Die Phasen Deines veganen Lebens

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Folge 35 - Die Phasen Deines veganen Lebens

In dieser Folge spreche ich über die verschiedenen Phasen, die wir als Veganer*innen durchlaufen und über die Bedürfnisse, die sich daraus für uns ergeben.

Auch wenn wir zu Beginn unseres veganen Lebens oft aktiv sein und alle davon überzeugen wollen ebenfalls vegan zu leben, kann es durchaus dazu kommen, dass wir mit der Zeit müde werden und keine Energie haben uns den immer gleichen Sprüchen zu stellen.

Und auch das ist okay.

Dein Aktivismus ist ganz individuell von Dir abhängig und nichtzuletzt auch von Deiner Tagesform und Deinem Alltag.

Ich erzähle Dir außerdem, warum ich mich dazu entschieden habe meine Hamburg vegan erkunden Touren aufzugeben.

Vollständiges Transkript

Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des Von Herzen Vegan Podcasts, der dir hilft, dich gelassen und souverän durch deinen veganen Alltag zu bewegen.

Ich bin Stefanie und ich möchte in dieser Folge mit dir über Müdigkeit sprechen, und zwar über die Müdigkeit, die du erlangst, wenn du zu oft die gleichen Sätze hörst. Und es soll um Phasen gehen, die du in deinem Leben als Veganerin oder als Veganer erlebst. Und wie du damit umgehen kannst.

Als ich vegan geworden bin, ging es mir wahrscheinlich wie vielen anderen auch, dass ich sehr daran interessiert war, andere zu überzeugen. Und ich habe in dieser Zeit ganz viele Informationen aufgesaugt und ganz viel gelernt. Und hatte das Glück, dass ich mir auch den Podcast von Colleen Patrick-Goudreau angehört habe. „Food for Thought“ heißt er und sie war damals schon ewig vegan und sie hat immer wieder davon gesprochen, dass sie nie sagte „Go vegan“. Und am Anfang habe ich das auch gesagt. Ich habe überall hingeschrieben Go, vegan, go vegan. Und ich fand ihre Erklärung aber so plausibel, dass ich es dann gelassen habe, denn sie meinte, wenn wir jemanden sagen, dazu auffordern, etwas zu tun und ihn quasi bedrängen und sagen „Ey, jetzt go vegan, go vegan“, dann kann das ganz schnell zu einer Abwehrhaltung führen. Sie geht den Weg des Planting Seeds, also sie sät quasi Samen, und zwar einfach nur durch pures Vorleben. Und das habe ich mir als Vorbild genommen, weil ich einfach gemerkt habe, dass ich auch immer wieder angeeckt bin, wenn ich dann gesagt habe „Aber du musst es doch sehen und du musst doch verstehen und siehst du das denn nicht? Und guck doch mal die Hühner, also guck doch mal, die Kälber!“ Und es also immer wieder versucht habe und gesagt habe Go vegan! Und es hat einfach bei mir nicht funktioniert.

Und Colleen verfolgt tatsächlich diese Theorie, dass es die verschiedensten Dinge sein können, die uns dazu bringen, dann tatsächlich über unser Verhalten nachzudenken und auch Dinge in Frage zu stellen. Und du kennst das sicherlich auch. Du siehst manchmal Dinge so oft, Du gehst daran vorbei, du hörst, du siehst sie, du liest etwas darüber und irgendwann sei es beim tausendundeinsten Mal, dann auf einmal siehst du es ganz anders. Das ging mir mit dem Wort Kalb so.

Ich war ja ganz lange Vegetarierin. Ich habe also kein Kalbfleisch gegessen oder irgendwas mit Kalb, aber ich habe die Verbindung dazu einfach gar nicht hergestellt. Was ist denn ein Kalb? Also natürlich war mir das klar, was ein Kalb ist, aber in meinem Kopf gab es keine Verbindung zwischen dem Wort und dem Tier. Und erst als ich vegan geworden bin und mich dann stark mit den Milchkühen beschäftigt habe, habe ich das auf einmal überall gesehen und habe dann Kalbsdöner gesehen und dachte „Oh Gott, was ist das?“ Und keine Ahnung, was alles mit Kalb war im Tiefkühlregal vom Supermarkt. Und jedes Mal, wenn ich dieses Wort gesehen habe, bin ich wieder getriggert worden und habe gedacht „Oh nein.“ Und das, obwohl ich schon 20 Jahre vegetarisch gelebt habe und eben kein Fleisch gegessen habe. Trotzdem war mir das einfach nicht klar und es war mir wahrscheinlich auch deswegen nicht klar, weil ich immer gedacht hat „Naja, es geht mich nichts an. Für mich stirbt ja kein Tier.“

Es ist mir erst viel später bewusst geworden und deswegen bin ich dazu übergegangen, tatsächlich auch dieser Methode zu folgen, dem Planting Seeds, das ich einfach nur vorlebe und aufkläre, indem ich informiere. Ich informiere über meine Podcasts, über meine Webseite, über Vorträge und auch eben an Infoständen. Teilweise. Das habe ich die letzten drei Jahre gemacht, dass ich in der Albert Schweitzer Stiftungs Ortsgruppe aktiv war hier in Hamburg und immer mal wieder an den Infoständen ausgeholfen habe. Ich war aber auch wirklich nie die, die aktiv sich ins Kuh-Kostüm geschmissen und die Menschen angesprochen hat, sondern für mich war es immer einfacher, hinter dem Infostand zu stehen und dann kommen die Menschen von alleine zu dir und dann haben sie schon gewisses Interesse. Und dann habe ich gerne mit ihnen gesprochen.

Genauso habe ich auch vor drei Jahren meine Hamburg vegan erkunden Touren entwickelt. Ich habe angefangen mit Radtouren und dann Spaziergänge dazu genommen, dann auch individuelle Touren gemacht und habe eine Rallye entwickelt, die man auf eigene Faust spielen kann mit dem Smartphone. Und das habe ich alles gemacht, weil ich anderen zeigen wollte, die noch nicht vegan leben, was es bedeuten kann, vegan zu leben. Wie einfach das ist auch in Hamburg und was es über Ernährung hinaus bedeutet. Und es wurde sehr gut angenommen und ich habe viele Touren gemacht. Ich habe nur dann gemerkt, dass ich das mit meiner Familie einfach nicht gut vereinbaren kann.

Und ich bin jetzt an den Punkt gekommen, dass ich einfach müde bin. Mich ermüden diese Basisfragen, diese immer gleichen Fragen, die immer gleichen Diskussionen, die ich führen muss. Und das ist auch der Grund, warum ich mich jetzt von den Infoständen so ein bisschen zurückgezogen habe, weil es immer das Gleiche ist. Ich habe es jetzt bei der letzten Radtour wieder erfahren. Es waren Vegetarier·innen dabei und Menschen, die von sich gesagt haben, dass sie nur wenig Fleisch essen. Und da waren Standardfragen dabei wie „Ja, aber was ist denn so schlimm an Wolle? Die Schafe müssen doch sowieso geschoren werden.“ Und „ja, ich finde das ja total unnatürlich, dass du dein Kind Supplemente gibst“, einfach solche Sachen. Und diese Fragen, die sind nicht böse gemeint. Zumindest gehe ich davon aus und sie sind ganz normal für den Anfang. Diese Fragen haben wir uns alle am Anfang gestellt und es ist völlig in Ordnung, sie zu stellen. Nur bin ich jetzt tatsächlich müde geworden, sie zu beantworten.

Und das ist tatsächlich mein Punkt auch für diese Folge, dass es Phasen gibt in deinem Leben, wann du wie nach außen treten möchtest. Und für mich war das jetzt ein Punkt, dass ich gemerkt habe okay, ich möchte diese Touren auch deswegen nicht mehr machen, weil ich einfach keine Lust mehr habe, immer und immer wieder die gleichen Diskussionen zu führen. Es raubt mir die Kraft und ich möchte mich mehr auf die Veganerinnen und Veganer konzentrieren, die eben schon vegan leben und die Unterstützung benötigen, diese Herausforderungen zu meistern und ihnen zu zeigen, wie sie das gelassen tun können und sie auch zu einer inneren Gelassenheit zu führen. Und wenn ich dann meine Energie darauf verwende, immer wieder diese Basic Fragen zu beantworten und diese Touren zu fahren und all meine Kraft darein stecke, dann fehlt sie mir einfach an anderer Stelle, an der ich jetzt im Moment viel lieber arbeiten möchte. Die Touren haben mir wahnsinnig viel Spaß gemacht am Anfang, aber ich habe jetzt einfach gemerkt, dass es nicht mehr geht und.

Das ist tatsächlich etwas, was ich über die Jahre hinweg beobachten konnte. Es gibt Phasen und du darfst diese Phasen haben. Du musst nicht immer in der gleichen Phase stecken. Vielleicht gibt es auch bei dir Phasen, wo du einfach eher für dich sein möchtest und einfach nicht immer diese Fragen beantworten willst. Und das ist auch okay. Es gibt vielleicht Phasen, in denen du gerne aktiv werden möchtest, in denen du nach draußen gehen möchtest, an denen du an einem Infostand stehen möchtest, in denen du an einer Demo teilnehmen möchtest, an einem Cube of Truth oder in einer Silent Line stehen. Das ist alles in Ordnung. Das ist aber individuell.

Ich weiß, ich nutze dieses Wort individuell sehr oft. Es ist mir sehr wichtig. Du, nur du allein kannst deinen individuellen Weg finden, wie du vegan leben möchtest und wie aktiv du sein möchtest. Ob du vielleicht gerade in einer Phase steckst, in der du eher für dich sein möchtest, oder ob du in einer Phase steckst, in der du gern nach außen gehen willst und etwas bewirken und demonstrieren und andere bewegen und diese Fragen diskutieren und in denen du einfach Lust darauf hast. Das ist völlig in Ordnung. Es gibt diese Phasen in deinem Leben und leb sie einfach. Du darfst sie leben. Ich finde nichts schlimmer, als wenn von außen diktiert wird, was du gerade tun sollst. Dass du immer aktiv sein musst. Dass es darum geht, eine Strichliste zu führen, wie viele Menschen du in deinem Leben schon veganisiert hast. Am besten tagesbasiert und wir da dann irgendeine Challenge machen. „Okay. Wer am meisten veganisiert hat, der gewinnt keine Ahnung was.“ Das, finde ich, ist keine Lösung.

In unserer Welt sollte Platz sein für alle Arten von Menschen, für jegliche Gemütszustände. Denn es geht ja schließlich um ein Wertesystem. Und es geht vor allem auch darum, dass du neben deiner Rolle als Veganer·in ja auch noch andere Rollen erfüllst. Und je nachdem, wie stark die dich beanspruchen, danach wird sich dein Energielevel auch richten. Und es geht doch wirklich darum „Wie viele Bälle hast du gerade in der Luft, was jonglierst du gerade alles?“ Und bei der letzten Radtour, also jetzt nicht der am Sonntag, sondern am vorletzten Sonntag, da hatte ich eine Teilnehmerin dabei, die mir erzählt hat, dass sie selber an MS erkrankt ist und darüber zur veganen Ernährung gekommen ist und sie aber auch noch gleichzeitig ihre kranken Eltern pflegt und einen Vollzeitjob hat. Und sie ist einfach so zu, dass sie sich jetzt nicht weiter damit beschäftigen kann. Und sie ist gerade erst vegan geworden. Sie lebt jetzt gerade erst so die ersten Schritte. Aber sie kann jetzt nicht nach draußen gehen und aktiv werden und sich für diese Lebensweise einsetzen, weil sie einfach so eingesponnen ist in ihren eigenen Alltag.

Und vielleicht geht es dir auch so, vielleicht hast du einfach nicht die Kraft, nach draußen zu gehen und dann ist das okay. Wie viele Bälle hast du in der Luft? Es ist völlig okay, wenn du sagst, ich möchte jetzt nicht aktiv sein. Und dann ist es natürlich auch noch Tagesformabhängig. Wie geht es dir gerade heute? Hast du vielleicht schlecht geschlafen, hast du Kinder und die werden ständig früh wach und du kümmerst dich um die und es geht dir heute schlecht. Wenn du Kinder hast, dann weißt du mehr als alle anderen, dass alles immer nur eine Phase ist. Womit wir wieder bei „Auch dies geht vorbei“ sind, die guten Zeiten wie die schlechten Zeiten. Und wenn du merkst, dass du einmal gut geschlafen hast, kann es am nächsten Tag schon wieder eine schlechte Nacht sein. Vielleicht bist du chronisch krank, vielleicht hast du andere Probleme in deinem Alltag. Es kann so vieles geben, was dich einfach dazu bringt, im Moment nicht aktiv sein zu können. Und das ist völlig in Ordnung. Es ist wirklich in Ordnung.

Und andersrum, wenn du das Gefühl hast, du willst jetzt rausgehen und du bist bereit und du bist stark, warum denn nicht? Mach es doch. Das ist auch völlig in Ordnung. Mir geht es nur darum, dass du die Freiheit haben solltest, die Wahl, dass du die Wahl hast, zu sagen „Ich gehe jetzt raus oder ich gehe nicht raus.“ Und dass du nicht unter Druck gesetzt wirst, dass du immer rausgehen musst und immer aktiv sein musst und immer auf alles die passende Antwort parat haben musst. Du darfst auch inkognito sein, du darfst dich auch zurückziehen, Du darfst auch einfach nur du sein und du darfst dich auch anderen Themen widmen. Das ist völlig okay. Und genau so mache ich das jetzt auch, dass ich jetzt zwar noch die letzten Touren fahre und im Sommer dann dieses Projekt Hamburg vegan erkunden abschließen werde und mich dann voll und ganz Von Herzen Vegan widme und meinen Clanmitgliedern und allen, denen ich helfen kann, im Alltag gelassen und souverän zu sein. Und wenn du jetzt sagst, du hättest gerne noch so ein bisschen Unterstützung von Gleichgesinnten, dann kommen gerne in den von Herzen Vegan Clan [ist mittlerweile eingestellt]. Der wächst kontinuierlich und ich freue mich total. Es ist eine ganz tolle, wertschätzende Gemeinschaft Und ja, ich freue mich, wenn du dabei bist. Und ich freue mich natürlich auch, wenn du beim nächsten Mal hier im Podcast wieder rein hörst.

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Hinweis zum Von Herzen Vegan Clan

Im November 2021 ist der Von Herzen Vegan Clan ein Teil meiner damals neuen Community, des Experimentariums geworden.

Das Experimentarium gibt es seit Dezember 2022 nicht mehr.

Ich bin gerade dabei eine neue Online-Community aufzubauen. Wenn Du interessiert bist, schau doch mal vorbei:

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