Wie die reichen 1% das Wohl unseres Planeten beeinflussen
Ein Beitrag
Das Buch "Eine Erde für alle! - Einssein versus das 1%" von Vandana Shiva hat Carsten schwer beeindruckt. Den kritischen Ausführungen über Bill Gates und dem im Buch immer wieder genannten "1%" ist Carsten durch das Lesen des Oxfam-Berichts "An Economy For the 1% - How privilege and power in the economy drive extreme inequality and how this can be stopped" und dem Bericht "Gated Development - Is the Gates Foundation always a force for good?" von Global Justice Now nachgegangen.
Aus beiden Berichten, sowie Vandana Shivas Buch geht sehr einprägsam hervor, welche Machtstrukturen sich in den Händen verhältnismäßig weniger Menschen befinden. Und am Beispiel der Bill und Melinda Gates Stiftung werden zwei Dinge ersichtlich: erstens wie unkritisch deren globaler Einfluss und deren Handeln hingenommen wird und zweitens wie philanthropische Handlungen zur Verfestigung wirtschaftlicher und politischer Machtstrukturen des "1%" beitragen.
Links zur Folge
Buch "Eine Erde für alle! - Einssein versus das 1 %" von Vandana Shiva
z.B. bei buch7.de
Podcastfolge 243 - Wie Bill Gates die Welt retten will
Studie "An Economy For the 1%" [EN]
https://www.oxfam.org/en/research/economy-1
Studie "Gated Development Is the Gates Foundation always a force for good?" [EN]
https://www.globaljustice.org.uk/sites/default/files/files/resources/gjn_gates_report_june_2016_web_final_version_2.pdf
Die neue Onlinecommunity: "Gemeinsam in eine klimagerechte Zukunft"
https://experimentarium.stefanie-rueckert.de/
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Vier Möglichkeiten meine Arbeit zu unterstützen
Vollständiges Transkript
Carsten Diese Folge ist ausnahmsweise mal eine Solofolge und sie ist angeregt durch ein Thema, was ich bei Vandana Shiva in ihrem aktuellen Buch gelesen habe. Das Buch lautet „Eine Erde für alle, Einssein versus das 1 %“. Und genau um dieses 1 % geht es hier in dieser Folge.
Und zwar ist mit diesem einen Prozent quasi der geringe Anteil der Menschen gemeint, die ein extrem hohes Vermögen haben und aufgrund ihres Vermögens eine sehr große politische und wirtschaftliche Einflussnahme ausüben können oder auch machen. Und das hatte mich angeregt, ein bisschen tiefer reinzuschauen. Und gleichzeitig war ich aber auch so ein bisschen schockiert über die Art und Weise, wie Vandana Shiva auch gerade auf die Person von Bill Gates geschaut hat in ihrem Buch. Sie geht da sehr, sehr kritisch mit Bill Gates um und das hatte mich auch noch mal so ein bisschen getriggert, wo ich gedacht habe, okay, dem muss ich mal ein bisschen nachgehen. Wo kommt eigentlich diese Wut her, die ich da herausgelesen habe? Das war wirklich so, dass Vandana Shiva eine sehr starke, auch vielleicht sogar persönliche Abneigung gegenüber der Person Bill Gates hat. Und da musste ich auch ein bisschen tiefer eintauchen.
Bill Gates ist jetzt kein unbeschriebenes Blatt. Wir haben unlängst in der Folge 243 über ihn gesprochen. Er hat vor kurzem ein Buch zum Thema Klimawandel veröffentlicht und wir wollten einfach mal schauen, was stand da in dem Buch drin und wie würde Bill Gates jetzt tatsächlich versuchen, die Welt zu retten? Du kannst ja gerne in die Podcastfolge 243 noch mal reinhören. Die ist aber von der grundlegenden Kritik oder von den grundlegenden Aspekten, die ich jetzt in dieser Folge bespreche, eigentlich eher losgekoppelt. Trotzdem aber als Ergänzungsmaterial. Wie denkt eigentlich die Person Bill Gates über die Welt? Wie versucht er Probleme zu lösen? Ist doch vielleicht ein bisschen hilfreich, das zu verstehen.
Es geht also auch von dem, was Vandana Shiva in ihrem Buch geschrieben hat zum einen um dieses 1 % der Menschheit, die eine extreme Machtposition besitzen. Und konkret um Bill Gates bzw die Bill und Melinda Gates Stiftung oder Foundation, wie sie im Englischen heißt. Und zu beiden Aspekten gibt es noch ein bisschen weiterführendes Material, was ich mir auch in den vergangenen Wochen durchgelesen habe. Da gibt es zum einen von Oxfam einen Bericht oder Report, der die Wirtschaft des 1 % skizziert und zeigt, was steckt eigentlich dahinter? Was ist dieses ominöse 1 %? Da geht es tatsächlich darum, dass diese wirtschaftliche Machtkonzentration ein bisschen plastischer dargestellt wird, also bei wie wenig Menschen tatsächlich das meiste Geld, das meiste Vermögen vorhanden ist.
Und die Zahlen sind jetzt nicht ganz aktuell, aber zu dem Zeitpunkt der Drucklegung dieses Berichts von Oxfam war es so, dass tatsächlich acht Menschen auf dieser Welt genauso viel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Das heißt konkret acht Menschen - und das sind Männer, muss man dazu sagen - acht Männer besitzen genauso viel wie ungefähr 4 Milliarden Menschen. Das ist eine extreme Konzentration an Vermögen. Das ist jetzt nicht das 1 %. Klar, rechnerisch gesehen reden wir beim 1 % von einer noch größeren Menge an Menschen. Aber das ist ein sehr erschreckendes Zeichen, wie weit diese soziale Schere eigentlich bereits auseinanderklafft. Und die Konzentration wird größer. Also es gibt Tendenzen, dass irgendwann mal nur noch zwei Personen dieses irrsinnige Vermögen besitzen.
Und wenn jetzt schon acht Personen oder in naher Zukunft nur zwei Personen, schon über derartige Vermögenswerte verfügen, dann kann man sich ungefähr vorstellen, wenn wir jetzt das 1 % der reichsten Menschen ausrechnen, dann sind das ja ungefähr so 80 Millionen Menschen, so PI mal Daumen. Also ungefähr so viel wie in Deutschland leben. Und diese 80 Millionen Menschen beeinflussen das komplette Wirtschaftssystem - mit beeinflussen meine ich tatsächlich beeinflussen. Das heißt also die Machtstellung dieser Menschen ist so ausgereift, dass sie Zugang zu wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträgern und Ebnen haben, um das Wirtschafts und auch das Gesellschaftssystem in dem Sinne zu prägen und auch weiter fortzuentwickeln, dass sie selbst den größtmöglichen Profit daraus schlagen. Und das ist in diesem Oxfambericht sehr schön und plastisch dargestellt und ist aber eine sehr beängstigendes Realität. Es zeigt einfach auf, wo wir Stand heute stehen.
So, was hat das Ganze jetzt mit Bill Gates zu tun? Wie gesagt, Vandana Shiva bezieht sich in ihrem Buch sehr stark auf die Person Bill Gates. Weil Bill Gates aus dieser Menge des 1% sehr stark hervorsticht. Also er ist sehr prominent. Und um da so ein bisschen mehr Hintergrundinformationen zu bekommen, wo jetzt eigentlich vielleicht auch diese, ich mag schon fast Aversion sagen, die Bill Gates gegenüber erbracht wird, herkommt, hilft tatsächlich ein Bericht von der Initiative Global Justice Now. Die hat einen Bericht erstellt, wo kritisch auf die Bill und Melinda Gates Stiftung geschaut wird. Und Bill und Melinda Gates haben mit ihrer Stiftung ein sowohl wirtschaftliches als auch politisches Schwergewicht geschaffen, was in einer völlig eigenen Liga spielt.
Dazu musst du wissen, dass diese Stiftung privatwirtschaftlich organisiert ist. Das heißt also, es gibt im Grunde genommen nur zwei, vielleicht drei Personen im Hintergrund, die irgendwo Verantwortung für diese Stiftung haben, wirklich nach oben hin betrachtet von der Hierarchie haben. Und zwar stehen da tatsächlich Bill Gates und Melinda Gates. Und ich bin mir jetzt nicht ganz sicher, Warren Buffett ist zum einen mit Bill Gates befreundet, er ist aber auch in einer der beiden Institutionen drin. Wenn ich jetzt beide Institutionen sage, heißt das, es gibt sowohl die Stiftung als auch einen entsprechenden Trust zu dieser Stiftung. Ich weiß jetzt nicht ganz genau, was der korrekte deutsche Begriff für Trust wäre.
Von der Konstellation ist es so, dass die Stiftung, so wie wir sie jetzt kennen und wahrnehmen, tatsächlich diejenige ist, die „gemeinwohlorientiert“ agiert. Und im Hintergrund bekommt sie die Finanzierung durch diesen Trust. Der Trust ist tatsächlich, ich sage das mal ein bisschen freibleibend, so eine Art Hedge Fonds, wo große Gelder, die Bill Gates aus seinem Privatvermögen zur Verfügung gestellt hat, investiert werden. Und durch die Investments werden Gewinne und Profite realisiert und die dienen dann anschließend der Stiftung oder werden an die an die Stiftung übergeben, womit dann die Stiftung quasi ihr Werk finanziert und alle ihre Initiativen und Programme dann damit auch abdeckt.
So, und ich glaube, im Trust ist Warren Buffett mit drin. Ich bin mir nicht sicher, ob er auch in der reinen Bill und Melinda Gates Stiftung mit drin ist. Aber egal wie man es dreht und wendet, es gibt am Ende des Tages so drei Personen, die in irgendeiner Art und Weise das ganze Konstrukt in letzter Instanz zu verantworten haben. Und da hört dann aber auch die tatsächliche Verantwortungsnahme mehr oder weniger auf. Das heißt, es ist keine NGO, die in irgendeiner Art und Weise nach außen hin eine große Verantwortung zu tragen hat. Es ist auch keine staatliche oder interstaatliche Institution, die auch da hinsichtlich der Bürger·innen bzw der Staaten irgendeine Rechenschaft pflichtig ist, sondern das ganze Konzept und Konstrukt ist tatsächlich rein privatorientiert.
Und das ist einer der ganz großen Knackpunkte, der auch von Global Justice Now und von vielen anderen Organisationen angesprochen wird, dass sich diese Rechenschaftspflicht so minimal auswirkt. Im Grunde genommen kann die Stiftung tun und machen, was sie möchte. Sie hat ein irrsinniges Stiftungskapital, ist damit, glaube ich, auch die größte Stiftung weltweit und kein Mensch, bis auf die drei genannten Personen, kann wirklich von oben herab beeinflussen: was soll eigentlich mit diesem riesigen Stiftungskapital gemacht werden? Wir sind also darauf angewiesen, dass sowohl Bill Gates als auch Melinda Gates im Sinne der Allgemeinheit handeln.
Leider wird es genau an der Stelle ziemlich dünn, da es keine wirkliche kritische Auseinandersetzung mit der Stiftung und mit den Aktivitäten der Stiftung gibt, was daran liegt, dass die Stiftung wirklich überall ihre Finger im Spiel hat. Das heißt also, sowohl auf der obersten internationalen und globalen Wirtschafts- und Politebene spielen die mit. Bill Gates ist auch persönlich sehr stark präsent und und tritt auf Foren auf, wo man normalerweise denkt, das ist eigentlich den hohen Politiker·innen eigentlich vorbehalten. Aber gleichzeitig finanziert die Stiftung an sich über Forschungsgelder, über Spenden bis runter zu konkreten wissenschaftlichen Projekten, Wissenschaftler·innen und erkauft sich damit aus meiner Sicht - das ist jetzt meine persönliche Konnotation - natürlich auch bestimmte Stimmen.
Das heißt also viele Personen, die eigentlich in der Lage wären, einen kritischen Blick auf das Geschehen zu werfen, sind nicht mehr unbefangen, sondern sind in irgendeiner Art und Weise auf das Wohlwollen dieser Stiftung angewiesen, weil bestimmte Institutionen, mit denen man zusammenarbeitet, mehr oder weniger direkt oder indirekt vom Wohlwollen dieser Stiftung abhängen durch Spendengelder, durch andere Zuwendungen. Und das Ganze macht eine kritische Reflexion stand heute quasi völlig unmöglich. Also es gibt eigentlich kaum jemand, der sich traut, kritisch neutral auf dieses ganze Geschehen drauf zu schauen und dementsprechend auch Gehör zu finden.
Der Bericht von Global Justice Now ist an der Stelle tatsächlich eine rühmliche Ausnahme. Allerdings kratzt er auch wirklich nur an der Oberfläche und es bedarf eigentlich weiterer kritischer Betrachtung und Berichte, die einfach schauen, was macht diese Stiftung, wie macht sie es? Was ist tatsächlich nachher der Outcome bis hin zu einer Bewertung? Ist das, was ursprünglich gewollt wurde, eigentlich auch das Resultat? Und entspricht das Resultat eigentlich auch dem, was langfristig dort, wo es jetzt umgesetzt wurde, auch wirklich benötigt wird?
Mit umgesetzt meine ich, dass die Bill und Melinda Gates Stiftung zwei Kernbereiche besitzt. Das eine ist der Bereich der Landwirtschaft, das andere ist der pharmazeutische Bereich, also quasi auf Medikamenten, Impfstoffe etc. konzentriert. In beiden Bereichen ist die Bill und Melinda Gates Stiftung wirklich unangefochten, weltweit eine der einflussreichsten oder vielleicht sogar die einflussreichste Größe, was das Ganze auch wieder sehr gefährlich macht, weil da, wo die Bill und Melinda Gates Stiftung bestimmte Aktivitäten im Agrarbereich oder auch im Pharmabereich tätigt, schafft sie bestimmte Strukturen. Und diese Strukturen, das sind nicht einfach irgendwie kleinere Initiativen, die irgendwann im Laufe der Zeit mal etwas größer werden, sondern das sind teilweise sehr fundamentale Entscheidungen, die getroffen werden und die sehr schwierig sind, zu revidieren.
Im pharmazeutischen Bereich ist die Bill und Melinda Gates Stiftung sehr präsent, was Impfungen betrifft. Da hat sie auch sehr viel schon erreicht, auch sehr, sehr viel Positives erreicht. Sie ist tatsächlich eine treibende Kraft, was jetzt das Voranbringen von bestimmten Impfstoffen, im globalen Süden betrifft, da hat sie sehr viele Menschenleben schon gerettet und auch dafür gesorgt, dass entsprechende Medikamente und Impfstoffe vor Ort verfügbar sind. Gleichzeitig stecken aber in diesem Bereich auch die massivsten Kritikpunkte und die hängen damit zusammen, mit wem die Bill und Melinda Gates Stiftung zusammenarbeitet. Bzw auch wo bekommt die Bill und Melinda Gates Stiftung eigentlich ihre Gelder her, am Ende des Tages?
Ja und da schließt sich oftmals der Kreis. Das hängt damit zusammen, dass der Trust, der im Hintergrund quasi die Profite generiert, mit denen die Stiftung nachher ihr Werk tätigt, dieser Trust investiert in Industrien, in Unternehmen, die häufig sehr fragwürdig sind. Da fallen jetzt generell Unternehmen rein, die im Bereich der fossilen Industrie unterwegs sind. Im Pharmabereich wird sehr viel investiert, Biotechnologie wird viel investiert, aber auch Bergbau und teilweise sogar in der Fast Food Branche. Das sind leider alles Branchen, die eher problematisch zu bewerten sind und dementsprechend muss man natürlich dann auch im zweiten Schritt gucken: Mit was für Unternehmen arbeitet nachher die Stiftung zusammen?
Und Wunder, oh Wunder, es sind häufig genau die Unternehmen, in die der Trust vorher investiert hat oder zumindest die Branchen, wo eine Investition stattfindet. Und da schließt sich der vorhin genannte Kreis. Das heißt also, die Stiftung an sich unterstützt Unternehmen oder auch Initiativen von Verbänden, wo sich die Unternehmen mit ihren Interessen dann zusammengefunden haben und profitiert aber indirekt dadurch, dass genau diese Initiativen und Unternehmen vor Ort im globalen Süden stärker Marktmacht erringen und dort dann auch Profite erwirtschaften können. Und diese Profite landen dann indirekt natürlich wieder in der Ausschüttung, die dem Trust zur Verfügung gestellt werden. Und der finanziert damit natürlich dann wieder das weitere Vorgehen der Stiftung.
Die Stiftung versucht sich natürlich insofern freizusprechen, als dass sie sagt, dass die Entscheidung über die Investitionen im Trust liegen und der Trust völlig eigenständig agiert. Das heißt also, es gibt keine rechtliche direkte Verbindung zwischen der Stiftung und dem Trust. Aber da beides im Besitz von Bill und Melinda Gates ist - ein Schelm, wer Schlimmes dabei denkt. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das Ganze völlig unbefangen läuft. Also anders ausgesprochen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bill Gates über seinen Trust in Branchen investiert und anschließend über seine Stiftung Initiativen unterstützt, die gegen diese Branchen agieren.
Und ich möchte jetzt an der Stelle auf zwei Kritikpunkte eingehen, die gerade für diesen pharmazeutischen Bereich, in dem sich die Bill und Melinda Gates Stiftung aufhält, geäußert wurden. Beides findet sich auch in dem Bericht von Global Justice Now. Das eine ist die Frage, ob tatsächlich Impfstoffe und Medikamente wirklich jedes Mal der beste Lösungsansatz ist. Da geht es darum, dass häufig Krankheiten auf soziale und und auch hygienische Umstände zurückzuführen sind. Und da muss man sich dann grundlegend schon die Frage stellen: Ist es eigentlich jetzt sinnvoller, vielleicht die Umstände zu beseitigen, die zur Krankheit führen, statt für Medikamente zu sorgen, die zwar die entstehende Krankheit nachher lindern bzw heilen können, aber letztendlich das Grundübel ja gar nicht beseitigen?
Da darf man natürlich noch ein bisschen tiefer schauen, wenn ich weiß, dass tatsächlich die Pharmaindustrie davon profitiert, dass ich Medikamente vor Ort verkaufen kann und ich die Ursachen nicht beseitige, dann ist es natürlich ein Geschäft auf lange Zeit hinweg. Gleichzeitig profitiert aber auch der Bill und Melinda Gates Foundation Trust von dieser Pharmaindustrie, die dort vor Ort jetzt neue Profite erwirtschaftet. Und diese Profite werden dann über diesen Weg des Trusts auch wieder der Foundation zugute getan, die dann weiterhin ihr Werk tätigen kann. Also da sehe ich schon einen großen Interessenkonflikt. Und dieser Interessenkonflikt, der hat dann zur Folge, dass vielleicht gar nicht ein Interesse existiert, die Ursachen von diesen Krankheiten zu beseitigen.
Und auch der Agrarbereich der Bill und Melinda Gates Stiftung ist nicht ganz ohne. Das ist tatsächlich etwas, wo du sehr viel Informationen von Vandana Shiva bekommst und erklärt auch tatsächlich aus meiner Sicht, warum Vandana Shiva so sehr schlecht über Bill Gates als Person denkt. Dazu musst du verstehen, dass in diesem Agrarbereich versucht wird, die industrielle Landwirtschaft im globalen Süden zu etablieren. Bill Gates ist ein Fürsprecher der Genmanipulation bei Pflanzen, sieht dort großes Potenzial, um auch die Welthungerfrage zu lösen und hat tatsächlich diese sehr technokratische, wie ich finde, Sichtweise, dass wir genmanipulierte Pflanzensorten brauchen, die in der Lage sind, auf Böden kultiviert zu werden, die auch in Extremwetterlagen funktionieren.
Teilweise soll über Genmanipulation dann auch der Nährstoffgehalt der entsprechenden Pflanzen angereichert werden, mitunter durch das Einbringen von Genen, die die Pflanze befähigen, bestimmte Vitamine zu bilden. Und der Hintergrundgedanke ist, diese Pflanzen dort einzusetzen, wo bestimmte Vitaminmangelkrankheiten existieren. Also breitflächig in der Bevölkerung. Ich will auf dieses ganze Konstrukt und Konzept und Vorgehen gar nicht so im Detail eingehen. Da findest du, wie gesagt, bei Vandana Shiva extrem viel Material. Sie ist Verfechterin der Agroökologie, also des komplett konträren Ansatzes, der sagt, wir brauchen kleine landwirtschaftliche Betriebe, die im ökologischen Sinne wirtschaften, die gar nicht abhängig sind von diesen genmanipulierten Sorten, die frei von der Entscheidung sind, was für ein Saatgut bringe ich aus?
All das wäre ja nicht gegeben, wenn wir diesem Pfad der industriellen Landwirtschaft folgen, die ja auf eine sehr begrenzte Anzahl an Saatgut ausgelegt ist. Dieses Saatgut funktioniert auch nur in Kombination mit entsprechenden Düngern und Pestiziden, Insektiziden etc. und treibt die Bäuerinnen und Bauern in eine sehr starke, auch finanzielle Abhängigkeit. Und all das kritisiert Vandana Shiva sehr fundamental, sehr ausführlich. Und wie gesagt, sie spricht sich aus für eine ökologische, kleinteilige Landwirtschaft. Sie hat ja hervorragende Konzepte schon ausgearbeitet und umgesetzt und ist da gerade im indischen Bereich, aber jetzt auch stärker im afrikanischen Bereich unterwegs. Sie unterstützt dort Kleinbäuer·innen und baut dort lokale Strukturen auf, die nachhaltig langfristig auch wirtschaftlich funktionsfähig sind und auch durchaus weit über eine reine Subsistenzwirtschaft hinausgehen, aber komplett gegenteilig ausgerichtet sind, zu dem, was diese industrielle Landwirtschaft beabsichtigt und dementsprechend auch konträr zu dem, was die Bill und Melinda Gates Stiftung tatsächlich vor Ort antreibt.
Die Stiftung ist dort eine sehr große treibende Kraft, mitunter, was jetzt afrikanische Staaten betrifft, die größte Kraft überhaupt. Die kann dort aufgrund ihrer wirtschaftlichen und politischen Einflussnahme und natürlich mit ihrem riesigen Vermögen Strukturen schaffen, die nur sehr schwer zu überwinden sind. Und diese Strukturen gehen tatsächlich in einen nicht wirklich ökologisch nachhaltigen Bereich. Und wirtschaftlich muss man es auch als sehr fragwürdig betrachten, weil diese intensive industrielle Landwirtschaft ja mittel und langfristig dafür sorgt, dass Böden eher erodieren und ausgelaugt werden und wirklich nur unter Zuhilfenahme von fossilen Energieträgern funktionieren. Ja, ich rede jetzt nicht nur vom Sprit für die Traktoren, sondern tatsächlich auch von den ganzen Düngemitteln und den Insektiziden und Pestiziden.
Und aus diese Abhängigkeit sollten Bäuer·innen eigentlich eher befreit werden bzw dort nicht hinein gedrängt werden. Und das ist also auch ein wirklich fundamentaler Kritikpunkt gegen die Bill und Melinda Gates Stiftung, die dort einen sehr, sehr fraglichen und aus meiner Sicht auch langfristig überhaupt gar nicht funktionierenden Weg beschreitet, und den aber massiv durchboxt. Weil - das ist jetzt meine persönliche Sichtweise und die resultiert aus dem, was ich jetzt hier aus diesen Reports gelesen habe, dass diese wirtschaftliche Verflechtung existiert - es werden Branchen und Unternehmen gefördert, in die der Trust voll investiert hat. Also auch da ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Gleichzeitig muss ich aber sagen, unabhängig von diesen wirtschaftlichen Interessen nehme ich wahr aus der Berichterstattung, die ich bisher so gelesen habe, dass die Stiftung und auch die Person Bill Gates sehr stark technokratisch denkt. Das heißt also, Lösungen für Probleme werden in erster Linie im technologischen Sektor gesucht und auch gefunden. Wir haben ein Problem mit Krankheiten wie Aids, also brauchen wir Medikamente oder einen Impfstoff. Wir haben ein Problem mit der Ernährung, also brauchen wir eine Technologie, die in der Lage ist, bessere, ertragreicherer Pflanzen herzustellen. Wir haben ein Problem mit der Energie, also müssen wir jetzt zusehen, dass wir in Technologien investieren, die energieeffizienter arbeiten, die energieschonender laufen. Wir haben ein Problem mit CO2 Ausstoß, also müssen wir in Technologien investieren, die CO2 minimieren sind.
Das sind alles sehr starke Denkrichtungen, die Fortschrittsbehaftet sind, die einfach aus meiner Sicht ignorieren, dass wir tatsächlich planetare Grenzen haben. Dieses Spiel können wir nicht unendlich lange mitspielen. Wir müssen in vielen Bereichen tatsächlich auch technologisch besser werden. Aber wir müssen gucken, was für Alternativansätze können wir eigentlich verwenden, ohne sie großartig erst noch irgendwo entwickeln zu müssen, sondern sie liegen ja heute schon vor. Sie werden ja in weiten Bereichen der Bevölkerung schon gelebt und im Bereich der Landwirtschaft, das wird hier aus meiner Sicht in den „entwickelten Ländern“ zu wenig betrachtet und zu wenig erkannt, dass 80 % der Welternährung eigentlich in kleinbäuerlich strukturierten Betrieben erwirtschaftet wird. Also es sind gar nicht diese extrem großen Landflächen, die wir immer verbinden mit Landwirtschaft, sondern es sind tatsächlich kleinere, familiäre Strukturen, die die Weltbevölkerung ernähren. Und da liegt ein riesiges Potenzial zu sehen, was haben wir heute eigentlich schon und wie können wir das eigentlich befördern? Also nicht nur weiter ausbringen von der reinen Anzahl her, sondern auch inhaltlich nach vorne bringen, dass das auch ökologischer und nachhaltiger wird. Wie können wir dort Ertragssteigerungen mit reinbringen?
Und auch da bin ich wieder bei Vandana Shiva, die in ihrer Arbeit dort, was den ökologischen Landbau gerade auch konzentriert in Indien betrifft, sehr viel Wissen schon tatsächlich auch an den Mann gebracht hat und da wirklich eine sehr prominente und auch eine Schlüsselrolle einnimmt. Wenn du dich also bisher noch nicht mit ihrer Person auseinandergesetzt hast, empfehle ich dir auf alle Fälle mal zu schauen, was für Bücher sie geschrieben hat und mindestens mal in ein oder zwei Bücher reinzulesen, reinzuschnuppern. Da kommt sehr viel an Erfahrungswissen raus, was tatsächlich die Probleme vor Ort betrifft.
Und das ist jetzt wieder ein Punkt, wo ich Vandana Shiva besser verstehe in der emotionalen Haltung, in der sie das Buch geschrieben hat. Sie schreibt sehr echauffiert und ich habe das oftmals gar nicht verstanden. Habe gedacht okay, warum? Warum regt sie sich jetzt da an der Stelle so auf? Jetzt im Nachgang ist mir das alles völlig klar geworden. Also ich kenne jetzt inhaltlich viel mehr Kritikpunkte, die gegen die Vorgehensweise und gegen das Denken von Bill Gates als Person sprechen, aber auch die gegen das Vorgehen und die Handlungsweise der Stiftung sprechen. Und ich habe verstanden, dass sie aus Sicht der Betroffenen argumentiert, also nicht aus einer privilegierten westlichen Sichtweise, die versucht, schablonenhaft irgendwelche Lösungsansätze global auszubringen und zu sagen das, was hier funktioniert, funktioniert auch da. Ihr müsst nur das und das und das machen, so dieses von oben herab. Ich erzähle euch mal, wie die Welt funktioniert, sondern sie ist ja wirklich betroffen.
Sie arbeitet mit Menschen zusammen, die genau diese Strukturen erleben und auch erleiden müssen, die einfach sieht, was passiert dort, wenn dort eine Industrie in ein Land gebracht wird, die jetzt in ihrem Fall, die industrielle Landwirtschaft so stark forciert, dass Menschen in die wirtschaftliche Abhängigkeit gedrängt werden und mittlerweile über 300.000 Bäuer·innen in den Suizid gehen, weil sie aus dieser wirtschaftlichen Abhängigkeit nicht mehr rauskommen und hoch verschuldet sind und einfach nicht mehr wussten, wie sie damit umzugehen haben. Und aus dieser Erfahrung und Sichtweise sind ihre Emotionen und und dieses echauffierte Schreiben absolut verständlich und auch absolut notwendig.
Das macht es auch so wichtig, sich mit diesen Strukturen und diesen Machtverhältnissen auseinanderzusetzen. Wir brauchen da wirklich eine einen kritischen Diskurs über das, was auch gerade mit solchen großen Stiftungen passiert. Was machen die eigentlich? Ist es wirklich das, was die lokale Bevölkerung, die dort unten unterstützt werden soll, auch tatsächlich benötigt und auch selber einfordert? Oder wird dort von oben herab einfach eine Schablone drüber gestülpt und mit einer Denkweise, die eher unserer westlichen Industriesphäre entspricht, ein Problem versucht zu lösen?
Und so prominent und einflussreich Bill Gates an seiner Stelle auch ist. Er ist ja leider, leider nicht die einzige Person, die in diese Richtung drängt und auch viele Dinge befürwortet, wo wir mittlerweile kritischer gegenüberstehen, sondern er schafft ja auch Strukturen innerhalb seiner eigenen Stiftung. Da wird ja nicht nur hinsichtlich der Aktivitäten sehr stark mit Industrie und und konkreten Unternehmen zusammengearbeitet, sondern auch innerhalb der eigenen Führungsstrukturen ist es so, dass die häufig mit Personen besetzt werden, die direkt vorher aus dem wirtschaftlichen Umfeld stammen und häufig auch aus den Unternehmen, die nachher davon profitieren, was die Bill und Melinda Gates Stiftung macht. Also der Drehtüreffekt, den wir sonst so zwischen Unternehmen und Politik kennen, der findet auch dort in der Stiftung statt.
Und das ganze Szenario dieser Drehtüreffekt, diese Einflussnahme, dieses Strukturen schaffen, um in eine bestimmte Richtung zu gehen und dass es so eine technokratische, fortschrittsgläubige neoliberale Richtung ist, die mit den planetaren Grenzen überhaupt nicht mehr im Einvernehmen ist, das findet ja nicht nur in dieser Stiftung statt, nicht nur bei Bill Gates, sondern ist tatsächlich etwas, was ja auch - und da sind wir jetzt wieder - bei dem 1 % stattfindet, wo Strukturen verfestigt werden, sich immer wieder neu konstruieren, da wo Strukturen noch fehlen und neu geschaffen werden, die aber nach dem herkömmlichen Schema erstellt werden.
All das trägt jetzt letztendlich dazu bei, dass wir tatsächlich eine Wirtschaft haben, die in erster Linie diesem 1 % der Menschheit zugutekommt und sowohl deren Wohlstand als auch deren Machtposition weiter ausbaut und zementiert.
Du merkst jetzt mit Sicherheit, dass mich das Thema jetzt innerlich sehr stark beschäftigt hat in letzter Zeit. Es hat mich in vielerlei Hinsicht auch schockiert, weil das Ausmaß des Problems, mit dem wir es hier zu tun haben, jetzt nicht gerade klein und trivial ist. Gleichzeitig hat es mich aber auch motiviert und motiviert, für alternative Gesellschaftsmodelle, alternative Wirtschaftsmodelle einzutreten, sei es jetzt einfach über den Tellerrand zu schauen und wahrzunehmen, was gibt es dort überhaupt?
Vandana Shiva ist wirklich eine hervorragende Quelle, um überhaupt erstmal wahrzunehmen, was es tatsächlich heute schon gibt, wo auch Probleme mit den Strukturen existieren, die wir hier vor Ort vorfinden und versuchen sie aber in andere regionale oder globale Bereiche zu übertragen.
Und gleichzeitig ist es aber auch eine Motivation hier für mich im Alltag zu versuchen, mich weniger abhängig von diesen Machtstrukturen zu machen und nicht nur im intellektuellen, sondern auch im konkreten Sinne stärker an Alternativen zu arbeiten.
Und ich möchte dich jetzt mit diesen Gedanken, mit diesem Input erstmal eine Zeit lang allein lassen. Ich hoffe, dass auch du daraus Kraft und Ideen schöpfen wirst, um dich für Alternativen zu interessieren und vielleicht sogar daran mitzuarbeiten.
Und sage in diesem Sinne. In Hamburg sagt man Tschüss und auf Wiederhören.
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