Eine kurze Geschichte der Menschheit

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Folge 158 - Eine kurze Geschichte der Menschheit

In dieser Folge

  • sprechen wir über das Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" von Yuval Noah Harari,
  • erzählt Carsten wann Du dieses Buch lesen solltest und wann nicht und
  • liest Carsten zwei Passagen aus dem Buch vor, damit Du einen Eindruck davon bekommst, wie es geschrieben ist.

Nach einer kurzen Recherche kann ich gleich hinzufügen, dass Harari vegan lebt und in einem 2015 erschienenen Artikel im Guardian (Achtung! Verstörendes Titelbild.) die Massentierhaltung als das größte Verbrechen der Menschheit bezeichnet hat.

Wenn wir ein wenig länger über die Geschichte der Menschheit nachdenken, erkennen wir unweigerlich einen roten, blutigen Faden der Gewalt. Eigentlich ist es kein Faden mehr, sondern eine sehr breite Schneise.

Nicht umsonst nennt Harari den Menschen den Schrecken des Ökosystems- wir sind gerade dabei unsere Lebensgrundlage so gründlich zu zerstören, dass wir uns bald von der Erde getilgt haben. Die Frage ist nur: für was?!

Vollständiges Transkript

Stefanie In dieser Folge wollen wir mal wieder ein Buch vorstellen und das hat Carsten gelesen. Und zwar „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari.

Carsten Ja, genau. Das Buch ist eigentlich sehr, sehr bekannt. Ich bin vor einiger Zeit immer mal wieder über diesen Titel gestolpert. „Eine kurze Geschichte der Menschheit“, nicht zu verwechseln mit Bill Brysons „Eine kurze Geschichte von fast allem“. Aber ich habe dieses Buch bisher, ich weiß nicht, gemieden nicht unbedingt, aber eigentlich nie so wirklich in die Hände bekommen, weil ich thematisch nicht in der Lage war, dieses Buch einzuordnen. Und da ich, sage ich jetzt mal, ein themenbezogener Leser bin, der sich eigentlich in bestimmte Themen immer ein bisschen weiter einliest, ist dieses Buch bisher an mir vorbeigegangen. Und jetzt habe ich endlich mal zugegriffen. Ich stand in der Bibliothek und hab gedacht, jetzt nimmst du es mit und bin froh darüber. Ich muss sagen, auch wenn ich jetzt im Vorfeld nicht unbedingt diesen Fokus hatte, dieses Buch explizit zu lesen, sondern einfach mehr so aus Neugierde zugegriffen habe, war es ja die Tage, Wochen, ich habe ein bisschen länger gebraucht, um durchzukommen, war es durchaus wert.

Stefanie Für wen ist denn dieses Buch? Kannst du das vorab schon mal sagen, damit diejenigen, die sagen das ist nichts für mich, gleich mal wieder abschalten können?

Carsten Es ist eine einfache und eine schwierige Frage, weil ich glaube, alle Leute, die in irgendeiner Art und Weise so ein bisschen Geschichtsinteresse haben und gleichzeitig mehr über „Wer sind wir? Wir als Menschen oder als Menschheit“ wissen möchten, die sind mit diesem Buch extrem gut bedient. ist ein Yuval Noah Harari ist Historiker und hat mit diesem Buch tatsächlich eine Art Rundumschlag der menschlichen Entwicklung niedergeschrieben, ungefähr 500 Seiten dick. Da ist so einiges an Inhalten drin. Er fängt in der Frühgeschichte an, da wo der Homo sapiens das erste Mal auf der Erde auftaucht und geht bis zur Jetztzeit und versucht auch so ein paar Fragen zu erörtern bzw. anzusprechen, die ein bisschen in die Zukunft reinschauen. Er stellt auch so ein paar Mutmaßungen an und diesen gesamten Themenkomplex hat er auf eine unglaublich unterhaltende Art und Weise zusammengestellt und das Ganze auch noch mit einem sehr saloppen Tonfall oder einer Erzählart, die völlig untypisch für Historiker ist. Also absolut kein trockenes Buch, teilweise süffisant geschrieben, es macht Spaß es zu lesen. Es ist aus meiner Sicht ganz häufig so vom Wortlaut her, als ob er mit dem Leser reden würde. Also ich kann mir vorstellen, dass er im Interview oder in einem direkten Dialog nicht anders sprechen oder sich anders ausdrücken würde. Und das macht dieses Buch wirklich reizvoll. Und wie gesagt, wenn du, liebe·r Hörer·in, irgendwie Interesse daran hast, wie der Mensch so werden konnte, wie er ist und was er auf diesem Weg dorthin eigentlich alles getan hat, dann bist du mit diesem Buch absolut super bedient.

Stefanie Und hat es auch irgendwas mit vegan zu tun oder eher nicht?

Carsten Teilweise. Also ich habe es jetzt nicht aus diesem Blickwinkel gelesen, dass da vornehmlich vegane Themen thematisiert werden. Aber er spricht an mehreren Stellen das Mensch-Tier-Verhältnis an. Und das ist das Erstaunliche, dass er die Geschichte der Menschheit, ja, ich will sagen nicht unbedingt neutral betrachtet, also nicht so wissenschaftlich abstrakt und beschreibt. Sondern er zeigt eindeutig die negativen Seiten auf. Das Handeln des Menschen, des Homo sapiens als Spezies stellt er ungeschminkt negativ dar, so wie er tatsächlich in seinen schlechteren Varianten erschienen ist. Und das auch natürlich im Mensch-Tier-Verhältnis. Also da ist er sehr kritisch und auch sehr, sehr deutlich, teilweise in einer Deutlichkeit, die man so mehr aus dem Bereich Tierschutz, Tierrechte oder Tierbefreier·innen mitbekommt.

Was ich jetzt nicht weiß, das habe ich auch leider im Vorfeld vergessen zu recherchieren ist, ob der Autor selber vegan lebt. [Anmerkung: Der Autor lebt vegan.] Er spielt im Buch so eine kleine Anekdote mit rein. Er wohnt in Israel und ich meine, dass er dort kurz in seiner Anekdote auf sein Frühstück eingeht. Er spricht irgendwie von Frühstücksflocken oder so was, die er sich mit Milch macht. Also ich kriege das jetzt nicht mehr ganz so auf die Reihe, aber es klingt so ein bisschen durch, dass er zumindest nicht vegan lebt. Ich bin mir nicht sicher, ob er vegetarisch lebt, aber das hat mich so ein bisschen irritiert, weil ich gedacht habe, die Art und Weise, wie er dieses Mensch-Tier-Verhältnis darstellt, ist eindeutig. Mit dieser Härte kriegt man es eigentlich nur aus Kreisen, die sich ganz klar vegan positionieren mit und dann gleichzeitig aber eben zu lesen, dass er da kein Problem damit hat, Milch zu konsumieren.

Stefanie Vielleicht ist das ja auch bio und bewusst, also so „indianisch“, dass er der Kuh immer was schenkt, wenn er von ihr die Milch bekommt.

Carsten Ach so meinst du das.

Stefanie Vielleicht ist es ja so..

Carsten Da musst du aufpassen, weil auch dieses „Indianische“ stellt er klar, dass das zu einem bestimmten Mythos daherkommt. [Anmerkung: Wir haben mittlerweile dazugelernt und nutzen das Wort „Indianer“ eigentlich nicht mehr. Warum kannst Du hier nachlesen: https://buuu.ch/allgemein/warum-wir-keine-Indianerbucher-lesen/]

Stefanie Okay.

Carsten Also das ist so etwas. Man lernt beim Lesen wirklich ganz, ganz, ganz viele Feinheiten, die man vorher eigentlich gar nicht so bewusst wahrgenommen hat. Bezogen auf die „I*******“: Wie stellst du dir „I*******“ vor in der Prärie? So dieses Bild des klassischen „I*******s“.

Stefanie Yakari.

Carsten Yakari? Genau.

Stefanie Wir sind da so ein bisschen vorgeprägt durch diese Kinderserie. Yakari. Vielleicht kennst du die auch. Das ist ein kleiner „I*******junge“, der viele Abenteuer erlebt, der aber mit den Tieren sprechen kann und die hören kann, aber trotzdem natürlich nicht vegan lebt.

Carsten Ja, und der natürlich immer mit seinem Pferd unterwegs ist. Und da zeigt Harari in seiner Geschichte Leute, „I*******“ mit Pferd, das ist eher neu. Also die „I*******“ hatten bis zum Einfall des weißen Mannes in Amerika gar keine Pferde, da gab es keine Pferde.

Stefanie Also es heißt doch immer, dass sie die Wildpferde gezähmt haben.

Carsten Ja, aber diese Wildpferde existierten damals nicht so wirklich. Die, ich sag jetzt mal Präkolumbianer. Kolumbus ist ein Kolumbianer, weiß ich nicht. Also die Menschen, die nach Kolumbus den amerikanischen Kontinent für sich erobert haben.

Stefanie Das sind dann aber die Post-Kolumbianer, nicht die Prä-. Weil „prä“ ist davor, „post“ ist danach.

Carsten Ja, ich war total. Ich war bei Präriegedanken. Also genau okay.

Stefanie Die Prärie-Kolumbianer. Weißt du Bescheid? Richtig. Also, die Prärie-Kolumbianer, was war mit denen?

Carsten Ich kreiere neue Völker, neue Zeitabstände. Das ist ja gut. Also, sprich, es sind importierte Tiere. Die gab es vorher noch nicht. Also dieses klassische I*******bild von im Einklang mit der Natur und ohne Sattel reiten und halt Wildpferde einfangen und die zähmen und Bison zu jagen. Das ist alles sehr schön aus der sagen wir mal so Westernszene. Das sagte er jetzt nicht. Das interpretiere ich daher, weil irgendwo muss dieses Bild entstanden sein. Aber er stellt halt klar, dass es damals eigentlich noch gar keine oder erst ab 1700 keine Ahnung was oder so was Pferde gab in dem Ausmaß.

Stefanie Und wie haben sie dann vorher gelebt. Sagt er es auch?

Carsten Nee, da geht er also. Er geht jetzt nicht explizit auf die Geschichte der I******* ein. Er schaut eigentlich mehr so aus der Geschichte der Kolonialherren. Okay, dass das halt die Europäer als einzige Kultur oder einziger Kulturkreis auch tatsächlich Interesse daran hatte, fremde Länder zu erobern, nicht nur zu erkunden, sondern zu erobern. Das gab es auch bei anderen Hochkulturen nicht in der Ausprägung. Also die Asiaten, die ja durchaus in bestimmten Fertigkeiten viel früher da waren oder oder Fertigkeiten viel früher entwickelten als wir Europäer, hatten eigentlich nicht den Drang, über ihre Grenzen hinaus zu agieren. Die haben innerhalb ihres Reiches ja agiert und damit haben sie es beruhen lassen. Also da war im Grunde genommen diese Mentalität, na ja, eigentlich wissen wir alles und die europäische Kultur war tatsächlich die erste, die anerkannt hat, dass es eben weiße Flecken auf der Landkarte gibt, weiße Wissensflecken, aber auch tatsächlich weiße Flecken auf der Welt Landkarte. Die sind ja von der Mentalität her in der Hinsicht offen gewesen, dass sie gesagt haben: Wir wissen halt nicht alles, wir wollen aber mehr wissen. Und dementsprechend haben sie diesen Forscherdrang gehabt und dann halt andere Länder erkundet, andere Länder versucht zu erobern und dann halt diese kolonialistische oder imperialistische Lebensweise auch ausagiert.

Die kulturellen Unterschiede zwischen Ost und West zeigt er anhand des Beispiels des Schießpulvers. Also eigentlich weiß es jeder, dass die Chinesen das Schießpulver erfunden haben. Nur wenn jetzt das Schießpulver nicht in China, sondern in Europa erfunden worden wäre, läge es nahe, dass es zu militärischen Zwecken verwendet wird. Ich sag jetzt mal so kurz gedacht, der Europäer würde so was erfinden und das nächste, was er machen würde, wäre versuchen, irgendwie ein Gewehr oder eine Kanone damit zu bauen. Und die Chinesen selber, das einzige was sie gemacht haben, waren Feuerwerke und erst so 600 Jahre später haben sie es dann auch militärisch genutzt. Also die haben unglaublich lange gebraucht, um eben solche Techniken auch so einzusetzen, dass sie für Zwecke verwendet werden, wo wir Europäer einfach gesagt hätten, das ist naheliegend, aber naheliegend bei uns, weil wir eben dieses Kolonialistische hatten. Wir wollen erobern und auch die Schätze aus fernen Ländern für eigene Zwecke nutzen. Das beschreibt er hier drin in dem Buch. Und das ist tatsächlich etwas, was sehr umfangreich und auch detailliert beschrieben wird.

So sind wir aber auch schon ein bisschen unstrukturiert vorgegangen. Tatsächlich hat das Buch eine lineare Struktur, sowohl zeitlich als auch inhaltlich. Der Autor gliedert das Buch eigentlich in drei große Themenbereiche, die er jedes Mal mit Revolution bezeichnet. Die erste Revolution, die er benennt, ist die kognitive Revolution. Das ist der Zeitpunkt vor ungefähr 70.000 Jahren, wo der Homo sapiens tatsächlich so auf der Landkarte erschien. Kognitiv sagt der Begriff ja schon, dass dann die Gehirnentwicklung so weit auf einmal auch vielleicht sprunghaft vorangeschritten ist, dass der Homo sapiens als Spezies dadurch einen Vorteil hatte und sich dann quasi auch durchsetzen konnte. Also vor 70.000 Jahren ungefähr die erste Revolution.

Die zweite Revolution ist für ihn die landwirtschaftliche Revolution, so ungefähr vor 15.000 Jahren. Also sprich das, wo der Mensch sesshaft geworden ist, angefangen hat, Landwirtschaft und Viehzucht zu treiben, Ackerbau und Viehzucht. Und dann vor ungefähr 500 Jahren die wissenschaftliche Revolution, wo wir aus dem dunklen Mittelalter rausgegangen sind und dann tatsächlich so dieses Erforschen dann ausgelebt haben, was sich ja bis zur Jetztzeit immer stark beschleunigt hat und mittlerweile so schnell abläuft, dass man das eigentlich gar nicht mehr richtig fassen kann mit Internet und Digitalisierung etc. Und diese drei Themenbereiche, die gliedert er eben inhaltlich und zeitlich und zeigt eben auch, was für Folgen dieser ganzen Revolution hatten.

Und was ich aber sehr interessant finde, ist die Detaildichte, die er bei dieser Geschichtenerzählung mit dazu liefert. Also er zeigt zum Beispiel, dass damals, als der Homo sapiens auf der Erde auftauchte, war es so, dass andere Spezies, die auch dem Homo zugeordnet waren, ebenfalls existierten. Für mich selber war das eine neue Erkenntnis. Ich habe immer gedacht okay, das ist so ein linearer Werdegang. Irgendwo entsteht eine Menschengattung nach der anderen in einer zeitlichen Abfolge und er stellt halt klar: Nein, das ist nicht so. Die haben parallel gelebt, bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Und er lässt es so vermuten, dass der Homo sapiens nicht gerade unschuldig an dem Aussterben der anderen Arten gewesen ist, unter anderem auch des Neandertalers, weil der Homo sapiens eben die Fähigkeit, die kognitive Fähigkeit hatte, sich anders zu organisieren.

Stefanie Und was natürlich dazugehört, ist auch, dass der natürlich ganz viel Fleisch gegessen hat. Und die anderen waren alle vegan.

Carsten Ja, richtig, genau. Ja, das schreibt er jetzt so nicht, aber genau.

Stefanie Das steht zwischen den Zeilen, weil es genau das ist ja, dass Fleisch für die Gehirnentwicklung sehr wichtig war.

Carsten War es auch. Pass auf, jetzt kommt's! Ganz wichtig zu kapieren: Unser Gehirn ist geschrumpft. Er spricht damals in der Zeit so vor 70.000 Jahren, als wir quasi noch Jäger und Sammler waren. Die Menschen benennt er dort als Wildbeuter.

Stefanie Okay.

Carsten Ein Begriff, den ich vorher noch nicht gehört habe. Ich finde den aber schön, packend, griffig.

Stefanie So wie Freibeuter.

Carsten Ja nur Wildbeuter. Die lebten halt in der Wildnis und waren die klassischen Jäger und Sammler. Deren Gehirn war größer als das Gehirn nachdem wir sesshaft geworden sind. Also sprich zu den Zeiten, wo wir wirklich Ackerbau und Viehzucht betrieben haben, wo man denkt, eigentlich sind das ja so, wenn du guckst, heute Landwirtschaft studieren und so, sind ja schon fast akademische Weihen, die man da bekommen könnte, dass das vom Kognitiven her vielleicht sogar anspruchsvoller gewesen. Das war nicht so. Die Gehirnleistung seit der Sesshaftwerdung ist im Grunde genommen geringer gewesen. Das hängt damit zusammen, dass die Wildbeuter ein viel, viel umfangreicheres und größeres Verständnis von ihrer Umgebung haben mussten. Der Bauer, der musste im Grunde genommen nur für sich lokal vor Ort Wissen aufbauen. Die Wildbeuter mussten wissen zu welcher Jahreszeit gibt es in dem Landstrich das und das zu essen? Da muss ich jetzt graben, um an irgendwelche essbaren Wurzeln zu kommen. Hier sind Sträucher mit Beeren, die darf ich nicht essen. Dafür sind dahinten schmackhafte Beeren. Ah, die Pilze sind gut, die darf ich essen. Um die Jahreszeit gibt es da hinten in dem Wald oder Wiesengebiet entsprechende Tiere etc. Also all dieses umfangreiche Verständnis von der Welt im zeitlichen Ablauf des Jahres, das war nicht mehr notwendig in dem Maße, wo wir sesshaft geworden sind. Und deswegen ist das tatsächlich nachweisbar, dass im Laufe der Zeit unsere Gehirne geschrumpft sind. So, und jetzt kommt's: natürlich, eigentlich zu dem Zeitpunkt, wo wir Ackerbau und Viehzucht betrieben haben, war der Mensch ja eigentlich in der Lage, mehr Fleisch zu konsumieren, weil wir die Tiere explizit dafür gezüchtet haben. Er greift dieses Argument Fleisch und Gehirnentwicklung nicht auf. Aber ich fand das total cool, einfach mal zu sehen, dass zu dem Zeitpunkt, wo ich sag jetzt mal naiv gedacht, eigentlich behauptet wird, das bringt jetzt quasi unser Gehirn auf maximale Größe durch den Fleischkonsum und wir haben das Feuer entdeckt und keine Ahnung, was - dass dann noch mal eine Schrumpfung stattgefunden hat.

Stefanie Aber das Feuer haben wir ein bisschen früher entdeckt.

Carsten Das stimmt. Also vor ungefähr 300.000 Jahren, wenn ich das richtig gelesen habe.

Stefanie Also von daher, vielleicht ist es auch so gemeint, dass es damals der Fleischkonsum war, der dann und naja, und dann sind wir immer bequemer geworden und haben nicht mehr so viel Gehirnkapazität gebraucht. Und heute ist das Gehirn erbsengroß.

Carsten Jetzt haben wir Computer, die denken für uns ganz genau. Was ich noch lustig fand, ist die Art und Weise, wie er über diese landwirtschaftliche Revolution spricht. Das ist für ihn der größte Betrug der Geschichte.

Stefanie Okay.

Carsten Da wo normalerweise so aus dem, was ich bisher über diese landwirtschaftliche Revolution wahrgenommen habe, war das ja immer das Beste, was dem Menschen passieren konnte. Und er sagt Leute, ja, genau das Gegenteil ist der Fall. Den Menschen ging es dadurch schlechter. Der Mensch hat dadurch weniger lange gelebt, er hatte eine schlechtere Lebensqualität, er hatte eine schlechtere Nahrung, er war häufiger krank und er musste monotone Arbeiten übernehmen. Der Wildbeuter, der hatte den viel angenehmeren Lebensalltag, der hatte viel mehr Freizeit, wenn er seine Nahrung zusammengestellt hatte, dann hatte er Freizeit. Der musste jetzt nicht auch aufs Feld und dort pflügen. Er musste jetzt nicht irgendwie ernten oder so, sondern er konnte viel freier über seine Zeit verfügen. Natürlich musste er reisen und wissen, wo ich was zu essen bekomme. Aber der Bauer, der war halt Knecht seiner Umgebung. Er konnte nicht weg, er musste auf das aufpassen, was er vor Ort hatte. Er musste auch aufpassen auf die Gegenstände die er hatte. Also sprich vorher gab es halt diese exzessiven Werkzeuge nicht und dementsprechend auch nicht in dem Maße Diebstahl. Dadurch, dass ich jetzt natürlich als Bauer ein Haus hatte und Werkzeug und keine Ahnung was, weckte das natürlich Begehrlichkeiten und er war mit ganz anderen Problemen, mit negativen Problemen beschäftigt und dadurch, dass er eben auch nur auf ein ganz begrenztes Spektrum von Nahrungsmitteln zugreifen konnte, und zwar die, die er selber angebaut hat, war die Ernährung von der Nährstoffvielfalt auch viel, viel eingeschränkter als das, was wir damals als Wildbeuter hatten.

Das einzige, was jetzt positiv an der landwirtschaftlichen Revolution ist die Tatsache, dass wir von der Menge der Nahrung viel mehr hatten und uns da als Menschheit auch viel stärker vermehren konnten. Wir haben zwar insgesamt kürzer gelebt, vorher sind die Wildbeuter ungefähr genauso alt geworden wie wir heute und auch gesundheitlich im hohen Alter noch sehr fit gewesen und zu Zeiten der landwirtschaftlichen Revolution war sogar 30, 40 Jahre schon das obere Ende der Fahnenstange. Aber vorher hat man sich dann entsprechend fortgepflanzt und dadurch natürlich auch für mehr Bevölkerungswachstum gesorgt. Aber insgesamt ging es dem Individuum dadurch schlechter. Und deswegen nennt er das Ganze eben den größten Betrug der Geschichte. Eine schöne Anekdote, die er da im Rahmen dieser landwirtschaftlichen Revolution mit reingebracht hatte, war die Art und Weise, wie der Weizen uns beeinflusst hat. Wir Menschen stellen uns ja immer ganz gerne als die überlegene Spezies dar, die alles im Griff hat und alles selber steuert. Und er hat das mal ein bisschen umgedreht und gesagt: Naja, eigentlich hat uns der Weizen beherrscht, weil wenn man sich so anguckt, dieses Verhältnis oder die Beziehung zwischen Weizen und der Menschheit, dann geht der Weizen da als Punktesieger hervor.

Stefanie Aber inwiefern?

Carsten Weizen selber war vorher ein Wildgras, war wie viele andere Gräser halt sehr sporadisch und auch nicht in der Art und Weise vorhanden, wie es heute der Fall ist. Heute gibt es ja keine Ahnung Millionen von Quadratkilometern nur mit Weizen. Weizen ist so die Pflanze, die am stärksten angebaut wird hier auf der Welt. Und er leitet es so her, dass die Wildbeuter so die ersten waren, die gemerkt haben Hm, Weizen kannst du in irgendeiner Art und Weise essen, damit du den Weizen essen kannst, musst du jetzt erst mal die Körner abkratzen und mit zur Lagerstätte nehmen. Und auf dem Weg dort zwischen wo der Weizen stand und wo das Lager war, sind dann Körner runtergefallen. Okay, und da der Wildbeuter zyklisch immer wieder die gleichen Orte aufgesucht hat, dann festgestellt Mensch, da wächst ja immer mehr, nicht nur an der Stelle, wo ich letztes Mal gepflückt habe, sondern jetzt auch drum herum. So, und das waren so die Prinzipien, die irgendwann dazu geführt haben, dass der Mensch eben auch sesshaft werden konnte, weil er gemerkt hat, ich kann Pflanzen aussäen. Ja, so beim Weizen hat das ganz gut funktioniert. Der kommt übrigens so aus dem Nahen Osten, aus dem Bereich westlich, da, wo unsere Kühe herkommen. Aber das ist ganz interessant, dass das da immer so Anknüpfungspunkte sind, dass viele Sachen, die wir hier als als völlig normal empfinden, eben gar nicht hierher kommen. Und ja, letztendlich hat sich der Mensch dem Weizen unterworfen. Der Weizen hat diktiert, wie der Tagesablauf des Menschen aussieht.

Stefanie Okay.

Carsten Damit er Weizen wachsen konnte, musste der Mensch im Frühjahr den Boden bestellen, musste umgraben, musste pflügen, musste düngen, musste wässern, musste Unkraut jäten. Alles nur, um den Weizen hochzuziehen. Gut, der einzelnen Weizenpflanze ist das natürlich völlig schnuppe, aber der Gattung, Spezies, ich weiß nicht, wie man das bei Pflanzen nennt - aber dem Weizen als Ganzes um seine Gene zu vermehren, hat das natürlich enorm geholfen. Und dadurch ist die die Weizenpflanze tatsächlich das Lebewesen, was dann heute am stärksten seine Gene vervielfältigen konnte. Dadurch, dass der Mensch nichts anderes gemacht hat, als den Weizen so zu hegen und zu pflegen, dass der Weizen halt jetzt so präsent ist. Okay, also wir glauben immer, dass wir den Weizen irgendwie geformt haben, aber im Endeffekt war es andersrum, weil wir Lebensqualität eingebüßt haben. Wir haben monotone Arbeitsschritte gehabt, unnatürliche Haltungen und und und und alles nur, damit der Weizen wächst. Harari kann das viel, viel schöner erklären. Deswegen ist es wirklich empfehlenswert, das Buch alleine schon für diese Anekdote mal zu lesen, weil das regt wirklich zum Schmunzeln an. Also kann ich wirklich nur empfehlen.

Stefanie Jetzt haben wir über die kognitive und die landwirtschaftliche Revolution gesprochen und es gab dann noch eine dritte, die wissenschaftliche Revolution.

Carsten Genau, die vor ungefähr 500 Jahren angefangen hat. Also sprich zum Ende des finsteren Mittelalters, wo tatsächlich so dieser Wissensdrang in den Vordergrund gerückt ist. Und ich habe es auch vorhin schon anklingen lassen, das hält ja bis heute an. Wissenschaft ist ein zentraler Pfeiler geworden, und in der Vorzeit war es so, dass der Mensch ein bisschen bescheidener war mit dem Wissen, da hat man viel auf typische Götter vertraut und auch der Religion einen hohen Stellenwert eingeräumt. Und das hat natürlich so ein bisschen auch den Wissensstand, der damals vorherrschte, konserviert. Da wurde also nicht so viel Aufwand betrieben, um mehr Wissen zu erreichen, sondern man hat einfach seine Erklärungsmuster gehabt, die haben für viele Sachen ausgereicht und damit hat man es dann gut sein lassen. Das ist ja mittlerweile ganz anders.

Mittlerweile ist ja Wissensvermehrung ein zentraler Baustein unserer Gesellschaft geworden. Wir wollen einfach immer mehr, immer mehr, immer mehr wissen und das in Forschung, Entwicklung, aber auch im industriellen Maßstab umsetzen. Und diese wissenschaftliche Revolution selber ist ein ganz spannendes Kapitel, was bis in die Projektion der Zukunft mündet. Man geht da so in Bereiche rein wie Gentechnik oder auch das Klonen von Lebens, von Lebewesen. Bionik ist ein Teil, den er dort beschreibt, also die Art und Weise, dass Menschen stärker mit Maschinen zusammenwachsen. Dass es so ein bisschen nach Terminator klingt, hat einfach den pragmatischen Hintergrund, dass wir heute ja schon Prothesen haben, die auch so weit entwickelt werden, dass man schon fast mit Gedankenkraft die Gliedmaßen, die als Prothese dann eingepflanzt werden, dann steuern kann. Und in diesem Kontext versucht er natürlich dann auch so ein bisschen kritisch in die Zukunft zu gucken und mal so zumindest anzuregen, darüber nachzudenken. Ist das eigentlich alles so sinnvoll was wir dort veranstalten? Sind die Werkzeuge, die wir uns da geschaffen haben, eigentlich immer nur gut, oder was passiert damit so? Und dadurch, dass er im Vorfeld immer wieder gezeigt hat, dass der Homo sapiens ja erst mal als die schlimmste Plage bezeichnet wird, also einen unglaublichen Vernichtungsdrang hat und alles verdrängt und zerstört und tötet, glaubt er auch nicht daran, dass wir permanent immer nur positive Absichten mit diesen Techniken verfolgen.

Also auch ethische Fragen stellt er dort in den Raum und beschreibt auch so ein bisschen schöne neue Welt, bzw. dass vielleicht diese ganzen Hochtechnologien, die jetzt auch dazu führen, dass man vielleicht länger lebt oder ich sag jetzt mal theoretisch sogar unsterblich werden könnte, vielleicht nur den absolut Wohlhabenden irgendwann zur Verfügung steht und die sich dann selber reproduzieren. Also so in dieser Schiene. Er baut jetzt keine Dystopien auf, aber er regt halt schon so ein paar Gedankenmuster zum Nachdenken an oder gibt die halt vor und regt zum Nachdenken an und das ist so beängstigend, wenn man sieht, was hat der Mensch so im Laufe seiner Entwicklung eigentlich alles schon an Scheiße fabriziert? Ja, dann wird man da schon mal so ein bisschen misstrauisch.

Stefanie Ja, das kann man ja auch ganz aktuell sehen. Jetzt an der Diskussion zum Klimawandel. Wir wollen das alles nicht wahrhaben, aber wir zerstören eben unsere Lebensgrundlage. Und der Erde ist es ja eigentlich völlig wurscht, ob wir verschwinden oder bleiben. Für sie wäre es wahrscheinlich besser, wenn wir verschwinden würden.

Carsten Ja, er geht auch so ein bisschen in die Richtung, um das kritisch zu zeigen. Ich zitiere jetzt tatsächlich mal zwei Absätze aus dem Buch, die das sehr deutlich machen. Er schreibt hier:

“In den zurückliegenden Jahrzehnten haben wir das ökologische Gleichgewicht des Planeten auf verschiedenste Weise gestört und niemand kann die Konsequenzen absehen. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass wir gerade im Begriff sind, in einer Orgie des gedankenlosen Konsums die Grundlage unseres Wohlstands zu verprassen. Und schließlich können wir uns nur für die beispiellosen Errungenschaften des Homo sapiens auf die Schulter klopfen, wenn wir das Prinzip aller anderen Tiere ausblenden. Ein Gutteil der materiellen Errungenschaften, mit denen wir Hunger und Krankheiten überwunden haben, waren nur auf Kosten von Laboraffen, Milchkühen und Fließbandhühnchen möglich. In den vergangenen zwei Jahrhunderten haben wir Abermilliarden von Tieren in einem Regime industrieller Ausbeutung geknechtet, deren Grausamkeit in den Annalen des Planeten Erde ohnegleichen ist. Wenn nur ein Bruchteil der Behauptungen von Tierschützern stimmen, dann ist die moderne, industrielle Tierhaltung das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Wenn wir das globale Glück messen wollen, dürfen wir die Messlatte nicht bei Wohlhabenden, bei den Europäern oder bei den Männern und vermutlich nicht einmal nur bei den Menschen anlegen.“

Stefanie Ja, da müsste man eigentlich annehmen, dass er vegan lebt. Also sonst wäre es echt inkonsequent, wenn er so sagt und dann nicht. [Anmerkung: wir haben das mittlerweile recherchiert: er lebt vegan.]

Carsten Um das Ganze jetzt zum Abschluss zu bringen, möchte ich ganz gerne noch das Nachwort lesen, weil das auch nochmal klar macht, in welchem Sinne dieses Buch geschrieben ist. Er hat das Nachwort auch mit einer Überschrift tituliert „Von Tieren zu Göttern“:

“Vor 70.000 Jahren war der Homo sapiens ein unbedeutendes Tier, das in einer abgelegenen Ecke Afrikas seinem Leben nachging. In den folgenden Jahrtausenden stieg es zum Herrscher des gesamten Planeten auf und wurde zum Schrecken des Ökosystems. Heute steht er kurz davor, zum Gott zu werden und nicht nur die ewige Jugend zu gewinnen, sondern auch göttliche Macht über Leben und Tod. Leider hat die Herrschaft des Sapiens bislang wenig hinterlassen, auf das wir uneingeschränkt stolz sein könnten. Wir haben uns die Umwelt untertan gemacht, unsere Nahrungsproduktion gesteigert, Städte gebaut, Weltreiche gegründet und Handelsnetze errichtet. Aber haben wir das Leid in der Welt gelindert? Wieder und wieder bedeuteten die massiven Machtzuwächse der Menschheit keine Verbesserung für die einzelnen Menschen und immenses Leid für andere Lebewesen. Trotz unserer erstaunlichen Leistungen haben wir nach wie vor keine Ahnung, wohin wir eigentlich wollen und sind so unzufrieden wie eh und je. Von Kanus sind wir erst auf Galeeren, dann auf Dampfschiffe und schließlich auf Raumschiffe umgestiegen. Doch wir wissen immer noch nicht, wohin die Reise gehen soll. Wir haben größere Macht als je zuvor, aber wir haben immer noch keine Ahnung, was wir damit anfangen sollen. Schlimmer noch: Die Menschheit scheint hoffnungsloser denn je. Wir sind Self made Götter, die nur noch den Gesetzen der Physik gehorchen, niemanden Rechenschaft schuldig sind. Und so richten wir unter unseren Mitlebewesen und der Umwelt Chaos und Vernichtung an, interessieren uns nur für unsere eigenen Annehmlichkeiten, unsere Unterhaltung und finden doch nie Zufriedenheit. Gibt es etwas Gefährlicheres als unzufriedene und verantwortungslose Götter, die nicht wissen, was sie wollen?“

So, das waren jetzt zwei ziemlich heftige Passagen, die ich vorgelesen habe. Die habe ich deswegen genommen, um einfach zu zeigen, dass er zwar die Geschichte der Menschheit rekapituliert, aber dann nicht zwangsläufig zu einem positiven Ergebnis kommt, gleichzeitig aber auch eigentlich genug offen lässt, um die Leser·innen dann wirklich zu animieren, sich ein eigenes Bild zu machen. Und trotz der Schwere dessen, was ich jetzt gerade vorgelesen habe: Das Buch ist absolut lesenswert. Wenn du es noch nicht gelesen haben solltest, dann auf alle Fälle in der Bücherei mal nachschauen und unbedingt lesen.

Stefanie Und damit wollen wir jetzt diese Folge auch beenden.

Carsten In diesem Sinne.

Stefanie In Hamburg sagt man Tschüss.

Carsten Und auf Wiederhören.

[Vier Jahre später haben wir eine Ergänzung zu dieser Folge aufgenommen: https://von-herzen-vegan.de/podcastfolgen/folge-281-von-indianern-und-homo-sapiens-als-schrecken-des-ökosystems]

Links zur Folge

Buch "Eine kurze Geschichte der Menschheit" von Yuval Noah Harari
https://www.buch7.de/store/product_details/1023086188

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