Folge 35 - Der Weltschulmilchtag

Ein Beitrag

Folge 35 - Historisches zum Weltschulmilchtag

In dieser Folge

  • sprechen wir mal wieder über mein Forschungsobjekt: Die Kuhmilch,
  • erkläre ich, was ich über die Historie der Schulmilch herausgefunden habe
  • und warum Schulmilch viel mehr ist als reine Trinkmilch.

Sicherlich gab es auch in Deiner Kindheit Milch beim Hausmeister Deiner Schule zu kaufen.

Ich musste damals noch bestellen, ob ich lieber Vanillemilch, Kakao, Bananentrunk oder reine Vollmilch trinken wollte und ich glaube, ich habe mich meist für Vanillemilch entschieden- weiß es aber nicht mehr genau.

Dann haben wir diese kleinen Tetrapaks bekommen und in der Pause getrunken. Das war damals ganz normal für mich.

Für Dich auch?

Dank der Subventionierung sind in den letzten 60 Jahren die meisten Kinder in Deutschland mit der Schulmilch aufgewachsen und haben sich als "Kunden von morgen" an das tägliche Glas Milch gewöhnt.

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Ganz herzlichen Dank :-)

Links zur Folge

Vollständiges Transkript

Carsten In der heutigen Folge behandeln wir das Thema Weltschulmilchtag und dazu habe ich extra fürs Interview eine diplomierte Expertin ins Studio eingeladen. Und ich begrüße Stefanie.

Stefanie Vor allem extra dafür. Ja, also danke für die Einladung, lieber Carsten. Ich bin dieser Einladung sehr gerne gefolgt. Meine Anreise war auch nicht sehr beschwerlich und ich übernehme die Reisekosten.

Carsten Dann ist ja alles gut. Genau. Ja. Weltschulmilchtag. Erklär mir mal, warum braucht die Welt einen Schulmilchtag?

Stefanie Also. Da bin ich jetzt überfragt. Hm, also die Welt braucht deswegen einen Weltschulmilchtag, weil die Welternährungsorganisation der Vereinigten Staaten das so beschlossen hat, und zwar am 28. September 2000, also vor 16 Jahren. Der Schulmilchtag ist seit 2000 immer am letzten Mittwoch im September und ist jetzt natürlich nicht so bekannt wie der Weltmilchtag oder Tag der Milch oder wie auch immer. Weil der Tag der Milch ja schon seit 1956 existiert. Und ich vermute, dass der Weltschulmilchtag dazu genommen wurde, um nochmal ein bisschen die Schulmilch populärer zu machen.

Carsten Einfach nur Milch, oder geht es hier um mehr?

Stefanie Du mit deinen Hintergedanken... Carsten kennt natürlich schon meine Grafik, die ich erstellt habe zum Weltschulmilchtag. Der hat schon gespickt.

Carsten Nein, die habe ich alle aus dem Gedächtnis gelöscht. Ja, ich gehe jetzt völlig unvorbereitet und unbefangen hier ins Gespräch. Total unbefangen, unbefangen.

Stefanie Genau. Immer. Wir sind immer nur unbefangen. Ich habe auch eine Infografik erstellt zur Schulmilch und da sind dann auch noch mal alle Zahlen zu lesen. Ich kann die jetzt nicht alle auswendig. Ich habe da ein paar Zitate, die ich aus den einzelnen Dokumenten rausgefischt habe, die ich in der ehemaligen Milchforschungsanstalt in Kiel gesichtet und gehoben habe sozusagen, die ich alle da mühselig eingescannt habe, für mich Stunden verbracht...

Carsten Informationsschätze oder?

Stefanie Genau, ja, also ich finde das Archiv dort sehr schön, aber wie auch immer, jedenfalls, ähm, habe ich jetzt die Frage vergessen Was war die Frage? Ach so, ob es da nur um Milch geht? Also tatsächlich umfasst der Begriff Schulmilch nicht nur die Trinkmilch, sondern neben allen Getränken wie zum Beispiel Milchmixgetränke, also was immer so der Standard ist, Vanillemilch und Bananenmilch, ja, auch Kakao, vor allem Kakao, denn Kakao wird am meisten getrunken. Und dann gehören aber auch alle Milchprodukte, also Quark und Joghurt zur Schulmilch dazu. Wenn also irgendwelche Zahlen veröffentlicht werden, wie viel Schulmilch denn getrunken wird, gegessen wird, was auch immer, da gehört es mit dazu.

Carsten Ja, das hatte mich so ein bisschen gewundert bei den ganzen Zahlen, weil wenn man so den Namen Weltschulmilchtag hört, dann war bei mir zumindest so der Eindruck okay, es geht primär so um die reine Milch.

Stefanie Ja klar, es wirkt immer so. Wenn über Milch gesprochen wird, wirkt es immer so, generell wenn man jetzt mal von der Schulmilch wieder weggeht zur „normalen Milch“, sag ich mal, dann ist es immer Milch und Milchprodukte und da gehört dann auch die Butter dazu. Und die Geschichte der Milch ist eigentlich eine Geschichte der Butter. Dass Milch wirklich getrunken wurde, wie es heutzutage der Fall ist, das ist ja erst seit noch nicht mal 100 Jahren so! Ja, also in diesem Maße natürlich auf Bauernhöfen, ganz klar. Wenn Milch vorhanden war, wurde auch Milch getrunken. Nur weiß ja bestimmt jede·r, dass wir nicht alle immer auf Bauernhöfen gelebt haben und eine Milchkuh zur Verfügung hatten. Also von daher. Ja, also für alle anderen, die nicht auf dem Bauernhof gelebt haben, war das eher nicht üblich, die Milch zu trinken.

Aber jetzt, heute soll es um die Schulmilch gehen. Und was ich ganz interessant fand. Ich habe also verschiedene Artikel darüber gelesen aus verschiedenen Jahren. Und zum einen geht es natürlich um die Subventionierung. Es ist so, dass die Schulmilch von 1957 an subventioniert wurde bis 1965 gab es diese Subventionierung mit Bundes- und Landesmitteln und dann in Nordrhein Westfalen ging es noch bis 1974 weiter, aber in den anderen Bundesländern nicht. Und dann also die Subventionierung.

Subventionierung bedeutet ja einfach nur, dass die Schulmilch verbilligt verkauft werden konnte. Und es geht aus verschiedenen Berichten auch hervor: Wenn die Schulmilch teurer wäre, hätten die Schüler die nicht gekauft. Also die Milchindustrie hat verschiedene Umfragen erstellt und so und die habe ich auch alle durchgeblättert und es ist tatsächlich so, es wird nur gekauft, wenn es günstig ist und eigentlich ist es immer Kakao. Also es geht nicht um die Vollmilch, sondern Kakao wird verkauft und die Milchindustrie findet es trotzdem gut, weil dann Milch mitverkauft wird.

Und ich habe auf der Internetseite zum Schulmilchtag eine Studie gelesen, dass ein Kakao beim Frühstück den Zähnen weniger schaden würde als Mineralwasser beim Frühstück. Ja, also es zieht sich bis heute durch. Es ist nicht so, dass es schon 50 Jahre her ist und damals wussten die das nicht so, sondern diese Argumentation gibt es heute noch, weil die Kinder einfach nicht die pure Milch trinken wollen, sondern irgendwie eine Süßung da drin haben möchten. Ja und was ich ganz interessant fand, ist, dass die Motivation dahinter, warum denn jetzt eigentlich diese Schulmilch subventioniert werden muss, von Beginn an bis heute - Wenn wenn dich das Thema interessiert, lies dir mal, ich verlinke das auch auf der Seite zum Welt Schulmilch Tag die Argumentation durch - das ist die gleiche Argumentation wie 1957. Also es ist egal 60 Jahre hin oder her. Also ja ich weiß wir haben noch nicht 2017, aber wir dürfen jetzt mal ein Jahr runden. Also wirklich, es ist die gleiche Argumentation: Die Kinder bekommen zu Hause kein Frühstück, gehen also ohne Frühstück in die Schule. Sie sind durchgehend mangelernährt, also kriegen zu Hause sowieso nichts richtiges zu essen und bekommen auch kein Pausenfrühstück von den Eltern mitgegeben. Und das liegt immer schon daran, dass die schlimmen Mütter arbeiten gehen und sich deswegen nicht mehr so um ihre Kinder kümmern können.

Ich muss hier eine kleine Anekdote einschieben. Ich höre ja sehr gerne Miss Marple Krimis, ich höre ja sowieso gerne Hörbücher und Miss Marple und Sherlock Holmes sind so meine beiden Lieblingsserien. Ja, sagen wir mal antike Krimis. So also. Und bei Miss Marple ist es auch so, ich meine, das ist ja schon alles älter und selbst bei ihr ist es so, dass sie sagt ja, die Mütter heutzutage, die können sich ja auch gar nicht mehr so um ihre Kinder kümmern, weil sie berufstätig sind. Also das heißt, dieses Problem, das ist wie bei Sokrates mit der Jugend, der Schlimmen, also es zieht sich einfach durch. Es ist immer das gleiche Problem.

Und ich habe meine Infografik auch „Im Namen der Volksgesundheit“ genannt, denn die Volksgesundheit, die kommt immer vor. Das ist das ja, man muss ja schon fast sagen Totschlagargument. Also es ist definitiv die Motivation, die so nach außen gezeigt wird, die Volksgesundheit, die ist wichtig. Ich kann das verstehen nach dem Zweiten Weltkrieg, als da wirklich viele gehungert haben, dass da wirklich so eine Motivation da war, dass die Kinder dann tatsächlich mangelernährt waren und dass dann da wirklich ein Frühstück in der Schule wichtig war. Ja aber jetzt erzähl mir mal bitte heute und auch schon früher - ich meine, wir sind schon nicht so aufgewachsen, dass wir jetzt Probleme hatten, ernährt zu werden! Und ich bestreite nicht, dass es immer noch Kinder in Deutschland gibt, die nicht genug zu essen bekommen. Aber es geht natürlich dann auch darum, was kriegt man zu essen. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es heute wie damals die ganzen 60 Jahre durch immer das gleiche Problem geben kann.

Carsten Glaube ich auch nicht. Also wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere, einmal für mich persönlich und auch vielleicht für meinen Bruder. Das ist so der familiäre Hintergrund. Ich habe das nie erlebt, dass wir ohne Frühstück das Haus verlassen haben und auch nicht, dass wir zur Schule gegangen sind, ohne noch ein Zwischenfrühstück mitzubekommen. Ich weiß zwar jetzt nicht ganz genau, was wir dort mitbekommen hatten, wahrscheinlich irgendwie belegtes Brot, aber wir haben immer etwas dabei gehabt und das war meiner Erfahrung nach auch bei den Kindern, die ich auf dem Pausenhof gesehen habe, ebenfalls der Fall.

Stefanie Jetzt muss ich dazu sagen, was ich auch gelesen habe, was ich gar nicht in meine Infografik aufgenommen habe: Die Mütter geben den Kindern das falsche Frühstück mit.

Carsten Oh Himmel auch.

Stefanie Ja, nämlich - das habe ich in den Schriften aus 1957 bis 1965 gelesen, dass dann die Mütter Berge von Butterbroten mitgeben. Die sind aber nicht zuträglich der Konzentrationsfähigkeit und Leistungsförderung, weil die den Organismus nur belasten. Wichtig ist es, so ein Milchfrühstück zu haben.

Carsten Zu wenig Zucker, deswegen auch Kakao.

Stefanie Das ist egal. Irgendwo stand das, dass wir beim Zucker ja wissen, dass das die Konzentrationsfähigkeit hebt, den Leistungsspiegel hebt. Dass er dann genauso schnell absinkt, ist egal. Die Milch ist nahrhaft und die Milch ist ein Gehirnnahrung und deswegen sind Berge von Butterbrote nicht gut. Die Mischung machts. Sie haben da auch so Bilder gehabt mit einem Joghurt und einer Milch und dann einem Brot. Also so, das Brot an sich ist nicht schlecht, aber die Berge von Brot sind schlecht. Also das heißt, wie die Mutter es macht, das ist nicht richtig, außer sie macht es so, wie die Milchwirtschaft das möchte.

Carsten Aber die verkaufen keine Butterbrote.

Stefanie Nee, deswegen muss die Mutter doch noch Milch kaufen.

Carsten Aber es gibt ja die Milchschnitte.

Stefanie Die gabs damals ja - Gott sei Dank - noch nicht. Das ist ja auch das Perfide, dass es den Eltern so verkauft wird, als sei alles gut, solange da irgendwie...

Carsten ...ein Milchglas drauf abgebildet ist. Das muss dann noch nicht mal wirkliche Milch drin sein. Milchauszug oder so. Aber ich muss mal ein ernstes Wort mit meiner Mutter sprechen, wenn ich die das nächste Mal sehe. So geht das ja nicht. Also meine gesamte Schullaufbahn eigentlich. Ich konnte mich nie konzentrieren. Ich bin entweder verhungert oder übersättigt gewesen, aber nie so richtig konzentriert bei der Sache. Wie habe ich denn dann meine Schule geschafft?

Stefanie Weiß ich nicht. Haste ja auch gar nicht. Wollen wir jetzt mal erzählen. Also ja, gut, kleiner Scherz am Rande. Also jedenfalls ist das ein Punkt, der mir aufgefallen ist, dass immer die gleichen Argumente angeführt werden, egal in welchen Situationen. Denn wie gesagt, direkt nach dem Krieg kann ich das durchaus verstehen.

Carsten Absolut ja.

Stefanie Heute nicht mehr, auch in unserer Kindheit nicht mehr. Also vor 30 Jahren. Also da bin ich noch nicht zur Schule gegangen, aber ja. Jedenfalls denke ich, es war ja wichtig für die Nachkriegsgeneration, dass sie dann in diesen Wohlstand kam und es ging ja auch relativ zügig. Also ich denke klar, unsere Eltern, die sind noch so aufgewachsen, dass es noch nicht so prall alles war. Ja, aber dann, als sie wirklich jugendlich / erwachsen wurden, dann war der Wohlstand ja da. Ja, da gibt es ja auch Wohlstandsbäuche und so. Deswegen kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass es immer die gleichen Gründe geben kann.

Carsten Ich finde das nur faszinierend, weil die Argumentation stammt ja heute aus dieser Initiative des Weltschulmilchtages. Der ist ja erst 2000, wie du vorhin gesagt hast, alles ins Leben gerufen worden, bezieht sich aber auf Argumentationen, die aus 1957 stammt.

Stefanie Die beziehen sich jetzt nicht explizit darauf.

Carsten Aber sie verwenden die gleichen Argumente. Du weißt es, weil du nachgeschaut hattest. Der Unbedarfte, der schaut rein und sieht quasi so, der Zustand: heute ist alles total schlecht. Die Kinder kriegen nichts zu essen. Aber es weiß ja eigentlich kaum jemand, dass diese Argumentation 60 Jahre lang eigentlich immer konstant blieb und sich nie geändert hat. Und das finde ich aber interessant, dass so eine Argumentation aus der Nachkriegszeit heute noch zieht, dass das so unreflektiert von den Leuten geglaubt wird.

Stefanie Wir sind ja auch Eltern und ich höre es auch von anderen Eltern, die mich fragen, wenn ich mit denen darüber spreche, vegan: Ja, aber woher kriege ich dann das Kalzium für meine Kinder? Ich will ja, dass alles abgedeckt ist und so und das mit der Milch ist von Anfang an so eingebläut worden, dass das das perfekte Nahrungsmittel ist. Das hat all die Nährstoffe, die man braucht. 1870 hat das alles so angefangen, davor war auch schon ein bisschen, aber diese Marketingmaschine hat erst da angefangen. Auch schon zur Nazizeit war das und auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Es ist immer wieder versucht worden, das so anzutreiben. Richtig in Schwung gekommen ist es natürlich dann durch die Massentierhaltung nach dem zweiten Weltkrieg.

Carsten Ja, es ist so in den Köpfen der Leute schon verankert, dass es als sehr gesundes Lebensmittel quasi beworben wird über Generationen weg. Es wird dann nicht mehr reflektiert. Das ist dann schon, ich will nicht sagen, historisch bedingt, auch nicht Tradition, aber es wird als gesichertes Wissen wahrgenommen.

Stefanie Ja, das Marketing hat gewirkt. Es gibt ja diese Zeitschrift, den „Milchkaufmann“, den. Den gibt es dann in verschiedenen Regionen wie den saarländischen Milchkaufmann usw und so fort. Und dann gibt es den deutschlandweiten Milchkaufmann und der Milchkaufmann ist ja so eine Spezies sozusagen, die ausgestorben ist mittlerweile. Den gab es dann mal für 20 Jahre und es ist quasi der Zwischenhändler zwischen dem Bauern und dem Käufer.

Carsten Also in der Phase, wo es Milch noch nicht wirklich im Supermarkt gab oder vielleicht auch noch keine Supermärkte.

Stefanie So genau. Und da kamen die Supermärkte erst langsam auf. Da gab es noch viel, diese „Tante Emma Läden“. Und da gab es dann reine Milchgeschäfte, wo dann natürlich Milch und Milchprodukte verkauft wurden, teilweise auch Eis. Und das war ja auch relativ neu alles. Und naja, jedenfalls gibt es da diese Zeitschriften dazu und ich muss immer schmunzeln, wenn ich das lese. Das ist so interessant, das zu lesen, weil es wirklich so ein... Es sind ja Verkäufer, es sind Händler wie heute. Wenn du also wie jeder Verkäufer, wie Autoverkäufer, wie keine Ahnung was Verkäufer da. Genau solche Argumente werden da auch gesagt, wie du dein Schaufenster richtig präsentierst, wie du die Kunden ansprichst, was du den Kunden mit gibst, die hatten auch eigene Kundenzeitschriften. Also so, ja, und da stehen auch Artikel drin über die Schulmilch und dass es so wichtig ist, diese Kunden von morgen anzufüttern, schon mit der Milch und so nach dem Motto wie es immer so hieß „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Das würde dann auch gelten und so würde man sich die Generation von morgen heranzüchten.

Das ist wirklich so gemeint, dass man irgendwie versuchen muss die Kinder davon zu überzeugen diese Milch zu trinken. Natürlich profitieren die davon finanziell, aber sie sagen immer, sie tun das im Namen der Volksgesundheit. Und diese Volksgesundheit ist wie so ein Schild, das wird immer hochgehalten: „Volksgesundheit“. Und dafür machen die das ja. Ich werde noch viel zur Milch machen. Ich werde auch noch einige Infografiken erstellen und ich habe so ein ziemlich cooles Propagandaschrift gefunden, die „Milch - Wunder der Schöpfung“ heißt. Stammt auch von 1957 und es ist wirklich Wahnsinn, was da drin steht. Also es ist wirklich reinste Propaganda.

Carsten Ich fand das Vorwort, was du mir präsentiert hast, schon extrem pathetisch.

Stefanie Ja, total. Und ich finde es so spannend, das zu lesen, weil das natürlich diese Sicht zeigt und wenn man jetzt mal vergleicht heute: die Kuh existiert eigentlich gar nicht mehr, es geht nur um das Produkt. Nicht, dass da eigentlich ein Kuhleben und Kälber die sterben müssen. Und die Kühe müssen auch sterben, weil die Menschen die Milch wollen, dass das alles da dranhängt, das ist alles wegreduziert. Und diese Diskrepanz zwischen Produkt und Herkunft ist geschaffen worden durch die Supermärkte. Dass das dann wirklich entkoppelt worden ist. Wenn du in einen Supermarkt gehst, du weißt ja gar nicht, wo die Milch herkommt.

Carsten Doch! Von fröhlichen Weidekühen.

Stefanie Ja, genau, die hüpfen das rüber und sagen Hey, ja, ich habe zu viel Milch, Komm, zapf dir was ab. Also so?

Carsten Ja, genau.

Stefanie Genau von denen. Ja. Dann singen sie „Heidi.“

Carsten Die sind auch schon mit Milchkannen durch die Berge gelaufen.

Stefanie Genau. Okay. Aber zurück zur Schulmilch. Hast du noch eine Frage?

Carsten Du hattest gerade mit diesen Marketingaspekten das. Ich habe erst gedacht, du kommst da auf die Provision zu sprechen. Also, das wäre ein guter Ansatz gewesen. Du hast mir nämlich gesagt, im Rahmen deiner Recherche wäre dir aufgefallen, dass die Hausmeister an den Schulen damit Provisionen verdienen.

Stefanie Ja, das wusste ich vorher auch nicht. Vielleicht weißt du das schon, liebe·r Hörer·in, denn ich habe das erst gelesen in dieser Schrift von 1997. Ich weiß nicht, wie lange die Hausmeister·innen schon Provision kriegen. Aber jedenfalls, da stand drin, dass sie pro Milchflasche 5 bis 10 Pfennig Provision bekommen. Wobei damals 1997, die noch gesagt haben das Pfandsystem, das ist viel zu aufwendig. Wir verkaufen lieber Einmalverpackungen. Ja, sehr nachhaltig. Ja, so voll Umwelt und so! Aber im Vergleich zu den 20 Pfennig pro Colaflasche ist die Milch nicht so attraktiv für den Hausmeister. Und deswegen muss man den Hausmeister noch irgendwie ködern, dass der auch gerne was verkauft.

Carsten Ich finde das total stark. Ich wusste das vorher nicht. Ich hab das damals in der Schule ja auch mitbekommen, dass der Verkauf immer bei den Hausmeistern stattfand und ein ehemaliger guter Freund von mir, dessen Vater war auch Hausmeister, zufällig an der Schule, an der ich damals auch war. Aber ich habe das nie mitbekommen, dass die Hausmeister sich damit Geld dazuverdienen. Ich dachte immer, das ist einfach so, ja, die sind angestellt an einer Schule und und nutzen dann die Pausenzeiten, um dann so für die Schule was zu verkaufen.

Stefanie Ja genau. Ich dachte, das auch.

Carsten Das gehört zu dem Laden da.

Stefanie Ja, aber das ist deren Eigentum sozusagen. Wie ich es gelesen habe, ist es so, dass das Problem bei diesen Pfandflaschen dann war, dass viel Glas zu Bruch gehen kann. Und diese randalierenden Jugendlichen…

Carsten Die so schlimm sind…

Stefanie Diese schlimmen Schüler...

Carsten Sprichst du jetzt aus heutiger Zeit oder von Sokrates?

Stefanie Nee, nee.

Carsten Sokrates hatte noch keine Schulmilch, genau.

Stefanie Nee, das stand tatsächlich da so drin, dass die Hausmeister aufgrund der schlimmen Schüler keine Glasflaschen haben wollen, weil die die immer zerdeppern und sie selber dann dafür aufkommen müssen. Und das gegenüber der Molkerei, die das liefert, dann nicht beanstanden können. Ja, und solche Dinge stehen da auch drin. Ich habe das, wie gesagt, noch nicht ganz durchgelesen, weil das einfach noch viel zu lesen ist. Ich werde das auch noch weiter aufarbeiten, aber ich wollte jetzt zum Weltschulmilchtag erst mal so einen Überblick geben. Ja, und es ist wirklich ganz spannend, das alles so zu lesen, so die Hintergründe auch zu sehen. Und im Grunde ist aber was das Ganze durchzieht, diese Motivation, die Volksgesundheit und auch zu sagen: Ja, wenn es jetzt keine Schulmilch mehr gibt, keine subventionierte Schulmilch, dann ist ja alles hin, was wir uns da aufgebaut haben. Und dann müssen die armen Kinder alle elendiglich verhungern. Also vielleicht nicht, aber jedenfalls sind sie dann mangelernährt.

Carsten Die Noten gehen runter. Ich sag nur PISA...

Stefanie Ja das ist ja dann auch die Frage: Warum muss denn eigentlich die Volksgesundheit immer herhalten und warum müssen die Kinder leistungsfähig sein? Das ist ja dann auch wieder so die Sache. Ja, sie müssen deswegen leistungsfähig sein, damit wir leistungsfähige Arbeiter·innen nachher haben, die das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Ich meine, es war ja in der Nachkriegszeit klar, da sollten die alle aufgeputscht werden, damit sie ordentlich arbeiten und das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Ist aber heute noch genauso. Die Schüler·innen sollen leistungsfähig sein, damit leistungsfähige Erwachsene draus werden.

Carsten Aber hatte ich da nicht irgendwie eine Studie gesehen, aus der ersichtlich wurde oder eine Korrelation da war in den Ländern oder Bundesländern? Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie das war, wo weniger Schulmilch konsumiert wird, ist der Notendurchschnitt besser? Also irgendwie genau das Gegenteil von dem, was die Milchindustrie sagt.

Stefanie Hab ich noch nicht gesehen.

Carsten Irgendwo ist mir mal so eine Studie über den Weg gelaufen. Ich meine, Korrelation ist jetzt nicht Kausalität, aber ich fand das schon bemerkenswert, weil das ja eigentlich dem widerspricht.

Stefanie Also meiner Meinung nach ist das eh alles nur reine Propaganda. Die Milchwirtschaft hat sich da ein Milliardengeschäft aufgebaut. Das ist der zweitgrößte Wirtschaftszweig in der Lebensmittelbranche oder Wirtschaft.

Carsten Das sind nicht die kleinen Bauern von nebenan, sondern das ist eine richtige Wirtschaftsmacht, da ist es ist ein Milliardengeschäft im Hintergrund. Und wenn die sich da über Subventionen noch mal eine goldene Nase verdienen können und dann obendrauf noch dann im Rahmen einer Propagandagesteuerten Weltschulmilchaktion...

Stefanie Es ist ja nicht nur zum Weltschulmilchtag, sondern generell die Schulmilch. Die haben ja ganz, ganz viele Aktionen, dass sie dann irgendwelche Wettbewerbe machen oder die Schulmilch Kartons, also die Tetrapaks dann noch mal bedrucken, die haben Sticker, die man sammeln kann, damit man immer wieder welche nachkauft und Sammelalben und was weiß ich. Und es sind ja nicht die Bauern, die das irgendwie antreiben. Die Bauern sind ja jetzt eigentlich auch nur noch Lieferanten, aber nicht mehr diejenigen, die dafür sorgen, dass ihre Milch verkauft werden muss, sondern es sind ja die Molkereien, die das alles machen. Und ja, es gibt ganz, ganz viele Werbemethoden, die sie angewandt haben. Aber was tatsächlich gleichzeitig ist, ist, dass die ganze Zeit, über die Jahrzehnte hinweg gesagt wird, dass der Schulmilchverbrauch rückläufig ist. Und das ist also quasi ein ständiger Kampf, so dass mehr Schulmilch konsumiert werden soll, aber gleichzeitig dann die Schulmilch nicht so viel getrunken wird, also gerade rückläufig ist und dann aber wieder gesagt wird: Ja, Schulmilch ist ganz wichtig, aber es will keiner trinken. Also es ist über die Jahrzehnte hinweg vieles gleich.

Carsten Ja, das hat mich so ein bisschen irritiert. Als ich das das erste Mal so mitbekommen hatte, dass es eigentlich genauso wie dieses Argument die Eltern geben den Kindern nichts mit zieht sich ja auch über diese 60, 70 Jahre hinweg und über einen ähnlichen Zeitraum ist auch immer der Konsum der Schulmilch rückläufig gewesen. Da hab ich mir dann die Frage gestellt, dann müsste es doch langsam gar keine Schulmilch mehr geben, wenn es immer nur rückläufig ist.

Stefanie Aber weil seit 1977 diese EU-Subventionierung da ist und weil natürlich die DGE, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sagt „Milch muss getrunken werden. Milch ist ganz wichtig für dich“ und weil einfach diese Propaganda da ist. „Milch ist wichtig, Milch ist wichtig, Milch ist wichtig“ deswegen wird es weiterhin so gemacht. Die Erwachsenen geben das vor, die Kinder müssen nachziehen.

Carsten Na gut, die reflektieren das ja auch nicht oder können es ja nicht.

Stefanie Die können es nicht, werden vielleicht teilweise auch gezwungen. „Du musst dein Glas Milch trinken.“

Carsten Könnte, ja, weiß ich nicht, ob das heute noch gemacht wird.

Stefanie Ich kann mir das schon vorstellen, also ich kenne Familien, in denen morgens immer eine Flasche Milch noch getrunken wird. Nuckelflasche...

Carsten Das steigert nur die Konzentration...

Stefanie Weil das irgendwie so wichtig sein soll. Ja, also das ist so tradiert.

Carsten Aber H-Milch.

Stefanie Keine Ahnung, ob es H-Milch ist. Na, aber apropos H-Milch, ich habe sogar Studien gelesen da drin in diesen ganzen Artikeln und so, wo dann darüber diskutiert wurde, wie wertvoll denn jetzt die H-Milch ist, weil Kakao meistens als H-Milch Kakao verkauft wurde und da stand, dass das genauso toll ist, wie die Vollmilch. Ich weiß nicht warum, aber jedenfalls ging es wirklich. Also wen es interessiert, frage mich bitte. Ich werde die entsprechende Stelle raussuchen und das dann noch mal dir mitteilen. Nur im Moment weiß ich es gerade nicht mehr. Aber jedenfalls fand ich es nur interessant, weil es darum ging. Ja H.Milch, das macht nichts, die wertvollen Stoffe sind sowieso enthalten und so, also so generell ist es egal in welcher Form, wie die Milchschnitte es ist ganz egal, hauptsache irgendwie ist da Milch drin. Auch wenn sie vielleicht nicht drin ist, ist es immer gesund.

Carsten Aber das ist doch ein gutes Argument, was man gegen die Milchwirtschaft einwenden kann. Es gibt ja mittlerweile so viel Milchpulver, da könnten wir ja sämtliche Milchkühe abschaffen und jahrzehntelang nur noch unser H-Milch auf Milchpulverbasis herstellen, wird ja sowieso gemacht. Das weiß ja auch kaum jemand, dass die in den Molkereien ja auch nichts anderes machen, als die Milch in ihre Bestandteile zu zerlegen. Und dann wird wieder alles Baukastenmäßig zusammengeklatscht. Aber da müsste ja mittlerweile auch so über lange Strecken hinweg einfach auf Basis von Milchpulver die Möglichkeit da sein, seine Milchprodukte zu erzeugen.

Stefanie Ja, wobei Milchpulver ja meistens dann verwendet wird für die Kälberaufzucht.

Carsten Die brauche ich dann ja nicht mehr. Die fallen dann da weg.

Stefanie Nein, ich meine nur, sie ist schon in Verwendung. Ja, ich verstehe, was du meinst. Okay, also.

Carsten Das Thema ist sehr umfangreich und erschöpfend. Ich denke mal, wir werden das vielleicht später nochmal ein bisschen vertiefen. Du bist ja mit deiner Forschung auch noch nicht so zu Ende, sondern kommst ja eigentlich immer tiefer. Da gibt es immer wieder feine Fundstücke.

Stefanie Mir geht es ja um die Milchwerbung und darum, wie das jetzt so populär geworden ist. Und ja, da ist es so, dass ich denke, es gibt diese verschiedenen Zielgruppen und Schulmilch ist eine davon. Dazu gehören natürlich auch immer die Eltern, dann auch die Hausmeister, das weitet sich dann wieder. Schulen und dann alles, was so dazugehört. Kindergärten sind teilweise auch dabei. Dann ist es wieder keine Schulmilch mehr. Aber es ist dieses Bildungssystem sozusagen. Und da steht stand auch drin, dass es besonders gut ist, wenn in den Kindergärten die Kinder schon ans Milchtrinken gewöhnt werden, weil sie dann zuverlässig in der Schule weitertrinken und so da herangezogen werden zu zuverlässigen Milchtrinkenden. Genau. Und den Absatz ankurbeln.

Carsten Ne, ne, ne, ne Volksgesundheit.

Stefanie Kein Absatz?

Carsten Das folgt jetzt keinen wirtschaftlichen Interessen.

Stefanie Volkswirtschaftlichen...

Carsten Volkswirtschaftlichen Hintergründe.

Stefanie Ja, also wie gesagt, ich habe dazu eine Infografik erstellt. Die kannst du dir gerne anschauen und wenn sie dir gefällt, auch gerne teilen. Das freut mich natürlich. Und wenn du noch Fragen hast, wie gesagt, das kann jetzt hier alles nur so ansatzweise behandelt werden. Aber ich wollte auf jeden Fall zum Weltschulmilchtag eine Folge machen, dann frag gerne, schreib eine Email.

Carsten Genau. Und du bist ja sowieso immer mal wieder Richtung Recherche unterwegs. Vielleicht gibt es da ja die eine oder andere Frage, die dann im Rahmen deiner Forschung nochmal aufgegriffen und bearbeitet wird.

Stefanie Ich habe auch noch ganz viel Material, ich konnte noch nicht alles sichten. Das ist so ein bisschen schwierig, das alles, oder was heißt schwierig? Es ist eine Herausforderung, das alles in dem kleinen Zeitkontingent, das ich habe, zu bewältigen. Und ja, also es macht mir auf jeden Fall sehr viel Spaß.

Carsten Genau in diesem Sinne.

Stefanie In Hamburg sagt man Tschüss.

Carsten Und auf Wiedersehen.

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