Folge 111 - Auf der Suche nach der perfekten Lösung

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Folge 111 - Auf der Suche nach der perfekten Lösung

Wenn wir vegan leben und uns mit Nachhaltigkeit beschäftigen, kommen wir unweigerlich an einen Punkt, an dem wir an Grenzen stoßen.

Grenzen, die uns das System aufzeigt, in dem wir leben.

Ein Clanmitglied schrieb, dass es ihr schwer fiele den "richtigsten" Weg zu identifizieren und damit ist sie nicht allein.

Wir können Kriterien für ein gutes Leben für alle aufstellen, doch in unserer gegenwärtigen Welt, werden sie selten alle erfüllt werden. Um Adorno zu bemühen: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen.".

Wir brauchen einen Wandel, ein neues System, um ein gutes Leben für alle Lebewesen zu ernöglichen. Solange alles bleibt, wie es ist, werden wir mit unseren Kriterien immer an Grenzen stoßen.

Der "richtigste" Weg liegt also darin sich für den Wandel einzusetzen und nicht, sich in Details zu verlieren.

Das ist auch tröstlich, denn so musst Du Dich nicht dafür geißeln, wenn Du vielleicht doch einmal das Tetrapak kaufst, statt die Pflanzenmilch selbst herzustellen oder auch einmal Pizza bestellst.

Andererseits ist es natürlich auch kein Freifahrtschein zum Hände-in-den-Schoß-legen und Gar-Nichts-Tun. Ein Umdenken ist trotz allem nötig und das beginnt bei Dir.

Vollständiges Transkript

Herzlich willkommen zu dieser neuen Folge des Von Herzen Vegan Podcasts, der dir hilft, dich gelassen und souverän durch deinen veganen Alltag zu bewegen. Ich bin Stefanie und in dieser Folge geht es um die Suche nach der perfekten Lösung.

Dieses Thema begegnet mir immer wieder und tatsächlich thematisiere ich genau das auch in meinen Bildungsurlauben, nämlich die Suche nach der perfekten Lösung, zum Beispiel für das nachhaltigste Lebensmittel, sich also immer richtig zu entscheiden und quasi den richtigsten Weg zu wählen.

Und das ist etwas, was mir jetzt gerade wieder akut begegnet ist im Clan und auch im Clan Plus. Zum einen durch mich selbst, weil ich nämlich da nochmal das ökologisch-enkeltaugliche Konsummuster vorgestellt und überlegt habe, dass ich daraus doch eigentlich auch einen Rechner ableiten könnte, sowie den ökologischen Fußabdrucksrechner. Und ich habe daraufhin, weil es irgendwie nicht aufgegangen ist mit den Zahlen, die ich aus dem Buch vom Verein Neustart Schweiz ausgezogen hatte, den Vorstand vom Verein Neustart Schweiz angeschrieben und nachgefragt, ob sie da vielleicht eine Rechengrundlage haben, ob sie vielleicht sogar ein Rechner schon selbst haben, weil sie ja irgendwie auch auf die Zahlen gekommen sein müssen.

Und daraus hat sich dann eine kleine E-Mail-Korrespondenz entwickelt, die mich überhaupt nicht in diese Richtung gebracht hat, dass ich jetzt einen fertigen Rechner habe, sondern mich noch einmal darauf hingewiesen hat, dass es gar nicht darum geht, da die perfekte Lösung zu finden und die eigene Ökobilanz genau auszurechnen und herauszufinden, was ist jetzt die beste Entscheidung jeweils immer. Zum Beispiel, was Nahrungsmittel angeht, was kann ich wie, wann am besten kaufen, was ist das nachhaltigste Lebensmittel, das nachhaltigste Nahrungsmittel, sondern dass wir das überhaupt gar nicht bestimmen können, denn wenn wir uns darin verlieren in dieser Frage und dieser Suche nach den nachhaltigsten Methoden, verlieren wir völlig aus dem Blick, dass wir hier eigentlich in einem System agieren, was gar nicht nachhaltig ist.

Und da muss ich dann nochmal Adorno bemühen, der ja schon sehr häufig bemüht wurde, hier vielleicht nicht in diesem Podcast, aber ja, generell schon: „Es gibt kein gutes Leben im Falschen.“ Und ja, da musste ich mir selbst nochmal an die Nase fassen, weil ich mich da auch wieder drin verrannt hatte und gedacht habe, doch, komm, lass uns nochmal da so einen Rechner machen und dann kannst du da nochmal ausrechnen und hier nochmal nach Details schauen und wenn du hier an dieser Schraube drehst und da an dieser Schraube drehst, vielleicht kriege ich dann so eine Schablone hin, weil mir das tatsächlich auch immer wieder als Bedürfnis begegnet ist. Es wird als Bedürfnis an mich herangetragen, dass der Wunsch entsteht, okay, was ist denn jetzt die nachhaltigste Entscheidung? Und gibt es da nicht eine Liste? Gibt mir eine Liste mit den nachhaltigsten Lebensmitteln, also gib mir am besten eben einen Rechner, einen Kompass, aus dem ich ersehen kann, was ist die nachhaltigste Entscheidung?

Und leider gibt es das einfach nicht, nicht weil alle irgendwie zu faul dazu wären, das herzustellen, sondern weil die Rahmenbedingungen das einfach nicht hergeben. Wir leben in einer Welt, die nicht nachhaltig ist. Solange wir das System nicht ändern, indem wir leben, werden wir niemals hundertprozentig nachhaltige Entscheidungen treffen können. Einen Tod muss man quasi immer sterben, es wird nie gehen, dass wir alle Kriterien, die wir für Nachhaltigkeit als Maßstab anlegen, dann auch erfüllen können.

Wenn du dich also dabei ertappst, dich zu fragen, was ist die beste Entscheidung, wo könnte ich noch besser werden, welche Drehschraube sollte ich drehen und gibt es da nicht irgendwie einen Rechner, der mir helfen kann? Dann ist es tatsächlich besser, wenn du dich für den Wandel einsetzt, wenn du dich gesellschaftlich dafür engagierst, dass wir in einer Welt leben können, in der Nachhaltigkeit selbstverständlich ist. Denn solange Nachhaltigkeit nicht selbstverständlich ist und wir auf Kosten anderer Leben, wird es auch nicht möglich sein, dass wir wirklich nachhaltige Entscheidungen treffen können.

Und ich weiß, wie unbefriedigend das ist, wenn ich da keine konkrete Antwort darauf bekommen kann, wie ich jetzt wirklich alle Kriterien unter einen Hut bekomme. Andererseits tröstet es mich ehrlich gesagt auch, denn ich hatte letztens ein Gespräch mit einer Freundin, die lange Zeit ihrer Haushaltsmittel, also die Putzmittel selbst gemacht hatte und jetzt mir gestanden hat, dass sie seit einem halben Jahr es einfach nicht mehr schafft, die selbst zu machen, weil sie aufgrund der ganzen Corona-Situation einfach nicht mehr die Kraft dazu hat, das zu machen. Und es war ihr wirklich unangenehm, das auch zu erzählen, weil es für sie eigentlich wichtig ist, nachhaltig zu leben. Und ich kann das sehr gut verstehen.

Doch ich denke, wir können uns nicht für den Wandel einsetzen und nachhaltig leben, wenn wir selber persönlich am Limit sind und vielleicht mit Depressionen im Bett liegen oder uns eben sehr schlecht fühlen und ständig ausgelaugt sind und uns dann noch Vorwürfe machen, weil wir es nicht mehr schaffen, unsere Putzmittel selbst herzustellen oder vielleicht doch mal das Tetrapak kaufen, obwohl wir eigentlich die Pflanzenmilch selbst herstellen wollen und da eben verschiedene Abstriche machen und unseren Kriterien, die wir für Nachhaltigkeit aufgestellt haben, dann nicht entsprechen.

In dem Schriftwechsel, den ich mit dem Vorstand vom Verein Neustart Schweiz hatte, schrieb der Vorstand, dass es eigentlich irreführend sei und er es tragisch fände, das Klimaproblem mit dem persönlichen Verhalten lösen zu wollen. Und ich denke genau an dem Punkt sind wir dann, wenn wir uns dafür geißeln, wenn wir bestimmte Ansprüche, die wir an Nachhaltigkeit haben und unser eigenes Verhalten in Bezug auf Nachhaltigkeit nicht mehr erfüllen. Natürlich ist es ein Balanceakt. Sich darauf auszuruhen, dass das System ja so ist, wie es ist und die Welt eben nicht perfekt ist, auch keine Lösung. Und ich sehe da auch nicht das Ziel darin zu sagen, „naja ich kann ja eh nix machen. Und so lange das System so ist, wie es ist, mache ich halt so weiter wie bisher.“ Das ist es nicht, das meine ich nicht damit.

Ich meine damit, dass du dir dessen bewusst bist, dass du schon ganz viel machst, dass du alles, was so an wichtigen Wirkhebeln existiert, du schon gedrückt, gedreht, wie auch immer, gezogen hast und du jetzt an Punkten stehst, die eigentlich nur noch Details betreffen. Details damit meine ich auch, dass du Dinge selber machst. Meine Freundin hat auch nicht gesagt, okay jetzt kaufe ich nur noch verpacktes Putzmittel, sondern sie kauft sich dann auch solche Tabs, die man auflösen kann und hat also so eine Zwischenlösung gefunden und macht sich da auch Gedanken und wirklich viele Gedanken. Das heißt, das Bewusstsein ist da.

Und wenn wir an diesem Punkt stehen, wenn wir einfach keine Kraft mehr haben, uns um diese ganzen Details zu kümmern, dann ist es super wichtig, dass wir uns gut um uns kümmern, dass wir erstmal wieder Kraft schöpfen und dass das sowieso die ganze Zeit über ein Dualismus ist, dass wir uns gut um uns kümmern, damit wir ausreichend Kraft haben, für den Wandel zu kämpfen. Und das ist meiner Meinung nach die Aufgabe unserer Zeit, dass wir für den Wandel eintreten. Wir können den Klimawandel nicht mehr aufhalten. Wir können aber vielleicht dafür sorgen, dass er nicht so drastisch ausfällt, wenn wir jetzt handeln.

Und da reicht es eben einfach nicht aus, dass wir unser Putzmittel selber machen oder unsere Zahnpasta selber machen. Es reicht noch nicht mal aus, dass wir uns vegan ernähren. Wir müssen wirklich den gesellschaftlichen Wandel anstreben. Und auch da kann jeder und jede einzelne etwas tun, indem wir uns Gruppen anschließen, indem wir uns vernetzen, indem wir mit anderen zusammen für den Wandel eintreten. Und da gibt es so viele Initiativen, dass wir uns Transition-Initiativen einschließen, dass wir einfach zu Urban Gardening-Projekten gehen. Das ist jetzt natürlich während der Corona-Situation alles ein bisschen schwieriger geworden. Aber es gibt online auch immer noch so viele Menschen, die aktiv sind, wo du auch deine Gruppe finden kannst. Und ich finde diesen Zweiklang unglaublich wichtig, dass wir einerseits gut auf uns achten und andererseits etwas für den Wandel tun.

Und da dann beim Wandel eben auch nochmal diesen Zweiklang zu beachten, wir können bei unserem persönlichen Verhalten nur an Grenzen stoßen. Es wird immer Grenzen geben und wir können es nie perfekt machen. Wir können es nie perfekt machen. Wir können auch nicht perfekt vegan leben. Das geht auch nicht. Wir leben einfach in einer nicht perfekten Welt. Und solange wir den gesellschaftlichen Wandel nicht vollzogen haben, werden wir immer an Grenzen stoßen. Und das ist leider die unschöne Botschaft, die ich dir mitgeben muss und zu der ich auch stehe. Denn ich kann dir keine schöne Lösung anbieten, solange das System bleibt, wie es ist.

Und ich sagte vorhin, es ist tröstlich für mich, dass es so ist, dass wir mit unserem persönlichen Verhalten einfach nur an Grenzen stoßen können und dass es keinen Sinn hat, sich in Details zu verlieren. Für mich ist es insofern tröstlich, als dass, wenn ich einfach keine Kraft mehr habe, meine Pflanzenmilch selbst zu machen und dann doch mal das TetraPak kaufe oder wenn ich dann eben generell beim selber machen, da Abstriche mache, weil einfach gerade anderes Wichtiger ist, dass diese Details einfach nicht so wichtig sind. Dass es dann viel viel wichtiger ist nach draußen zu gehen und sich gesellschaftlich zu engagieren.

Es ist natürlich die Frage, ob du dafür dann überhaupt Kraft hast. Aber viel wichtiger ist es dann, gut für dich zu sorgen. Denn nur wenn du gut für dich sorgst, kannst du ja auf lange Sicht auch immer noch aktiv bleiben. Und das ist ja nun mal auch Thema dieses Podcasts, wenn du dir die vergangenen über 100 Folgen alle anhörst, wirst du da ausreichend Impulse bekommen, auch da nach deinen Möglichkeiten. Werde aktiv nach deinen Möglichkeiten. Und wenn es eben gerade nicht geht, dann hilft es auch nicht, dich zu geißeln und dir zu sagen, aber ich muss jetzt aktiv werden. Dann dreh es lieber um, sei aktiv, wann immer es dir möglich ist und achte gut auf dich.

Und nochmal als Zusammenfassung: es geht nicht darum, perfekt zu sein. Wir können einfach nicht perfekt sein. Es gibt die perfekte Lösung nicht, denn wir leben in einer nicht perfekten Welt, die nicht auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist und nicht den Werten entspricht, die wir leben wollen. Und wir sind Menschen. Und Menschen menscheln. Menschen sind einfach nicht perfekt. Wir können das einfach nicht sein. Wir machen Fehler, wir stolpern, wir fallen hin. Es ist wichtig, wieder aufzustehen. Und es ist wichtig, gut für dich zu sorgen. Es ist wichtig, den Fokus mehr auf den gesellschaftlichen Wandel zu richten, als auf die Details, was du persönlich noch ändern kannst. Soweit erst mal zu diesem Thema.

Ich danke dir fürs Zuhören und ich freue mich, wenn du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist.

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