt ihrer Reise zu sich selbst, also dass sie auf dem Weg zu sich selbst auch mal „streng vegan“ war, aber jetzt eben nicht mehr und ich fand das so obskur, dass sie dann gesagt hat, ja beides geht, die richtige Balance, Wein und Smoothie, Schokolade und Salat - ja aber was hat das denn mit vegan zu tun? Natürlich kann ich Wein und Schokolade zu mir nehmen, auch wenn ich vegan lebe. Das hat mich dann völlig irritiert und letztlich, wie gesagt, bin ich an diesem Begriff „streng vegan“ hängengeblieben.

Der Begriff ist mir definitiv schon häufiger begegnet, dir wahrscheinlich auch. Wenn ich lese oder höre „streng vegan“, dann klingt das in meinen Ohren immer so wie „streng katholisch“ oder einer „strengen Diät“ oder eben etwas, was ich nur mit Disziplin durchziehen kann. Also es ist quasi so Bootcamp-mäßig oder militärisch oder also jedenfalls etwas, was mit Zwang zu tun hat.

Und ich habe auch extra noch mal nach Definitionen von „streng“ gesucht, um das mit meinem Gefühl abzugleichen.

Der Duden sagt, die Bedeutung von „streng“ ist: „nicht durch Nachsichtigkeit, Milde, Freundlichkeit gekennzeichnet, sondern eine gewisse Härte, Unerbittlichkeit zeigend, unnachsichtig auf Ordnung und Disziplin bedacht“ und dann auch noch „keine Einschränkung, Abweichung, Ausnahme duldend, ein Höchstmaß an Unbedingtheit, Diszipliniertheit, Konsequenz, Exaktheit verlangend, sehr korrekt, genau exakt, unbedingt, strikt.“ Und neben weiteren Bedeutungen steht da auch noch: „anstrengend, mühevoll, beschwerlich, hart“.

Und für mich klingt das tatsächlich auch alles mit, wenn jemand „streng vegan“ sagt oder schreibt. Und ich unterstelle Menschen, die so etwas schreiben, dass sie selbst gar nicht vegan leben und einfach anderen Menschen, die vegan leben, diese Eigenschaften andichten wollen.

Was ich unterschreiben kann, ist die Konsequenz und das ist eben etwas, worauf ich mich auch berufen würde. Ich lebe nicht streng vegan, sondern konsequent vegan. Ich bin einfach konsequent, meinen Werten entsprechend. Für mich wäre es inkonsequent, wenn ich jetzt auf einmal Milchprodukte zu mir nehmen würde oder Eier essen oder sogar Fleisch oder eben irgendetwas mit Gelatine oder sonst irgendwie etwas, wo tierliche Substanzen enthalten sind.

Und das hat für mich nichts mit Disziplin oder Strenge zu tun, sondern mit Konsequenz, weil ich einfach ethischen Motiven folge und die verbieten es mir genauso, dass ich tierliche Produkte zu mir nehme, konsumiere, genauso, dass ich mein Kind schlage. Da gibt es einfach gewisse Wertvorstellungen in mir, denen ich folge. Und das ist für mich nur konsequent.

Wenn ich aber das jetzt wieder hier lese, wie in diesem Artikel von der Dame, die zu sich selbst gefunden hat auf einer Insel mit Yoga und allem Möglichen, was ja gut und schön ist. Ich habe überhaupt gar nichts gegen Yoga. Ich habe selbst noch nicht zum Yoga gefunden, muss ich dazusagen, aber ich weiß, dass es ganz vielen hilft und bestimmt würde es mir auch helfen. Yoga ist ein wunderbares Power-up. Und es wird dir sicherlich auf deinem Weg zu mehr Gelassenheit helfen.

Nur diese Abstufung zwischen, „ja, ich habe halt mal streng vegan gelebt und jetzt achte ich auf die Balance und achte darauf, was mir gut tut. Und da gehört halt Wein und Smoothie, Schokolade und Salat dazu.“ Ja, das funktioniert aber auch ganz wunderbar, wenn du konsequent vegan lebst, denn sowohl Wein als auch Schokolade gibt es in veganer Form. Und ich meine, wer spricht dir das ab, wenn du das alles zusammen mengst und trinkst. Also das ist ja ganz deine Entscheidung, wie du das machst und welche Balance für dich die richtige ist. Das hat für mich überhaupt gar nichts mit strengen veganen Leben zu tun.

Ich bin hier das beste Beispiel dafür, dass du auch, wenn du vegan lebst, emotional essen kannst, du kannst trotzdem dich mit Junkfood vollstopfen und immer noch konsequent vegan leben. Das funktioniert vegan genauso gut wie nicht vegan. Das gehört für mich überhaupt nicht zusammen. Und das eine ist dein innerer Wertekompass und das andere ist die Art und Weise, wie du genießt, wie du dein Essen genießt, wie du mit dir selbst umgehst und welches Päckchen du vielleicht auch noch mit dir herumträgst.

Bei manchen sind es dann nicht nur Päckchen, sondern schwere Pakete und dementsprechend befindest du dich dann an verschiedenen Punkten auf deinem Weg. Und da schließt es sich für mich nicht aus, die Balance zu halten und genussvoll zu leben, aber gleichzeitig konsequent vegan zu leben. Das ist der eine Aspekt, das Essen, was jetzt hier in diesem Artikel hervorgehoben wurde.

Ein anderer Aspekt war, ich habe eine Zeit lang die Serie „Der Tatort Reiniger“ geguckt, finde ich super lustig und kann ich dir auch nur empfehlen, sehr norddeutsch. Und dort war auch eine Folge mit einer Veganerin, wo dann wiederum in der Beschreibung zu dieser Folge mit der Veganerin geschrieben wurde, dass sie „streng vegan“ leben würde: „Da trifft der Tatort Reiniger auf die ‚streng vegan’ lebende sowieso sowieso.“ Und diese ‚streng vegan‘ lebende Veganerin sitzt auch im Rollstuhl nach einem Unfall und hat aber vorher schon vegan gelebt, also das eine hat mit dem anderen überhaupt gar nichts zu tun. Jetzt kommt beides zusammen, dass der Tatort-Reiniger dann mit ihrem im Rollstuhl sitzen auseinander setzen muss und mit dem Vegan leben.

Aber es wird halt in der Beschreibung darauf fokussiert, dass sie „streng vegan“ lebt und in der Folge äußert sich das darin, dass die Veganerin sehr auf Tierrechte pocht, aber aus meiner Sicht überhaupt nicht übermäßig, sondern tatsächlich einfach nur den Mund aufmacht, wenn in ihrer Nachbarschaft etwas schiefläuft. Nämlich zum Beispiel der Hund des Nachbarn eigentlich tagelang eingesperrt ist und nicht raus darf oder ein anderer Nachbar die mehr Meerschweinchenbabys die Toilette runter spült. Und mal ganz ehrlich, da würden wir alle was sagen, also das hat nichts mit „streng vegan“ zu tun.

Okay, in der Folge zeigt sie dann dem Tatort-Reiniger noch so ein paar sehr blutige Bilder, um ihm zu erklären, warum sie vegan lebt und sie sagt, dass sie sich von ihrem Freund getrennt hat, weil er sie hintergangen hat und hinter ihrem Rücken dann einmal die Woche Fleisch essen gegangen ist und das kann der Tatort-Reiniger natürlich nicht verstehen und so weiter und so fort. Hier gibt es noch ein paar Nuancen, es geht nicht nur um Essen. Und am Ende, als sie dann mit ihm ausmacht, dass er es mal probiert vegan zu leben, wirkt es dann so, als könnte er dann gar nichts mehr essen. Also das fand ich auch nicht so prall und das ist dann eben diese Darstellung wieder: ja, das „streng vegan“ hat was mit sich selbst kasteien und Mönch oder Nonne sein zu tun und ich finde, das ist es doch alles gar nicht.

Wenn wir „streng vegan“ leben in den Augen der anderen, dann leben wir doch nur konsequent vegan. Wir folgen doch dann einfach nur unseren Werten, wir leben unsere Werte, wir leben das, was uns wirklich wichtig ist und sind da konsequent und sagen dann eben auch mal nein, wenn uns etwas nicht veganes angeboten wird oder beziehen Stellung, wenn es um Pelz geht oder um Tierversuche und sind in dem Moment unbequem für unsere Mitmenschen.

Und ich glaube, das ist tatsächlich der Punkt, dass wir dadurch, dass wir konsequent vegan leben und konsequent unseren Werten folgen, die Menschen, die das nicht tun, aber wissen, dass es eigentlich besser wäre und sie es eigentlich tun sollten auf diesen wunden Punkt stoßen und sie sich dadurch unangenehm berührt fühlen. Das ist unbequem, das ist nicht schön, wenn wir darauf hingewiesen werden, dass da eine Dissonanz herrscht zwischen unseren Werten und unserem Handeln.

Das ist ja auch das generelle Problem, was wir hier gesellschaftlich überall in den westlichen, reicheren Ländern haben, dass wir gegen diese Bequemlichkeit ankämpfen müssen, die alles überdeckt, die Bequemlichkeit durchzieht all unsere Lebensbereiche. Das ist einfach etwas, was ich schon häufiger genannt habe und das ist auch das, was ich bei den Milchgeschichten, bei meiner Milchforschung, letztlich für mich erkannt habe.

Es ist dieses Gefühl, wir haben uns das verdient, wir haben uns das erarbeitet, gerade in Deutschland. Die beiden Weltkriege sind noch gar nicht so lange her für Generationen von Menschen, denn es gibt immer noch Menschen, die sich daran erinnern, die dabei waren als Kinder und es hat unsere Generation auch noch geprägt und auch die folgenden Generationen. Das wird ja alles weitergetragen und dieser Kampf um den Wohlstand, vor allem im Westen Deutschlands, war ja letztlich etwas, was von diesem Gedanken getrieben wurde: unsere Kinder sollen es besser haben, es soll immer weitergehen, immer besser sein.

Und das ist nicht nur in Deutschland so, das ist ja auch in Amerika so, dass alle die nachfolgenden Generationen größere Autos fahren, größere Häuser haben und so weiter und so fort und es geht um Wohlstand und um Konsum und um Bequemlichkeit und um dieses, das habe ich mir verdient, das habe ich hart erarbeitet und jetzt soll ich mich da irgendwie ändern oder gar einschränken, weil das Vegan-Leben immer erst als Einschränkung betrachtet wird.

Und da bin ich der Meinung, hilft es den Menschen, die so denken, dass sie das vegan sein als etwas ansehen, wofür du dich selbst kasteien musst, was eben streng ist, was Disziplin erfordert und das ist dann etwas, was ich nicht kann oder was ich auch nicht will, weil ich in dieser bequemen Lebensweise fahren möchte und was vielleicht auch Fähigkeiten erfordert, die ich nicht habe. Prozentual gesehen gehen ja die wenigsten von uns ins Kloster als Nonnen oder Mönche und letztlich, wenn wir darüber nachdenken, so einen Lebensweg einzuschlagen, ist es ja etwas, wo wir tatsächlich auch viel verzichten müssen und vielleicht ist der Gedanke da hinter vegan zu leben ein ähnlicher, dass ich dann auf ganz viel verzichten muss und dass das anstrengend ist und schrecklich und nichts, was zu meinen bequemen Wohlstandsgedanken auf irgendeine Art und Weise passt, denn ich habe es mir verdient, auch ein bequemes Leben zu führen.

So erkläre ich mir das, vielleicht hast du eine andere Erklärung dafür oder andere Gedanken dazu, dann freue ich mich, wenn du sie mit mir teilst, schreib mir gerne eine E-Mail an post [at] von-herzen-vegan.de.

Und auch in dieser Folge möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bedanken und zwar bei allen, die mir schon das Vertrauen erwiesen haben, mein Buch zu kaufen, da habe ich mich riesig darüber gefreut, auch über das ganze positive, tolle Feedback zu diesem Buch. Wenn du das Buch noch kaufen möchtest, dann gerne schau einmal in den Show-Notes, da findest du den Link oder hier unter der Folge oder natürlich auf meiner Webseite und ich danke ganz herzlich allen Steady-Mitgliedern für ihre finanzielle Unterstützung.

Und dann danke ich dir auch noch fürs Zuhören und ich freue mich, wenn du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist.

Links zur Folge

Alle Informationen zu meinem Buch findest Du hier:
https://von-herzen-vegan.de/gelassen-vegan-leben-dein-reisebuch

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