Folge 25 - Ethisch vertretbare Kuhmilch

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Folge 25 - Was wäre wenn es ethisch vertretbare Kuhmilch gäbe?

In dieser Folge spreche ich über ein Gedankenexperiment, das der "Was wäre wenn Du auf einer einsamen Insel wärst?"-Frage ähnelt.

Ich bin in der Vergangenheit schon oft auf die eine oder andere Art gefragt worden, ob ich Kuhmilch trinken würde, wenn es der Milchkuh besonders gut gehen und für die Kälbchen gesorgt werden würde.

Meine Antwort ist immer die gleiche: Nein.

Warum das so ist und sich auch nie ändern wird, erzähle ich Dir in dieser Folge.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und du hast dich vielleicht gefragt, warum es so ewig lange keine neue Folgen gegeben hat, das hat unter anderem daran gelegen, dass ich einfach keine Zeit habe, neue Folgen aufzunehmen.

Für mich war es wichtig, meine Frage, wie konnte aus Kuhmilch ein Grundnahrungsmittel werden zu beantworten. Das habe ich mit den vorangegangen Folgen gemacht, sodass ich von der Vergangenheit bis in die Gegenwart alles abgebildet habe. Und so ist der Podcast, sind die Folgen eigentlich in sich abgeschlossen. Ich hätte es mir gewünscht, jetzt noch einmal in die Zukunft zu blicken, aber mir fehlt einfach die Zeit dazu, da noch weiter zu machen.

Warum gibt es dann heute eine neue Folge? Ich bin in den letzten Jahren immer mal wieder in Gedankenexperimente verwickelt worden, in denen ich gefragt wurde, was wäre wenn und wenn es so und so aussehe, würdest du dann Milch trinken? Und ich habe das Gefühl, dass da eigentlich dieser Wunsch zugrunde liegt, dass es einen Ausweg gibt, also dass es eine Möglichkeit gibt, Milch zu trinken mit gutem Gewissen oder Käse zu essen mit gutem Gewissen. Und da ich ethisch motiviert bin, kann ich dir vorab sagen, das gibt es nicht. Es gibt nicht die Möglichkeit, Kuhmilch zu trinken mit gutem Gewissen und auch nicht Kuhmilchkäse oder generell tierlichen Käse zu essen mit gutem Gewissen. Wenn du ethisch motiviert bist, wie ich, dann verbieten es dir einfach, deine Werte tierliche Produkte zu verzehren. Und ich möchte diese Folge tatsächlich diesem Gedankenexperiment widmen und dem Wunsch meistens der Vegetarier und Vegetarierinnen doch nicht auf ihren geliebten Käse verzichten zu müssen.

Und dazu möchte ich dir eine kleine Geschichte erzählen, die mir gestern passiert ist, als ich meine vorletzte „Hamburg vegan erkunden“- Radtour gefahren bin. Wir saßen da in der Pause, es war eine kleine Gruppe, es waren einige Vegetarier:innen dabei und einige Menschen, die von sich gesagt haben, dass sie eigentlich ganz wenig Fleisch nur essen und wenn dann bio.

Und einer der Vegetarier hat mich während der Pause dann gefragt, ob ich, wenn es einen Hof gäbe, auf dem die Milchkühe besonders gut behandelt würden und man nur ganz wenig Milch von den Kühen nehmen würde, dann die Milch trinken würde. Und ich habe ihm geantwortet, dass für jede Milchkuh, die Milch gibt, ein Kälbchen erst mal geboren werden muss, weil das ja tatsächlich die Grundlage ist, wie das bei uns Säugetieren funktioniert, bei uns Menschen genauso wie bei den Kühen. Eine Frau, egal ob Kuh oder menschlich, gibt nur Milch, wenn sie Mutter wird. Und ich habe ihm gesagt, dass dann ein Kälbchen zur Welt kommen muss und was passiert dann mit dem Kälbchen? Und er sagte, dass das Kälbchen bei der Mutter gelassen würde und dann würde man eben so ein bisschen Überschuss nehmen davon und das Kälbchen dürfte aber die ganze Zeit bei der Mutter bleiben und so viel trinken wie es wollte und den Rest würde man dann oder ein bisschen würde man dann nehmen, um dann das für sich selbst zu nutzen.

Und ich habe ihm dann gesagt, dass im Schnitt eine Milchkuh so 20 Liter pro Tag gibt und ein Kälbchen schon so 8 bis 10 Liter pro Tag braucht, um zu wachsen. Das heißt, es blieben dann nochmal etwa 10 Liter übrig, aber das ist auch nur bei einer Milchkuh der Fall, die regelmäßig gemolken und auch dementsprechend gefüttert wird. Also die Natur hat es ja gar nicht vorgesehen, dass eine Kuh oder auch generell ein Säugetier mehr Milch produziert, als die Nachkommen, als die Kinder benötigen. Und das heißt, es wäre weiterhin ein Eingriff in die Natur und wir würden auch weiterhin dieses Tier nutzen. Und das ist für mich auch etwas, was sich mir verbietet. Ich möchte keine Tiere nutzen, es gibt für mich auch keine Notwendigkeit, der Kuh die Milch zu nehmen und daraus irgendetwas anderes herzustellen oder sie so zu trinken.

Jetzt war bei dem Gedanken-Experiment die Frage nach dem Käse. Um ein Kilo Käse herzustellen, braucht man im Durchschnitt 10 Liter Milch. Und da müsste man natürlich dann schauen, wie würde das gemacht werden. Wenn man jetzt tatsächlich sagt, okay, von der Kuh nimmt man dann vielleicht nicht die 10 Liter pro Tag, sondern man nimmt 2-3 Liter pro Tag, dann müsste man die sammeln, haltbar machen und irgendwann dann zur Käse machen, sodass man vielleicht nach einer Woche genug Milch zusammen hat, um ausreichend Käse herzustellen oder vielleicht nach zwei Wochen, dann muss der Käse ja auch erst mal hergestellt werden. Selbst wenn man dann irgendwie in ein Rhythmus kommen würde, dass dann der Käse irgendwann hergestellt würde, wären es ja wirklich so kleine Mengen, dass man ab und zu Käse essen könnte, klar.

Aber die Frage ist ja, wie kann man dieses Gedanken-Experiment in die Wirklichkeit übertragen? Also für wen wäre dann der Käse und wenn das jetzt alle machen wollen, wie können dann alle tatsächlich davon profitieren, dass es kleine Höfe gibt, auf denen es kleine homöopathische Mengen an Milch gibt, die für den Menschen übrig bleiben und aus denen dann, sagen wir alle vier Wochen, ein Kilo Käse entsteht? Oder würde es dann eben nur einer besonderen Elite zugänglich sein, die dann diesen Käse essen darf und die anderen müssen darauf verzichten? Also wir sind dann ja wieder bei der Masse und das ist ja genau das, wo die Milchwirtschaft sich befindet, dass sie auf Masse produziert und dass es darum geht, dass wir sagen, okay, wir wollen so viel Käse wie möglich und deswegen müssen die Milchkühe eben auch so viel Milch wie möglich geben. Das ist eben nicht wirtschaftlich.

Und die Kernfrage war ja, würdest du dann die Milch trinken, wenn es so wäre in unserem theoretischen Gedanken-Experiment und egal, wie gut es den Milchkühen geht und egal, wie gut es den Kälbchen geht, ich würde die Milch nicht trinken, die übrig bleibt und ich würde sie auch nicht sammeln und daraus Käse oder Butter machen. Um ein Kilo Butter herzustellen, braucht man 20 bis 22 Liter Milch, das dauert einfach und das ist auch das, was ich in dieser Historie ja dargestellt habe, was einfach den Menschen früher nicht möglich war, weswegen Butter und Käse einfach Luxusgüter waren und wir würden sie, wenn wir jetzt in diesem Gedankenexperiment blieben, auch wieder zu Luxusgütern machen, denn es wäre ja dann wieder nur ganz, ganz wenig Milch vorhanden und wir brauchen ganz viel Milch, um daraus irgendwelche Produkte herzustellen.

Es ging ja jetzt um den Käse, das heißt, wenn wir da bei diesen 10 Litern bleiben und sagen, okay, wir nehmen der Kuh jeden Tag nur ganz wenig weg, dann wären es eben wirklich kleine Mengen Käse und egal, wie, wenn wir jetzt sagen, okay, es geht der Kuh total gut und wir melken sie ab und zu und daraus machen wir uns dann unseren Käse, die Milchleistung wird nach einiger Zeit nachlassen.

Das ist ganz natürlich, jede Mutter kann das bei sich beobachten, egal wie lange sie ihr Kind stillt, irgendwann lässt die Leistung nach und sei es nach einem Jahr, sei es nach zwei, drei, vier oder fünf Jahren, es ist nicht so, dass die Milchleistung stetig anhält, nur weil die Kuh ein Kalb geboren hat und dann müsste sie ja wieder einen Kalb gebären und wieder ein Kalb gebären und irgendwann kann sie nicht mehr und die Frage ist dann, was passiert überhaupt mit den Kälbchen? Werden diese Kälbchen dann immer wieder benutzt, so dass sie dann, wenn es weibliche Kälbchen werden, Milchkühe werden, was ist dann mit den männlichen Kälbchen?

Das ist ja genau das Problem, was wir momentan eben auch haben, dass in der Milch- und in der Eierindustrie die männlichen Nachkommen einfach über sind. Die braucht niemand in dieser Industrie und deswegen werden sie halt schnell beseitigt. Wenn es dafür dann noch Geld gibt, dass man sie beseitigt, dann wird das noch angenommen, aber meistens gibt es ja nicht genügend Geld dafür und das heißt, wenn wir dieses Gedankenexperiment weiterspinnen, dann gibt es immer wieder neue männliche Kälbchen, die einfach da sind und die haben ein Existenzrecht und was soll dann aus ihnen gemacht werden? Werden sie dann genutzt, weil wir vielleicht, das haben wir jetzt während unseres Gesprächs nicht weitergesponnen, weil sie vielleicht benutzt werden, um ein Acker zu pflügen?

Das wäre für mich dann auch wieder ein Nutzen von Tieren, was sich mir dann wiederum ethisch verbietet und das andere wäre, okay, sie stehen dann einfach auf der Weide oder im Stall oder einfach so, sie sind halt einfach da und je nachdem wie viel Milch und wie viele Kühe auf so einem Hof dann zusammenkommen, dementsprechend werden ja auch so und so viele Kälber in die Welt gesetzt und da wir nicht beeinflussen können, ob es weibliche oder männliche Kälber werden, können dann einfach immer mehr männliche Kälber auf die Welt kommen und was passiert dann mit denen? Also wie geht es dann weiter?

Für mich wäre es keine Lösung zu sagen, naja sie sind halt dann da und dann schlachten wir sie und essen sie, dann sind wir wieder in einem gleichen System und das ist eben alles, was an diesem Stück Käse dran hängt, also was es auch bedeutet, es bedeutet nicht nur, dass eine Kuh Milch gibt und man ihr diese Milch nimmt, die eigentlich für ihr Kind gedacht ist, sondern es gehört eben auch dazu, dass männliche Nachfahren irgendwie auf dieser Welt existieren müssten, aber aus den wirtschaftlichen Gründen nicht existieren können und das sinnlos Leben in die Welt gesetzt wird, dass wir dann auf irgendeiner Art und Weise beenden.

Für mich sind diese Gedankenexperimente ein Herumdoktorn in einem kranken System. Aus meiner Sicht gibt es keine Möglichkeit, innerhalb des Systems zu handeln, das ganze System ist krank und das ganze System ist ethisch nicht vertretbar, wir müssen die Lösungen außerhalb des Systems suchen und außerhalb des Systems heißt auch dann Käse loszulassen, so leid es mir tut.

Ich war 20 Jahre Vegetarierin, ich habe 30 Jahre meines Lebens Käse gegessen, ganz viel Käse, so viel Käse, ganz ganz viel und es war für mich sehr schwer auf Käse zu verzichten und daher verstehe ich es natürlich, dass wir Vegetarierinnen nach einem Ausweg suchen, um nicht auf Käse verzichten zu müssen und uns dann in solche Gedankenexperimente flüchten. Wir müssen da leider der Wahrheit in die Augen blicken und wenn wir aus ethischen Gründen Vegetarierinnen geworden sind, dann können wir keine Milch trinken, dann können wir keinen Käse essen und es verbietet sich einfach sämtliche tierliche Produkte zu konsumieren.

Es gibt einfach keine Möglichkeit innerhalb des Systems zu existieren. Wir müssen raus aus dem System und uns eine neue Welt schaffen, ein neues System, raus aus diesem mehr, mehr, mehr und weg von dem, dass wir aufgrund eines kurzen Gaumenkitzels Leben opfern. Und wir opfern ja nicht nur die Leben der Tiere, sondern auch durch den Export in der Milchwirtschaft Menschenleben auf anderen Kontinenten, so wie zum Beispiel Milchpulver nach Afrika exportiert wird und dort die Märkte zerstört.

Es hängt wirklich so viel dran an diesem kleinen Stück Käse und ich weiß, wie schwer es ist, darauf zu verzichten, aber ich kann dir sagen, es ist machbar und es wird sich eine neue geschmackliche Welt für dich eröffnen und auch wenn du vielleicht keine Lust hast, die Ersatzprodukte zu probieren und da zu schauen, ob du etwas findest, was dir über die Übergangsphase hinweg hilft, dann wirst du nach einiger Zeit, wenn du einfach auf den Käse verzichtest, einen Weg finden, dass du auch ohne Käse leben kannst, denn es ist möglich, es ist wirklich möglich. Und dann brauchen wir uns auch nicht an solche Gedankenexperimente zu klammern und uns zu überlegen, was wäre wenn.

Wenn wir den Kühlen gerecht werden wollten, dann würde keine Milch für uns übrig bleiben, denn die Natur hat es so vorgesehen, dass die Kühe nur so viel Milch geben und alle Säugetiere wirklich nur so viel Milch geben, wie ihre Nachkommen es brauchen. All das, was wir uns in unseren Gedankenexperimenten überlegen, ist nicht artgerecht und es ist nur ein Hilfskonstrukt, was uns wiederum hilft, unsere Lust auf Käse zu rechtfertigen und ich möchte dich bitten, wenn du in dieser Situation bist, dass du denkst, ich kann aber einfach nicht auf Käse verzichten und du lebst aus ethischen Gründen vegetarisch, es noch einmal zu überdenken und es einfach mal auszuprobieren.

Einen Monat, nimm dir einen Monat und es ist kein Käse, versuch einfach mal und dann schau mal, was es alles noch gibt. Es gibt so eine große Welt an pflanzlichen Lebensmitteln und es gibt jetzt mittlerweile so viele Rezepte und so viel, was du probieren kannst. Es gibt so viel zu entdecken, du brauchst diese Gedankenexperimente nicht. Lass sie einfach gehen, lass sie einfach los.

Sieh der Wahrheit ins Gesicht, es gibt keine ethisch vertretbare Möglichkeit Käse zu essen und mit diesen Worten möchte ich diese Folge auch beenden und ich freue mich, dass du dieses mal dabei warst und vielleicht wird es noch die eine oder andere Milchgeschichte geben. Ich schau, wie ich die Zeit dazu finde. Hör auch gerne bei meinen anderen Podcasts rein und dann wünsche ich dir für die Zukunft nur das Beste.

P.S.: Beim Transkribieren der Folge ist mir noch ein weiterer Punkt aufgefallen: der Platzverbrauch für die Tiere. All die Kälbchen und Milchkühe, die ich besonders gut behandeln möchte, damit ich kein schlechtes Gewissen habe, wenn ich weiterhin Käse esse oder Kuhmilch trinke, brauchen viel Platz zum Leben. Und dieser Platz ist gar nicht vorhanden. Die Tiere weiterhin in einen engen Stall zu sperren würde dem Anspruch, sie gut zu behandeln, nicht entsprechen und so führt auch dieser Weg in eine gedankliche Sackgasse.

Folge 24 - Kuhgöttinnen­kulte

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Folge 24 - Kuhgöttinnenkulte

In dieser Folge wird es mythisch. Ich

  • spreche über Göttinnen in Kuhgestalt,
  • erzähle Dir von der Bedeutung von Milchkühen in Schöpfungsgeschichten und
  • erkläre Dir welche Macht die Milch in der damaligen Zeit hatte.

Zugegeben, all das ist lange, lange her und hat heute keinerlei Bedeutung mehr. Aber ist nicht genau das das Problem? Dass wir den Wert der Milch vergessen haben? Dass wir den Eindruck haben, die Milch käme aus der Molkerei und nicht mehr aus dem Euter?

Kuhgöttinnen waren nicht umsonst mächtige Muttergöttinnen, die über Leben und Tod bestimmten. Besinnen wir uns auf den Ursprung, was Milch bedeutet- für jedes einzelne Säugetier.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und ich möchte dir heute über Kuhgöttinnenkulte berichten, über Mythen rund um die Kuh.

Das heißt, es geht heute weit in die Vergangenheit zurück, es hat mit der Gegenwart nur noch wenig zu tun. Und trotzdem ist es wichtig, damit wir uns den Wert der Kuhmilch überhaupt bewusst machen und der Milch generell, egal von welchem Säugetier sie kommt. Kuhgöttinnen waren Göttinnen, die in Gestalt von Kühen dargestellt wurden oder mit einem menschlichen Körper und einem Kuhkopf oder nur mit den Hörnern. Und sie wurden als Schöpferin des Alls bezeichnet, als allumfassende Muttergottheit. Und die heilige Kuh wurde wie kein anderes Tier von den Ägypterinnen durchgehend verehrt.

Kuhgöttinnen hatten verschiedene Namen über die Jahre hinweg. Sie hießen Hathor oder Isis, Europa oder Io, Kali, Astarte, Ninhursanga oder Aditi. Oder es gab auch noch einige andere. Und sie wurden dargestellt als sternenübersähte, kuhgestaltige, kosmische Göttin des Himmels, als lebendige Seele der Bäume oder als Mutter und Amme des Horusknaben oder als Symbol und Schutzgöttin eines jeden Pharaos oder als Verkörperung des Goldes, des Metalles, des Lichtes und der Sonne. Oder sie trugen die Sonnenscheibe zwischen den Hörnern, das Symbol des Göttlichen überhaupt.

Das heißt, eine Kuh und auch generell Milch, also das weibliche und die Milch, die fließt, die Milch eines Säugetiers war damals sehr, sehr wertvoll, weil sie eben mit Leben in Verbindung gebracht wurde.

Und es gibt eine nordische Kuh und Erdgöttin, die Audhumbla. Sie ist in der Prosa-Edda von Snorri Sturluson genannt. Das ist ein Teil der nordischen Mythologie und ich habe mich auf der Seite artedea.net sehr viel umgeschaut und möchte da jetzt einmal zitieren:

„In der nordischen Mythologie ist Audhumbla die Urkuh, die Milchreiche, die gleichzeitig die Kraft der Erde verkörpert. Sie wird in der Prosa-Edda erwähnt. Sie ist ein Symbol für Lebenskraft und Fruchtbarkeit. Da Audhumbla eine Verkörperung der nährenden Kraft der Erde ist, kann sie daher auch als eine Göttin angesehen werden. Auffallend ist die Ähnlichkeit ihres Namens Audhumbla mit dem englischen Autumn, Herbst, die Jahreszeit, in der die nähernde Erde besonders gut zu spüren ist. Audhumbla reiht sich in die zahlreichen, nährenden Kuhgöttinnen, wie die ägyptische Hathor oder Bat, die somerische Ninhursanga oder die indische Aditi. In den nordischen Mythen erschien sie zu Beginn der Schöpfung als erstes Tier aus der gähnenden Leere, genau zu jenem Zeitpunkt als aus dem Zusammentreffen von Eis und Feuer der tauende Urreif hervorgehen. Durch das Wirken von Hitze und Kälte entstand auch das riesige zweigeschlechtliche Wesen Ymir, das als erstes Lebewesen gilt. Dieses wurde von den vier Milchströmen aus Audhumblas Euter genährt.  Die ersten Götter, Odin, Vé und Vili, töteten Ymir und bauten aus seinen Körperteilen die Welt: Aus seinem Fleisch wurde die Erde, aus dem Blut das Meer, aus seinen Knochen Felsen und Gebirge, aus seinem Haar die Bäume, aus seinen Augenbrauen Midgard, die „Mittelwelt“ oder auch Erde, seiner Hirnschale der Himmel, der von vier Zwergen gestützt werden musste und aus seinem Gehirn die Wolken.  Als Audhumbla an salzigen, bereiften Steinen leckte, kamen am Abend des ersten Tages Menschenhaare hervor, am anderen Tag der Kopf eines Mannes und am dritten Tag war es ein ganzer Mann, der Búri hieß und groß und stark und schön von Angesicht war. So brachte die allererste Kuh sowohl die RiesInnen wie auch die Menschen hervor.“

Und über die ägyptische Göttin der Liebe und Freude, Hathor, die auch die Himmelskuh genannt wurde, steht auf www.artedea.net folgendes: „Hathor schuf sich in Urzeiten aus sich selbst heraus. Sie gilt als die Mutter jeder Göttin und jeden Gottes und auch als symbolische Mutter des jeweiligen Pharao. Sie ist die heilige Himmelskuh, die die Milch des Lebens schenkt. Dargestellt wird sie daher entweder als Frau mit Kuhkopf oder mit mondförmigen Kuhhörnern, zwischen denen sie die Sonnen- bzw. die Vollmondscheibe trägt. Auch Bildnisse von ihr als geflügelte Kuh sind bekannt.“

Also diese Darstellung mit den Kuhhörnern ist sehr wichtig, es ist tatsächlich ein Machtsymbol. Und so ist es auch mit Isis der großen Muttergöttin Ägyptens, die, wenn sie als Kuh dargestellt wird, häufig mit Hathor verwechselt wird. Auch sie hat die Mondsichel in Form von Kuhhörnern auf ihrem Kopf, in denen dann die Sonnen- oder Vollmondschale ruht. Und manchmal wird sie auch mit einem Kuhkopf gezeigt. Und was ich besonders interessant fand, war, dass dort stand, dass sie wegen ihrer mütterlichen Eigenschaften auch manchmal in Gestalt einer Sau gezeigt wird. Was uns wirklich auch zum Nachdenken anregen sollte, so wie wir Säue und Schweine heutzutage behandeln. Aber das nur als kleiner Kommentar nebenbei.

Auch die syrisch-phönizische, westseemitische Vegetations- und Sternengöttin Astarte wird oft mit Mondsichel-Hörnern, Kuhgehörnen und Sonnenscheibe beziehungsweise Vollmond umringt von Sternen dargestellt. Und ebenso wird auch Europa, die als Urmutter des gesamten europäischen Kontinents gilt und ursprünglich eine kretische Muttergöttin war, als Mond-Kuhgöttin dargestellt.

Das heißt, diese Darstellung als Kuhgöttin war wirklich ein Zeichen der Macht und ein Zeichen des Lebens, des lebenspendenden, allumfassenden, nährenden Strom des Lebens. Die Milch ist ein Lebenselixier für jedes Säugetier. Ohne diese Milch können sowohl Menschen als auch Tiere damals nicht überleben, also die Milch der eigenen Art. Und deswegen ist es natürlich auch ein Symbol der Macht, denn wenn der Strom versiegt, der Strom der Milch, dann versiegt auch das Leben. Und dadurch ist diese Darstellung als Kuhgöttin eine sehr machtvolle Darstellung.

Es gibt auch noch weitere Mythen, zum Beispiel in Indien. Da möchte ich jetzt einmal nochmal aus dem Buch „Milch - vom Mythos zum Massenware“ von Andrea Fink-Kessler zitieren: „Später wird Indra der Gott direkt über die Wolkenkühe herrschen. Sie werden durch seinem Blitzfeuer oder von den himmlischen Windgeistern zu dicken Regenwolken verdichtet und gemolken. Werden aber die Wolkenkühe von den Windgeistern gejagt, so zerstreuen sie sich und es kommt darüber das Land, da Blitz und Donner des Himmelsgottes Indra zerstörend auf die Erde und die Ernte wirken, löscht die himmlische Milch der Wolkenkühe auch das vom Blitz entzündete Feuer.

Eine ähnliche Wolkenkuh kennen die nordischen Mythen. Die Wolkenkuh wird vom wütend daher brausenden Heer des Wettergottes Thor, auch Wotan, den entfesselnden Stürmen immer wieder geschlachtet und aufgefressen. Die Wolkenkuh hat aber die Kraft, sich aus der übrig gebliebenen Haut, dem Wolkenschleier, zu erneuern.

Aus den ruhelosen Wolkenkühen wurden die Wolkenfrauen und schließlich die von den durch die Lüfte jagenden Windgeistern abstammenden Hexen. Hexen galten lange als Beherrscherinnen des Wetters. Schließlich verdichteten sich die wandernden Wolkenfrauen zu einer zentralen Figur, der Frau Holder oder der Frau Holle, wie sie in den Märchen der Bruder Grimm vorkommt.“

Die Kuh spielte also in den Mythen eine ziemlich vielfältige Rolle, muss man schon sagen, als Himmelskuh, als Wolkenkuh, als Göttin, als Teil der Entstehungsgeschichte dann in den nordischen Mythen. Und es gibt auch noch eine Geschichte, wie die Milchstraße entstand, die auch aus diesem Buch von Andreas Fink-Kessler stammt:

“Schon im Altertum war die Milchstraße als heller, schmaler Streifen am Nachthimmel bekannt. Ihr altgriechischer Name Galaxias, von dem auch der heutige Fachausdruck Galaxis stammt, ist von dem Wort Gala = Milch abgeleitet. Zeuss, der Stiergott und Inbegriff des patriarchalen Gottvaters, hat seinen Sohn Heraklis, der eben von Alkmene einer sterblichen Frau geboren wurde, an der Brust seiner göttlichen, kuhäugigen Frau Hera trinken lassen, als diese schlief. Heraklis sollte auf diese Weise göttliche Kräfte erhalten, aber er saugte so ungestüm, dass Hera erwachte und den ihr fremden Säugling zurückstieß und dabei wurde ein Strahl ihrer Milch über den ganzen Himmel verspritzt und die Milchstraße entstand.“

Die Milch war also damals noch etwas sehr, sehr besonderes und als Lebensspender verehrt und gehörte eigentlich den Göttern, also war denjenigen vorbehalten, die mächtig waren. Die Kuh spielt eine zentrale Rolle in der Schöpfungsgeschichte, in den Schöpfungsmythen vieler Kulturen und die Milch spielt auch in der christlichen Geschichte eine Rolle. Wenn es um das Land geht, in dem Milch und Honig fließen, wird auch nochmal klar, dass das damals was besonderes war, dass da Milch und Honig fließen, denn sonst wäre es nicht das verheißene Land gewesen.

Das war jetzt erst mal so ein kleiner Einblick in die Welt der Mythen und ich hoffe, ich konnte dich damit ein bisschen inspirieren und ich freue mich, wenn du beim nächsten Mal auch wieder mit dabei bist.

Links zur Folge

Audhumbla - Nordische Kuh- und Erdgöttin
https://artedea.net/audhumbla-nordische-kuh-und-erdgottin/

Hathor - Ägypthische Göttin der Liebe und Freude
https://artedea.net/hathor/

"Milch - Vom Mythos zur Massenware" von Andrea Fink-Keßler
https://www.buch7.de/store/product_details/1020042349

Folge 23 - Die Milchkuh im Kinderbuch

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Folge 23 - Die Milchkuh im Kinderbuch

In dieser Folge

  • spreche ich über die Milchkuh im Kinderbuch, insbesondere Mama Muh und Lieselotte,
  • lese ich Dir einen Blogartikel von mir zum Thema vor und
  • spreche ich über Gewalt im Kinderbuch.

Kennst Du "Mama Muh"? Das ist eine tolle Kuh, die alles lernen möchte und nicht, wie ihre Freundinnen, die anderen Milchkühe, nur herumstehen und glotzen möchte.

Jeden Abend geht sie in den Stall und wird gemolken, jeden Tag erlebt sie ein neues Abenteuer- meist mit ihrer besten Freundin Krähe zusammen.

Kälbchen suchst Du in diesen Geschichten vergebens- gemolken werden die Kühe trotzdem. Ein Kuhmärchen?

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und in der heutigen Folge geht es um die Milchkuh im Kinderbuch.

Dieses Thema beschäftigt mich jetzt auch schon über zwei Jahre, denn damals vor über zweieinhalb Jahren haben wir angefangen „Mama Muh“ zu lesen. Und „Mama Muh“ ist ein Kinderbuch, falls du es nicht kennen solltest. Das gibt es schon sehr lange, ich glaube schon 20 Jahre. Ich kenne das Buch aus meiner Kindheit nicht, da es das damals noch nicht gab, als ich so klein war. Es richtet sich so an drei bis, sagen wir, sechsjährige. Es gibt auch noch ältere Kinder, die das lesen wahrscheinlich. Wir sind erst darauf aufmerksam geworden, als unser Sohn drei Jahre alt war. Und er hat diese „Mama Muh“-Bücher sofort geliebt. Eine Erzieherin hatte uns darauf gebracht, sie hatte mir dann auch Bücher ausgeliehen. Und diese Bücher sind einfach total toll für Kinder, weil es Abenteuer sind, die „Mama Muh“ erlebt.

„Mama Muh“ lernt Dinge, die Kinder in dem Alter auch lernen. Sie lernt schaukeln und schwimmen und sie klettert. Sie macht einfach ganz viele tolle Dinge. Was es bei „Mama Muh“ nicht gibt, sind Kälbchen. „Mama Muh“ geht jeden Abend in den Stall mit ihren Freundinnen in den anderen Kühen und wird gemolken. Aber in keiner Folge und nirgendwo gibt es Kälbchen. Und das hat mich damals so aufgeregt, dass ich vor zwei Jahren tatsächlich dann einen Blogartikel geschrieben habe, den ich in der Podcastfolge vorlese und den Du hier nachlesen kannst: https://von-herzen-vegan.de/blogartikel/mama-muh-und-die-milch

Und es stört mich wirklich immer noch, dass diese Kinderbücher und auch Kinder-Sachbücher, das ist ein weites Feld, die Milchkuh so darstellen, als würde sie einfach so Milch geben, dass es keinerlei Kälbchen gibt und als würde sie das auch brauchen, gemolken zu werden. Also so wird es eben auch thematisiert. Das Melken ist was ganz Normales für die Milchkühe im Kinderbuch.

„Mama Muh“ geht jeden Abend in den Stall und wird gemolken und das gehört einfach dazu. Alle anderen Kühe bei ihr werden auch gemolken. Das ist einfach so. Und es gibt ja von „Mama Muh“ nicht nur das Kinderbuch, sondern es gibt auch eine Fernsehserie dazu. Die haben wir viel später dann auch mal angeschaut und da sind die Charakter ein bisschen anders aufgebaut, aber auch da kommt kein Kälbchen vor. „Mama Muh“ hat eine beste Freundin, die Krähe, die habe ich jetzt eben auch in dem Artikel genannt. Und ja, was Freundschaft angeht und Abenteuer und alles, ist „Mama Muh“ wirklich spitzenklasse. Nur eben was die Realität angeht, ist es einfach daneben.

Und es gibt auch noch eine Kuh, Lieselotte heißt sie, da haben wir auch die Bilderbücher von entdeckt. Und das ist eine Kuh, die alleine auf einem Bauernhof lebt mit anderen Tieren zwar und einer Bäuerin, aber da gibt es keine anderen Kühe. Und auch da gibt es kein Kälbchen. Lieselotte erlebt die wunderbarsten Abenteuer, arbeitet als Postbotin und was weiß ich, was alles, wird immer regelmäßig gemolken, weil das ja dazu gehört. Aber es gibt kein Kälbchen und Lieselotte ist auch nie schwanger.

Und dieses Verschleiern, das ist ja dann irgendwo auch kein Wunder, dass Menschen wie ich dann jahrzehntelang das nicht begreifen, dass es da einen Zusammenhang gibt, wenn in Kinderbüchern das einfach auch gar nicht thematisiert wird. Ja, es gibt auch Kinder Sachbuchreihen, in denen jetzt thematisiert wird, dass es Kälbchen gibt und dass die Kälbchen eben getrennt werden von den Müttern. Aber auch da wird es dann wieder verniedlicht, im Sinne von Kälbertaxi und das ist halt wichtig. Und dazu werde ich wahrscheinlich auch nochmal eine eigene Folge machen, weil Kinder Sachbücher auch im Schulbereich nochmal ein ganz anderes Thema sind.

Was lernen die Kinder in der Schule eigentlich über Milch und Milchkühe heute? Was ist da für Material? Ich hatte ja schon mal zum Thema Schulmilch da eine Folge veröffentlicht, aber es ist nochmal ein anderes Thema zu sagen, was lernen denn die Kinder heute in der Schule? Also auch dazu wird noch eine Folge kommen.

Heute geht es mir erst mal darum zu thematisieren, dass in diesen Kinderbüchern den Geschichten um „Mama Muh“ und Lieselotte die Gewalt nicht stattfindet, die aber in der Realität stattfindet. Eine Milchkuh kann nicht existieren ohne diese Gewalt, die um sie herum ist. Aber diese Gewalt passt eben nicht ins Kinderbuch, wer würde denn so was vorlesen?

Und ja, es gibt Kinderbücher, die genau das thematisieren. Es gibt „Max und Fine“, ein Kinderbuch, in dem ein Kindergartenkind neben einem Bauernhof lebt und ein Kälbchen rettet. Und da wird das alles thematisiert, das gibt es, aber das ist ja nur ein Buch gegenüber einer ganzen Armada von Lieselotte Büchern und „Mama Muh“ Büchern und wie gesagt, die „Mama Muh“ Bücher, die gibt es schon seit 20 Jahren, meine ich mindestens. Und mit diesen „Mama Muh“ Büchern sind Generationen ja schon fast aufgewachsen. Das heißt, wer heute 20 ist, wer heute 25 ist, ist mit diesen Büchern wahrscheinlich aufgewachsen und hat diese Realität so kennengelernt.

Es gibt ja auch noch von dem Illustrator von „Mama Muh“, dem Sven Nordquist, „Petterson und Findus“. Das ist auch wieder so eine Verniedlichung des Bauernhofs. Bei „Petterson und Findus“ geht es um einen älteren Mann und seinen Kater. Da spielen Kühe keine Rolle, da gibt es nur Hühner, die auch sprechen können. Und die halt da Eier legen und vor dem Fuchs beschützt werden, aber es ist auch wieder dieses idyllische Bauernhofleben, was wir in diesen Geschichten finden und was mit der Realität gar nichts zu tun hat.

Aber die Realität macht sich eben schlecht als Kindergeschichte für ein dreijähriges Kind oder ein vierjähriges Kind. Die Realität ist so brutal und das ist was ich sehr wichtig finde, wir leben in einer Gesellschaft, die sehr gewalttätig ist. Auch wenn du dich als friedvollen Menschen ansiehst, wenn du Milch trinkst, wenn du Milchprodukte ist, wenn du tierliche Produkte isst, dann zahlst du für Gewalt. Und wir wollen unseren Kindern aber diese Gewalt nicht zeigen und wir wollen sie natürlich auch selbst nicht sehen, deswegen zahlen wir ja auch jemand anderem Geld dafür, dass er diese gewaltvolle Aufgabe übernimmt oder sie.

Und es liegt jetzt in unserer Verantwortung, uns zu fragen, was wir unseren Kindern vermitteln wollen. Ja, es muss kindgerecht sein, dem Alter entsprechend und einem dreijährigen wirst du etwas anderes erzählen als einem sechsjährigen und einem sechsjährigen etwas anderes als einem neunjährigen, definitiv, das ist mir auch klar, aber ich hätte mir gewünscht, dass es damals Erwachsene gegeben hätte, die mir gesagt hätten, wie das wirklich ist mit den Milchkühen, dann wäre ich mit elf Jahren nicht nur Vegetarierin geworden, sondern auch Veganerin. Ich hätte es zumindest versucht, ganz sicher, denn das vegetarisch sein damals war für mich ganz normal, das habe ich von jetzt auf gleich gemacht und das war ganz klar.

Natürlich wäre vegan sein damals schwieriger gewesen, aber für mich ist die ethische Komponente total wichtig und ich finde, wir sollten unseren Kindern wirklich die Wirklichkeit nicht vorenthalten. Wir sollten ihnen erklären, wie gewaltvoll unsere Welt ist und was hinter der Milch wirklich steckt und dann können sie wählen.

Ich möchte diese Folge jetzt noch einmal mit einem Zitat aus einem „Mama Muh“ Buch schließen: „Die anderen Kühe waren im Stall, der Bauer hatte schon mit dem Melken angefangen, „Mama Muh“ schlicht durch die Hintertür rein, ‚Meine Güte,‘ dachte „Mama Muh“, ‚sind die blöd, dauernd rumstehen und nur kauen und glotzen, das geht ja auf keine Kuhhaut.‘“

Links zur Folge

Artikel: Mama Muh und die Milch

Buch "Max und Fine"
www.maxundfine.de

Folge 22 - Bio - zwischen Wunsch und Wirklichkeit

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Folge 22 - Bio - zwischen Wunsch und Wirklichkeit

In dieser Folge

  • spreche ich von unserer Wunschvorstellung von "bio" im Bereich der Milchwirtschaft,
  • erzähle ich Dir von der Herodesprämie und
  • berichte Dir von einem Filmabend, der interessant endete... :-)

Wir wünschen uns alle ein reines Gewissen und "Bio" scheint in vielerlei Hinsicht die Lösung dafür zu sein. Leider neigen wir dazu uns um "Bio" eine Wunschvorstellung zu bauen, die mit der Realität nur wenig zu tun hat.

So löst auch "bio" leider nicht den Grundkonflikt der männlichen Kälber in der Milchwirtschaft.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und ich möchte dir in der heutigen Folge ein bisschen etwas über Bio erzählen.

Ich hatte dazu schon einen Blogartikel geschrieben, was bedeutet eigentlich Bio, „Bio zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ und zwar habe ich mich da bezogen auf einen Filmabend im Rahmen der Wandelwoche 2016. In der Podcastfolge lese ich den Blogartikel vor, Du kannst ihn hier durchlesen: https://von-herzen-vegan.de/blogartikel/bio-zwischen-wunsch-und-wirklichkeit

Ergänzend zu dem Blogartikel möchte ich Dir die Herodesprämie vorstellen. Der Begriff stammt von Tierschützern, offiziell hieß die Prämie „die Verarbeitungsprämie“.

Und zwar wurde zwischen 1996 und dem Jahr 2000, es ist noch nicht lange her, wurde Milchbauern eine Prämie gezahlt, wenn sie ihr männliches Kalb, das weniger als 20 Tage alt war, schlachten ließen. Diese Prämie belief sich so auf zwischen 240 und 288 D-Mark. Und das war aber keine Praxis, die in Deutschland erlaubt war, die war nur in Frankreich unter anderem erlaubt, in Portugal, Italien und ein Land habe ich jetzt vergessen, ich glaube in Irland.

Und das führte aber dann dazu, dass in dieser Zeit bis 1999, da wurde nämlich dann ein neues Tierschutzgesetz verabschiedet, also von 1996 bis 1999, ganz viele Bauern ihre männlichen Kälber, die dann etwa 2-3 Tage alt waren, nach Frankreich gekarrt haben, um diese Prämie zu kassieren. Ich behaupte, das haben sie nicht aus bösen Willen gemacht, sondern weil es halt generell problematisch ist, männliche Kälber zu verkaufen, denn damals lag der Verkaufspreis für männliche Kälber zwischen 10 und 50 D-Mark und dadurch, dass sie es dann über die Grenze gekarrt haben, haben sie dafür 240 bis 288 D-Mark erhalten, was natürlich wirtschaftlicher ist, als die Tiere aufzuziehen, dann noch zu investieren und sie dann zu verkaufen für viel weniger Geld.

Und das ist wirklich noch etwas, was ja bis heute bleibt. In Deutschland ist es nicht erlaubt, die männlichen Kälber nach der Geburt einfach zu erschießen oder verhungern zu lassen. Aber in Großbritannien ist es erlaubt, in Irland ist es erlaubt, in Kanada ist es erlaubt, also in den verschiedensten Ländern rund um uns herum ist es erlaubt und Praxis, denn ich habe das ja schon öfter erwähnt, ein männliches Kalb ist einfach nichts wert. 1999 wurde eine Tierschutzrichtlinie erlassen, dass Kälber erst transportiert werden dürfen, wenn ihr Nabel abgeheilt ist und das ist erst so ab dem zehnten Lebenstag der Fall und es ging dann darum, dass sie ungefähr 14 Tage alt sein mussten um transportiert zu werden. Um diese Prämie einzustreichen, durften die Kälber höchstens 20 Tage alt sein, war immer noch machbar.

Aber diese EU-Prämie, also diese Herodes-Prämie, die wurde eben nur bis ins Jahr 2000 gezahlt und dann nicht mehr. Sie beruhte darauf, dass aufgrund der BSE-Seuche die Rinderpreise in den Keller gegangen waren und dann der Versuch gestartet wurde, den Bauern so unter die Arme zu greifen. Aber wie gesagt auch ein Bio-Bauer muss wirtschaftlich denken und der kann es sich nicht leisten, die Kälber bei den Mutterkühen zu lassen und erst recht nicht männliche Kälber aufzuziehen, die in seinem Geschäft eigentlich nur Abfall sind.

Und da ist noch ein Zitat von Hans von Hagenau aus diesem Artikel „Die Haltung machts“ in der Schrot und Korn: „Im Öko-Bereich gibt es keinen Markt für sie. Zwei Wochen nach der Geburt gehen sie in den konventionellen Markt, wo sie gemästet und geschlachtet werden.“ Und diese zwei Wochen sind eben deswegen, wie ich gerade sagte, aufgrund dieser Tierschutzrichtlinie, dass es ungefähr zwei Wochen dauert, bis der Nabel abgeheilt ist und dann dürfen sie eben erst verkauft werden, sonst würden sie wahrscheinlich schon viel früher verkauft werden.

Es ist also auch kein, oh, ich kümmere mich so gut um meine Kälbchen und ich mag es erst nach 14 Tagen gehen lassen, sondern wirklich auch was, wo die Bauern rechtlich dran gebunden sind. Und deshalb finden sich leider auch in einem zertifizierten Biobetrieb winzige Kälberiglus in den zarte Kälber nach ihren Müttern rufen und mit Milchpulver statt von ihren Müttern aufgezogen werden, weil ihre Milch ja für uns Menschen bestimmt ist. Und wir so daran gewöhnt wurden, diese Milch in allen Formen zu konsumieren, dass es uns schwer fällt, etwas Neues zu probieren. Was ich in Bezug auf diesen Artikel, „Die Haltung machts“ in der Schrot und Korn wirklich sehr interessant fand, waren die Reaktionen der Leser und Leserinnen und ich habe dann in der Folgeausgabe der Schrot und Korn mir die Leserkommentare, die abgedruckt worden waren, rausfotografiert und möchte dir die einmal kurz vorlesen:

“In der Schrot und Korn stand, dass die männlichen Kälber aus der Milchviehhaltung in die konventionelle Fleischproduktion gegeben werden. Dies würde praktisch bedeuten, dass selbst der Kauf von Demetermilch nicht frei von Tierquälerei ist. Ich bin sehr enttäuscht, seit Jahren spare ich es mir von meinem geringen Einkommen ab, Demetermilch zu kaufen, in dem Glauben, dass ich so die Massentierhaltung nicht unterstütze.“

Und ein weiterer Kommentar an das Team des Hofes Bollheimen, das ist der Hof, der in dem Artikel beschrieben wurde: „Unfassbar, dass ihre Stiere in den konventionellen Mastbetrieb gehen. Damit ist das, was sie tun, für mich keine Biolandwirtschaft. Das ist keine artgerechte Haltung, weil sie ihre Tiere der Tierquälerei nicht-artgerechter Haltung und Fütterung ausliefern. Sie stehen in der Verantwortung dafür, wie alle Tiere weiterleben, im konventionellen Betrieb vegetieren, die auf ihrem Hof produziert wurden und da gehören ihre Stiere mit dazu. Diese Tiere sind Teil ihres Tuns und mit welchem Recht bezeichnen sie sich als artgerecht gehalten, wenn sie ihre Tiere an konventionelle Betriebe verkaufen und die Art der Haltung billigend in Kauf nehmen und das bei Demeter - ich bin entsetzt.“

Dazu gibt es tatsächlich auch eine Antwort von dem Hof Bollheimen: „In der Rinderhaltung wissen wir natürlich um die Problematik und jetzt zu sagen, dass wir die männlichen Kälber ausschließlich an einen uns bekannten konventionellen Kollegen in der Eifel abgeben, ist in ihrer Augen vermutlich nur ein Kompromiss. Das ist es für uns auch, aber es ist auch ein Schritt. Ein landwirtschaftlicher Betrieb wie Hof Bollheimen ist ein Entwicklungsprojekt mit einem sehr hohen Ideal, an dem wir ständig arbeiten. In den vergangenen Jahren ist uns immer mehr aufgefallen, dass wir vermehrt darüber sprechen, was wir nicht richtig machen, wo wir Kompromisse eingehen aus wirtschaftlichen oder rechtlichen, oft auch gesellschaftlichen Gründen. Diese Entwicklung unter Akzeptanz von Kompromissen können wir für uns nur verantworten, wenn wir im gleichen Atemzug sagen können, aber wir arbeiten daran. Wir wollen an unseren Schritten gemessen werden. Diese können wir allerdings nur gehen, wenn unsere Kunden jeden Schritt mit unterstützen. Ich möchte sie herzlich einladen, mit uns gemeinsam diese Problematik anzuschauen. Dennoch wir stellen uns diesen Fragen. Dazu gehört die Lebensfrage der männlichen Küken, die Entwicklung samenfester Gemüsesorten oder die Hofsortenentwicklungen beim Getreide. Und wir denken bereits mit einem neuen Stallbau über neue Perspektiven für unser Bullenkälber nach. Wir schaffen das gemeinsam Schritt für Schritt.“

Ich möchte dazu auch noch mal ein, zwei Zahlen einwerfen, die ich von der Seite des Milchindustrie verbannt genommen habe. Und zwar die Anlieferung von Biomilch, also prozentual der Anteil der Biomilch an der Gesamtanlieferung der Milch, war im Jahr 2000 lag es bei 0,96 Prozent. Hat ein gigantisches Wachstum hingelegt zum Jahr 2016, also 16 Jahre später, 2,54 Prozent. Also wenn wir jetzt mal in uns gehen und überlegen, der prozentuale Anteil an der Gesamtanlieferung der Milch, da liegt die Biomilch bei 2,54 Prozent. Also wenn wir das mal mit der Realität abgleichen, dann scheint es so, als würde dann doch nicht so viel Biomilch getrunken und verarbeitet werden, wie wir es uns glauben machen.

Das liegt natürlich daran, dass in den meisten verarbeiteten Produkten keine Biomilch enthalten ist, so dass, solltest du Biomilch kaufen als Milch im Tetrapak oder im Glas, das dieser geringe Anteil ist. Und dagegen stehen alle die Produkte, wo Milch, in irgendeiner Art und Weise konventionelle Milch, verarbeitet wird. Und das macht diesen hohen Anteil der konventionellen Milch aus. Steht aber wie gesagt auch total konträr zu dem, dass mir so viele Menschen sagen, dass sie ja nur Biomilch kaufen.

Und damit möchte ich dich jetzt auch wieder in den Alltag entlassen und ich freue mich, wenn du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist.

Links zur Folge

Folge 21 - Die Entwicklung des Melkroboters

Ein Beitrag

Folge 21 - Die Entwicklung des Melkroboters

In dieser Folge

  • erfährst Du die schmerzhaften Details der Entwicklung des Melkrobotors,
  • erzähle ich Dir, warum lange Zeit das Handmelken erfolgreicher war und
  • spreche ich erneut über die Verdinglichung der Milchkuh

Der Melkrobotor hat viele Vorgänger, von denen die meisten unendlich schmerzhaft für die Milchkuh waren.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und ich möchte dir in dieser Folge von der Entwicklung der Melkmaschinen erzählen.

Denn auch das gab es ja nicht schon immer, die Melkmaschinen, sondern früher wurden die Kühe von Hand gemolken. Und ich habe dazu einen Artikel oder einen kleinen Bericht gefunden, der sich „Vom Röhrchen zum Roboter - die Geschichte der Melkmaschine“ nennt und von Klaus Herrmann geschrieben wurde. Und da möchte ich erst einmal etwas draus zitieren.

„Über Jahrtausende hinweg haben die Menschen die Kühe von Hand gemolken. Als Strippen bezeichnete man den Vorgang, bei dem Bauern und Bäuerinnen mit mehr oder weniger großem Einfühlungsvermögen durch den Einsatz von Daumen und Zeigefinger, die Milch aus der Zitze herausgestreift haben. Dabei wurde die Zitze so manches Mal nach unten gezogen, was nicht selten zu Euterentzündungen führte. Doch das Ziel, Überwindung des in der Zitze befindlichen Schließmuskels zum Zwecke der Milchgewinnung für den menschlichen Verzehr, heiligte das Mittel.

Allerdings beließen es die Menschen nicht beim bloßen Handmelken. Wollten sie der Kuh wohl, dann stellten sie während des Melkvorgangs ein Kalb in ihre Nähe. Verfügte man hingegen über weniger Gespür, dann wurde um den Zitzenkanal zu öffnen, schon einmal mit Federkiel oder Strohhalm hantiert, was in aller Regel zur Tierquälerei ausartete. Auch die ersten bewussten Versuche des mechanischen Milchentzugs können für sich kaum das Postulat in Anspruch nehmen, tiergerecht gewesen zu sein. So berichtete beispielsweise im Jahre 1819 die britische Zeitschrift New England Farmer von Experimenten den Strichkanal mechanisch zu weiten. Einige Jahre später dann 1836 führte der Engländer Blurten erstmals metallene Röhrchen in die Zitzen ein, setzte also gleichsam einen Katheter, was jedoch weder aus tiermedizinischer noch hygienischer Sicht von Erfolg gekrönt sein konnte.“

Erst mal diese Einleitung zu diesem Kapitel und du siehst auch schon, worum es geht und worum es mir gehen wird bei diesem Kapitel, nämlich dass die Entwicklung der Melkmaschine wirklich sehr schmerzhaft für die Milchkuh war. Und das ist auch ein Aspekt, den wir berücksichtigen müssen, wenn wir uns die heutige Entwicklung anschauen, dass die Milchkuh immer schon darunter gelitten hat, dass wir ihre Milch haben wollten. Natürlich seelisch, dadurch, dass ihr das Kälbchen weggenommen wurde, denn die Kuh kann durchaus fühlen und dann natürlich auch physisch dadurch, was da mit ihr passiert ist, wenn du nur das vorangegangene Zitat liest.

Es geht dann hier weiter: „Größere Aussicht auf ein positives Melkergebnis versprachen die im Jahre 1851 erstmals belegten Versuche, das Säugen des Kalbs mechanisch nachzuempfinden. Die beiden Engländer Hoodges und Brockenden konstruierten dazu für die vier Striche des Euters einen an einen Sack erinnernden Überzug, der mit einer Pumpe verbunden war. Zog man an der Pumpe, so entstand im Überzug ein üblicherweise, wenn auch nicht korrekt, Vakuum genannter Unterdruck, der sich allerdings nur für die vier Zitzen gemeinsam erzeugen ließ. So waren die Qualen für die Kuh gewaltig, die Milchgewinnung jedoch blieb überaus spärlich. Auch kam es zur schwersten Euterentzündung weshalb L.O. Colvin aus dem nordamerikanischen Philadelphia 1860 ein Gerät entwickelte, das nun schon über vier separate Vorrichtungen verfügte, die Ähnlichkeiten mit Zitzenbechern aufwiesen.

Im Jahre 1862 stellte Colvin seinen Apparat auf der Londoner Weltausstellung vor, wo er einige Aufmerksamkeit erregte. Allerdings blieb auch bei Colvin's Melkapparat das Problem des konstanten Vakuums an den Zitzenenden ungelöst. Wiederum kam es zur Euterverletzung, in deren Folge sich die gemolkene Milch durch Blutbeimischung rosa färbte.“

Dann folgen noch Berichte von weiteren Versuchen, die auch für die Milchkuh sehr qualvoll waren. Noch ein Zitat: „[Die] Melkmaschine der Anna Baldwin aus Newark, die von einer grobschlächtigen Wasserpumpe ausgehend eine Vorrichtung mit vier Löchern entwickelt hatte, in welche die Zitzen einzuführen und über ein Vakuum auszusaugen waren. Das Gerät wirkte, wie die anderen auch, vor allem als Tortur für die Kühe. Als ernsthafte Hilfe beim Melken jedoch kam es nicht in Betracht.“

1891 wurde dann der „Fußkraft-Melker“ konstruiert, der sich dann annähernd 30 Jahre auf dem Markt hielt. Und dazu zitiere ich auch noch einmal was: „Der auf einem Stuhl sitzende Bediener hatte, fortwährend zwei Pedale einer Fußpumpe zu betätigen, mit deren Hilfe ein Vakuum erzeugte, das hinreichte um zwei Kühe gleichzeitig zu melken. Gleichwohl blieb auch dieser Apparat mit großen Schmerzen für die Tiere verbunden, da der Pulsator als Taktgeber für den Saugvorgang noch nicht entwickelt war.“

Es geht dann weiter und es werden verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, das Saugen des Kalbes nachzuahmen. Und die Wissenschaft scheitert allerdings zunächst daran. Und dann wird versucht die Hand des Melkers nachzuahmen, wie das vielleicht technisch gehen könnte. Aber auch das war einfach noch nicht möglich, weil die Maschinen viel zu grobschlächtig waren, um einfach etwas nachzuahmen, was die Natur so eingerichtet hatte. Und was ja von Natur aus sozusagen funktionierte, nämlich dass das Kälbchen einfach an diesem Euter saugt und dann kommt die Milch raus. Und das nachzuahmen, dazu waren die Wissenschaftler damals noch nicht fähig und auch im Handbuch der Milchwirtschaft 1898 stand noch drin, dass das Melken per Hand das einzig wahre ist, weil das per Maschine einfach nicht gut genug ist. Hygienisch nicht einwandfrei und außerdem eben auch nicht ausreichend Milch hervorruft. Und dann auch noch die Kühe sehr beeinträchtigt, wodurch sie natürlich dann noch weniger Milch geben.

Und das Milchhandbuch geht dann auch so weit, dass es prophezeit ist, dass es niemals Melkmaschinen in der Praxis geben wird, dass die einfach zu schlecht sind. Das war die Stimmung um 1900 herum und dann hat parallel Dr. Alexander Shield 1895 das erste Mal den „Thistle“ entwickelt und der verfügte dann über einen Pulsator. das heißt: „seine Aufgabe bestand darin, den beim Melken auf die Zitzen wirkenden Unterdruck an regelmäßigen Abständen zu unterbrechen, so dass sich Saug- und Ruhetakt abwechseln.“ Das Vakuum wurde damals noch über eine Dampfmaschine erzeugt und dann wurde dieser Pulsator dazwischen geschaltet und der hat das unterbrochen. Das sollte diese rhythmischen Saugbewegungen des Kalbs nachahmen.

Und dann steht hier weiter: „Nur geräuscharm arbeitete die „Thistle“ gerade nicht. Ein Pfeifen, Zischen und Stoßen begleitete den Melkvorgang, so dass Kühen und Bedienern Angst und Bange war. Auch bewirkten die häufigen Kontakte der gemolkenen Milch mit der Luft eine mindere Milchqualität, weshalb die Suche nach weiteren Verbesserungen ungebrochen anhielt.“

Also wenn man die Geschichte so liest, dann ist es wirklich so, dass da um 1900 herum es viele Erfinder gab, die ganz viele ausprobiert haben, nicht nur in der Milchgeschichte, sondern auch generell, was wir uns heute gar nicht mehr so vorstellen können, finde ich, aber damals war noch so viel möglich und damals wurde noch so viel ausprobiert.

Die Melkmaschine blieb also weiterhin eine große Herausforderung für alle Ingenieure. Und alles, was bisher entwickelt worden war, erzeugte eben wirklich große Schmerzen bei der Milchkuh, beim Melken und war überhaupt nicht effizient.

Schließlich erfinden Hulbert und Park, Amerikaner mal wieder, 1902 einen dreigeteilten Melkbecher. Und dann gelingt es einigen Ingenieuren, die verschiedenen Entwicklungen, die es schon vorher gab, zusammenzusetzen und daraus eine Melkmaschine zu konstruieren, die schon viel weiter ist, nämlich eine Melkmaschine mit Elektroantrieb. Allerdings war es eben damals so, dass jetzt nicht weltweit gemeinschaftlich geforscht wurde, sondern in den Ländern einzeln, so dass diese Entwicklung erst mal in Amerika stattgefunden hat und dann in Deutschland auch nochmal parallel geforscht wurde und in den anderen Ländern auch.

Und so auch in Skandinavien, da war das Engagement sehr hoch und es wurden viele verschiedene Melkmaschinen entwickelt: „Während des ersten Weltkriegs beruhigte sich die Entwicklung im Melkmaschinenbau. Im deutschen Reich beispielsweise wurden zwischen 1914 und 1920 mehr Melkmaschinen stillgelegt als neu angeschafft. 1924 sollen gerade noch 50 Anlagen in Betrieb gewesen sein. An der Beschwerlichkeit des Melkens aber hat sich nichts geändert. Nach wie vor stand auf den Höfen Tag für Tag mehrmaliges Melken auf dem Programm, wobei je Melkvorgang und Kuh ein Zeitbedarf von ca. 6 Minuten anzusetzen war. Am Mechanisierungsbedarf, dieser häufig von Frauen auszuführenden Arbeit, hatte sich also nichts geändert. Weshalb Mitte der 1920er Jahre die Melkmaschinen-Diskussion neu entflammte.“

Genau, da wurde dann wieder unter Leitung von Benno Martini einiges entwickelt und geprüft und geschaut, ob da nicht doch irgendwas geht und man nicht was machen kann. Und es wurde dann in Deutschland einiges entwickelt.

„Damit aber waren günstige Voraussetzungen für den Erfolg der Melkmaschine auf deutschen Bauernhöfen geschaffen. Wurden im Jahr 1926 ganze 700 Melkmaschinen gezählt, so betrug die Zahl im Jahre 1930 bereits 12.000.“

Es steht dann hier, dass die meisten Melkmaschinen in Betrieben mit 6 bis 30 Kühen zum Einsatz gelangten und dass in Betrieben mit über 30 Kühen der Melkmaschineneinsatz beschränkt blieb, weil dort immer noch Handarbeit bevorzugt wurde. Was der Verfasser des Textes als deutliches Indiz für die noch nicht gegebene Effizienz des maschinellen Milchentzugs sieht. Dann gab es bewegliche Weide-Melkmaschinen, das wurde erst mal in England getestet. Deutschland, da dauerte es bis in die 1950er Jahre hinein, bis hier eine bewegliche Weideanlage, wie es hier steht, „eine größere Anzahl Freunde finden konnte“.

Und in Nordamerika setzte man in den 20er Jahren große Hoffnungen auf den sogenannten Elektromelker: „Dabei handelte es sich um Eimer-Melkanlagen für zwei Kühe, bei denen der Elektromotor unmittelbar auf den Eimerdeckel montiert war. Die unter dem Handelsnamen Blue Ribbon und bekannt gewordenen Melkmaschinen konnten allerdings nur dort funktionieren, wo zuvor ein elektrischer Anschluss hergestellt worden war. Nachteilig wirkte sich ferner das mit 44 kg beachtliche Eigengewicht des Elektromelkers aus. Addiert man das Fassungsvermögen von 30 Litern hinzu, dann hatte der Melker bzw. die Melkerin ca. 75 kg zu schleppen, was eher als Arbeitserschwernis, denn als Arbeitserleichterung gewertet wurde. Nichtsdestoweniger beflügelten die Möglichkeiten der elektrischen Energie die Melkmaschinenhersteller.

Elektro-Perfection hieß eine weitere, diesmal fest im Stall zu installierende Melkmaschine. Der E-Motor befand sich unterhalb der Decke auf einer Schiene montiert. Dort wurde er zu den zu melkenden Kühen gefahren und trieb das für je zwei Milchkühe konzipierte Melkzeug an. Es tat sich also in der Zwischenkriegszeit eine Menge auf dem Melkmaschinensektor, umso auffallender ist der in den späten 1930er Jahren zu beobachten eine drastische Rückgang des Melkmaschinenbestands im Deutschen Reich. 1938 wurden in Deutschland nur mehr 1200 Melkmaschinen registriert. Wesentliche Ursache dafür war die häufig auftretende Flockenbildung bei maschinell gemolkener Milch. Untersuchungen ergaben, dass latent vorhandene Euterentzündungen durch das maschinelle Melken akut wurden, beim Handmelken hingegen kaum in Erscheinung traten. Streptococcomastitis heißt diese Form der Euterentzündung, die erst in einem langwierigen Prozess erkannt und überwunden wurde.

Daneben spielt aber auch das keineswegs technikfreundliche Verhalten der Berufsmelker eine Rolle. Die eiserne Konkurrenz passte ihnen nicht, so dass sie bewusst oder fahrlässig falsch mit den Melkmaschinen umging. Die so bewirkten Störungen wiederum veranlassten dann die Betriebseigner, die Maschinen durch das Handmelken zu ersetzen.“

1932 wurde tatsächlich schon das erste Melkkarussell gebaut, und zwar in New Jersey, also mal wieder in Amerika, und dort konnten 240 Kühe in einer Stunde gemolken werden, was so fortschrittlich war, dass die Einrichtung bis zum Jahre 1960 in Betrieb blieb. Dann steht hier weiter, dass auch in Deutschland experimentiert wurde, aber vor dem Zweiten Weltkrieg. Während des Zweiten Weltkriegs war jetzt nicht wirklich Zeit für Experimente. Da geht es dann um Durchtreibe-Melkstände und ähnliches.

Dann gab es die Entwicklung, dass die Maschine nicht mehr zur Kuh kam, sondern die Kuh jetzt zur Maschine gehen musste. Das war in Form einer Rohrmelk-Anlage: „Das Ausmaß des Melkmaschinen-Einsatzes war zu Beginn der 1940er Jahre von Land zu Land unterschiedlich. Während maschinelles Melken in Deutschland und Frankreich nur in wenigen besonders fortschrittlichen Betrieben praktiziert wurde, befanden sich in Dänemark und den USA Melkmaschinen schon auf ca. 10% aller Milchviehbetriebe im Einsatz. In Großbritannien betrug der Anteil schon rund 30% und in Schweden sogar an die 35%. Am weitesten fortgeschritten im Melkmaschineneinsatz war jedoch Neuseeland. Dort arbeiteten bereits 90% aller Milchviehbetriebe mit Melkmaschinen, was seine Gründe sowohl in der beachtlichen Herdengröße als auch bei den fehlenden Handarbeitskräften hatte.

In Deutschland begegneten die Landwirte nach dem Zweiten Weltkrieg den Melkmaschinen zunächst mit verbreiteter Skepsis. Die wenigen 100 Maschinen, die das Kriegsende überdauert hatten, waren durchweg wegen fehlender Ersatzteile nicht einsatzbereit. Doch um 1950 begann sich dies zu ändern. Der ungeachtet des Krieges auf dem Gebiet der Melkmaschinen-Konstruktion erreichte Fortschritt, war den Landwirten nicht verborgen geblieben. Im Jahre 1950 auf der Hamburger DLG-Ausstellung wurden nicht weniger als 50 verschiedene Melkmaschinen-Konstruktionen gezählt. Auch sorgte der 1951 erlassene Prüfzwang für Melkmaschinen dafür, dass die Bauern sicher sein konnten, praxistaugliche Maschinen zu erwerben. Binnen weniger Jahre wurden an die 100 Melkmaschinen vom Institut für Milchwirtschaftliches Maschinenwesen in Weihen-Stephan getestet und im Falle des Erfolgs mit dem begehrten DLG-Zertifikat versehen.“

Dann wird hier noch über die verschiedenen Entwicklungen der Melkstände geschrieben. Und zwar gibt es einen Tandemmelkstand und einen Fischgrätmelkstand. Und dort wird einfach gesehen, was ist jetzt effizienter? Womit können wir mehr Milch aus der Kuh rausmelken in schnellerer Zeit? Bei diesen ganzen Melkmaschinen musste natürlich auch immer noch ein Mensch dabei sein, der den Melkvorgang selbst in Gang setzt und auch je nachdem, wie jetzt die Melkmaschine gestaltet war, dann diese Melkmaschine am Euter befestigen.

Und dann gab es aber die Entwicklung hin zum Melkroboter. 1967 wurde eine elektronisch ferngesteuerte Melkanlage das erste Mal erprobt auf dem Versuchsgut „Unterer Lindenhof“ der Universität Hohenheim. Und die war immer noch nicht so effizient wie von Hand melken, aber der Trend ging eindeutig in diese Richtung Automatisierung, verbesserte Kontrolle und elektronische Steuerung.

Und wenn wir uns die Gegenwart anschauen, es ist zwar nicht in jedem Betrieb so, dass nur noch Roboter die Kühe melken, aber dass es durchaus Betriebe gibt, die solche Melkroboter einsetzen und dass der Milchbauer/ der Landwirt auch dazu gezwungen ist, immer weiter zu automatisieren und immer effizienter zu sein, damit er überhaupt am Ende davon leben kann.

Ich habe jetzt hier noch ein letztes Zitat und das ist die Schlussbetrachtung dieses Aufsatzes über die Entwicklung, die Geschichte des Melkroboters: „Damit aber schließt sich der Kreis. Keine 180 Jahre umfasst die Zeitspanne vom ersten zur Milchgewinnung eingesetzten Melkröhrchen bis zum Melkroboter. Die Melkzeit je Kuh hat sich dank der neuen technischen Hilfen trotz wesentlich erhöhter Milchleistung je Tier längst auf weniger als eine Minute eingependelt. Ein Bediener, nur noch gelegentlich Melker oder gar Schweizer genannt, vermag so in einer Stunde über 70 Kühe zu betreuen.

Dass dabei die Milchkuh als Individuum allerdings auf der Strecke bleiben musste, ist naheliegend. Der maschinelle Milchentzug hat sich unter dem Vorzeichen des Automaten zu einem distanzierten, industriemäßigen Vorgang entwickelt, bei dem Anonymität, Perfektion, Sterilität und Wirtschaftlichkeit zu den ausschlaggebenden Faktoren geworden sind.“

Das finde ich ein ganz, ganz wichtiges Schlusswort von einem Menschen, der ja sich nicht als Pro-Vegan einstuft oder vegan lebt, sondern einfach nur für die Historie der Milchgeschichte etwas beitragen wollte. Denn genauso ist es, wie ich schon in den vorangegangenen Folgen gesagt habe, die Milchkuh ist längst zur Maschine geworden und sie ist kein Individuum mehr, sondern sie ist über die Jahre hinweg, die Jahrzehnte, immer mehr zum Ding geworden.

Und mit diesem Schlusswort möchte ich dich jetzt auch wieder entlassen und ich bedanke mich, dass du auch bei dieser längeren Folge bis zum Ende durchgehalten hast und mir zugehört hast und ich freue mich sehr, wenn du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist.

Folge 20 - Die Opfer der Tbc-Seuche

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Folge 20 - Die Opfer der Tbc-Seuche

In dieser Folge zitiere ich erneut ein Kapitel aus "Vom Pfennigartikel zum Milliardenobjekt - 100 Jahre Milchwirtschaft in Deutschland" von Christian Diederich Hahn, erschienen 1971, um auf das Große Schlachten aufgrund der Rinder-Tbc aufmerksam zu machen.

Als ich dieses Kapitel gelesen habe, hat sich mir der Begriff "Das Große Schlachten" förmlich aufgedrängt und ich möchte als Tribut an die Milchkuh und die Tierethik Dich daran teilhaben lassen.

In der Debatte um die Tierethik wird oft bemängelt, dass Tiere in der Geschichtsschreibung nicht auftauchen. Das möchte ich für die Tbc-Opfer der Milchindustrie mit dieser Folge ändern.

Folge 19 - Wunderpraktiken mit Bullensperma

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Folge 19 - Wunderpraktiken mit Bullensperma

In dieser Folge zitiere ich einige Passagen aus "Vom Pfennigartikel zum Milliardenobjekt - 100 Jahre Milchwirtschaft in Deutschland" von Christian Diederich Hahn, erschienen 1971, um die Rolle der Züchtung zur heutigen Milchleistung einer Milchkuh zu demonstrieren.

Denn neben der Werbung musste natürlich auch die Kuhmilch selbst ausreichend vorhanden sein, um ein Grundnahrungsmittel zu werden.

Und ohne den züchterischen Eingriff der Menschen und die Entwicklung einiger spezieller Techniken, würde die Kuh auch heute nur noch ca. 10 Liter/Tag geben- eben genauso viel, wie ein Kälbchen braucht, um satt zu werden.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und in dieser Folge möchte ich einmal über die Züchtung der Rinder sprechen, der Rinderrassen, der Milchkuhrassen, die zu diesen Supermilchkühnen geführt haben, also ein bisschen ein historischer Abriss der Züchtung.

Dazu möchte ich zunächst einmal aus dem Buch „Vom Pfennigartikel zum Milliardenobjekt - 100 Jahre Milchwirtschaft in Deutschland“ von Christian Diederich Hahn zitieren. Dieses Buch wurde 1971 veröffentlicht. Es ist also schon ein paar Jährchen alt, diese 100 Jahre Milchwirtschaft beziehen sich auf den Beginn von 1870 bis 1970 und dementsprechend ist natürlich der Stand der Forschung hier auch nur bis 1970 aufgefasst.

“Perspektiven für Erzeuger. Die Verbraucher, also wir alle, sind darum bemüht, gesundheitsbewusster zu leben. Die Ernährungsindustrie richtet sich nach diesem Trend. Wir wollen unter anderem das Fett in der Ernährung zugunsten des Eiweißgehaltes zurückgedrängt sehen. Seit 100 Jahren gibt es bereits besonders fabrizierte Kindernahrung, neuerdings auch speziell zusammengestellte Nahrung für Diabetiker oder Leberkranke oder für ältere Menschen. In allen Sparten spielt die Milch eine einzigartige Rolle. Ihre Grunderzeuger, die Bauern, sind von den derzeitigen Land- und Grundstückswerten hergesehen Millionäre. Gleichzeitig haben sie in der Praxis kaum mehr Einkommen als ein moderner, städtischer Müllkutscher.

Es ist kaum bekannt, was ein fortschrittlicher Landwirt alles wissen muss, um aus gesunden Kühen eine so hohe, qualitativ einwandfreie Jahresdurchschnittsleistung herauszuholen, dass sich die Milchviehhaltung rentiert. Können Forschungsergebnisse und wirtschaftliche Überlegungen modernster Art den Grunderzeugern der Milch weiterhelfen? Sollen zu viele die Milchurproduktion aufgeben? Stehen wir nicht längst an der gefährlichen Grenze einer so weitgehenden Schrumpfung der Milchproduktion nach den Plänen von EWG-Vizepräsident S. Mansholt, dass die gesunde Ernährung der Verbraucher in naher Zukunft gefährdet wird? Wie sehen die Perspektiven für die Produktionsumstände dieser Leute in Sorgen aus, die ja auch endlich ein besseres Leben führen wollen?“

Und dann geht es hier weiter mit der nächsten Unterüberschrift „Wunderpraktiken mit Bullensperma. 1942, als der alte Adolf Köppe in Ostfriesland auf dem Höhepunkt seiner züchterischen Leistungsstand war, hatte die Einführung der künstlichen Besamung in der Milchviehhaltung noch nicht begonnen. Ursprünglich wurde sie zur Bekämpfung von Deckinfektionen eingesetzt. 1969 wurden von unserem damaligen Stand von 5,8 Millionen Kühen rund 3,7 Millionen mit einem Kostenaufwand von rund 100 Millionen D-Mark künstlich besamt. Dieser bis dahin unvorstellbaren Entwicklung in der Tierzucht verdanken wir zum Teil die schnelle Steigerung der Milchleistung pro Kuh und Jahr von rund 3.000 Kilo im Jahr 1939 auf über 4.000 Kilo mit der Chance, 6.000 bis 8.000 Liter zu erreichen. Diese Zahlen kennzeichnen die Entwicklung seit dem genialen Dr. H. C. Adolf Köppe, der als Tierzüchter ein Grundkapital für diese Expansion schuf.

Früher konnte ein Bulle 80 Kühe im Jahr decken. Heute liefert ein Bulle auf einer Besamungsstation bei entsprechender Samenverdünnung pro Monat 1.500 bis 2.000, also jährlich rund 20.000 Portionen Samen. Sie lassen sich durch Einführung der Tiefkühlung in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad Celsius ziemlich unbegrenzt haltbar machen. Dadurch hat sich ein weltweiter Handel mit tiefgekühlten Samenportionen ergeben. Noch vor wenigen Jahren galt es als wunderbar, dass ein Großversuchszuchtbetrieb sich per Kabel in Amerika Zuchttiere bestellte und sie nach 48 Stunden per Flugzeug frei Hof geliefert bekam. Heute kann sich ein deutscher Landwirt auf viel einfacher Weise von einem berühmten Bullen als besten Vererber von Milchleistungen per Tiefkühlpaket Samen bestellen.

Besonders erbwertvolle Bullen, zum Beispiel in den USA und Kanada, erzielen auf Auktionen Preise von über 100.000 Dollar. Je weiter sich die künstliche Besamung ausdehnt, umso strengere Auslesebestimmungen werden natürlich an die wenigen Bullen gestellt, die für die künstliche Besamung ausgesucht werden. Man begann zum Beispiel damit im Rahmen eines neuen Zuchtprogrammes 20 Besamungsgenossenschaften mit den Zuchtverbänden unter einen Hut zu bringen, um aus 250.000 Kühen, ähnlich wie Köppe auf seinem ostpreussischen Höfen seine Primadonnen, die 3.000 Besten auszuwählen. Jungbullen, die nach Form und Abstammung für die Einschaltung in die künstliche Besamung geeignet erscheinen, werden zunächst als sogenannte Prüfbullen eingestellt. Sie sollen zunächst Samen liefern, aus denen etwa 50 Töchter hervorgehen. Der Bulle wird dann als Wartebulle sozusagen in den vorübergehenden Ruhestand versetzt, bis die Töchter erwachsen sind und eine Laktation hinter sich haben. In der Wartezeit wird bereits ein Spermavorrat bei minus 196° eingelagert. Wenn sich dann die Erwartungen an die Vererbungsqualitäten des Bullen erfüllt haben, wird er als Arbeitsbulle in der künstlichen Besamung laufend verwendet, wobei eine 5- bis 6-jährige Benutzungszeit üblich ist, theoretisch mit 100.000 Samenportionen.

Bei dieser Entwicklung entstehen neben den Tierzüchtern Kontrolltierzuchtzentralen, um die künstliche Besamung planvoll zu überwachen, auszunutzen und über Computer das Grundlagenmaterial genetisch statistischer Daten aus der Milchleistungsprüfung und den Mastprüfungsstationen für die Zuchtplanung zur Verfügung zu haben.“

Ich muss da mal einmal kurz was einschieben, ein kleiner Kommentar von mir. Ich finde sowohl die Praktiken als auch die Wortwahl sehr interessant, denn dieser Zuchtbulle wird ja 5- bis 6 Jahre benutzt. Also es ist quasi ein Ding, ein Ding, das benutzt wird, damit Kühe gezüchtet werden können, Milchkühe, die besonders viel Milch geben. Also hier ist es wirklich schon so, dass das Tier verdinglicht worden ist. Und das ist 1970. Heute sind wir ja schon 50 Jahre weiter. Und diese Verdinglichung der Tiere ist ja auch notwendig, da sie im Akkord produzieren sollen und dann müssen sie funktionieren.

Wenn wir uns da aber mal einmal zurücknehmen und schauen, worüber denn da gesprochen wird und dass das fühlende Lebewesen sind, die auch Wünsche und Träume haben und die miteinander kommunizieren und dann wieder dahin schauen, was da überhaupt geschrieben wird, wie denn geschaut wird, wonach die produziert werden. Und ja, was ist denn, wenn so ein Zuchtbulle dann nicht das Sperma liefert, das jetzt diese Züchtungserfolge bringt, ja, dann wird der unter Garantie schnell das Zeitliche segnen. Und das sind alles so Dinge, da lohnt es sich tatsächlich mal drüber nachzudenken, wie ist unser Verhältnis überhaupt zu Tieren und dürfen wir das denn? Ist das okay?

Dieser Abschnitt beschreibt jetzt aber auch sehr gut, wie das funktionieren konnte, dass es auf einmal so einen Anstieg gab in der Milchleistung. Er schreibt, dass 1939 3000 Kilo pro Jahr pro Kuh als Milchleistung angegeben wurde. Und dann hatten sie eine Steigerung auf über 4000 Kilo und dann die Hoffnung eben auf 6000 bis 8000 Kilo. Wir sind jetzt dabei, es sind jetzt fast 8000 Kilo, wenn wir nur Deutschland betrachten. Und das ist eben wirklich durch diese gezielte Züchtung möglich. Und diese Praktik ist ja dann auch so, dass ganz viele Tiere einen einzigen Vater haben. Und da schließt hier noch einen Kapitel an, das ich jetzt noch einmal kurz vorlesen möchte.

„Gretchenfrage, wer ist der Vater? Für jede genetische Kontrolle und Planung ist selbstverständlich ein exakter Abstammungsnachweis erforderlich. Da seit jeher manche ungestüme Jungbulle außerhalb der ihm vom Menschen aufgezwungenen Legalität aktiv gewesen sein mag, schien die Überwachung der Abstammung mit der Einführung der künstlichen Besamung vor unüberwindlichen Schwierigkeiten zu stehen. Aber aus dieser Klemme halfen die faszinierenden Ergebnisse der Blutgruppenforschung, die in wenigen Jahren erarbeitet wurden. Die chemischen Verbindungen an der Oberfläche der roten Blutkörper hin werden Blutgruppenfaktoren genannt und können im Reagenzglas mit Testseren, Antikörpern, nachgewiesen werden. In Deutschland und in den USA wurde in der ersten Nachkriegszeit ohne Wissen voneinander parallel gearbeitet. Ein späterer Vergleich zeigte, dass die gefundenen Blutgruppenfaktoren, ob gleich anders benannt, identisch waren. Die große Anzahl der heute nachweisbaren Blutkörperchen-Eigenschaften lässt mehr als drei Billionen genotypische Kombinationen zu. Abgesehen von einigen Zwillingen gibt es wohl kaum zwei Rinder, die den gleichen Bluttyp haben. Da die Blutgruppenfaktoren nach den mendelschen Gesetzen vererbt werden, kann die Abstammung mit hoher Sicherheit überwacht werden, so dass damit auch die Leistungskontrolle eine solide Basis erhalten hat, selbst dann, wenn der Bulle schon in die ewigen Weidegründe eingegangen ist.

Interessant ist, dass die Entdeckung der Blutgruppenverhältnisse bei Rinderzwillingen die Grundlage für die Erforschung der sogenannten immunologischen Toleranz war. Das heißt, dass die Verträglichkeit von Fremdgewebe, die in den letzten Jahren im Hinblick auf Organübertragung, insbesondere Herztransplantationen, in das Blickfeld auch der Öffentlichkeit gerückt wurde. Anlass für die Entdeckung? Zwei-eiige Zwillinge tauschen im Mutterleib über Gefäßverbindungen ihre roten Blutkörperchen aus, so dass sie nach der Geburt zwei Arten von roten Blutkörperchen besitzen. Die eine Art haben sie geerbt, die zweite mit den anderen Blutgruppen-Eigenschaften ist ihnen vom Zwillingspartner sozusagen geschenkt worden und zeitlebens bilden sie auch diese überwanderten roten Blutkörperchen. Nach der Geburt würde eine solche Schenkung fremder Zellen mit Sicherheit zum Tode führen. Ergo, um Fremdorgane zu übertragen, muss man den gleichen immunologischen Zugang herstellen, wie er vor der Geburt vorhanden war. Das ist ein Beispiel dafür, welch enge Verflechtungen scheinbar nur in loser Verbindung stehende Wissenschaftszweige miteinander haben.“

Ich habe dir das jetzt vorgelesen, weil ich es einfach wichtig finde nochmal zu beleuchten, wie es dazu kommen konnte, dass die Milchkuh so viel Milch gibt. Dass es wirklich aufgrund der Züchtung ist und eben auch, dass die Kühe künstlich befruchtet werden. Dass dieser Durchbruch seit eben die Kühe künstlich befruchtet werden können, dass es seitdem mit der Milchleistung bergauf geht und sie dadurch einfach noch mehr zu Dingen werden, denn das ist ja jetzt noch mechanischer.

Du hast es bestimmt auch schon mal gesehen, wie das aussieht, künstliche Besamungen, diese ganzen Sachen. Also eine Bulle in dem Sinne existiert dann quasi gar nicht mehr, sondern es existiert nur noch das Sperma. Und das ist eben der andere Grundpfeiler. Denn meine Intention ist es ja zu zeigen, wie aus Kuhmilch ein Grundnahrungsmittel werden konnte, also das herauszufinden. Und es mussten halt zwei Grundvoraussetzungen da sein. Zum einen musste die Kuhmilch ausreichend vorhanden sein und zum anderen musste ausreichend Werbung gemacht werden. Da es ja nicht von Anfang an selbstverständlich war Milch zu trinken, weil sie eben auch nicht überall vorhanden war. In den Mengen, in der wir sie heute haben.

Begleitumstände sind dann natürlich auch noch die Fütterung und die Haltung. Denn eine Spitzenkuh, die nur Heu und Gras frisst, würde pro Tag höchstens 20 Kilo Milch geben, weil ihr Verdauungssystem nur eine begrenzte Menge der voluminösen Pflanzennahrung verarbeiten kann. Und da sind alles Erkenntnisse, die eben jetzt erst so in den letzten 50, 60 Jahren aufkamen, wo zwar schon vorher zu geforscht wurde, aber dann teilweise die Umstände eben dazwischen kamen, wie die beiden Weltkriege, oder eben die Forschung noch nicht so weit war, dass sie das technisch umsetzen konnte, wie jetzt bei der künstlichen Besamung, beim eingefrorenen Bullensperma. Und das kam alles erst in den letzten Jahrzehnten und konnte sich dann aber in den letzten 50 Jahren auch wirklich so durchsetzen, dass wir heute bei dieser Situation sind, die wir haben mit der Massentierhaltung und der Milchkuh eigentlich wirklich als Maschine.

In den folgenden Episoden werde ich dann nochmal auf einige Aspekte ein bisschen tiefer eingehen, auch zum Beispiel die Entwicklung der Melkmaschine, die für die Milchkuh nicht gerade sehr angenehm war. Und ich freue mich, wenn du dann wieder mit dabei bist.

Folge 18 - Das Schulmilch-Special

Ein Beitrag

Folge 18 - Das Schulmilch-Special

In dieser Folge geht es um

  • unterversorgte Kinder, Mangelernährung,
  • Kinder, die ohne Frühstück zur Schule gehen und
  • gesteigerte Leistungsfähigkeit und Konzentration durch Milch

Und das durch die Jahrzehnte hindurch bis heute in die Gegenwart. Es geht um Subventionierung, um Gründe und Hintergründe und es geht natürlich, wie könnte es anders sein, um die Volksgesundheit.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und in dieser Folge soll es nun endlich um die Schulmilch gehen.

Schulkinder waren von Beginn an eine wichtige Zielgruppe für die Werbung. Zum einen, weil es nach dem Zweiten Weltkrieg darum ging, die Kinder möglichst gesund zu ernähren und zum anderen, weil die Schulkinder als Kunden von morgen angesehen wurden.

Durch die vorhandene Struktur im Schulalltag war es einfach, die Kinder regelmäßig mit ihrer extra Portion Milch zu versorgen und daran zu gewöhnen. Die Subventionierung der Schulmilch unterstützte dabei den Prozess auf eine Weise, die sich auch in den Statistiken widerspiegelt. Als im Jahr 1966 die Schulmilch-Subventionierung in fast allen Bundesländern ausgesetzt wurde, ging auch der Schulmilch-Konsum rapide zurück. Seit 1977 wird die Schulmilch nun von der Europäischen Union gefördert bis heute.

Kurz noch ein historischer Abriss. Und zwar habe ich in der Sammlung Schulmilch 2 Molkereitechnik Band 52 von 1981 einen Aufsatz von Dr. W. R. Thümen gefunden aus Nürnberg und der schreibt, dass 1926 Nürnberg als Pionier in der Versorgung von Schulen und Kindergärten mit Milch gestartet hat. Und er zitiert dort einen Geschäftsbericht der Bayerischen Milchversorgung von 1926 in Erfahrung und Erfolge in der Distribution von Schulmilch: „Unsere Absicht bei der Belieferung der Schulen mit Milch ist nicht die Erzielung von Gewinnen, sondern wir wollen in dem nährungspolitischen und volkswirtschaftlichen Interesse unseres Landes die Kinder an den für Gesundheit und Wachstum so überaus wertvollen Milchgenuss gewöhnen.“

Hier wird also wieder dieses Zweigespann genannt aus Volksgesundheit und Volkswirtschaft. Und Dr. W. R. Thümen schreibt dann weiter, dass nach dem Ende der Wettwirtschaftskrise der Absatz von Schulmilch auf weniger als die Hälfte zurückging, da seit 1930 die Schülerinnen und Schüler Kakao bekommen konnten. Und in der Kriegsbewirtschaftung des Zweiten Weltkriegs war Schulmilch nicht vorgesehen, deswegen ging halt auch dort natürlicherweise der Schulmilchabsatz zurück. Und erst nach 1950 wurde die Schulmilch wieder gefördert, das war Teil des Grünen Plans, von dem ich dir auch schon in vorangegangenen Folgen erzählt habe. Und wie ich eingangs erwähnte, wurde die Subventionierung der Schulmilch bis 1966 durchgeführt mit einer Ausnahme und zwar Nordrhein-Westfalen. Dort wurde die Schulmilch bis 1974 gefördert und dann ging auch dort der Absatz zurück. Und während der Absatz zurückging, stemmte sich die Milchlobby dagegen und setzte durch das ab 1977 die Schulmilch bundesweit durch die Europäische Union gefördert wurde. Und das wird sie eben bis heute.

Die Schulmilchbefürworter argumentieren über die gesamte Nachkriegszeit bis heute gleich. Es geht immer um die Gesundheit der Kinder. Nur Kuhmilch scheint dazu in der Lage zu sein, Kinder mit allen nötigen Nährstoffen zu versorgen, die sie für eine gesunde Entwicklung brauchen. Und dabei scheint die Darreichung der Kuhmilch untergeordnet. Kakao- und Milchmixgetränke sind ebenso geeignet wie Joghurt, Käse und – mal ein wenig weitergesponnen – die Milchschnitte.

Die Motivation, die Schulmilch zu fördern, ist also in den letzten 60 Jahren immer gleich geblieben und zwar aus den folgenden Gründen: Die Kinder kommen ohne Frühstück und ausreichende Pausenverpflegung in die Schule. Die Kinder sind unterversorgt und mangelernährt. Und durch die Schulmilch sind die Kinder leistungsfähiger und können sich länger konzentrieren. Das sind die drei Hauptargumente, die angeführt werden und die sich wirklich durch die Jahrzehnte durchziehen, dass auch diese beiden Zitate - eins aus 1997 und eins von 2017 zeigen sollen.

Das erste ist aus der Studie zur Schulmilchversorgung in Deutschland von 1997: „Sollte jedoch die Schulmilchversorgung ganz eingestellt werden, stellt dies vor dem Hintergrund der keineswegs befriedigenden Versorgungssituation der Schüler mit wichtigen Vitaminen und Mineralstoffen einen schweren Rückschlag der Bemühungen einer Vielzahl von Organisationen und Institutionen dar, die einen Beitrag zur Volksgesundheit und zur Aufklärung über gesunde Ernährung leisten.“

Das zweite Zitat habe ich am 6.01.2017 von der Webseite www.weltschulmilchtag.de abgerufen. [Anmerkung: Die Webseite gibt es mittlerweile nicht mehr, Du kannst den Artikel über archive.org hier nachlesen: https://web.archive.org/web/20170503100245/http://www.weltschulmilchtag.de/stirbt-die-schulmilch-aus]

Und zwar wird dort geschrieben: „Dennoch sieht die Ernährung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland desolat aus. Zwei von drei Kindern müssen nach einer Studie der WHO und der Universität Bielefeld mit leerem Magen in die Schule gehen. Bei Jugendlichen sind es noch mehr. Ebenfalls 40 Prozent erhalten keine warme Mahlzeit. Vielen Kindern mangelt es dadurch an wichtigen Nährstoffen. Insbesondere leidet die Konzentrationsfähigkeit bei Kindern durch die Fehlernährung.“

Was ich jetzt hier so spannend finde, ist, dass es sich wirklich durchzieht. Das sind Zitate von 1997 und von 2017, im Abstand von 20 Jahren und davor dann das Zitat von 1926, was ich anfangs eingeführt habe. Und dann natürlich hast du schon viele Zitate vom Milchkaufmann gehört, wo darauf hingewiesen wurde, wie wichtig die Kuhmilch für die Volksgesundheit ist. Und es zieht sich wirklich durch, es verbessert sich nichts. Das ist ja das Interessante an der ganzen Sache. Es hat sich bis heute nichts an der Situation verbessert. Anscheinend sind alle Kinder und alle Menschen heute genauso mangelernährt wie vor 100 Jahren quasi. Es gab keine Verbesserung, wenn wir diesen Zitaten Glauben schenken wollen.

Du kannst dich auch selbst davon überzeugen, wenn du dich umschaust, wir haben heute diese Umstände nicht mehr. Natürlich kann es sein, dass es Eltern gibt, ihre Kinder ohne Frühstück in die Schule schicken. Und natürlich kann es sein, dass es Kinder gibt, die morgens einfach nicht frühstücken wollen. Das kann alles sein. Aber wir haben heute einfach nicht mehr diese Situation, wie wir sie noch in der Nachkriegszeit hatten. Es besteht dieser Umstand von Mangel einfach nicht mehr. Und es ist einfach so spannend, dass der Konsum von Kuhmilch immer gleich begründet wird, egal in welchem Jahrzehnt wir uns befinden. Wirklich über Jahrzehnte hinweg immer die gleiche Argumentation.

Und die Grundlage wurde natürlich dann wieder in der Nachkriegszeit gelegt durch den Milchkaufmann. Und da wurden 1951 Fragen gestellt, wie man eine systematische Schulmilchspeisung aufziehen und durchführen könnte: „Die Schulmilchspeisung ist nicht nur dazu angetan, die Kinder frühzeitig an den regelmäßigen Genuss der Milch zu gewöhnen und in ihnen spätere, feste Kunden zu gewinnen, sondern sie würde auch eine sofortige, wesentliche Steigerung des Trinkmilchverbrauchs herbeiführen.“

Und es finden sich dann Hinweise für den Milchkaufmann, wie er die Schüler als Kunden gewinnen kann und zwar, indem er den Eltern entsprechendes Werbematerial zukommen lässt und anschließend einen persönlichen Besuch bei den Eltern ankündigt und absolviert natürlich auch und den Eltern dann vorschlägt, dass die Kinder eine Flasche Milch oder Joghurt mit zur Schule nehmen.

“Wichtig ist, dass der Milchkaufmann bei den Eltern auch wirklich eindringlich zu werben versteht. Er muss daher mit allen Werbeargumenten bestens vertraut sein.“

Und noch ein weiteres Zitat: “Alle diese Arbeiten werden sich bezahlt machen, da sie nicht nur eine gute Allgemeinwerbung für die Milch darstellen, sondern da sie zugleich neue Geschäftskunden werben und außerdem die heutigen Kinder in vielen Fällen zu einer späteren Stammkundschaft erziehen.“

Dann wird noch diskutiert, dass Trinkhalme das Milchtrinken für Kinder interessanter machen. Also die Überlegungen wirklich aus den verschiedensten Sichtweisen. Wie können wir jetzt Milch total interessant machen?

Und 1953 wurden dann zwei Lehrtafeln des Vereins zur Förderung des Milchverbrauchs in Schulen verteilt. Zum einen über die Trinkmilchverarbeitung, zum anderen über die Buttererzeugung. Und diese Tafeln plus Begleitheft sorgen für die systematische Einbeziehung der für die Volksernährung so wichtigen Milch in den Unterricht. Und das ist der Anfang. Wenn du selber Kinder hast oder wenn du dich an deine Schulzeit zurück erinnern kannst, dann weißt du, dass die Milchlobby da stark mit drin ist. Es gibt viel Unterrichtsmaterial, was von den Lehrer und Lehrerinnen übernommen werden kann, wenn sie es möchten.

Ebenfalls 1953 empfanden Lehrer die Schulmilch noch als lästig: „Diese Auffassung bei den Erziehern gilt es zu überwinden. Es muss ihnen klar gemacht werden, dass Milch Lernen hilft, da sie das Kind erfrischt, kräftigt und aufnahmefähig macht.“

Dann wurden als weitere Werbemaßnahme Kreis- und Stadtschulräte und Leiter der örtlichen Gesundheitsverwaltungen durch die Molkereien geführt, damit ihnen der Werdegang der Schulmilch bekannt wurde.

Dazu habe ich hier noch ein Zitat aus der Kundenzeitschrift für die westdeutsche Milchwirtschaft „Frisch und froh“: „Ein ganz besonderer Wert wird auf die Aufklärung über Wert und Wichtigkeit des Milchgenusses in den weiblichen Berufsschulen gelegt, denn man weiß, dass hier die zukünftigen Hausfrauen und Mütter sind, die einmal die Lebenshaltung der Familie und ihrer Ernährung bestimmt entscheiden. Jedes junge Mädchen, das die Berufsschule verlässt, bekommt als willkommenes Geschenk von der Landesgemeinschaft ein hübsch ausgestattetes Milchkochbuch überreicht, in dem Rezepte zeigen, wie vielseitig und abwechslungsreich es sich mit Milch kochen lässt. Ca. 200.000 dieser Bücher werden im Jahr an Berufsschülerinnen verschenkt. Die Freude, mit der die jugendlichen Gedankengänge der Aufklärung über Milch und Milchverbrauch folgen, beweist, dass die Landesvereinigung wohl daran tat, in der Schulmilch neue Wege aufzuweisen, die sich gewiss segensreich für die Volksgesundheit auswirken werden.“

Dieses Buch ist also nur eine Werbemethode von vielen. Es wurden über die Jahre und Jahrzehnte hinweg verschiedenste Werbemethoden angewendet, unter anderem besondere Verpackungen, Unterrichtsmaterialien, Preisausschreiben und Wettbewerbe, dann natürlich auch über die persönliche Ansprache der Eltern, Führungen durch Molkereien und Milchaufsätze in der Milchunterrichtsstunde mit Prämierung.

Dazu habe ich hier noch ein Zitat von unserem Lieblingsmilchwerbefachmann Otto Grube aus Dortmund von 1952: „Von größter Bedeutung aber ist die Zukunftsarbeit auch für die Milchwerbung die Werbung auf weite Sicht, d.h. die Werbung und Aufklärung unter der schulpflichtigen Jugend. Wir führen deshalb die Lehrerkollegien und die oberen Klassen sowohl der Volks- wie auch der höheren Schulen und der Berufsschulen durch die Milchversorgung und legen so bei den künftigen Vätern und Müttern der kommenden Generation den Grundsteins und Verständnis für den hohen Wert unserer Milch. Wir haben uns ein System praktischer Mitarbeit der Schuljugend dafür ausgedacht. Wir lassen die Klassen anhand der Lehrtafel in einer Milchunterrichtsstunde einen Aufsatz über das bei uns Gesehene und Gehörte schreiben. Dabei kann jeder Schüler und jede Schülerin eines der vielen Themen aus dem weiten Gebiet der Milch selbst wählen. Die inhaltlich besten Arbeiten werden von uns in jeder Klasse mit Milchgutscheinen prämiert, die wiederum mit einem kurzen Werbespruch bedruckt sind. Am Schluss des Schuljahres prämieren wir dann noch einmal den besten Milchaufsatz des Jahres. Das ist eine praktische, persönliche, wirkungsvolle und billige Werbung, die nicht nur heute und morgen, denn die Kinder besprechen das Gesehene und Gehörte ja zu Hause, ihre Früchte trägt, sondern die auf Jahre hinaus vorarbeitet und ein gesundes Verständnis für die Milch in die junge Generation legt.“

Ich weiß nicht, wie es dir geht. Ich komme mir so ein bisschen manipuliert vor, wenn ich das lese. Und das ist natürlich der Grundsatz der Milchlobby und der Milchwerbung, dass wir manipuliert werden dazu Milch zu trinken. Und das Spannende ist eben dann die Realität, dass der Absatz immer wieder zurückgegangen ist. Die Milchlobby kämpft die ganze Zeit gegen den sinkenden Trinkmilchabsatz. Und auch natürlich bei der Schulmilch, denn wie ich anfangs erwähnte, wurde ab 1930 Kakao verkauft und seitdem wollte kaum ein Schüler, kaum eine Schülerin mehr pure Milch trinken, sondern nur noch Milchmischgetränke, in diesem Fall zunächst Kakao. Und später - vielleicht erinnerst du dich an deine Schulzeit - kam da so Erdbeermilch und Bananenmilch und Vanillemilch dazu. Ich weiß noch, dass wir diese kleinen Tetrapacks hatten, die man dann sich da beim Hausmeister kaufen musste und so. Ich kann mich da noch daran erinnern.

Und ja, das ist ein System. Und es ist ein sehr perfides System. Und wenn du nochmal an diese Zitate zurückdenkst, wie ja, die Berufsschülerinnen strahlen fröhlich toll, das alles annehmen, weil es ja so klasse ist, diese Milchkochbücher und so und wie halt die jungen Menschen davon überzeugt werden, dass Milch wirklich so gut für sie ist. Und das ihnen immer wieder vorgesagt wird und diese jungen Menschen sind unsere Eltern oder Großeltern und haben das an uns weitergegeben.

Ich möchte noch einen Zitat aus dem Milchkaufmann von 1959 anschließen: „Die Eltern sind meistens sehr rasch zu überzeugen, dass Milch ein für ihre Kinder unentbehrliches Getränk ist. Aber die Eltern haben zu Hause sehr oft selbst ihre liebe Not mit ihren Kindern und dann hilft alles zu reden, von Gewaltmaßnahmen ganz zu schweigen, hinsichtlich des Milchtrinkens nicht. Kinder muss man entsprechend beeinflussen, indem man ihnen die Milch besonders begehrenswert erscheinen lässt.“

Also wie es scheint, war 1978 die Gewöhnung der Kinder an die Schulmilch immer noch nicht so ganz abgeschlossen, denn Dr. G. Andersen hat in einem Schulmilchsymposium Folgendes berichtet: „Kinder akzeptieren den Verzehr von Milch auf die Dauer in der Regel nicht ohne Weiteres. Man spricht seit Langem von der Milchmüdigkeit und hat daher schon vor dem Zweiten Weltkrieg in breit angelegten Versuchen den Versuch gemacht, diese unerwünschte Erscheinung durch geschmackliche Variationen des Angebots für ein Schulfrühstück zu überwinden. Insbesondere ist es da der Kakaotrunk gewesen, der im Wettbewerb mit anderen möglichen Geschmacksvarianten wie Banantrunk, Vanillemilch usw. das Rennen gemacht hat.“

Ich habe zum Thema Schulmilch und zum Weltschulmilchtag eine Grafik erstellt, die du dir sehr gerne anschauen kannst, die verlinke ich auch unter dem Transkript, in der ich all meine Erkenntnisse nochmal zusammengefasst habe, in kurzer übersichtlicher Form. Kannst du auch gerne teilen, wenn du das möchtest.

In den nächsten Folgen werde ich dann noch einmal mehr auf die verschiedenen Werbetechniken eingehen und welche Werbesprüche ich über die Jahre gesammelt habe, um nochmal genauer zu zeigen, wie die Milchlobby versucht hat den Milchkonsum zu steigern. Und ich freue mich, wenn du dann wieder mit dabei bist.

Links zur Folge

Grafik zum Weltschulmilchtag
https://create.piktochart.com/output/16140515-weltschulmilchtag

Artikel "Stirbt die Schulmilch aus?"
http://www.weltschulmilchtag.de/stirbt-die-schulmilch-aus [Der Artikel ist nicht mehr online]
Artikel via archive.org lesen

Folge 17 - Milch als Allheilmittel

Ein Beitrag

Folge 17 - Milch im Krankheitsfall

Jetzt ein Glas Milch, würde ich schon fast sagen, wenn ich all diese Werbesprüche lese, die im Milchkaufmann vertreten sind.

Was die Milch nicht alles kann- sie ist ein Lebensverlängerer, es gibt keine Krankheit, bei der sie nicht die Heilung unterstützt, sie gibt Kraft und Ausdauer, lässt Dich frisch und ausgeruht aussehen, ist gut für die schlanke Linie und hilft in Form von Quark auch gegen die "Managerkrankheit"...

Milch ist also rundum gesund - das Elexier des Lebens und eine Glanzstück der Werbeindustrie.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und auch in dieser Folge soll es wieder um die Milchwerbung der 1950er und 60er Jahre gehen, denn dort wurde das Fundament für die Normalität der Milch in unserem Alltag gelegt.

1957 war der Käufer noch sehr skeptisch gegenüber Werbung und ich möchte dazu einen kleinen Absatz aus dem Milchkaufmann vorlesen: „Die Aufklärung des Konsumenten über die Qualität der Lebensmittel ist nicht allein Aufgabe der Verbraucherorganisationen, sondern es ist auch eine echte Aufgabe des Handels. Der deutsche Verbraucher ist noch skeptisch gegen die Werbung, besonders dann, wenn er erkennt, dass sie teuer ist und er sie also über den Preis bezahlen muss. Der Verbraucher sieht allzu oft die Fehlleistungen einer Werbung und misstraut ihr. Es liegt also im Interesse der Verbände, wenn sie der Anregung der Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherverbände nach objektiver Unterrichtung und objektiver Aufklärung der Verbraucher nachkommen. Die Werbung soll dem Verbraucher helfen, zur Qualitätsbeurteilung zu kommen. Die Werbung muss inhaltlich und sprachlich klar sein und soll keine geheimnisvollen Wortbildungen enthalten. Werbung nützt nur dann, wenn sie wahr ist, denn sie gewinnt dadurch das Zutrauen des Verbrauchers. Wenn er der Werbung traut, richtet er sich auch danach. Wir in der Milchwirtschaft müssen mehr als bisher beachten, dass wir über die Milch nur das sagen, wofür wir auch 100% einstehen können. Noch in diesem Jahr 1957 wird in fast allen Ländern nunmehr TBC-freie Milch auf den Markt gebracht. Es ist ein ganz großer Schritt vorwärts getan, wenn wir dann mit dem Leitspruch werben, Milch ist immer gesund.“

Dieses Zitat zeigt nochmal ganz deutlich, wie anders die Voraussetzungen damals für die Milchwirtschaft waren und wie skeptisch der Verbraucher bzw. die Verbraucherin der Werbung gegenüberstand. Heute werden wir ja quasi nur noch von Werbung gesteuert. Heute ist es total normal, dass überall Werbung hängt und wir über alle Kanäle wirklich mit Werbebotschaften bombardiert werden. Aber damals war es eben noch nicht so. Natürlich müssen wir jetzt auch den Kontext betrachten. 1957 ist noch nicht lange nach dem Zweiten Weltkrieg. Es ist noch immer inmitten Nachkriegsdeutschland. Es war zwar gerade der Aufschwung da. Es ging voran, aber es war immer noch am Anfang dieser Bewegung. Das heißt, die Werbung sollte das jetzt unterstützen.

Und wie du auch in dem Zitat gehört hast, ging es darum, wahre Botschaften zu senden. Denn die Milch war damals nicht immer gesund, weil eben auch Milch von Kühen, die an Tuberkulose erkrankt waren, in den Handel kamen. Und es war ganz normal. Es gab einen Richtwert, wie hoch der Anteil der Tuberkulose Bakterien sein durfte, so wie es ja auch heute aktuell immer noch so ist, dass es einen Prozentsatz gibt, wie hoch der Anteil der Keime sein darf, wie keimbelastet eine Milch sein darf, die in den Handel kommt. Und dann gibt es da verschiedene Güteklassen. Und so war es damals eben auch schon, nur dass es damals Tuberkulose Bakterien unter anderem waren. Und Tuberkulose konnte 1957 fast vollständig bekämpft werden. Und das hat man eben auch als Erfolgsfaktor für die Trinkmilch angesehen.

Das war auch wirklich in den Nachkriegsjahren ein wichtiger Grund, immer auf die Hygiene zu gehen, dass man die Tuberkulose bekämpfen konnte. Denn es gab damals auch immer wieder große Angst vor Seuchen. Und die kamen eben nicht nur von den Tieren selbst her, sondern auch wieder von den Problemen der Milchverfälschung und wirklich unhygienischen Verhalten. Und da wurden natürlich auch die Abhofverkäufe angesehen, weil ja ein Bauer auf seinem Bauernhof immer nur Dreck rumfliegen hat und deswegen kann die Milch dort einfach nur dreckig und unhygienisch sein. So ist also auch 1958 immer noch die Qualität der Milch ein Problem und Hygiene ein wichtiges Stichwort. Und beides findet sich dann eben auch in der Werbung wieder, dass mit Hygiene und Qualität geworben wird.

Milch wurde damals auch als Allheilmittel angepriesen, in allerlei Krankheitsfällen. Und ich habe aus den verschiedenen Milchkaufmännern quasi, also aus den Zeitschriften, einiges rausgeschrieben und ich finde das so spannend, dass da wirklich Milch als Wundermittel propagiert wird. Milch hilft gegen Fettleibigkeit, Magenschwüre, Hautkrankheiten und auch bei appetitlosen Kindern. Der Obermedizinalrat Dr. Partenberg sagte 1953: „Sie, die Milch, ist ein hervorragendes Schutznahrungsmittel, auf das immer wieder hingewiesen werden muss, wenn Gefahren drohen.“

Und ich möchte dazu auch nochmal einmal aus dem Milchkaufmann zitieren. Und zwar gibt es da einen Artikel, der sich „Milchdiät in Krankheitsfällen“ nennt: „Fettleibigkeit und Milch. Bei der häufig durchgeführten, sogenannten karelischen Kur bei Fettleibigkeit, besonders mit Herzbeteiligung, nimmt man täglich 4 mal 200 Kubikzentimeter Vollmilch und etwa 3 Zwiebäcke. Oder man schaltet jede Woche einen reinen Milchtag ein und nimmt während der übrigen Zeit zum Beispiel 2 Liter Buttermilch, 500 Gramm Kartoffeln und 500 Gramm Äpfel über den Tag verteilt zu sich. Bei einer Einnahme von 2 Liter Milch täglich nimmt der normale Mensch 200 Gramm ab, sodass eine solche Milchkur eine ganze Zeit fortgesetzt werden muss.

Milch bei appetitlosen Kindern. Bei der Behandlung der Appetitlosigkeit im Kleinkindes- und Schulalter nach Infektionskrankheiten und nach Essschwierigkeiten in Folge einer abartigen seelischen Veranlagung des Kindes bzw. Überfütterung, Zwischenfütterung mit Süßigkeiten und reinen Erziehungsfehlern hat sich eine Milchnährmedizin besonders bewährt, die wie folgt zubereitet wird. Ein Viertelliter Milch, zweimal wöchentlich 1/8 Liter Sahne, 1/8 Liter Milch, 10 Tee Löffel Dextropur beziehungsweise Traubenzucker, 1 Teelöffel Kakao, das ganze Gemisch aufkochen, ein Eigelb hinzufügen, in eine Medizinflasche füllen und dem Kind als Nährmedizin stündlich 2 Esslöffel geben.“

Ich muss einmal kurz was einfügen: wenn man so Geschichten von früher hört, so wie eklig Medizin war und so, dann kann ich mir das jetzt auch sehr gut vorstellen. Wenn ich dieses Rezept höre und wenn das Kind dann gezwungen wird, stündlich 2 Esslöffel davon einzunehmen, von so einem widerlichen Gebräu, das ist auch irgendwo kein Wunder. Ich finde das so faszinierend, wie Milch genutzt wird, dass Kuhmilch, es geht ja immer um Kuhmilch, also dass Kuhmilch wirklich als Allheilmittel genutzt wird. Kuhmilch kann alles heilen und also auch „Schwierigkeiten in Folge einer abartigen seelischen Veranlagung des Kindes“, was auch immer das heißen soll. Also diese Formulierung, das kommt mir wirklich teilweise vor wie aus grauer Vorzeit und das ist jetzt hier wieder 1957. Also es ist noch nicht lange her, es ist wirklich noch nicht lange her.

Aber ich möchte noch mal weiter zitieren und zwar: „Milch und Magengeschwüre. Bei der Behandlung des Magengeschwürs und der Magenblutung gibt es verschiedene Diätvorschriften. Das Magengeschwür heilt am besten aus, wenn der Magen durch den Speisebrei nicht zu stark gedehnt wird und die Sekretion nicht zu reichlich ist. Bei der Magenblutung in Folge eines Geschwürs wird im Allgemeinen erst am zweiten Tag Milch gegeben, etwa in Form von 250 Gramm Vollmilch mit einem Drittel Kalkwasser 10 Tage lang. In schweren Fällen wird abgekochte kühle Milch esslöffelweise gegeben, von Tag zu Tag um 100 Gramm steigend. Vom zehnten Tag der Behandlung ab kann man bereits täglich 3 Liter Milch geben und einen Zusatz von Rahm. Vom 20. Tag wird die Milchmenge auf 1 bis 1,5 Liter herabgesetzt und am 28. Tag erhält der Kranke täglich 1,5 Liter Milch und 1,5 Liter Sahne.“

Und da geht es noch weiter: „Milch und Hautkrankheiten. Die Behandlung von zahlreichen Hautkrankheiten bei Erwachsenen wie nicht ansteckende Pilzerkrankungen und so weiter wird in vielen Fällen ohne Ernährungsumstellung nicht möglich sein. Die moderne Behandlung von Hautkrankheiten mit Salben, Bestrahlung und so weiter hat weiterhin ihre Berechtigung. Jedoch reicht sie in vielen Fällen zur Umstimmung der Gewebe besonders bei den stark nässenden Hautausschlägen bei Kindern und Erwachsenen nicht aus. Bei manchen plötzlich auftretenden Hautentzündungen gibt man alle 3 Stunden 500 Gramm Milch mit etwas Kalkwasser angereichert. Wenn hier durch Verstopfung auftritt, muss man statt der Milch Kefir verwenden. Nach Abklingen der Hautentzündung wird dann eine Milch-Gemüsekost gegeben.

Es erscheint bemerkenswert, dass im Gegensatz zu den Angaben über den Gewichtsverlust bei der Fettleibigkeit von 200 Gramm pro Tag ein Mensch mit einer plötzlich auftretenden Hautentzündung bei einer Milchkur 1000 bis 1500 Gramm bei gleichzeitig erheblicher Besserung seines Hautleidens abnehmen kann. Dies kommt durch eine Entwässerung und Entchlorung der Haut. Eine solche Milchkur wird zunächst 3 Tage lang durchgeführt und nach 14 Tagen nochmals wiederholt. Besonders auffällig ist es auch, dass solche Milchkuren Hauternährungsstörungen, die bei Fettleibigen auftreten, häufig rasch beseitigen.“

Findest du das nicht auch faszinierend, wie die Milch wirklich rundum wirkt? Und Milch ist halt nicht nur in Krankheitsfällen sinnvoll, wobei jetzt hier ja Fettleibigkeit auch als Krankheitsfall gesehen wird. Das heißt, das folgende Zitat hat dann eigentlich auch etwas mit Krankheit zu tun.

Denn: “Wir haben kürzlich einen Fall beobachtet, wo eine Frau, die an sich schon etwas zur Fülle neigte, für sechs Wochen fast täglich reichliche Portionen Schlagsahne vorgesetzt bekam, die sie auch ohne Rücksicht auf Verluste, so äußerte sie sich mit einem Galgenhumor, verzehrte. Nach dem so gehaltvollen Nachmittagskaffee war dann der Appetit zum Abendessen nicht mehr sehr groß und nach sechs Wochen bestätigte die Waage 10 Pfund Gewichtsabnahme. Die waren trotz Schlagsahne zu verzeichnen und ohne irgendein Mittel oder künstliche Nahrungsbeschränkungen lediglich in Folge Ortsveränderungen, ganz anderer Lebensweise und viel Bewegung. Am Abend ein Glas Sauermilch, das durchaus nicht nur ein Sommergetränk ist, sorgte für den ausreichenden Stuhlgang. Allgemeinbefinden dabei ausgezeichnet.“

Also das ist wirklich mein Lieblingszitrat, was Milch alles so tolles bewirken kann, denn, du hast es gelesen, die Dame hat 10 Pfund abgenommen in sechs Wochen durch Schlagsahne. Und das nur in Folge von Ortsveränderungen, ganz anderer Lebensweise und viel Bewegung. Ich frage mich ja so ganz ehrlich, ob sie nicht vielleicht mehr abgenommen hätte, wenn sie auf die Schlagsahne verzichtet hätte. Wenn wir diesen Sensationsbericht mal nüchtern betrachten, dann wird sie wohl eher davon abgenommen haben, dass sie ganz anders gelebt und sich viel bewegt hat. Und nicht weil sie diese Schlagsahne gegessen hat, sondern obwohl sie diese Schlagsahne gegessen hat, hat sie abgenommen. Aber man kann das natürlich so drehen, dass man behauptet, okay, 10 Pfund abnehmen in sechs Wochen nur durch Schlagsahne. Das ist die neue Brigitte-Diät. Kannst du auch mal ausprobieren. Kannst du ja mal davon berichten, ob du dann auch so 10 Pfund in sechs Wochen abnimmst. Ordentlich Schlagsahne.

Der Milchkaufmann titelt auch immer wieder mit Milch als Lebensverlängerer: „Deswegen gibt es auch keine Krankheit, während deren Verlauf man nicht die Milch als Ernährungszusatz gleichzeitig gegen die weitere Ausbreitung der Krankheitserreger im Körper heranziehen könnte. Es gilt besonders bei Darmkartarren, Magengeschwüren und ähnlichen Vorgängen.“ sagt Dr. Schmidt Lamberg. Und dann gibt es noch „Quark als Diät im Zeitalter der Managerkrankheit“. Es gab es also auch schon damals die Managerkrankheit, so um 1960 herum. Das ist keine Erfindung der 2000er oder 2015-20er Jahre. Nein, tatsächlich gab es auch schon damals das Zeitalter der Managerkrankheit.

Und da heißt es hier: „Für den körperlich, wie für den geistig arbeitenden Menschen ist das gesamte Eiweiß des Quarkes mit seinem hohen Nährwert von großem Nutzen.“

Du siehst also, Milch ist rundum wundervoll und du kannst die Kuhmilch und Kuhmilchprodukte in allen Formen gegen jedes Zipperlein verwenden. Und das finde ich hochgradig faszinierend. Denn je nachdem, worunter du leidest, hilft es dir entweder abzunehmen oder wenn du gerade unter Appetitlosigkeit leidest, zuzunehmen oder Hautkrankheiten zu heilen oder es stoppt die Verbreitung von Bakterien in deinem Körper oder es fördert die Verbreitung von Bakterien in deinem Körper und es ist immer die gleiche Milch. Es ist immer Kuhmilch. Vielleicht in verschiedenen Formen, dass du sie als Quark zu dir nimmst oder als Sauermilch oder als Schlagsahne, aber es ist immer Kuhmilch. Interessant, oder? Und klar, wenn damit so geworben wird, Milch ist hochgradig gesund und hilft dir in allen Lebenslagen. Warum nicht? Warum sollten wir sie nicht nehmen? Wenn du in der Zeit gelebt hättest und vielleicht Mutter gewesen wärst oder Vater, aber in diesem Sinne wahrscheinlich eher Mutter, dann hättest du dich wahrscheinlich auch davon verleiten lassen, Milch zu kaufen, weil sie so gesund ist, weil sie hilft und hättest dich auch daran orientiert, was dir an Rezepten gegeben wird.

Heute ist es ja nicht anders. Wir greifen total gerne zu Wunderpillen, von denen wir uns wer weiß, was versprechen und nicht umsonst gibt es immer wieder neue Diäten und in diesen vielen, vielen, vielen Zeitschriften so viele Diätvorschläge. Und wir glauben sehr gerne solchen Versprechungen, weil sie es einfach machen. Es ist dann nicht so anstrengend, das Leben, sondern es macht es alles total einfach. Und diesen Nerv hat damals die Milchwirtschaft auch schon gekitzelt und hat damals genau da gedrückt und sich gedacht, hey, wunderbar. Damit werben wir, also nicht nur mit Panikmache, wie ich in der vorangegangenen Folge schon erzählt habe, sondern vor allem eben damit, wie gesund Milch ist und dann gleich mit Rezepten und Hinweisen und Handlungsempfehlungen, was du bei den verschiedensten Krankheiten machen kannst, wie du dich da verhalten kannst und wie du wirklich alles kurieren kannst, wenn du nur ein bisschen Kuhmilch hast.

Und das ist natürlich Wahnsinn, wenn du damit aufwächst und wenn dir das eingetrichtert wird die ganze Zeit und du wirst umgeben mit diesen Worten und es wird dir vorgelebt und es wird dir vom Arzt gesagt und du denkst ja auch dieser Arzt, damals gab es wahrscheinlich weniger Ärztinnen als heute, also sage ich jetzt einfach Arzt, du gehst zum Arzt und bist krank und der sagt dir, hey du musst so eine Milchkur machen, eine Milchdiät und das wird da verschrieben, dann glaubst du dem ja auch, weil es eine Autoritätsperson ist und dann ist es eben kein Wunder, wenn du das so weitergibst an deine Kinder und wenn deine Kinder, die unsere Eltern sind oder unsere Großeltern, ja nachdem wie alt du bist, dann das alles schon als Kinder lernen und damit aufwachsen, wie normal das ist und dann geht es immer weiter, so wie ich es ja schon in den vorangegangenen Folgen erzählt habe, dann geht es weiter, dass es immer mehr Milchprodukte gibt und immer mehr verschiedene Geschmacksrichtungen und dann kannst du dir einfach die Milch nicht mehr nur pur irgendwie kaufen, sondern es ist ja total gesund, dass du sie dann mit Schokolade überzogen kaufst und das deine extra Portion Milch am Tag ist und dass du sie als Buttermilch kaufst, als Kefir, als was auch immer und das macht es dir so einfach zu sagen, hey das ist so gesund und deswegen kaufe ich das jetzt, kaufe ich die Buttermilch mit Erdbeergeschmack oder die Molke mit keine Ahnung, Orangengeschmack.

Ich habe das auch gemacht, ich habe auch gedacht, hey das ist total gesund und in jeder Diät wird dann irgendwie was mit Molke-Kur angegeben und Molke ist so toll und wenn du mal Weight Watchers gemacht hast, das hat wenig Punkte, ja, also ich weiß wovon ich spreche, ich weiß es ganz genau, ich habe das auch gemacht, aber jetzt durch diese Arbeit und diese Beschäftigung mit der Milch und allem was da drumherum ist, kann ich dir nur sagen, es ist alles Werbung, es hat nichts mit der Realität zu tun, es ist alles Werbung und es liegt alles daran, dass damals einige den Menschen helfen wollten, dass sie gesagt haben es ist ein günstiges Nahrungsmittel, das uns allen schnell zur Verfügung steht und was uns aus diesem Mangel und aus diesem Hungerleiden herausführen wird und was uns helfen wird diese mangel- und unterernährten Kinder und Erwachsenen wieder zu kräftigen, gesunden Menschen zu machen, was aber heute überhaupt nicht mehr notwendig ist.

Heute geht es nur noch um die Milchwirtschaft, damals ging es auch schon um die Wirtschaft, aber es hatte noch so einen vordergründigen Klang, dass es wirklich auch was war, was vonnutzen war für die Bevölkerung, dass man wirklich helfen wollte, aber es war immer zweigeteilt, immer schon zweigeteilt, dass es sowohl um die Volksgesundheit, als auch um die Volkswirtschaft ging.

Und heute ist es nur noch die Volkswirtschaft, denn schau dich um, wo siehst du in unserer Gesellschaft, in Deutschland, mangel- und unterernährte Kinder en masse, die dringend mit Milch ernährt werden müssen? Wo siehst du bei uns leere Supermärkte und das Problem irgendwie dein Kind zu versorgen? Wo siehst du das? Seit der Wende, seit dem Mauerfall und das ist jetzt nun wirklich schon einige Jahre her, gibt es das in Deutschland nicht mehr, natürlich gibt es einen Einkommensunterschied und es gibt viele Hartz-IV-Empfänger und das will ich nicht leugnen, auf gar keinen Fall, aber trotzdem ist für uns gesorgt und es muss fast keiner Hunger leiden, natürlich gibt es Obdachlose und natürlich gibt es Ausnahmefälle.

Aber schau dich um, egal wie hoch das Einkommen ist, Kinder müssen nicht mangel- oder unterernährt sein, das heißt es gibt diese Problemsituation nicht mehr und in der Folge über die Schulmilch wirst du nochmal erfahren, wie sich das auch, dieser Mangelernährungsfaktor, dieses Argument auch von damals bis heute durchzieht, bis jetzt in die Gegenwart und für heute möchte ich jetzt aber erst mal diese Folge beenden und ich freue mich, wenn du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist.

Folge 16 - Die Geschichte der Milchwerbung Teil 2

Ein Beitrag

Folge 16 - Die Geschichte der Milchwerbung Teil 2

In dieser Folge

  • spreche ich über Angst als Werbestrategie,
  • stelle ich Dir einen Teil der Werbematerialien vor, die für die Hausfrau als Zielgruppe produziert wurden und
  • erfährst Du einiges über die Zeitschrift "Der Milchkaufmann"

Warum ist gerade Kuhmilch das hochwichtigste Volksnahrungsmittel und nicht, sagen wir, Hühnerfleisch? Warum ist die eigene Milch einer Menschenmutter nicht ausreichend, um ihren Säugling zu ernähren?

Diesen Fragen und einigen mehr, gehe ich in dieser Folge zur Historie der Milchwerbung nach.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und in dieser Folge soll es erneut um die Milchwerbung den 1950er- und 60er-Jahre gehen, denn es gibt noch viel zu erzählen.

Starten möchte ich mit einem Zitat von Otto Grube aus Dortmund, das ist ein Milchwerbefachmann, und er hat 1952 Folgendes gesagt: „Tatsächlich liegen die Dinge so, dass große Teile unserer Bevölkerung und zwar die arbeitenden Männer, wie auch die Frauen fast gar keine Milch mehr trinken. Es ist einleuchtend, dass eine teilweise so völlige Abkehr vom natürlichsten und wertvollsten Nahrungsmittel des Menschen auf Dauer nicht ohne schwere volksgesundheitliche Folgen bleiben kann. Und so haben wir sie auch schon im beängstigenden Maße vorliegen, die Süchte, die Entnervung, die vorzeitige Erschlaffung, Kreislauferkrankungen, die heute das Gros aller Krankheiten bilden und Unterernährung in Folge falscher und ungeeigneter Nahrungszufuhr.“

Das sagt also Otto Grube 1952, und es ist sehr spannend, dass er behauptet, dass es aufgrund der Milch passiert ist. Also einfach nur deswegen, weil die Menschen nicht genug Kuhmilch getrunken haben, liegen diese fürchterlichen Folgen vor. Nicht vielleicht, weil zwei Weltkriege in der Vergangenheit gerade vorbei waren, nicht vielleicht, weil viele Menschen einfach Hunger gelitten haben, sondern weil ihnen einfach diese Milch fehlt und sie die im Moment nicht trinken. Es ist schon so ein bisschen, auch wenn gerade der Milchwerbefachmann das sagt, ja, vielleicht könnte man das mal in Frage stellen... Aber das möchte ich dir überlassen.

Ich möchte heute nochmal mehr auf die Zielgruppen eingehen. In der vorangegangenen Folge habe ich ja die Hausfrau so ein bisschen gestreift und die Milchgaststätten und Milchbars. Und auch die Schulmilch, wie gesagt, also die Folge zur Schulmilch, die kommt nochmal extra, da muss ich einfach zu viel erzählen, dass ich das jetzt hier mischen will. Was ich aber ganz spannend finde, sind ein paar Zitate, die ich aus dem Milchkaufmann noch rausgeschrieben habe und zwar:

“Das richtige Milchtrinken will gelernt sein, damit die ganzen Vorzüge der Milch dem menschlichen Körper auch zugute kommen. Milch darf vor allen Dingen nicht zu kalt oder in großen Mengen schnell hinuntergeschluckt werden wie ein Glas Wasser oder Bier. Der langsame und schluckweise Genuss von Milch ist am besten durch die Benutzung des Trinkhalmes gewährleistet“

Ich finde das irgendwie so spannend und lustig, dass damals noch beigebracht werden muss, wie man denn jetzt Milch trinkt, damit das auch wirklich nahrhaft ist für den Körper. Mir fehlen hier eigentlich die Worte, also wir sind ja Säugetiere und wir kommen als Säugling zur Welt und wissen ganz intuitiv, wie das geht mit dem Milchtrinken. Vielleicht weiß die Mutter das nicht sofort, aber das ist halt in unserem Überlebensmechanismus mit drin, dass wir wissen, wie Milchtrinken geht. Und jetzt müssen wir aber, weil wir ja die Kuhmilch, die Milch eines anderen Säugetier trinken wollen, weil die ja so wichtig ist und das grundlegendste Nahrungsmittel überhaupt, erstmal lernen, wie wir die richtig trinken. Ich lasse das mal so, ja?

Und so steht dann eben auch an einem Milchkaufmann drin: „Muttermilch ist Maßarbeit, Kuhmilch, Konfektionsarbeit. Der Lebenssaft als Spender und Förderer neuer Energien“ Das ist so, okay. Damals war man sich dessen noch bewusst, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Muttermilch und der Kuhmilch. Das war nicht mehr alles irgendwie nur Milch und damals war man sich auch noch der Herkunft der Milch bewusst. Wo kommt dann jetzt die Milch, wir sagen ja nur noch Milch, die Kuhmilch, wo kommt sie denn her? Und Kuhmilch ist auch Muttermilch, aber eben Muttermilch für Kälbchen. Und das ist auch ein Lebenssaft für die Kälbchen.

Damals wurde auch oft Panikmache als Marketingstrategie genutzt. Dazu ein Zitat: „Dänemark hat seinen aus wirtschaftlichen Gründen übersteigerten Butterexport, wobei die Bevölkerung auf den Butterverzehr weitgehend verzichtete, mit erheblichen Verlusten an Kleinkindern und mit schweren Schädigungen bzw. Verlusten an Sehvermögen bezahlen müssen. Man erkannte nicht den wahren Charakter der Milch, als sowohl kalorisch, wie auch wirkstoffmäßig ausgewogene Schutznahrung. Allgemein in Mitteleuropa setzte man Milchfett mit anderen Nahrungsfetten gleich und vernachlässigte das Milchfett als Träger entscheidend wichtiger Vitamine schon für die Entwicklung des Kindes im Mutterleib, für die Ernährung des Kleinkindes und die Aufzucht der Schulkinder.“

Wo ich jetzt gerade Aufzucht der Schulkinder lese, wirkt es so ein bisschen wie die neue Hundezucht oder so. Aber das nur so nebenbei. Man fragt sich ja irgendwie, warum es nicht ausreichend ist, wenn eine Mutter ihr Kind einfach stillt, wo doch die eigene Muttermilch immer noch die beste Nahrung für das Kind ist, weil sie nährstoffmäßig am besten auf das eigene Kind abgestimmt ist. Das ist von der Natur so vorgegeben. Und das ist irgendwie diese Panikmache da drin. Und es ist heute ja genau so, wenn du etwas liest über Anti-Vegan. „Oh, da werden mangelernährte Kinder in die Notaufnahme eingeliefert.“ Und ja, natürlich, die sind bestimmt auch mangelernährt gewesen. Aber das hat doch nichts mit Vegan zu tun. Und hier ist es jetzt genau so, dass gesagt wird, okay, die Dänen, die haben auf die Butter verzichtet. Und deswegen sind die Kleinkinder gestorben oder haben eben verschiedene Schädigungen. Das ist total krass, das so zu behaupten.

Die schreiben ja von einer Zeit, in der ein Krieg geherrscht hat in Europa. Also, Dänemark war ja beteiligt daran, den Dänen ging es genauso schlecht wie uns. Und dann zu behaupten, dass es daran liegt, dass nicht genug Butter verzehrt wurde, ist ziemlich krass, finde ich. Und das ist so eine ähnliche Art der Panikmache wie heute eben, wenn gesagt wird, wow, die Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren, das ist Kindesmisshandlung und so. Also, genauso als wenn du deinem Kind Butter vorenthältst oder wenn du selber halt als Mutter, als Schwangere keine Milch zu dir nimmst, dann bist du selber schuld, so in der Art.

Und das ist natürlich so die eine Seite, du kannst es dir selbst überprüfen, auch heute funktioniert das halt noch sehr gut. Ich kenne hochintelligente Mütter, die trotzdem der Meinung sind, dass da doch irgendwie was dran sein muss, wenn da im Hamburger Abendblatt steht, dass da vegane Kinder in die Notaufnahme eingeliefert wurden weil sie eben mangelernährt waren und da muss doch irgendwie was dran sein, dass halt die vegane Ernährung eine Mangelernährung ist und für Kinder nicht geeignet. Das ist nicht irgendwas daher geredet, das sind Mütter, die sich wirklich viel beschäftigen mit all den Themen und differenziert beschäftigen und nicht nur so boulevardmäßig und trotzdem haben sie Angst. Und es war damals genauso wie heute, also es ist wirklich diese Panikmache als Strategie, um die Kuhmilch als Volksnahrungsmittel durchzudrücken.

Warum muss dann gerade die Kuhmilch das Wichtigste sein? Warum? Warum ist es die Kuhmilch? Wir hätten doch genauso gut sagen können, wir heiligen und huldigen dem Schweinefleisch oder so und sagen, du musst jeden Tag rund so viel Gramm Schweinefleisch essen oder so, also das hätte doch genauso sein können, aber nichts wird so stark durchgedrückt wie Milch und dass wir es eben heute so gewöhnt sind und ja viele total aggressiv reagieren, wenn man es ihnen wieder wegnehmen will, liegt wirklich an der Werbung. Und da ist eben diese Panikmache, dieses „Dein Kind wird sterben, wenn es keine Milch trinken wird“, das ist dann wirklich ein Teil des Ganzen. Das ist ja auch ganz klar, einer Mutter einzureden, dass ihre Milch, die Muttermilch für ihren Säugling nicht ausreichend ist, ist auch etwas, was heute noch stattfindet.

Panikmache als Marketingstrategie ist also definitiv bewährt, schon immer in verschiedensten Bereichen und wurde da auch zur Vermarktung der Kuhmilch genutzt und es ist klar, dass es eine Mutter wirklich trifft, denn sie möchte ja das Beste für ihre Kinder und gerade in der Nachkriegszeit sollte, dass die Kinder ja besser haben und die Mütter wollten, dass ihre Kinder gesund sind und wenn ihnen dann gesagt wird, sie brauchen dringend Kuhmilch, damit ihre Kinder gesund sind, dann nehmen sie die Kuhmilch und dann ist es klar, dass die Kinder, die damals Kinder waren in der Nachkriegszeit, die heute unsere Eltern oder Großeltern sind, je nachdem wie alt du bist, damit dann wirklich aufgewachsen sind. Also es war ein Teil davon, weil ihre Eltern, also weil die damaligen Eltern in der Nachkriegszeit von der Milchwirtschaft über Wissenschaftler oder gekaufte Wissenschaftler dazu gedrängt wurden, dass Kuhmilch so gesund ist und sie mit Angst als Motivator dazu gebracht wurden, Milch zu kaufen und mehr Milch zu kaufen.

Das war eine Strategie und dann gab es natürlich auch noch andere Strategien wie den Milchhaushaltskalender mit Firmeneindruck als Werbegeschenk, wo Rezepte, Ratschläge und Hinweise für die Hausfrau drin waren: „Dieser Kalender erfüllt wie kein anderer zwei Aufgaben in idealer Weise. Einmal stellt er ein geschmackvolles Weihnachtsgeschenk, vor allem für unsere Hausfrauen und ihre Töchter dar, dass durch den Firmeneindruck für das Geschäft jedes einzelnen Kollegen wirbt. Zum anderen verleiten die sorgfältig ausgesuchten Rezepte aller Art mit Sicherheit so manche Hausfrauen zu einem spürbaren Mehrverbrauch von Milch und Molkereiprodukten.“

Solche Formate gibt es ja auch heute noch zuhauf und diese Art und Weise da wirklich jetzt zu versuchen, ein besonderes Produkt zu verkaufen, in dem man direkt die Rezepte mitgibt. Das ist wirklich etwas, was immer und immer wieder gemacht wurde. Und das jetzt eben in Form eines Kalenders, der dann einfach immer schön da in der Küche hängt, wo dann Rezepte drin sind und dieser Mehrverbrauch angeregt wird. Diese Werbung richtet sich also in erster Linie an die Hausfrau.

Und ich habe auch noch ein lustiges Zitat gefunden über Schokoladenpudding mit Schlagsahne: „In jedem Haushalt gibt es schließlich Tage, an denen der gestrenge Hausherr nicht mit isst und die Familie sich Sonderwünsche gestatten kann. Es soll allerdings auch Männer geben, die solche ausgefallenen Mahlzeiten zu schätzen wissen.“

Ich finde, das ist irgendwie etwas, was wir uns heute überhaupt nicht mehr vorstellen können, weil Schokoladenpudding mit Schlagsahne ja abgepackt im Kühlregal steht und ich irgendwie keinen Mann kenne, der jetzt sagt, oh, das ist total ausgefallen, das esse ich nicht. Also es ist so normal geworden, die verschiedensten Arten davon, dass das irgendwie tatsächlich wirkt wie aus einer ganz, ganz anderen Zeit. Dabei ist es ja noch gar nicht so ewig her, das Zitat ist von 1953. Also es ist wirklich noch nicht ewig her, aber es ist total spannend, das zu sehen, wie sich das entwickelt hat.

Und in den folgenden Episoden möchte ich dann nochmal weiter in die Tiefe gehen, was auch die verschiedenen Zielgruppen angeht und die verschiedenen Arten der Werbung. Und es wird natürlich noch eine Folge zur Schulmilch geben. Und ich freue mich, wenn du dann wieder mit dabei bist.

Folge 15 - Die Geschichte der Milchwerbung

Ein Beitrag

Folge 15 - Die Geschichte der Milchwerbung

In dieser Folge

  • spreche ich über die Milchwerbung der 1950er Jahre,
  • erzähle ich Dir von verschiedenen Werbestrategien und
  • beginne ich mit der Vorstellung von Zielgruppen.

Basierend auf den Ausgaben der Fachzeitschrift "Der Milchkaufmann" in verschiedenen Versionen, konnte ich ein detailliertes Bild der Werbebemühungen der Milchwirtschaft der 1950er Jahre zeichnen.

Da die Werbestrategien vielfältig waren, werde ich die Vorstellung in verschiedene Podcastfolgen aufteilen.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und ich möchte dir heute einen tieferen Einblick in die Milchwerbung der 1950er und 60er Jahre geben.

Und zwar beziehe ich meine Informationen alle aus dem „Milchkaufmann“, das ist die Fachzeitschrift des Milchkaufmanns der damaligen Jahre, über den ich auch schon in einer vorangegangenen Folge berichtet habe. Es gibt da den „Milchkaufmann“ als Zeitschrift, dann gibt es den „Saarländischen Milchkaufmann“, der insofern etwas Besonderes war, als dass das Saarland damals noch autonom war, denn es wurde erst 1957 in die Bundesrepublik Deutschland eingegliedert. Wirtschaftlich gehörte es zu Frankreich, orientierte sich aber doch dann an der Bundesrepublik Deutschland, wenn es darum ging, wie hoch der Milchabsatz in Saarland war.

Die Frage des Absatzes von Milch und Milcherzeugnissen war dann auch tatsächlich eines der Hauptprobleme der Milchwirtschaft und damit der Landwirtschaft damals, 1951. Und diese Frage des Absatzes zieht sich auch komplett bis heute durch, denn der Milchabsatz, der Milchkonsum in Deutschland ist stetig rückläufig. Das heißt, die Milchlobby kämpft seit ihres Bestehens eigentlich darum, dass die Menschen mehr Milch trinken.

1951 waren die Absatzschwankungen sehr groß und die Absatzsteigerung war damals das wichtigste Problem und als Lösung sah man eben Werbung an und sieht es auch noch heute. Damals, also 1951, betrug der pro Kopf pro Tag Verbrauch von Milch 0,12 Liter im Saarland im Vergleich dazu 0,29 Liter in München und im Vergleich dazu über ein Liter in Amerika. Das ist total krass: über ein Liter Milch pro Kopf pro Tag in Amerika. Wenn ich mir jetzt vorstelle, ich sollte ein Liter Milch trinken - gut, die werden nicht nur die Milch getrunken haben, sondern eben auch in Milchprodukten, wobei Butter jetzt nicht dazu gerechnet wird, Butter und Käse geht immer extra, sondern es handelt sich hier dann wahrscheinlich um Milchmischgetränke, Milcherzeugnisse in dem Sinne wie Joghurt oder Quark.

Ein Zitat aus dem Milchkaufmann: „Bei der Gesamtwerbung muss ganz allgemein davon ausgegangen werden, dass Milch, Milcherzeugnisse und Molkereiprodukte einerseits die bekömmlichsten, nahrhaftesten und relativ billigsten Nahrungsmittel überhaupt sind und das auf der anderen Seite der Absatz dieser Produkte bei geringstem Risiko und schnellstem Geldumlauf die beste Verwertung verspricht. Wenn der Absatz gesteigert werden soll, muss die direkte Werbung in erster Linie durch den geschickten Milchkaufmann selbst erfolgen.“

Das heißt, der Milchkaufmann wurde damals dazu angehalten, wirklich auch sein bester Werbefachmann zu sein und er wurde dazu auch in der Zeitschrift angehalten, die waren immer auf der Suche nach knackigen Werbesprüchen.

„Es müssen Formulierungen gefunden werden, die sich derart leicht einprägen, dass auch die Kinder auf der Straße sie behalten.“

Die Milchwerbung musste also massentauglich sein und alle Verbraucherschichten durchdringen. Zwar hatte der Milchkaufmann verschiedene Zielgruppen definiert, aber die Intention war wirklich die breite Masse zu erreichen. Es gab verschiedene Kampagnen wie „Milch auf den Schreibtisch“ oder „Flaschenmilch am Arbeitsplatz“ und Sprüche wie „Du lebst länger, besser und gesünder mit Milch, Joghurt, Butter und Käse“ und ständig wurde damit geworben, dass ein Liter Milch 35 Gramm Eiweiß, 34 Gramm Fett und 47 Gramm Zucker enthielt.

Damals war es noch total wichtig auf den hohen Fettgehalt hinzuweisen, weil Fett damals gleich bedeutend mit Gesundem stand, was heute ja nicht mehr so der Fall ist. Heute geht es nur noch um Eiweiß und weniger um Fett und weniger um Zucker. Damals war es auch total wichtig, weil ja damals die meisten Menschen in Deutschland mangel- bzw. unterernährt waren durch die beiden vorangegangenen Kriege. Das heißt, es war sehr, sehr wichtig darauf hinzuweisen, dass eine gute Milch, eine hohen Fett-, Eiweiß- und Zuckergehalt hatte.

Die Schaufenstergestaltung war damals sehr, sehr wichtig. In jeder, wirklich in jeder Ausgabe des Milchkaufmanns habe ich Informationen zur Schaufenstergestaltung gefunden, also Hinweise, wie es am besten gestaltet werden sollte. Es sollte sauber, modern und ansprechend gestaltet sein und wirklich auch ganz genaue Hinweise, wie es im Winter gehandhabt werden kann, wie im Frühling, wie die Angebote dort arrangiert werden sollten, weil das Schaufenster eben damals das wichtigste Aushängeschild des Milchkaufmanns war.

Heute wird die Schaufenstergestaltung von Filialen von der Hauptgeschäftsstelle festgelegt und alle müssen sich daran halten, aber damals war noch jeder einzelne Milchkaufmann für seinen Schaufenster selbst verantwortlich. Damit du noch einen besseren Eindruck von der damaligen Zeit bekommst, möchte ich noch ein paar Zitate hinzufügen.

“Ob ich einen halben Liter Milch täglich trinke oder nicht, ist meine weitgehend persönliche Angelegenheit. Viel persönlicher als mein tägliches Glas Bier etwa oder was ich sonst für nötig erachte. Denn hier handelt es sich außer um Genuss und Wohlgeschmack, um meine persönliche Gesundheit. Die Ansprache durch die Milchwerbung muss daher auch weitgehend persönlicher sein. Der Mensch von heute will sehen und hören. Er will persönlich angesprochen, nicht überredet, sondern überzeugt, nicht gezwungen, sondern gewonnen werden. Er will selbst erkennen und das für richtig erkannte, das heißt das, was er nicht nur als gesund, sondern auch als angenehm praktisch in seinem Geldbeutel zuträglich und nicht zu vergessen als modern erkannt hat, in die Tat umsetzen.“

Als eine wichtige Werbemaßnahme wurden Molkerei-Besichtigungen gesehen und zwar gibt es auch dazu wieder zwei Zitate: „Gerade unsere Hausfrauen sollten durch solche Besichtigungen direkt erfasst und angesprochen werden, denn die Erfahrungen haben gezeigt, dass sie das Gesehene und Gehörte sehr gut zu verwerten wissen. Nach einer eingehenden Führung durch den Betrieb findet anschließend an einer gemeinsamen Milchprobe-Tafel ein kurzer, gemeinverständlicher Vortrag über die Milchversorgung statt. Fragen aus dem Besucherkreis werden gestellt, besprochen und beantwortet und dazu werden Flaschenmilch und Joghurt gereicht. Kostenlos natürlich und an hübsch gedeckten Tischen.“

Das heißt, diese Molkerei-Führung waren wirklich ein Grundbestandteil und eine Molkerei-Führung mit anschließendem Vortrag und Verkostung, plus Rezepten zum Mitnehmen war also ein Geheimrezept, wie Hausfrauen, vor allem Hausfrauen, angesprochen und überzeugt werden konnten. Die Hausfrau war eine der wichtigsten Zielgruppen des Milchkaufmanns, eigentlich fast schon die wichtigste Zielgruppe. Milch am Arbeitsplatz, das ist immer wieder so untergegangen, also Milch in die Betriebe, Milch dann auch zu den Zechen und generell also wirklich Milch zu den Arbeiter:innen. Das war ein Versuch, es funktionierte auch so ein bisschen, aber in der Zeit war es wirklich total wichtig, die Hausfrau zu erreichen, weil die einfach die Hoheit über die Einkäufe und die Küche hatte.

Sehr wichtig als weitere Zielgruppe waren die Schulkinder und dazu werde ich auch nochmal eine ganz eigene Folge machen, weil das wirklich ein sehr durchdachtes, perfides System ist, das sich bis heute durchzieht, die Schulmilch. Auch heute noch, ist es möglich durch die EU gefördert, wirklich in einem Schulmilchprogramm teilzunehmen und diese Förderung gab es eben damals schon, wurde zwischenzeitlich ausgesetzt, aber wie gesagt, ich möchte dazu nochmal eine extra Folge machen, weil das wirklich ein System ist, das ja mit ganz, ganz vielen Mitteln versucht, Kinder an die Milch zu binden.

Ein weiterer Faktor auf den damals stark gesetzt wurde, waren Milchgaststätten und Milchbars. Gibt es heute irgendwie gar nicht mehr, ich habe versucht so ein bisschen zu recherchieren, wann die verschwunden sind, aber habe das dann nicht mehr weiterverfolgen können. Das heißt, wenn du da Informationen hast, dann freue ich mich sehr, wenn du sie mir zukommen lässt. 1952 gab es noch eine weite Verbreitung in der westlichen Bundesrepublik und der Versuch, eben ein breites Publikum zu erreichen durch frische Sauberkeit und Behaglichkeit.

Und auch dazu habe ich natürlich ein Zitat: „Von der Milchgewöhnung der Bevölkerung wird nicht zuletzt auch der gesamte Milchhandel selbst wesentlich profitieren können, denn alle die zahllosen, neu gewonnenen Milchtrinker werden Freunde der Milch und werden sich künftig auch in den Kundenkreis des Milchkaufmanns einreihen.“

Für diese Milchtrinkhallen und Milchbars gab es auch noch extra Broschüren mit Rezepten für die Barkeeper und Hinweise, wie sie diese Milchmixgetränke am besten an ihre Kundschaft bringen konnten. Dazu auch hier wieder ein Zitat:

„Eine sehr zu beachtende Erkenntnis haben ebenso wie im Auslande auch die letzten Jahre schon gebracht, nämlich die, dass der Mann ein besserer Kunde ist als die Frau, die wegen der schlanken Linie oft Hemmungen hat. Aber auch hier hat sich Wendigkeit und Anpassungsfähigkeit zu beweisen, denn die Milch, sonderlich die sauer Milch, der Joghurt und der Quark, sind keinesfalls Feinde der guten Figur. Sie schaffen vielmehr die denkbar günstigsten Vorbedingungen für einen blühenden Tag, körperliches Wohlbefinden, geistige Frische, Arbeitsfreudigkeit und die schlanke Linie.“

1953 gab es 260 Milchgaststätten im Bundesgebiet. Davon 200 mit Vorbildcharakter. Warum jetzt die anderen 60? Keine Ahnung. Und weitere im Bau. Und besonders an Bahnhöfen hat man diese Milchgaststätten als rentabel angesehen und sich vorgenommen, dass alle großen Bahnhöfe eine Milchgaststätte haben sollten. Und ich frage mich jetzt, wo sind sie denn hin, die Milchgaststätten? Was ist mit denen passiert? Hast du vielleicht schon mal eine gesehen? Weißt du wo sie sind? Also ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn du mir sagen könntest, was aus diesen Milchgaststätten geworden ist und bis wann sie vielleicht noch existiert haben.

Ähnlich ist es mit diesem Vorsatz Milch in die Betriebe zu bringen. Das ist irgendwie heute auch nicht so. Ich kenne zumindest keinen Betrieb, wo es irgendwie an der Tagesordnung ist, dass da jeder einen halben Liter Milch am Tag gestellt bekommt. Also wenn du da was weißt, dann melde dich bitte gerne. Der Milchkaufmann sagt jedenfalls gerade für den schwerarbeitenden Menschen ist Milch das ideale Getränk und nennt „Mehr Milch in die Betriebe“ als eine der wichtigsten Parolen für den Milchkaufmann.

Als in den Nachkriegsjahren die Milchwirtschaft auf der Suche nach neuen Absatzmärkten war, sah sie in der arbeitenden Bevölkerung wirklich großes Potenzial und am leichtesten war es den Zechen im Ruhrgebiet den Nutzen der Trinkmilch schmackhaft zu machen. Wenn die Kumpel stark erhitzt aus den Bergwerken kamen, konnte es einfach nichts gesünderes geben, als den Durstlöscher Trinkmilch. Und so wurde dann 1953 in der Zeche Consolidation in Gelsenkirchen, der deutschlandweit erste Milchautomat amerikanischer Herkunft aufgestellt. Da konnte dann die Milch direkt aus dem Automaten in ein Tetrapack gezogen werden. Die Verpackung landete nach Genuss im Müll, also mit Nachhaltigkeit hatte das nichts zu tun.

Aber nicht nur für schweißtreibende Berufe wurde die Trinkmilch als ideales Nahrungsmittel propagiert. Trinkmilch war schließlich das Volksnahrungsmittel und das eignete sich ebenso für die Sekretärin im Büro, wie für den Schichtarbeiter im lokalen Betrieb. Und der Milchkaufmann wurde stetig dazu angehalten seine Zielgruppe dementsprechend zu erweitern und nicht nur in seinem Ladengeschäft zu verkaufen, sondern auch direkte Lieferverträge mit Firmen abzuschließen.

Ein Nachsatz noch zur Schaufenster- und Ladengestaltung. Und zwar wurde der Milchkaufmann auch dazu angehalten seine Schaufenster und den Laden unter psychologischen Aspekten zu gestalten. Und zwar sollten Impulskäufe gefördert werden. Es wurde sich stark an Amerika orientiert und es wurde viel über die Kaufpsychologie des Kunden geschrieben. Und zwar gab es dort dann auch eine Anleitung zum richtigen Verkaufen mit der Annahme, dass ein Kunde lieber in ein Geschäft mit persönlicher Ansprache gehen würde als in einen anonymen Supermarkt.

Und da ich diese Folgen hier immer kurz halten möchte, werde ich jetzt einfach einen zweiten oder dritten Teil anhängen. Denn das würde sonst hier die Folge sprengen, wenn ich jetzt hier noch weiter erzähle. Aber es gibt noch ganz, ganz viel zu erzählen. Und so freue ich mich einfach, wenn du beim nächsten Mal auch wieder mit dabei bist.

Folge 14 - Milch, das hochwichtigste Nahrungsmittel

Ein Beitrag

Folge 14 - Milch - das hochwichtigste Nahrungsmittel

In dieser Folge schaue ich noch einmal auf die sensible Zeit zwischen den Weltkriegen, in der so viel im Wandel war und viele Grundsteine gelegt wurden.

Ich stelle Dir die Bedingungen vor, die Wissenschaftler für die perfekte Kuhmilch forderten und gehe noch einmal detaillierter auf die damaligen Umstände ein.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und in der heutigen Folge möchte ich noch einmal auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen eingehen.

Während des Ersten Weltkriegs herrschte einer Zwangswirtschaft in Deutschland, die noch bis zum 6. Juni 1924 anhielt. Während dieser Zeit galt ein Bearbeitungszwang. Und anhand des Beispiels Mannheim möchte ich hier einmal darlegen, wie es damals gewesen ist. Und zwar gab es dort eine Milchzentrale als Umschlagort für Milch, die sollte gewährleisten, dass nur einwandfreie Milch in den Handel kam. Die Händler mussten die Rohmilch, die sie vom Erzeuger erhalten hatten, bei der Milchzentrale abliefern und diese händigte ihnen die gleiche Menge dann wieder aus. Für die Händler wurde eine Mindestabsatzmenge von 400 Liter täglich eingeführt. Händler durfte nicht werden, wer einen schlechten Leumund hatte. Es gab also jetzt kein direktes Anmeldeverfahren oder eine Prüfung, sondern es ging wirklich darum, ob man sich etwas zu Schulden hatte kommen lassen oder nicht.

Hierzu auch noch ein paar Zahlen. 1910 hatte Mannheim 194.000 Einwohner und 471 Milchhändler, die 70.000 Liter pro Tag verkauften. Das bedeutet, es sind 150 Liter pro Tag pro Händler. 1926 hatte Mannheim 248.000 Einwohner und nur noch 181 Händler, die 80.000 Liter pro Tag umsetzten. Das bedeutet, es sind 442 Liter pro Tag pro Händler. Das heißt, diese Mindestabsatzmenge von 400 Liter täglich hat dann dazu geführt, dass es weniger Händler gab in Mannheim und dafür aber mehr Liter umgesetzt wurden.

1921 war es so, dass die Milch nur in festen Verkaufsstellen verkauft werden durfte und andere Waren durften nicht oder nur eingeschränkt verkauft werden. Dazu zählten nur Waren, von denen keine Staubentwicklungen und Verschmutzung der Milch zu befürchten war und zugelassen waren Milchkonserven, Molkereierzeugnisse, ausgepackte Eier, Honig und Kunsthonig in Gläsern und Paketen, Fruchtsäfte und Marmeladen in Flaschen oder Gläsern, Obst und Gemüsekonserven in Büchsen oder Gläsern, bestimmte Kindernährmittel, Back- und Puddingpulver, Suppenkonserven und Teigwaren, letztere vier allerdings nur in abgepackten Zustand. Limonaden, Mineralwasser und wegen der damit verbundenen Eislieferung Flaschenbier. Käse musste unter Glasverschluss gehalten werden.

Hausiererhandel war für die Händler verboten, für Erzeuger aber erlaubt. Und das ist jetzt wieder dieser Clinch, klar, für die Händler war es eben verboten und die Erzeuger gingen dann immer noch mit der Milchkanne von Haus zu Haus und dagegen haben sich natürlich dann die Händler gewehrt, wovon ich dir ja auch schon in vorangegangenen Folgen erzählt habe. Es gab sehr strenge Hygienevorschriften für das Milchfachgeschäft, die ich dir auch schon in der Folge über den Milchkaufmann berichtet habe.

Der Bürgermeister von Mannheim Dr. Walli sagte 1926: „Im Interesse unserer Volksgesundheit und Volkswirtschaft ist es dringend geboten, dass die zuständigen Stellen tatkräftig dafür sorgen, dass die Verhältnisse wie sie vor dem Krieg hinsichtlich des für unsere Kinder, Kranken und Greise wichtigsten Nahrungsmittels der Milch bestanden nicht wiederkehren. Man darf sich nicht mit der Tatsache zufrieden geben, dass im allgemeinen wieder genügend Milch vorhanden ist. Es kommt auf die Beschaffenheit dieses hoch wichtigen Nahrungsmittels an. Von größter Wichtigkeit ist weitgehendste Aufklärung der Erzeuger durch die Landräte, die Tierärzte, Landwirtschaftslehrer und landwirtschaftlichen Organisationen über die Eignung der Vierassen, die Beschaffenheit der Ställe, die Stallhaltung, Fütterung, den Melkvorgang, die Behandlung der Milch, vermittelbar nach ihrer Gewinnung und so weiter, so dann eine nachdrückliche Förderung des Molkereiwesens sowie des Leistungsprüfungs- und Tuberkulose-Tilgungsverfahrens.“

Aus diesem Zitat spricht der Wunsch nach besseren Verhältnissen, dass es den Menschen in Deutschland einfach besser gehen soll jetzt nach diesem furchtbaren Krieg. Damals wussten sie ja noch nicht, dass dann noch ein zweiter Weltkrieg folgen würde, der auch noch mal alles zerstören würde. Aber der Wunsch war wirklich da, es sollte allen besser gehen. Und leider waren ja die Verhältnisse damals noch nicht so, dass es wirklich allen besser gehen konnte.

Und in dem Handbuch für Milchkunde von Dr. Sommerfeld, ebenfalls aus dieser Zeit, habe ich folgendes Zitat gefunden: „Die Milch ist nicht nur ein hervorragendes Nahrungsmittel für die breiten Schichten der Bevölkerung in Stadt und Land, eine Waffe gegen den Alkoholmissbrauch, ein Nahrungs- und Stärkungsmittel für Kranke und Genesende, sondern auch dasjenige Mittel, welches bei Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit neben anderen Maßregeln erfolgreich zu wirken im Stande ist.“

Und ebenfalls aus diesem Büchlein stammt ein weiteres Zitat von dem Regierungsdezernat A.D. Petersen aus Berlin von 1925: „Das enge Verflochtensein der wirtschaftlichen Interessen von Hochofen und Rittergut, von der Schmiedewerkstatt und dem kleinsten Bauerngut, gibt der deutschen Wirtschaft als Gesamtheit den echten, tiefinnersten Zusammenhalt. Es ist notwendig, diese Tatsache des Aufeinanderangewiesenseins viel bewusster mit dem Geist der organisatorischen Idee zu durchsetzen, damit die drei wichtigsten Faktoren unserer Ernährungswirtschaft, die landwirtschaftliche Tierzucht, die Milchwirtschaft und das Molkereiwesen sich gegenseitig befruchten zum eigenen Wohle und zum Wohle des ganzen deutschen Volkes.“

Hier wird wieder auf dieses Zweigespann die Volkswirtschaft und die Volksgesundheit angespielt, das wirklich sich durch die ganze Zeit zieht und immer wieder herangezogen wird. Vordergründig die Volksgesundheit, hintergründig die Volkswirtschaft. Und hier ist es aber tatsächlich so, dass nochmal die Volkswirtschaft mehr im Vordergrund steht, dass es da wirklich klar gesagt wird, dass es wichtig ist für die Wirtschaft, dass es eine funktionierende Landwirtschaft gibt. Die Kuhmilch wird hier wirklich als Allheilmittel angesehen für alles, sowohl eben, wie gerade zitiert, den Alkoholmissbrauch als auch, dass dann alle gestärkt werden und es allen gut geht, als auch, dass die Wirtschaft wieder in Schwung kommt.

Und ein letztes Zitat noch aus diesem Milchhandbuch ist Folgendes: „Man wird immer mehr die Einrichtung von Milchhöfen mit ihren eigenen Kontrollen der Milch bis zum Stall des Landwirtes anstreben müssen, um das für die Ernährung von Jung und Alt allerwichtigste Nahrungsmittel, die Milch, in gesundem Zustande und in reichlichen Maße unserem Volk geben zu können. Wir brauchen im deutschen Volk einen gesunden und gut ernährten Körper, in dem ein gesunder Geist sich entwickeln kann.“

Wenn man jetzt bedenkt, dass danach der Zweite Weltkrieg folgt, ist es so ein bisschen ironisch, denn irgendwie hat sich ja kein gesunder Geist entwickelt. Aber das dürfen wir natürlich jetzt nicht der Kuhmilch in die Schuhe schieben. Ich möchte diese Ausführung nochmal ergänzen durch Zitate aus einem Handbuch der organischen Warenkunde, nämlich Grafes Handbuch der organischen Warenkunde. Volume 5, Halb Band 1, das ich in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg gefunden habe. Und zwar ist es auch aus dieser Zeit von 1928 und da geht es in diesem Band, Halb Band, um Rohstoffe und Waren aus dem Tierreich, Ernährung und Nahrungsmittel, Knochen und Leim, Häute und Lederpelze und Rauwaren. Du kannst dir diesen Band kostenlos runterladen. Du findest den Link unter dem Transkript. Es ist sehr interessant, das wirklich alles zu lesen und es auch aus dieser Perspektive zu lesen, von 1928. Das ist jetzt 90 Jahre her. Ich denke, dass dieses Zitat tatsächlich nochmal ein bisschen Einblick darin geben wird, warum denn Milch als das Non plus Ultra angesehen wird, also Kuhmilch und warum es als so wichtig angesehen wird. Und dieses Handbuch der Warenkunde ist ja tatsächlich etwas Neutrales und keine Werbehandschrift der Milchlobby von damals.

Und daraus möchte ich jetzt einmal zitieren. Und zwar ist es ein Kurt Stockard, der das geschrieben hat: „Milch ist das normale Ausscheidungsprodukt der Milchdrüsen weiblicher Säugetiere nach dem Geburtsakt, als Nahrung für ihre Säuglinge bestimmt. Unter Milch schlechtweg versteht man im Handel Kuhmilch und zwar Vollmilch, das gesamte Ergebnis einer vollständigen Ausmelkung. Milch ist eines unserer wertvollsten Nahrungsmitteln. Sie ist sehr leicht verdaulich, sie nimmt in der Ernährung der Kinder, alter Leute und der Kranken den ersten Platz ein. Aber auch für den gesunden Durchschnittsmenschen spielt sie in der Ernährung eine große Rolle. Es finden sich in der Milch alle für das Leben notwendigen Stoffe. Eiweiß, Fett, Kohlenhydrate, Salze und auch die lebenswichtigen Vitamine. Nur an Eisenverbindungen ist die Milcharm. Daher soll man Kindern bald grüne Gemüse als Beikost verabfolgen.

Es erfordert aber eine geregelte Milchwirtschaft, große Aufmerksamkeit und vor allem peinlichste Sauberkeit. Die Verwendung der Milch an der Gewinnungsstelle ist einfach, doch treten Schwierigkeiten auf, sobald es sich darum handelt, dieses wichtige Nahrungsmittel auf größere Entfernung zu versenden oder etwa in der heißen Zeit längere Zeit genussfrisch zu erhalten. Bei dem großen Gehalt an Eiweiß, Zucker, Salzen stellt die Milch einen vorzüglichen Nährboden für allerhand Klein-Lebewesen dar und wird durch diese leicht verdorben, ja gefährlich. Die verschiedensten Mikroben, Krankheitserreger, die solche giftige Stoffwechselprodukte liefern, aber auch ganz indifferente Bakterien, gedeihen und vermehren sich rasch in der Milch. Durch sie können Schädigungen beim Genuss, aber auch unliebsame Veränderungen der Milch hervorgerufen werden. Stets ist, auf diesen Umstand bei der Gewinnung sowie beim Versenden der Milch bedacht zu nehmen.

[...] Um gute und reichliche Milch zu erhalten, ist es notwendig, die Milchtiere gut zu pflegen, reichlich zu nähern und gesund zu erhalten. Sehr wesentlich ist für die Gesundheit der Milchtiere Aufenthalt im Freien. Stets nur in oft schlecht gelüfteten Stellen gehaltenes Vieh erkrankt leicht an Tuberkulose. Milchreiches Vieh muss durch eine planmäßige Leistungszucht herangezogen werden.

[Hier lasse ich wieder einen Teil aus, sondern geht es weiter damit, was denn jetzt wichtig ist, um wirklich die perfekte Kuhmilch zu erhalten.] Und zwar, gutes und billiges Futter in genügender Menge. Die Milchkühe sollen vom zeitigen Frühjahr auf der Weide reichlich ohne Bei- und Kraftfutter ernährt werden können. Das Futter soll nach Leistung verabfolgt werden, sodass eine Kuh, die mehr Milch gibt, auch reichlicher gefüttert wird als die anderen.

Zweckmäßige Haltung und Pflege der Milchtiere. Der Stall muss zweckmäßig eingerichtet und auch gut gelüftet sein. Auch im Winter sollen die Tiere im freien Bewegung machen können und womöglich den ganzen Sommer sich auf der Weide aufhalten.

Richtiges Melken geschultes Personal. Durch richtiges Melken kann der Ertrag gehoben werden, während bei ungeschickten Melken der Ertrag zurückgeht, die Euter verdorben werden. Das Personal ist gut durchzubilden, Fachschulen soll selbst sauber und ordentlich sein und die Tiere gut behandeln. [...] Das Melken selbst soll rasch und kräftig erfolgen, dabei so, dass die Kuh ein gewisses Wohlbehagen empfindet. Während des Melkens soll Ruhe herrschen, auf keinen Fall dürfen Tiere erschreckt werden. Die Kühe halten in diesem Fall die Milch zurück, aufziehen der Milch.“

Und ich möchte dir in den nächsten Folgen unter anderem dann zeigen, wie die Werbung dieses Versprechen „Milch ist eines unserer wertvollsten Nahrungsmittel“, dann ad absurdum geführt hat und was für Methoden gewählt wurden und für was denn Milch alles die Heilung war. Und ich freue mich, wenn du dann wieder mit dabei bist.

Links zur Folge

Grafes Handbuch der organischen Warenkunde, Vol. 5 Halbbd. 1 (ab S. 306)
http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN832533432

Folge 13 - Die globalisierte Milch

Ein Beitrag

Folge 13 - Die globalisierte Milch

Wir erreichen mit dieser Folge die Gegenwart.

Milch und Milchprodukte sind längst Alltag geworden, wir konsumieren sie ohne nachzudenken. Lediglich der Preis und der Geschmack sind noch variabel- das aber auch nur bei Milchprodukten.

Die Kuh ist zur Maschine geworden, deren Abfallprodukt, das Kalb verkommt, wenn es überhaupt die ersten Tage überlebt, zur Dönerfüllung.

Es gibt zur gegenwärtigen Situation sehr viele Dokumentationen, von denen ich zwei in den Links zur Sendung aufgelistet habe.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, beim Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und in dieser Folge möchte ich über die globalisierte Milch sprechen.

Mit dieser Episode haben wir die Gegenwart erreicht und das Ende des historischen Abrisses. In den folgenden Episoden werde ich dann weiter in die Tiefe gehen und noch einmal genau erklären, wie das denn jetzt kommen konnte, dass Milch ein Grundnahrungsmittel ist. Und wir alle der festen Überzeugungen sind, dass wir Milch unbedingt trinken müssen. Starten möchte ich mit einem kleinen Abschnitt aus dem Buch „Vom Pfennigartikel zum Milliardenobjekt - 100 Jahre Milchwirtschaft in Deutschland“ von Christian Diederich Hahn. Dieses Buch ist 1970 erschienen, das heißt 100 Jahre Milchwirtschaft bezog sich von 1870 bis 1970. Es ist also nicht total up-to-date, aber dieser Abschnitt hier, den finde ich sehr bezeichnend für unsere Gegenwart.

“Auf einer Milchwirtschaftstagung in Moskau 1969 berichtet ein Forscher aus Schweden, wie die Milchwirtschaft im Jahre 2000 vielleicht aussehen könnte. Es sei denkbar, dass dann die Milchkühe in Herden von 30.000 bis 40.000 Stück ganzjährig in Hochhausstallungen gehalten werden. Wahrscheinlich habe man bis dahin eine Milchleistung je Kuh von 10.000 bis 15.000 Kilo je Laktaktionsperiode erreicht. Füttern, melken und Abtransport des Mistes seien dann voll automatisiert. Den Mist werde man in einer besonderen Fabrik neben den Kuhställen wieder zu Futtermitteln für die Tiere umwandeln, neben anderen Futter zum Messungen. Mit dem Kuhstall direkt verbunden sei die Molkerei. Sie werde die produzierte Milch 300.000 bis 600.000 Tonnen im Jahr, gleich 1 bis 2 Millionen Kilo fünfmal in der Woche, vollautomatisch über Computer verarbeiten. Und der Computer werde nicht nur die Produktionsprogramme steuern und sie überwachen, sondern auch Änderungen in der Zusammensetzung der Milch sofort feststellen und das Verarbeitungsprogramm entsprechend ändern.

Ganz neue Produkte würden neue Verfahren bedingen. Haltbare Milch werde die größte Bedeutung erlangen. Butterfett werde aufgrund der verschiedenen Schmelzpunkte der Fettfraktionen aufgetrennt und zu neuen Produkten verarbeitet werden. Das Milcheiweiß werde direkt erfasst und zu einer käsebruchähnlichen Substanz verarbeitet werden, aus der neue Käsesorten billiger herzustellen werden, mit künstlichen Enzymen gereift. Die Fabrikation von sogenannten Imitationserzeugnissen werde besondere Bedeutungen erlangen, etc. pp. Wird die Kuh der Zukunft eine biologische Maschine sein? Zunächst allerdings dürften sich bei uns wohl neue betriebswirtschaftliche Erkenntnisse durchsetzen, danach wird die gesündeste Milchwirtschaft in den natürlichen Grünlandgebieten ihren Standort haben, behalten und zusätzlich noch finden. Langjährige praktische Versuche nicht nur in Westdeutschland beweisen, dass mittlere Betriebe richtig bewirtschaftet in diesen Gebieten den besten Rohstoff Milch produzieren, aber auch Rindfleisch in höchster Qualität.“

Diese Utopie, oder ich muss eigentlich besser sagen Dystopie, aus dem Jahr 1969 ist Gott sei Dank nicht eingetroffen. Trotzdem ist die Kuh zur Maschine geworden. Sie lebt zwar nicht in Hochhäusern, aber sie lebt als Maschine, was wir eigentlich alle mittlerweile wissen. Ja, es gibt die Biobetriebe, wo es den Kühen anscheinend etwas besser geht als in den konventionellen Betrieben, aber die Biobetriebe machen ja nur ein Bruchteil der Betriebe in Deutschland aus. Ich habe nochmal ein paar Zahlen auf der Seite der Milchindustrie recherchiert und möchte dir die einmal kurz vortragen, damit du dir eine Vorstellung davon machen kannst, wie die Entwicklung denn jetzt eigentlich ausgesehen hat.

1990 gab es noch 6,3 Millionen Milchkühe, und diese haben 31 Millionen Tonnen Milch pro Jahr produziert. Es gab damals auch noch so ungefähr, ich habe jetzt keine richtige Zahl, es war nur eine Statistik, da konnte ich es nicht direkt erkennen, ungefähr 150- 160.000 Betriebe in ganz Deutschland. Und jetzt 2017 gibt es noch 67.319 Betriebe und 4,2 Millionen Kühe. Jetzt könnte man meinen, dass dadurch auch der Milchertrag gesunken wäre, aber durch die Züchtung und dieses Hinarbeiten zu den super Hochleistungsturbokühen, ist tatsächlich der Milchertrag pro Kuh gestiegen, sodass insgesamt 32,7 Millionen Tonnen Milch pro Jahr produziert werden.

Also 1990 waren es 31 Millionen Tonnen und 2017 32,7 Millionen Tonnen. Das heißt mit weniger Kühen, viel weniger Kühen, denn das sind ja 2,1 Millionen weniger Kühe, wurde sogar ein bisschen mehr produziert als 1990. 1990 ist nicht 1790 oder so, sondern 1990 ist jetzt gerade mal 28 Jahre her. Wenn wir das jetzt also bedenken, 28 Jahre, es kann natürlich eine lange Zeit sein, aber in der Zeit wurde der Milchertrag der Kuh von 4.710 Kilo pro Jahr auf 7.700 Kilo pro Jahr gesteigert. Also 3.000 Kilo in 28 Jahre oder beziehungsweise das ist jetzt die Zahl von 2017, also 27 Jahre. Ich finde das ziemlich krass, wobei angeblich ist es wieder ein bisschen zurückgegangen, denn 2016 war der Ertrag noch bei 7.746 und wenn ich mir die Zahlen hier genauer angucke, dann ist der Ertrag sogar von 1990 bis, also er hat einen richtigen Sprung gemacht. 1990 waren es 4.710 Kilo pro Jahr, 1995 waren es 5.424 Kilo pro Jahr. Im Jahr 2000 waren es 6.122 Kilo pro Jahr, im Jahr 2005 6.761, im Jahr 2010 7.080 und im Jahr 2011 7.240 und dann ist es so pro Jahr immer so ein bisschen angestiegen, bis es dann eben im Jahr 2016 bei 7.746 war. Und jetzt im Jahr 2017 ist es allerdings noch geschätzt auf 7.700. So, also das ist jetzt so um dir mal in Eindruck zu machen über die Zahlen.

Also wir haben einerseits Rückgänge der Betriebe, andererseits Rückgänge der Milchkühe. Die Anzahl der Betriebe hat sich in den letzten 27 Jahren mehr als halbiert. Die Anzahl der Milchkühe ist dadurch nicht gestiegen, aber hat sich auch noch mal reduziert um ein Drittel, also auf 4,2 Millionen Kühe. Aber trotzdem ist der Milchertrag sogar noch ein bisschen gestiegen, das heißt diese Kühe müssen immer mehr Milch produzieren. Und der Anteil der Biomilch liegt derzeit bei 2,54%. Der Anteil der Biomilch lag im Jahr 2000 tatsächlich noch bei unter einem Prozent.

Und Biomilch darf übrigens auch erst Biomilch genannt werden seit dem 1.1.1993. Da gab es eine EU-Verordnung, die dann EU-weit genormt hat, was jetzt Biomilch heißen darf. Seitdem hat aber die Biomilch auch eine Entwicklung hingelegt, die in der konventionellen Milch sehr gleich. Dann die Biomilch findest du überall. Du findest sie auch beim Discounter, du findest sie als H-Milch, du findest alles auch als Bio mittlerweile. Und sich da dann eben die Frage stellt, wie kann das denn sein? Wie kann ein Biomilch genauso billig sein wie die konventionelle Milch und in genau den gleichen Darreichungsformen tatsächlich im Supermarkt landen? Das ist eine Sache, eine Entwicklung.

Und die andere Entwicklung ist, dass natürlich jetzt auch in den konventionellen Betrieben dadurch, dass es ja immer weniger Betriebe gibt und die Anzahl der Kühe zwar runtergegangen ist, aber jetzt nicht dermaßen, dass es sich dann auch mehr als halbiert hätte, liegt es eben daran, dass pro Betrieb die Anzahl der Kühe gestiegen ist, so dass es immer mehr Betriebe mit immer mehr Kühen gibt. Im Durchschnitt ist es so, dass ein Betrieb in Deutschland 55 Milchkühe hat, aber es gibt natürlich welche, die irgendwie nur 20 haben und welche, die über 100 haben. Und das alles summiert sich dann zu diesem Durchschnitt auf. Und da gibt es dann nach Bundesland noch Unterschiede, die aber bei dieser Grundfrage, wie konnte Kuhmilch ein Grundnahrungsmittel werden, erstmal keine Rolle spielen. Denn wichtig ist nur, der Milchertrag ist immer noch hoch.

Und das Interessante ist ja, wir Deutschen verbrauchen in Deutschland nur 50 Prozent der produzierten Milchmenge. Und der Rest wird exportiert. Und das ist eben ein weiteres Thema dieser Globalisierung, dass es zum einen eben dieses Unding ist, dass immer noch viel zu viel produziert wird. Es gab ja bis 2015 die Milchquote, die es noch so ein bisschen geregelt hat. Aber jetzt ist es wirklich, die Milch wird einfach auf den Markt geworfen. Und ja, die Milchbauern haben tatsächlich das Nachsehen. Und wir stecken einfach alle in diesem unmöglichen, unsäglichen System fest. Momentan ist es tatsächlich so, dass der Handel die Macht übernommen hat. Früher war es ja so, das hast du in den vorangegangenen Folgen gehört, dass es am Anfang eben natürlich, als der Handel noch gar nicht existent war in dieser Form, dann auch der Erzeuger irgendwie die Preise diktiert hat, dann kamen die Molkereien dazwischen und die Molkereien waren sehr mächtig, so dass halt die Erzeuger sich da mit eingekauft haben und eigentlich auch Teil der Molkereien waren, aber die Molkereien haben dann trotzdem über den Preis bestimmt.

Und mittlerweile ist es der Handel. Du siehst jetzt auch mittlerweile nur noch Werbung vom Handel. Also du siehst dann irgendwie Werbung für Joghurt oder also du siehst nicht Werbung für die Milch an sich, sondern für bestimmte Produkte. Und das ist tatsächlich die Demonstration der Macht des Handels. Und es ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Und wer hat da die Macht? Das bist du. Du hast die Macht. Wenn du sagst, ich kaufe das nicht, ich trinke das nicht mehr, ich mach das nicht mehr, dann ist ja die Nachfrage rückläufig und du kannst dadurch dann am Ende wiederum die Situation der Milchbauern und der Kühe und der Kälber beeinflussen. Es ist ein Modell entstanden, bei dem ganz unten die Landwirte stehen, dann kommen die Molkereien, dann der Handel und ganz oben steht eigentlich der Verbraucher, wenn er denn mündig wäre.

Aber da wir durch die Werbung so geschädigt sind und einfach nur gucken, ui, dieser Joghurt sieht ja hübsch aus, den kaufe ich jetzt oder ich höre halt darauf, Milch ist so gesund und ich brauche das so unbedingt und Eiweiß und Kalzium und keine Ahnung, was noch alles. Dann bin ich nicht mehr mündig, sondern lasse mich vom Handel lenken. Und dann hat natürlich der Handel wieder die Macht. Aber im Grunde hast du die Macht als Verbraucherin oder als Verbraucher. Du hast die Macht, du kannst sagen, was du kaufst oder nicht kaufst. Aber wenn du durch die Werbung so beeinflusst bist, dann hast du die Macht natürlich wieder aus der Hand gegeben. Wichtig ist es also aufzuwachen und mündig zu werden.

Zu der gegenwärtigen Situation findest du extrem viele Informationen im Internet und es gibt auch einige gute Dokumentationen, die du dir auf jeden Fall anschauen solltest. Eine heißt „Der Irrsinn mit der Milch“, wo es dann auch vor allem um die Globalisierung geht und das Problem des Exports, dass wir eben mit unserem europäischen, teilweise deutschen Milchpulver die Märkte in Afrika und anderen so genannten Schwellen- oder Drittländern kaputt machen, weil einfach die Bauern dort mit ihrer Milch, die sie von ihren Kühen melken, dann nicht gegen das günstige Milchpulver ankommen. Und „Der Irrsinn mit der Milch“, diese Dokumentation, das ist eine halbstündige ZDF-Dokumentation, zeigt das nochmal wirklich ganz, ganz klar, was wir hier anstellen mit unseren Produkten, weil wir ja nur auf mehr, mehr, mehr aus sind um diese Märkte zu erschließen.

Eine andere Dokumentation ist „Das System Milch“, das ist jetzt relativ neu. Das ist eigentlich ein Kinofilm-Format und diesen Film haben wir auch im „Einfach vegan“ Podcast besprochen und dort wird das System nochmal wirklich sehr deutlich dargestellt. Es bezieht sich da jetzt erstmal auf Österreich, aber das kann man eins zu eins hier auf Deutschland übertragen. Vielleicht noch in größerem Maßstab.

Das heißt, zum gegenwärtigen Zeitpunkt und auch also in den letzten zehn Jahren, sage ich mal, also generell alles, was jetzt so in der Gegenwart und Globalisierung in dieser Zeit, so ab 2000 vielleicht, über diese Zeit gibt es wirklich ganz, ganz viel Material, was du auch im Internet findest. Wenn du da weiterforschen möchtest, fühl dich frei, da einfach mal selber zu schauen.

Ich möchte den historischen Abriss jetzt hiermit beenden und möchte in den folgenden Episoden dann tiefer auf die Milchwerbung eingehen, wie sie die letzten 100 Jahre geprägt hat. Und ich freue mich, wenn du dann wieder mit dabei bist.

Links zur Folge

Film: Der Irrsinn mit der Milch
https://y.com.sb/watch?v=jAvW7XQ6jfY

Film: Das System Milch
https://www.dassystemmilch.de/

Aktuelle Zahlen zur Milchindustrie
https://milchindustrie.de/marktdaten/erzeugung/

Folge 12 - Wohin mit den Milchseen?

Ein Beitrag

Folge 12 - Wohin mit den Milchseen?

In dieser Folge geht es um die Entwicklung in den 1970er und 80er Jahren hin bis zum Mauerfall.

Aufgrund der guten Bedingungen der vorangegangen Jahre hatten die Bauern viel zu viel Milch produziert, es wurde verzweifelt nach Absatzmärkten gesucht.

Absatzförderung war daher das Stichwort dieser Zeit. Eine extreme Verstrickung der Umstände die Folge- was daraus geworden ist, kannst Du in Filmen wie "Das System Milch" und "Bauer unser" sehen.

1984 wurde dann die Milchquote eingeführt, die den Milchfluss regulieren sollte. Das führte zum zweiten Höfesterben in Westdeutschland seit dem zweiten Weltkrieg.

Wieder eine turbulente Zeit voller Irrungen und Wirrungen und mittendrin: die Kuh.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und ich möchte dir in dieser Folge von der Zeit ab 1970 bis hin zum Mauerfall erzählen, was sich da im Bereich der Kuhmilch in Westdeutschland zugetragen hat.

Aus der vorangegangenen Folge weißt du, dass die Supermärkte auf dem Vormarsch waren. Es hat eine Entfremdung stattgefunden zwischen dem Konsumenten und der Herkunft der Produkte. Diese Entfremdung hat nicht erst mit den Supermärkten angefangen. Sie hat schon vor, ja, lassen wir es fast 200 Jahre davor sein, angefangen ganz, ganz langsam durch den Handel, der sich dazwischen geschoben hat, zwischen die Erzeuger und die Konsumenten. Das war natürlich vor 200 Jahren anders als es 1970 war und natürlich auch anders als es heute ist, aber es war schließlich so der Beginn, dass es Händlerinnen und Händler gab, die beim Erzeuger oder der Erzeugerin eingekauft haben und das dann wieder verkauft haben, sodass der direkte Bezug zur Erzeugung nicht mehr da war.

Und das ist eine wichtige Grundvoraussetzung auch dafür, dass die Kuhmilch und auch sämtliche Milchprodukte Grundnahrungsmittel werden konnten und dass es so eine große Vielfalt in den Kühlregalen heute gibt. Bis 1970 ungefähr, vielleicht auch eher 1968 oder 1969, stieg die Milchproduktion immer weiter an und übertraf den Absatz um ein Weites. Und ich möchte zu dieser Zeit aus einem Buch zitieren und zwar heißt es „Milch vom Mythos zur Massenware“ von Andrea Fink-Kessler. Diese Dame schreibt kein pro-veganes Buch, sondern ein pro-Milchbuch, ist aber dennoch kritisch und beschreibt dort auch die Historie der Kuhmilch und ich habe auch viel daraus gelernt, das ist definitiv auch ein lesenswertes Buch und ich möchte daraus jetzt eine Passage zitieren.

“Würden frühere Generationen auf uns schauen, könnten sie meinen, dass wir das Paradies erreicht haben. Berge aus Butter und Magermilchpulver. Wovon einst die Legenden Irlands träumend erzählten, die Milchseen und Kühe, die endlose Milch gaben, Ende der 1980er Jahre war es erreicht. Trotz Abschlachtprämien und Nichtvermarktungsaktionen 1969 und 1971 und einer drastischen Reduktion nicht nur des deutschen, sondern des gesamten europäischen Kuhbestandes, war die Milchmenge in Deutschland wie in der europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stetig angestiegen. Aus den sechs Gründungsmitgliedern von 1957 waren bis 1983 bereits zehn geworden.

Noch vor Frankreich und England hatte sich Deutschland mit allein 25,2 Millionen Tonnen Milch an die Spitze der europäischen Milcherzeugerländer gestellt. Die gesamte europäische Milchmenge betrug 103 Millionen Tonnen und lag damit 31 Prozent über dem, was auf dem Binnenmarkt überhaupt abgesetzt werden konnte. Schon zu Beginn des europäischen Milchmarktes 1968 gab es zu viel Butter und ab 1973 zu viel Pulver aus dem mit der Butterproduktion verkoppelten Produkt der Magermilch. Zum Höhepunkt der Überproduktion 1987 sollten es knapp 1,2 Millionen Tonnen Butter sein. Weitere Produktionssteigerungen waren politisch längst nicht mehr mit der Versorgungssicherheit der Bevölkerung zu rechtfertigen, dennoch funktionierte das System für einige.

Entgegen aller Mythen, die EWG, ab 1993 nennt sie sich Europäische Union, bezahlte den Milchbauern keine festen Preise. Das hatte zum Beispiel Deutschland bis 1968 getan. Kernelement der europäischen Milchmarktordnung sind die Richt- und Interventionspreise, zu denen Aufkäufe getätigt werden. Auf der Basis eines gemeinsamen Außenschutzes, Zölle, wird für Milch 3,7% Fett, ein Richtpreis festgelegt. Staatliches Handeln, d.h. Aufkaufen, wird jedoch erst dann ausgelöst, wenn die Großhandelspreise für Butter, Magermilchpulver und italienischen Parmesankäse, d.h. die Erlöse der Molkerei, unter das Limit des Interventionspreises zu rutschen drohen. Dann kann die Molkerei die überschüssige Butter und das Magermilchpulver der staatlich finanzierten Lagerhaltung anbieten und damit die Milch verwerten.

Diese auf der Ebene der Molkerei angesetzte Preisstützung geht davon aus, dass, wenn die Molkerei einen garantierten Preis für Butter und Magermilchpulver bekommt, sie die Gewinne in Form hoher und stabiler Milchauszahlungspreise nach unten an ihre Milchlieferanten weitergibt. In einem gewissen Sinne funktioniert dieses Konstrukt insofern, als es die Milchpreise zwar niedrig, aber dennoch stabil hielt. Formal gesehen war die Überlegung auch richtig, da die Bauern mit ihren Kapitaleinlagen, Eigentümer der Molkereigenossenschaft waren, in Vorständen und Aufsichtsräten saßen. Für eine kurze, wachstumsorientierte Phase der 1970er Jahre stiegen denn auch die Interventionspreise für Butter und Magermilchpulver und mit ihnen die Erzeugerpreise derjenigen Molkereien, die wesentlich für die Intervention produzierten. Nur vor dem Hintergrund der subventionierten Aufkäufe konnte das unbegrenzte Wachstum der Milch funktionieren. Sie musste keinen wirklichen Absatzmarkt finden.“

Andrea Fink-Kessler beschreibt dann weiter, wie denn jetzt diese Überschüsse dann verwertet werden können. Also wohin damit eigentlich? Und ein Teil ist dann tatsächlich eben auch damals schon, das Verwerten bzw. Exportieren dieser Überschüsse in Drittländer, in sogenannte Schwellenländer, was ja auch heute immer noch Probleme bereitet, wenn jetzt unser Magermilchpulver in Afrika landet und dort den Markt kaputt macht. Und das haben wir damals eben schon begonnen. 1970 war so die Zeit 70er, 80er Jahre, in denen wir begonnen haben, das zu exportieren und da Märkte erschlossen haben, die wir dann auch nicht mehr loslassen wollten. Und das gehörte dazu, diese perfide, muss ich ja schon etwas sagen, Strategie zu sagen, wir müssen immer weiter produzieren. Es ist total wichtig für die deutsche Wirtschaft, dass die Milch immer weiter produziert wird und damit wir damit auch weiterhin Gewinne haben und irgendwie Geld übrig bleibt, verkaufen wir das halt jetzt an die ganze Welt, egal wie es dann bei denen aussieht, in deren Wirtschaft.

Und ich möchte jetzt hier noch eine weitere Passage aus dem Buch zitieren: „Eine weltweite Rezession, die Schuldenkrise der dritten Welt und ein steigender Selbstversorgungsgrad der Schwellenländer verringerten ab Mitte der 1980er Jahre die europäischen Absatzmöglichkeiten für Butter und Milchpulver an Drittstaaten. Das Überangebot brachte die Weltmarktpreise zum Fallen und in der Folge stiegen die Butter und Milchpulver Berge und mit ihnen die Ausgaben für die Exportsubventionen. Als diese, nicht nur die der Milch 70% des Agrarhaushaltes zu verschlingen drohten, versuchte die EWG die Reißleine zu ziehen. Bereits 1977 waren die Milchbauern zur Mitverantwortungsabgabe verpflichtet worden und mussten von jedem ermolkenen Liter Milch etwas an die EWG Kasse abgeben. Es folgten weitere Maßnahmen, um den Mengen Herr zurwerden. Abschlachtprämien, Nichtvermarktungsprämien, Vorruhestandsprämien, Sonderverkaufsaktionen für Butter, Weihnachtsbutteraktionen, alles mit wenig Erfolg.

Die Milchmengen derjenigen Kühe, die zum Schlachter gingen, waren schnell durch die zunehmenden Leistungen der verbliebenen Kühe wieder erreicht. Zum 1. April 1984, so beschlossen ist die Agrarminister, wurde eine Mengenbegrenzung für die gesamte europäische Milch eingeführt, die Milchquote. Allerdings mit einem Haken. Die Grenze lag nicht auf der Höhe des europäischen Selbstverbrauchs, sondern 20% darüber. Schließlich wollte keiner die einmal eroberten Absatzmärkte im vorderen Orient in Asien, Afrika und vor allem in Osteuropa aufgeben. Für die Mehrheit der Milcherzeuger hatte diese Milchquote eine fatale Wirkung. Bezogen auf das Basisjahr 1983, bekam jeder Betrieb eine reduzierte Milchmenge zugewiesen. Diese durften nur bei Strafe überschritten werden. Lediglich die staatlich geförderten Wachstumsbetriebe galten als Härtefälle. Ihnen wurden höhere Milchmengen zugewiesen, als sie zuvor ermolken hatten.

Der Strukturwandel beschleunigte sich. Mehr als ein Viertel der Betriebe mit kleinen, weniger als zehn Kühe umfassenden Herden gab bis 1987 auf. Kräftig gewachsen sind die 40 bis über 60 Kühe melkenden Betriebe. Man könnte auch sagen, die Milchquote hat die Umverteilung der Milch hin zu den Betrieben, die sich auf reine Milcherzeugung spezialisiert hatten, beschleunigt. Eine Umverteilung fand auch zwischen den Regionen statt. Begünstigt durch die Intensivfütterung mit Silomais gingen die Milchproduktionen aus den ertragsschwächeren Mittelgebirgsregionen heraus, wurde dort durch Fleischerzeugung über Mutterkuhhaltung ersetzt und hinein auf Ackerbaustandorte. Nach der Agrareform 1992 sollte sich dieser Trend noch verstärken, da nun die Bauern für Silomais Ausgleichszahlungen erhielten, aber keine direkten Zahlungen für Grünlandbewirtschaftung und Milchproduktion.

[...] Wenig öffentlich beachtet wurde, dass das gesamte neue System der Milcherzeugung eine steigende Kostenseite hatte. Der Kapitaldienst an den Banken, die Zukäufe an Kraftfutter, die Kosten für Tierarzt und Besamung sowie Diesel, Maschinen und Gebäudekosten. Ab 1984 kamen die Kosten hinzu, wenn ein Betrieb erweitern wollte und dazu Milchquote zupachten, später zukaufen musste. Nur mit immer mehr Milch konnte das Einkommen erwirtschaftet werden. In immer kürzeren Zyklen und längst nicht mehr nur zur Hofübergabe an die nächste Generation, musste nun investiert, modernisiert, aufgestockt und weiter rationalisiert werden, in der Hoffnung die Kosten zu senken. Die Milcherzeugung wurde immer kapitalhungriger, brauchte schließlich alle Arbeitskraft, alle Aufmerksamkeit und Fläche, wurde zu einem der teuersten Arbeitsplätze, teurer noch als ein Arbeitsplatz im hoch subventionierten Bergbau.

Wer sich Ende der 1980er Jahre für die Milcherzeugung entschieden hatte, ging auf eine Einbahnstraße, aus der es keine Umkehr mehr gab. Denn längst waren die anderen Nutztiere am Hof verschwunden. 1989 erzielten 67% der Milchviehbetriebe Deutschlands, sie melkten weniger als 20 Kühe, ein unterdurchschnittliches Einkommen. Gewinner, vermeldete der Agrarbericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums, waren nur 44.100 Betriebe der verbliebenen 303.000 Milchviehbetriebe. Sie melkten mehr als 30 Kühe.“

Diese Entwicklung hin zu der Einbahnstraße quasi zu den wenigen Betrieben mit vielen Milchkühen und zu der Produktionssteigerung, das ist definitiv etwas, was sich eben in diesen letzten Jahren zwischen, also so ab 1970, richtig dann nochmal abgezeichnet hat. Und dann natürlich auch mit der Milchquote 1984. Die Milchquote wurde 2015 wieder abgeschafft. Seitdem können die Milchbauern wieder so viel Milch produzieren, wie sie wollen, stehen aber dann auch wieder vor dem gleichen Problem, dass sie keinen Absatz dafür finden. Und dieses Problem der Absatzförderung wurde damals eben auch durch die Werbung angegangen.

1970 wurde die CMA gegründet. Das ist die centrale Marketinggesellschaft für die Agrarindustrie. Und diese CMA hat zum Beispiel diesen Slogan „Nur die Milch machts“ in die Welt gebracht, um den Absatz der Milch und der Milchprodukte zu fördern. Sie hat jetzt nicht nur Milch- und Milchprodukte beworben, sondern eben alles, was vom Bauern kommt, „Es ist immer das Beste vom Bauern“ und hat da die verschiedensten Slogans gehabt zu den verschiedenen Produkten. Aber der wohl bekannteste ist tatsächlich „Nur die Milch machts“.

Und die CMA wurde 2009 dann liquidiert. Die gibt es seitdem nicht mehr. Und deswegen gibt es seitdem keine zentrale Milchwerbung mehr vom Bauernverband, sondern nur noch von den einzelnen Herstellern von den Produkten. Die gab es natürlich parallel zu den Werbeaktionen der CMA auch. Nur die CMA wollte gezielt die Landwirtschaft stärken. Die Landwirte mussten da auch eine Abgabe zahlen. Sie wurde aber tatsächlich jetzt unwirksam eingestuft. Aber ihr Ziel war eben die Absatzförderung, da die Milchwirtschaft ja vor dem Problem stand, dass sie einfach viel zu viel Milch produziert hat und viel zu wenig Absatz hatte. Vor allem in Deutschland. Und dann versucht hat in der ganzen Welt diese Milch- und Milchprodukte, das Milchpulver irgendwie loszuwerden.

Und die CMA wollte durch die Werbebotschaften dann nochmal den Gesundheitswert der Milch. „Milch macht stark, Milch macht schön, Milch macht schlank“, einfach diese Werte in der Gesellschaft verankern und hat es ja durchaus auch geschafft, uns einzuflüstern, dass die Milch ein so wertvolles Lebensmittel ist, dass wir ohne sie nicht können.

Und in der nächsten Folge möchte ich dann weitersprechen über die Rolle der Kuhmilch ab dem Mauerfall. Und dann nähern wir uns auch schon dem Ende des historischen Abrisses und werden in den zukünftigen Folgen dann mehr in die Tiefe gehen, um noch einmal genau herauszuarbeiten, welche Werbestrategien denn jetzt dazu geführt haben, dass wir der festen Überzeugung sind, dass wir ohne Milch nicht leben können. Und dass es wirklich Aggressionen hervorruft, wenn ich zu dir sage, du kannst auch ohne Milch leben. Und darum geht es dann in den zukünftigen Folgen und ich freue mich, wenn du dann wieder dabei bist.

Folge 11 - Wirtschaftsboom und Fresswelle

Ein Beitrag

Folge 11 - Wirtschaftsboom und Fresswelle

Die Jahre zwischen 1950 und 1970 waren in Westdeutschland von Aufbruchsstimmung geprägt.

Arbeitslosigkeit war kaum vorhanden, der technische Fortschritt nicht zu bremsen und auf einmal schien alles möglich.

Der Lebensstandard hob sich, jetzt konnte sich nahezu jeder ein Auto leisten, in Urlaub fahren und ohne Limit essen.

Diese Zeit ist das Sprungbrett, mit dem sich die Kuhmilch als Massenprodukt in den Markt katapultierte, um dort zum Standard zu werden.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und in dieser Folge knüpfen wir natürlich wieder an die Vorgängerfolge an und es soll in dieser Folge um den Milchkaufmann gehen.

Ich möchte noch einmal zurückblicken. In der vorangegangenen Folge haben wir über den Grünen Plan und den Marschallplan gesprochen. Der Grüne Plan war ein Förderprogramm der 1950er Jahre, mit dem die Nachkriegsagrar-Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland gefördert wurde. Ziel war es Strukturen im ländlichen Raum zu schaffen, die sich leichter Bewirtschaften ließen, um die Bevölkerung sicherer mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Der Marschallplan dagegen wurde von den USA bereitgestellt und es ging darum die Wirtschaft anzukurbeln, Deutschland mit Lebensmitteln, Rohstoffen und Waren zu versorgen.

Einige Jahrzehnte gab es in Deutschland einen Beruf, der heute ausgestorben ist, den Milchkaufmann. Sein Wirken begann in den 1920er Jahren und endete in den 1970er Jahren. Er fungierte als Mittelsmann zwischen den Molkereien und den Verbraucher:innen und präsentierte in seinem Ladengeschäft eine große Auswahl an Milch- und Milchprodukten. Sein Hauptgeschäft war die lose Molkereimilch, die er aus einer Kanne in die mitgebrachten Gefäße der Kundinnen schöpfte.

Der Alltag dieser Zunft ist in der Fachzeitschrift „Der Milchkaufmann“ sehr gut dokumentiert und zeigt auch vor welchen Herausforderungen der Milchkaufmann stand. Ich habe diese Zeitschrift gefunden, als ich in der ehemaligen Milchforschungsanstalt in Kiel war und dort in der Bibliothek in den Archiven stöbern durfte. Und ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich diese Zeitschrift lese. Es ist wirklich ein wunderbares Dokument.

Ich möchte auch gleich aus dieser Zeitschrift zitieren: „Ein Werbefachmann weist darauf hin, dass ein Geschäft sozusagen eine Tankstelle für gute Laune, für Frohsinn und Heiterkeit sein muss. Der Kunde muss wissen, dass unsere Geschäfte durch die aufgelockerte, dort herrschende Stimmung ihn selbst aufheitern. Die Leute müssen gerne in den Betrieb kommen. Es muss sozusagen ein psychologischer Sog entstehen.“

In der Fachzeitschrift gibt es ganz viele Ratschläge für den Milchkaufmann, ausgehend davon, wie er sein Geschäft führen kann, wie er sein Schaufenster gestaltet, welche Probleme es geben kann, wie er seine Milch am besten verkauft, Rezeptideen und natürlich auch über Preise, Bezahlung, Buchhaltung. Und ein Problem damals waren die Bauern, die ab Hof verkauft haben. Und nach meiner Lektüre hatte ich das Gefühl, dass der Milchkaufmann in der damaligen Zeit im ständigen Clinch mit den Bauern gelegen hat.

Hygiene war ein wichtiges Stichwort der Nachkriegszeit und so propagierte der Milchkaufmann die reine weiße Molkerei-Milch als die einzig wahre Milch. Der Ab-Hof-Verkauf der Bauern mit ihrer unbearbeiteten Rohmilch aus dem dreckigen Kuhstall war dem Milchkaufmann ein ständiger Dorn im Auge. Über all die Jahre hinweg finden sich immer wieder Streitschriften im Milchkaufmann, in denen gegen den Ab-Hof-Verkauf gewettert wird. Natürlich, wie sollte es anders sein, geschieht es im Namen der Volksgesundheit. Sowieso hatte es der Milchkaufmann nicht leicht in der Nachkriegszeit und der darauffolgenden Zeit des Wirtschaftswachstums zu bestehen. Die Welt war am Wandel und mit der steigenden Kaufkraft und dem immer mehr, mehr, mehr landete die Trinkmilch schließlich gut verpackt im Kühlregal des Supermarkts und der Milchkaufmann war arbeitslos.

Das ist natürlich ein Grund, weswegen wir den Milchkaufmann heute gar nicht mehr kennen. Frag einmal deine Eltern, die kennen den Milchkaufmann noch, deine Großeltern sowieso? Vielleicht kennst du den Milchkaufmann auch selber noch, aber dann gehörst du definitiv einer früheren Generation an als der, der ich angehöre. Denn klar, es gab den Milchkaufmann bis in die 1970er Jahre hinein, aber er wurde dann vom Supermarkt verdrängt, weil einfach keiner mehr in diese Fachgeschäfte ging und die Milch, du kennst sie heute auch nur aus dem Kühlregal, du würdest sie nicht in einem Fachgeschäft kaufen. Heute ist es natürlich wieder anders, heute wird der Ab-Hof-Verkauf wieder als etwas Besonderes und Normales angesehen, aber damals war das wirklich teuflisch böse.

Ich möchte dazu noch einige Zitate aus dem Milchkaufmann beifügen: „Aufklärung der Hausfrauen, vor allem der Mütter, wird weiterhin notwendig sein, um sie davon zu überzeugen, welche große Gefahren der Hausiererhandel mit loser Milch für die Gesundheit der Kinder und Kranken mit sich bringt. Nimmt der Abhofverkauf langsam einen Umfang an, der eine ernstliche Gefährdung nicht nur der Volksgesundheit, sondern auch der gesetzlichen Ordnung bedeutet. Richtschnur allen Handels könne allein der Gedanke sein, Qualität im Dienste der Volksgesundheit, das Erfordere ein Festhalten an der Mindestmenge, einen gesunde Kalkulation aller Preise ohne politische Einflüsse und ein energisches Eindämmen des Abhofverkaufs.‘ Beifall unterstrich seine Feststellung gegenüber dem angeblichen Naturrecht der Erzeuger auf freien Verkauf ihrer Erzeugnisse, dass niemand ein Recht haben könne, die Gesundheit seiner Mitmenschen zu untergraben. Aller Erfolg bei der Qualitätsverbesserung der Trinkmilch sei in Frage gestellt, wenn hier nicht durchgegriffen werde.“ Dieses letzte Zitat stammt von dem Nestor des deutschen Milchhandels Bernhard Scholz.

Die größte Zielgruppe des Milchkaufmanns waren die Hausfrauen, die ganz dem damals aktuellen Rollenbild folgend für den Haushalt und damit auch den Einkauf verantwortlich waren. So versorgte der Milchkaufmann die Hausfrauen nicht nur mit frischer Milch und Butter, sondern auch mit kostenlosen Werbezeitschriften wie „Frisch und Froh“ und „Delikat“, die neben Rezepten auch Fortsetzungsromane und Klatsch enthielten, ein Format das auch heute noch gern gelesen wird.

Oder den Milchhaushaltskalender mit der Aufschrift, „Wer schafft, braucht täglich Milch“, mit Rezepten, Ratschlägen und Hinweisen für die Hausfrau und dem immer wieder auftauchenden Hinweis auf den Milchkaufmann als die Einkaufsquelle für Milch- und Milchprodukte.

Hier noch ein Zitat: „Werbung weckt Wünsche. Jeder Milchkaufmann muss sein bester Werbefachmann sein.“

Der Milchkaufmann wurde regelmäßig unter der Rubrik, „Was wünscht die Hausfrau?“ dazu angehalten, den Kunden bestimmte Produkte anzubieten. Gleich mit Dialogbeispielen und dem Hinweis, dass nur ein aktiver Milchkaufmann ein erfolgreicher Geschäftsmann sein kann.

Hierzu auch noch zwei Zitate: „Frühjahr und Frühjahrskuren sind stets miteinander verbunden. Bieten wir also unseren Hausfrauen, sie sprechen gerne auf die Schlanke Linie an, vermehrt Quark in diesen Wochen an und geben ihnen zusammen mit unserem werbenden Angebot auch die entsprechenden Rezepte mit. Stehen ihre Milchtrinkbecher, stets sauber und einladend bereit, wenn die erhitzte Hausfrau und ihre Kinder im Vorbeigehen schnell ein Glas kühle Milch trinken wollen? Was für eine gute Gelegenheit gibt es hierbei mit den Kunden der näheren Kontakt zu kommen, ihnen so nebenbei und unauffällig dies und jenes anzubieten?“

Auch die Schaufenstergestaltung wurde in fast jeder Ausgabe der Fachzeitschrift als Werbefaktor von größter Bedeutung angesprochen. Klar, damals war ein schön gestaltetes Schaufenster noch ein Blickfang, etwas, das Supermarktketten heute schon lange nicht mehr haben und auch nicht brauchen. Wir wissen ja, was uns darin erwartet.

Hierzu auch noch ein Zitat: „Jedes Schaufenster wird damit zu einem Werbefaktor von größter psychologischer Bedeutung. Es ist gleichsam das Bindeglied zwischen dem Geschäftsmann und seinem Kunden. Von der Tradition allein, das muss jeder Milchkaufmann wissen, lässt sich heute nicht leben.“

Wie schon erwähnt war Hygiene, ein Schlagwort der Nachkriegszeit, alles musste sauber und modern sein. Die Molkereimilch, welche der Milchkaufmann in seinem blitze blanken Geschäft verkaufte, gehörte zu dieser Entwicklung dazu. Weg vom schmutzigen Kuhstall, von den Händlern, die von Tür zu Tür zogen und ihre bakterienverseuchte Milch aus offenen Kannen verkauften, hin zur reinen weißen Supermilch.

Der Milchkaufmann hatte in seinem Geschäft strenge hygienische Auflagen zu erfüllen, die mit einem großen finanziellen Aufwand verbunden waren. Wollte er neben Milch- und Milcherzeugnissen noch andere Lebensmittel in seinem Laden verkaufen, musste er für diese Waren nach 1952 in seinem Geschäft einen abgetrennten Raum schaffen. Durch die Fachzeitschrift wurde immer wieder dazu angehalten, sich nur an den höchsten hygienischen Standards zu orientieren, damit das Image der reinen weißen Milch nicht getrübt wurde.

Hierzu wieder ein Zitat: „Nur ein Höchstmaß an Sauberkeit, nur eine vorbildliche Erfüllung aller hygienischen Anforderungen und nur eine in jeder Hinsicht mustergültige Ausstattung und Ausgestaltung der Geschäftsräume sichern dem Milchgeschäft heute inmitten eines harten Konkurrenzkampfes die Existenzberechtigung und damit die Existenzmöglichkeit. Darüber hinaus muss in Anbetracht der dem Milchhandel auferlegten großen volkswirtschaftlichen Verantwortung jeder Milchkaufmann ein Fachmann von höchsten Qualitäten, ein geschickter und gründlich ausgebildeter Kaufmann und ein hervorragender Propagandist und Werbefachmann sein.“

Die Lektüre des „Milchkaufmanns“, also der Fachzeitschrift, gibt einen sehr guten Einblick, wie damals in der Nachkriegszeit bis hin in die 1970er Jahre die Werbung für die Milch- und die Milchwirtschaft aussah. Oft zitiert wird dort Otto Grube aus Dortmund ein Milchwerbefachmann und dieser hat 1952 Folgendes gesagt: „Es waren also nicht nur Überlegungen landwirtschaftlicher Absatzsteigerungen, sondern ebenso sehr die Erkenntnis volksgesundheitlicher Notwendigkeit, die die Milchwerbung auf den Plan riefen.“

Hier ist wieder unser Zweigespann aus Volksgesundheit und Volkswirtschaft und beides wird, wie ich schon erwähnt habe, immer wieder angeführt. Volksgesundheit immer vordergründig und dahinter steckt immer die Volkswirtschaft.

„Will man den Milchverbrauch stärker heben, so kommt es darauf an, die größeren Möglichkeiten, die nicht in den rein wirtschaftlich bedingten Bestimmungsgründen liegen, auszuschöpfen. Das heißt, die Verbrauchsgewohnheiten zu ändern.“

Und das sollte natürlich mit der Werbung, mit der Milchwerbung geschehen und da gab es verschiedene Zielgruppen, auf die ich dann in späteren Folgen noch einmal eingehen möchte und ich freue mich, wenn du dann wieder dabei bist.

Links zur Folge

Folge 10 - Milch, Wunder der Schöpfung

Ein Beitrag

Folge 10 - Milch, Wunder der Schöpfung

In dieser Folge lese ich Dir die Werbebroschüre "Milch - Wunder der Schöpfung", herausgegeben 1956 vom Verband der Deutschen Milchwirtschaft, vor.

Der Text ist so pathetisch, dass ich ihn Dir einfach nicht vorenthalten möchte.

Es ist reinste Propaganda und zeigt wunderbar, vor welchen Herausforderungen die Milchwirtschaft in den Nachkriegsjahren stand.

Folge 9 - Der Milchkaufmann

Ein Beitrag

Folge 9 - Der Milchkaufmann

In dieser Folge

  • stelle ich Dir den Milchkaufmann als Berufsstand vor,
  • erzähle ich Dir von der Rolle, die dieser beim Aufstieg der Milch als Grundnahrungsmittel gespielt hat,
  • berichte ich von den Herausforderungen vor denen der Milchkaufmann stand

Die Fachzeitschrift "Der Milchkaufmann" ist meine Lieblingslektüre geworden, seit ich zur Kuhmilch forsche.

Ich werde auf diese besondere Zunft auch noch in zukünftigen Folgen detaillierter eingehen. Diese Folge soll zunächst einen Überblick geben.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und in dieser Folge knüpfen wir natürlich wieder an die Vorgängerfolge an und es soll in dieser Folge um den Milchkaufmann gehen.

Ich möchte noch einmal zurückblicken. In der vorangegangenen Folge haben wir über den Grünen Plan und den Marschallplan gesprochen. Der Grüne Plan war ein Förderprogramm der 1950er Jahre, mit dem die Nachkriegsagrar-Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland gefördert wurde. Ziel war es Strukturen im ländlichen Raum zu schaffen, die sich leichter Bewirtschaften ließen, um die Bevölkerung sicherer mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Der Marschallplan dagegen wurde von den USA bereitgestellt und es ging darum die Wirtschaft anzukurbeln, Deutschland mit Lebensmitteln, Rohstoffen und Waren zu versorgen.

Einige Jahrzehnte gab es in Deutschland einen Beruf, der heute ausgestorben ist, den Milchkaufmann. Sein Wirken begann in den 1920er Jahren und endete in den 1970er Jahren. Er fungierte als Mittelsmann zwischen den Molkereien und den Verbraucher:innen und präsentierte in seinem Ladengeschäft eine große Auswahl an Milch- und Milchprodukten. Sein Hauptgeschäft war die lose Molkereimilch, die er aus einer Kanne in die mitgebrachten Gefäße der Kundinnen schöpfte.

Der Alltag dieser Zunft ist in der Fachzeitschrift „Der Milchkaufmann“ sehr gut dokumentiert und zeigt auch vor welchen Herausforderungen der Milchkaufmann stand. Ich habe diese Zeitschrift gefunden, als ich in der ehemaligen Milchforschungsanstalt in Kiel war und dort in der Bibliothek in den Archiven stöbern durfte. Und ich bin immer wieder fasziniert, wenn ich diese Zeitschrift lese. Es ist wirklich ein wunderbares Dokument.

Ich möchte auch gleich aus dieser Zeitschrift zitieren: „Ein Werbefachmann weist darauf hin, dass ein Geschäft sozusagen eine Tankstelle für gute Laune, für Frohsinn und Heiterkeit sein muss. Der Kunde muss wissen, dass unsere Geschäfte durch die aufgelockerte, dort herrschende Stimmung ihn selbst aufheitern. Die Leute müssen gerne in den Betrieb kommen. Es muss sozusagen ein psychologischer Sog entstehen.“

In der Fachzeitschrift gibt es ganz viele Ratschläge für den Milchkaufmann, ausgehend davon, wie er sein Geschäft führen kann, wie er sein Schaufenster gestaltet, welche Probleme es geben kann, wie er seine Milch am besten verkauft, Rezeptideen und natürlich auch über Preise, Bezahlung, Buchhaltung. Und ein Problem damals waren die Bauern, die ab Hof verkauft haben. Und nach meiner Lektüre hatte ich das Gefühl, dass der Milchkaufmann in der damaligen Zeit im ständigen Clinch mit den Bauern gelegen hat.

Hygiene war ein wichtiges Stichwort der Nachkriegszeit und so propagierte der Milchkaufmann die reine weiße Molkerei-Milch als die einzig wahre Milch. Der Ab-Hof-Verkauf der Bauern mit ihrer unbearbeiteten Rohmilch aus dem dreckigen Kuhstall war dem Milchkaufmann ein ständiger Dorn im Auge. Über all die Jahre hinweg finden sich immer wieder Streitschriften im Milchkaufmann, in denen gegen den Ab-Hof-Verkauf gewettert wird. Natürlich, wie sollte es anders sein, geschieht es im Namen der Volksgesundheit. Sowieso hatte es der Milchkaufmann nicht leicht in der Nachkriegszeit und der darauffolgenden Zeit des Wirtschaftswachstums zu bestehen. Die Welt war am Wandel und mit der steigenden Kaufkraft und dem immer mehr, mehr, mehr landete die Trinkmilch schließlich gut verpackt im Kühlregal des Supermarkts und der Milchkaufmann war arbeitslos.

Das ist natürlich ein Grund, weswegen wir den Milchkaufmann heute gar nicht mehr kennen. Frag einmal deine Eltern, die kennen den Milchkaufmann noch, deine Großeltern sowieso? Vielleicht kennst du den Milchkaufmann auch selber noch, aber dann gehörst du definitiv einer früheren Generation an als der, der ich angehöre. Denn klar, es gab den Milchkaufmann bis in die 1970er Jahre hinein, aber er wurde dann vom Supermarkt verdrängt, weil einfach keiner mehr in diese Fachgeschäfte ging und die Milch, du kennst sie heute auch nur aus dem Kühlregal, du würdest sie nicht in einem Fachgeschäft kaufen. Heute ist es natürlich wieder anders, heute wird der Ab-Hof-Verkauf wieder als etwas Besonderes und Normales angesehen, aber damals war das wirklich teuflisch böse.

Ich möchte dazu noch einige Zitate aus dem Milchkaufmann beifügen: „Aufklärung der Hausfrauen, vor allem der Mütter, wird weiterhin notwendig sein, um sie davon zu überzeugen, welche große Gefahren der Hausiererhandel mit loser Milch für die Gesundheit der Kinder und Kranken mit sich bringt. Nimmt der Abhofverkauf langsam einen Umfang an, der eine ernstliche Gefährdung nicht nur der Volksgesundheit, sondern auch der gesetzlichen Ordnung bedeutet. Richtschnur allen Handels könne allein der Gedanke sein, Qualität im Dienste der Volksgesundheit, das Erfordere ein Festhalten an der Mindestmenge, einen gesunde Kalkulation aller Preise ohne politische Einflüsse und ein energisches Eindämmen des Abhofverkaufs.‘ Beifall unterstrich seine Feststellung gegenüber dem angeblichen Naturrecht der Erzeuger auf freien Verkauf ihrer Erzeugnisse, dass niemand ein Recht haben könne, die Gesundheit seiner Mitmenschen zu untergraben. Aller Erfolg bei der Qualitätsverbesserung der Trinkmilch sei in Frage gestellt, wenn hier nicht durchgegriffen werde.“ Dieses letzte Zitat stammt von dem Nestor des deutschen Milchhandels Bernhard Scholz.

Die größte Zielgruppe des Milchkaufmanns waren die Hausfrauen, die ganz dem damals aktuellen Rollenbild folgend für den Haushalt und damit auch den Einkauf verantwortlich waren. So versorgte der Milchkaufmann die Hausfrauen nicht nur mit frischer Milch und Butter, sondern auch mit kostenlosen Werbezeitschriften wie „Frisch und Froh“ und „Delikat“, die neben Rezepten auch Fortsetzungsromane und Klatsch enthielten, ein Format das auch heute noch gern gelesen wird.

Oder den Milchhaushaltskalender mit der Aufschrift, „Wer schafft, braucht täglich Milch“, mit Rezepten, Ratschlägen und Hinweisen für die Hausfrau und dem immer wieder auftauchenden Hinweis auf den Milchkaufmann als die Einkaufsquelle für Milch- und Milchprodukte.

Hier noch ein Zitat: „Werbung weckt Wünsche. Jeder Milchkaufmann muss sein bester Werbefachmann sein.“

Der Milchkaufmann wurde regelmäßig unter der Rubrik, „Was wünscht die Hausfrau?“ dazu angehalten, den Kunden bestimmte Produkte anzubieten. Gleich mit Dialogbeispielen und dem Hinweis, dass nur ein aktiver Milchkaufmann ein erfolgreicher Geschäftsmann sein kann.

Hierzu auch noch zwei Zitate: „Frühjahr und Frühjahrskuren sind stets miteinander verbunden. Bieten wir also unseren Hausfrauen, sie sprechen gerne auf die Schlanke Linie an, vermehrt Quark in diesen Wochen an und geben ihnen zusammen mit unserem werbenden Angebot auch die entsprechenden Rezepte mit. Stehen ihre Milchtrinkbecher, stets sauber und einladend bereit, wenn die erhitzte Hausfrau und ihre Kinder im Vorbeigehen schnell ein Glas kühle Milch trinken wollen? Was für eine gute Gelegenheit gibt es hierbei mit den Kunden der näheren Kontakt zu kommen, ihnen so nebenbei und unauffällig dies und jenes anzubieten?“

Auch die Schaufenstergestaltung wurde in fast jeder Ausgabe der Fachzeitschrift als Werbefaktor von größter Bedeutung angesprochen. Klar, damals war ein schön gestaltetes Schaufenster noch ein Blickfang, etwas, das Supermarktketten heute schon lange nicht mehr haben und auch nicht brauchen. Wir wissen ja, was uns darin erwartet.

Hierzu auch noch ein Zitat: „Jedes Schaufenster wird damit zu einem Werbefaktor von größter psychologischer Bedeutung. Es ist gleichsam das Bindeglied zwischen dem Geschäftsmann und seinem Kunden. Von der Tradition allein, das muss jeder Milchkaufmann wissen, lässt sich heute nicht leben.“

Wie schon erwähnt war Hygiene, ein Schlagwort der Nachkriegszeit, alles musste sauber und modern sein. Die Molkereimilch, welche der Milchkaufmann in seinem blitze blanken Geschäft verkaufte, gehörte zu dieser Entwicklung dazu. Weg vom schmutzigen Kuhstall, von den Händlern, die von Tür zu Tür zogen und ihre bakterienverseuchte Milch aus offenen Kannen verkauften, hin zur reinen weißen Supermilch.

Der Milchkaufmann hatte in seinem Geschäft strenge hygienische Auflagen zu erfüllen, die mit einem großen finanziellen Aufwand verbunden waren. Wollte er neben Milch- und Milcherzeugnissen noch andere Lebensmittel in seinem Laden verkaufen, musste er für diese Waren nach 1952 in seinem Geschäft einen abgetrennten Raum schaffen. Durch die Fachzeitschrift wurde immer wieder dazu angehalten, sich nur an den höchsten hygienischen Standards zu orientieren, damit das Image der reinen weißen Milch nicht getrübt wurde.

Hierzu wieder ein Zitat: „Nur ein Höchstmaß an Sauberkeit, nur eine vorbildliche Erfüllung aller hygienischen Anforderungen und nur eine in jeder Hinsicht mustergültige Ausstattung und Ausgestaltung der Geschäftsräume sichern dem Milchgeschäft heute inmitten eines harten Konkurrenzkampfes die Existenzberechtigung und damit die Existenzmöglichkeit. Darüber hinaus muss in Anbetracht der dem Milchhandel auferlegten großen volkswirtschaftlichen Verantwortung jeder Milchkaufmann ein Fachmann von höchsten Qualitäten, ein geschickter und gründlich ausgebildeter Kaufmann und ein hervorragender Propagandist und Werbefachmann sein.“

Die Lektüre des „Milchkaufmanns“, also der Fachzeitschrift, gibt einen sehr guten Einblick, wie damals in der Nachkriegszeit bis hin in die 1970er Jahre die Werbung für die Milch- und die Milchwirtschaft aussah. Oft zitiert wird dort Otto Grube aus Dortmund ein Milchwerbefachmann und dieser hat 1952 Folgendes gesagt: „Es waren also nicht nur Überlegungen landwirtschaftlicher Absatzsteigerungen, sondern ebenso sehr die Erkenntnis volksgesundheitlicher Notwendigkeit, die die Milchwerbung auf den Plan riefen.“

Hier ist wieder unser Zweigespann aus Volksgesundheit und Volkswirtschaft und beides wird, wie ich schon erwähnt habe, immer wieder angeführt. Volksgesundheit immer vordergründig und dahinter steckt immer die Volkswirtschaft.

„Will man den Milchverbrauch stärker heben, so kommt es darauf an, die größeren Möglichkeiten, die nicht in den rein wirtschaftlich bedingten Bestimmungsgründen liegen, auszuschöpfen. Das heißt, die Verbrauchsgewohnheiten zu ändern.“

Und das sollte natürlich mit der Werbung, mit der Milchwerbung geschehen und da gab es verschiedene Zielgruppen, auf die ich dann in späteren Folgen noch einmal eingehen möchte und ich freue mich, wenn du dann wieder dabei bist.

Links zur Folge

Folge 8 - Die Milchwirtschaft in der Nachkriegszeit

Ein Beitrag

Folge 8 - Die Milchwirtschaft in der Nachkriegszeit

In dieser Folge

  • spreche ich über die Milchwirtschaft in den Nachkriegsjahren
  • erzähle ich vom Marshall-Plan und vom Grünen Plan und
  • erkläre ich die Rolle, die beide für die Entwicklung der Milchwirtschaft gespielt haben.

In den Nachkriegsjahren beginnt eine spannende Zeit für die Milchwirtschaft. Der Strukturwandel in der Landwirtschaft setzt auf Effizienz und Leistung.

Natur- und Umweltschutz oder gar Tierwohl werden hintenan gestellt- Deutschland soll wieder gesunden und das so schnell wie möglich.

Ab dieser Folge bis zur Wiedervereinigung 1989 geht es nun ausschließlich um die Milchwirtschaft in Westdeutschland.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und ich nehme dich mit in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die Nachkriegsjahre in Deutschland.

In den vorangegangenen Folgen haben wir die Milchkuh durchs Mittelalter begleitet, die Kaiserzeit, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, die Nazizeit und den Zweiten Weltkrieg. Und nun geht es quasi ans Eingemachte, denn jetzt in dieser Zeit, in der Nachkriegszeit, werden die Grundlagen gelegt, die Weichen gestellt für eine Milchwirtschaft, wie wir sie kennen.

Damit wir uns einmal zeitlich orientieren können, der Krieg war vorbei, 1949 wurde dann die Bundesrepublik Deutschland gegründet und kurz darauf auch die Deutsche Demokratische Republik, was dann eben der erste Schritt in Richtung Teilung war. Es gab noch nicht die Mauer, aber ein unterschiedliches Staatssystem und dann dementsprechend auch ein unterschiedliches, wirtschaftliches System. Ab jetzt, ab 1949 bis 1989, betrachten wir nur die westdeutsche Entwicklung der Milchwirtschaft, denn die ist maßgeblich dafür, dass aus der Kuhmilch ein Grundnahrungsmittel werden konnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lag die Wirtschaft in Deutschland am Boden, alles lag in Trümmern und jetzt musste, um tatsächlich diesen Staat wieder neu aufzubauen, erst einmal Hilfe von außen angenommen werden. Diese Hilfe kam dann in Form des Marschallplans, der Marschallplan lief 1948 an, die USA stellten Kredite bereit und lieferten Waren, Rohstoffe und Lebensmittel, also vor allem als erstes Lebensmittel, damit die Menschen nicht mehr hungern mussten und dann kamen auch Waren und Rohstoffe.

Zwischen 1948 und 1952 flossen auf diesem Weg 1,5 Milliarden Dollar nach Westdeutschland. Der Marschallplan sollte also die Wirtschaft ankurbeln und wurde aber nur von Westdeutschland angenommen, galt eigentlich für ganz Europa. Aber Ostdeutschland hatte diesen Marschallplan abgelehnt und so auch alle osteuropäischen Staaten auf Druck der UDSSR und das war mit einem Teilungsgrund für West- und Ostdeutschland, einfach diese verschiedenen Ausrichtungen.

In 1948 gab es dann auch die nächste Währungsreform, und zwar wurde die Reichsmark dann entwertet und die deutsche Mark wurde eingeführt. Das bedeutet, dass das Sparguthaben, was bis dahin vorhanden war, entwertet wurde, es verlor komplett an Wert. Nur Löhne, Gehälter und Mieten wurden im Verhältnis von 1 zu 1 umgewertet. An diesem Stichtag, dem 21. Juni 1948, bekam jeder Westdeutsche, jede Westdeutsche 40 D-Mark ausgezahlt. Und ab da verschwand dann eben auch der Schwarzmarkt, denn jetzt war die Währung wieder stabil und es konnte wieder eingekauft werden. Auf einmal füllten sich die Schaufenster mit Waren, niemand hatte eigentlich Geld, um was zu kaufen, aber die Waren waren auf einmal wieder da. Ich habe wieder etwas zu kaufen, allerdings, wie gesagt, nur in Westdeutschland.

In Ostdeutschland gab es kurz danach, drei Tage später, dann am 24. Juni 1948 auch eine Währungsreform, da aber da noch kein neues Geld gedruckt werden konnte, wurde erst mal die Reichsmarkscheine mit Coupons beklebt und jede Ostdeutsche bekam 70 Mark ausgezahlt, da in Ostdeutschland die Zwangsbewirtschaftung immer noch anhielt oder auch die nächsten 40 Jahre anhalten sollte, konnte sich da keine freie Wirtschaft entwickeln und der Lebensstandard konnte sich nicht heben.

Du findest zum Marschallplan unter dem Transkript zwei Links, und zwar auch wieder zu dem lebendigen Museum Online, da gibt es einen kleinen Text und auch ein Video, ein Ausschnitt aus einem US-amerikanischen Film über die Marschallplanhilfe. Wenn du also dich weiter informieren willst, schau auf jeden Fall da mal rein.

Zeitgleich, also in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, passierte politisch und sozial natürlich extrem viel, Deutschland sollte wieder aufgebaut werden, Deutschland sollte vor allem wirtschaftlich wieder eine Rolle spielen, so dann auch später politisch und deshalb gab es dann auch den Grünen Plan.

Der Grüne Plan wurde erst 1956 ins Leben gerufen und ich möchte dazu einen Text vorlesen, an den ich auch wieder aus dem „Lebendigen Museum Online“ zitiere: „Die Landwirtschaft erlebt in den 1950er Jahren einen tiefgreifenden Strukturwandel. Viele Arbeitskräfte wandern in den gewerblichen Sektor ab, weil dort höhere Löhne gezahlt werden. Die Technik hält in großem Umfang Einzug. Nur große Höfe können noch rentabel wirtschaften, kleine Familienbetriebe geraten dagegen ins Abseits. Trotz staatlicher Schutzpolitik sind die bäuerlichen Einkommen bedroht. Das Landwirtschaftsgesetz von 1955 will die Nachteile des Agrarsektors gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen ausgleichen und seine Produktivität steigern. Im Grünen Bericht gibt der Bundesernährungsminister seit 1956 alljährlich Auskunft über die Entwicklung und Lage der Wirtschaft.

Dieser wird ergänzt durch den Grünen Plan, einen Förderprogramm für die Landwirtschaft. Durch gezielte Verbesserungen der Leistungsfähigkeit, Subventionen, Zuschüsse und Prämien sollen rationell arbeitende Betriebe geschaffen werden, die den Landwirten ein befriedigendes Einkommen sichern können. Als zusätzliche soziale Maßnahme wird 1957 die gesetzliche Altershilfe für Landwirte eingeführt. Der Verbesserung der Agrarstruktur dient auch die Flurbereinigung, die die unwirtschaftliche Zersplitterung der Besitzflächen beseitigt und große Ackerflächen für die Arbeit mit modernen Maschinen schafft. Motorisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft führen bei rückläufiger Beschäftigten Zahl zu verbesserten Ernteerträgen.“

Diese Umstrukturierung im Rahmen des Grünen Plans und die neuen Landwirtschaftsgesetze sind definitiv der Grundstein für die florierende Milchwirtschaft. Es ist so, dass klarerweise kleine Bauernhöfe verschwinden, immer wieder, das erste Mal jetzt während dieser Umstrukturierung und dann natürlich immer wieder in den folgenden Jahren einfach aufgrunddessen, weil immer nur auf Effizienz geschaut wird. Es wird nur darauf geschaut, wie viel Milch produziert werden kann und natürlich nicht auf das Tierwohl, denn das ist erstmal wieder ins Hintertreffen geraten. Und so ist der Grüne Plan und auch der Marschallplan die Grundlage für diese Entwicklung hin zu den großen Höfen mit den 500 Milchkühen, den Riesenherden und der Automatisierung.

Denn es ging ja da um Produktionssteigerung, man muss irgendwie mithalten und wer wirklich jetzt diesen Weg gewählt hat und gesagt hat, ich mache immer weiter mit, ich mache immer weiter mit, ich spezialisiere mich immer weiter und ich baue meinen Hof soweit aus. Das war einfach und ist es immer noch eine Einbahnstraße. Welcher Landwirt und welche Landwirtin dort so viel investiert hat an Geld und Zeit, kann nicht mehr zurück.

In dem lebendigen Museum Online gibt es auch eine Broschüre, die man sich anschauen kann, wo der Grüne Plan vorgestellt wird. Und dort ist auch die Förderung der Milchwirtschaft abgebildet. Das ist wahrscheinlich nur exemplarisch, weil hier nur so drei Seiten gezeigt werden. Aber es ist trotzdem sehr interessant, dann nochmal einmal reinzuschauen. Also wenn du die Möglichkeit hast, schau doch einfach nochmal unter dem Transkript in die Links und klick da auf den Link, dann kannst du dir das einmal anschauen.

Es geht hier um die Bekämpfung von Tierseuchen immer noch, um die Zusammenlegung von unwirtschaftlichen Molkereien. Vor allem die Förderung der Milchleistungsprüfung. Hier steht, dass rund 29% aller Kühe in der Bundesrepublik der freiwilligen Milchleistungsprüfung angeschlossen sind. Nur 29%. Und deswegen soll jetzt ja dann das gefördert werden, dass sich mehr dieser Milchleistungsprüfung anschließen. Und es gibt dann auch Fördermittel, die für kleinere Betriebe höher ausfallen als für größere Betriebe. Und interessant ist eben auch, dass hier steht, okay, für alle Betriebe 1 bis 5 Kühe gibt es 5 DM je Kuh. Für Betriebe 6 bis 7 Kühe gibt es 4 DM je Kuh. Dann wird hier unterschieden in Futterbaubetriebe mit über 60% Futterbauanteil, 6 bis 10 Kühe. Da bekommen sie dann noch 4 Mark pro Kuh. Und für Bergbauernbetriebe mit 6 bis 12 Kühen gibt es auch 4 DM je Kuh. Da sind nicht diese Dimensionen genannt mit den 500 Kühen oder, meinetwegen auch den 50 Kühen oder den 100 Kühen, sondern wir sprechen hier von 6 bis 12 Kühen. Und da siehst du ganz klar, wie sich das alles entwickelt hat.

Damals natürlich, nach dem Krieg, da konnte man auch noch nicht so eine riesen Herde haben, weil einfach gerade durch den Krieg und den Zweiten und den Ersten Weltkrieg so viel kaputt gegangen ist. Und wer kann es schaffen, in der Zeit wirklich große Herden beizubehalten? Das war kaum möglich. Die meisten Betriebe hatten eben nur so wenig Kühe und die waren unrentabel und deswegen mussten die kleinen Höfe dann aufgeben. Hier wird dann auch noch gesprochen von Kühleinrichtungen für Milcherzeuger, Silo-Bau und natürlich kommen wir auch später in einer Folge nochmal drauf, die Bereitstellung von Trinkmilch in Schulen.

Denn Schulmilch ist definitiv etwas, was von Anfang an, also nach dem Zweiten Weltkrieg, stark gefördert wurde. Hier steht auch der Förderungsbeitrag für Schulmilch beläuft sich auf 6 Millionen D-Mark. Und ich zitiere hier auch nochmal einmal: „Durch die Bereitstellung von Trinkmilch soll den jungen Menschen Milch als wertvolle Nahrung zugeführt, sie an die Milch gewöhnt und hier durch der Trinkmilch-Absatz gesteigert werden. Schüler und Schülerinnen im Alter von 6 bis 14 Jahren können an der Schulmilch-Speise um teilnehmen.“

Die Schulmilch ist definitiv ein Grund, weswegen heute so viele Menschen aggressiv darauf reagieren, wenn man ihnen die Milch wegnehmen will. Denn sie sind in der Zeit 1956 - wer 1956 ein Schulkind war, ist heute dementsprechend schon etwas älter - sie sind in der Zeit sozialisiert worden mit der Milch. Und das kann eben sein, dass es deine Eltern sind, die damit sozialisiert wurden, die das dann an dich weitergegeben haben. Oder es sind deine Großeltern, wenn du noch recht jung bist und die das dann halt an dich weitergegeben haben. Also es ist wirklich so in diese Angst und das Bedürfnis Milch zu trinken und dieses Gefühl, es ist normal, wurde vor allem eben auch in den Schulen erzeugt. Darauf möchte ich in einer anderen Folge noch einmal detaillierter eingehen.

Jetzt wollte ich einfach nur einmal diesen Abriss machen, damit du weißt, wo wir stehen und auch wie jetzt so die Grundvoraussetzungen sind, was so ist. Es gab den Marschallplan, es gab den Grünen Plan und beides sollte eben dazu dienen, die Wirtschaft anzukurbeln, Westdeutschland effizient zu machen, Westdeutschland wieder wettbewerbsfähig zu machen und die Landwirtschaft vor allem auch wettbewerbsfähig zu machen, im Vergleich zu dem Industriesektor, der jetzt im Extrem anlief, da dort einfach die besseren Löhne zu finden waren.

Und in den nächsten Folgen soll es dann nochmal weitergehen mit verschiedenen Aspekten, die in der Nachkriegszeit wichtig waren, also welche Zielgruppen wurden angesprochen. Die Menschen haben damals noch nicht viel Milch getrunken, deswegen mussten sie irgendwie an die Milch herangeführt werden und um dieses Vorgehen, die Art der Werbung, die verschiedenen Zielgruppen und wer da welche Rolle gespielt hat, soll es dann in den nächsten Folgen gehen. Und ich freue mich, wenn du dann wieder dabei bist.

Links zur Folge

Folge 7 - NS-Regime und Reichsnährstand

Ein Beitrag

Folge 7 - NS-Regime und Reichsnährstand

In dieser Folge

  • spreche ich über die Milchwirtschaft während des NS-Regimes,
  • geht es um die Rolle der Volksgesundheit in dieser Zeit und
  • geht es um die Zeit während des zweiten Weltkriegs

Über die Zeit des NS-Regimes haben wir alle viel in der Schule gelernt. In meiner Schulzeit waren die Jahre zwischen 1933 und 1945 stets präsent. Daher gehe ich in dieser Folge auch auf die bekannten Greueltaten dieser Zeit nur ganz am Rande ein.

Die Milchwirtschaft durchlief in dieser Zeit noch einmal eine Wandlung, nur um dann nach dem zweiten Weltkrieg wieder völlig von vorne anfangen zu müssen.

Und doch haben auch diese Jahre die Entwicklung geprägt und die Begriffe "Milch" und "gesund" noch enger miteinander verknüpft.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch.

In dieser Folge sprechen wir nun über die Zeit zwischen 1933 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde auch die Landwirtschaft gleichgeschaltet und in die drei Abteilungen der Mensch, der Hof und der Markt eingeteilt. Es ging im NS-Regime darum, ein autarkes Deutschland zu schaffen, das unabhängig vom globalen Markt agieren konnte. Keine schlechte Idee aus der heutigen Perspektive betrachtet, wo uns jedes weitere Peak in eine wirtschaftliche und auch persönliche Krise stürzen kann. Aber selbstverständlich waren die Beweggründe damals ganz andere als sie es heute sind, wenn wir uns für eine lokale, dezentrale Landwirtschaft engagieren.

Und natürlich war es damals auch eine ganz andere Zeit, denn heute leben wir in der Zeit der Globalisierung und wir können uns gar nicht rein regional ernähren. Und das müssen wir auch gar nicht, denn wir können durchaus die Vorzüge der Globalisierung mit den Vorzügen der regionalen, dezentralen Landwirtschaft vereinen und einfach Schritt für Schritt versuchen, die Welt wieder ein bisschen besser zu machen.

Aber zurück zu der Zeit zwischen 1933 und jetzt zunächst erst einmal 39, die Zeit des NS-Regimes. „Blut und Boden“ lautete das Motto des Reichs-Nährstands, der das Bauerntum hochidealisierte und die landwirtschaftliche Produktion und damit auch die Milchwirtschaft straff durchorganisierte. Wie ich in der vorangegangenen Folge erzählt habe, gab es vor 1933 den Reichsmilch-Ausschuss und der wurde dann mit der Übernahme der Nationalsozialisten hinfällig und vom Reichs-Nährstand abgelöst, durch den die Werbung quasi umgedreht wurde.

Nun gab es Propaganda, die die Bauern dazu aufforderte, mehr Milch und Fett abzuliefern. Und in den Jahren des Nationalsozialismus bis hin in den Zweiten Weltkrieg wurde die Milchwirtschaft straff umstrukturiert und zur Effizienz gezwungen. Mit dem Zweiten Weltkrieg war eine deutschlandweite Versorgung unmöglich und auch in den Nachkriegsjahren herrschte noch lange Zeit ein Mangel. Die Milchpropagandamaschine musste daher in den 1950er und 60er Jahren fast wieder von vorne anfangen. In vielen Geschichtsdokumenten, die ich jetzt gelesen habe, viele Quellen sprechen von dem Jahr 1945 als Stunde Null. Und so ungefähr kann man das auch sehen mit der Milchwirtschaft, denn alles, was jetzt vorher schon aufgebaut wurde, alle Maschinen und auch teilweise das Wissen, ging durch den Zweiten Weltkrieg kaputt. Das Wissen wurde zwar noch weiter vermittelt, aber es hat dann wieder länger gedauert, bis wirklich auch die Materialien, die Technik, alles wieder da war, um in diesem Stand von vor dem Zweiten Weltkrieg wieder zu erreichen, so dass diese beiden Kriege, der Erste und der Zweite Weltkrieg und die Jahre dazwischen, viel wieder kaputt gemacht haben, was in der Milchwirtschaft aufgebaut worden war.

Die Zeit, die wir gerade in dieser Folge besprechen, die Zeit des NS-Regimes, in dieser Zeit wurde versucht, diese Verluste, die es während des Ersten Weltkriegs gab, wieder wettzumachen, so dass einfach weiter gearbeitet wurde und weitere Techniken entwickelt wurden, aber dann kam eben der Zweite Weltkrieg und dadurch waren die Materialien wieder weg, so dass wir also immer nach dem Motto einen Schritt vor und zwei Schritte wieder zurück in der Milchwirtschaft gegangen sind.

Über die Zeit des NS-Regimes und dann auch des Zweiten Weltkriegs habe ich sehr, sehr, sehr viel in der Schule gehört, gesehen und gelesen, weshalb ich davon ausgehe, dass auch du sehr viel Input bekommen hast, in der Vergangenheit. Aufgrund dessen möchte ich jetzt da gar nicht so weit in die Tiefe gehen, denn der Verlauf der Zeit und welche Gräueltaten begangen wurden, das ist uns allen klar. Mein Fokus ist jetzt in diesem Sinne die Kuhmilch und die Milchwirtschaft und da die Kuhmilch ja auch immer mit der Gesundheit in Verbindung gebracht wird und auch immer diese beiden Faktoren Volksgesundheit und Volkswirtschaft im Vordergrund stehen, wenn es um Milchwirtschaft geht und um Kuhmilch, möchte ich hier nochmal eine Passage zitieren, aus einem Dokument, das ich auf der Seite sozialpolitik.com/sozialgeschichte gefunden habe. Das ist ein Dokument für den Schulunterricht und ich fand es sehr schön aufbereitet, sodass ich da noch einmal einen Abriss über die Sozialgeschichte Deutschlands bis 1945 und dann ab 1945 durchlesen konnte.

„Wer krank und gesetzlich versichert war, hatte Anspruch auf medizinische Behandlungen. Bis zum Jahr 1933 war dabei nicht beurteilt worden, ob jemand sich gesundheitsbewusst verhalten hatte. Diese Einstellung ändert sich im Nationalsozialismus, hat aber kein neues Versicherungsgesetz zur Folge. ‚Jeder Deutsche hat die Pflicht, so zu leben, dass er gesund und arbeitsfähig bleibt‘ schreibt ein von der NSDAP herausgegebenes Gesundheitsbuch vor. ‚Krankheit ist ein Versagen. Wer Krankheitshalber häufig im Arbeitsplatz fehlt, ist ein schlechter Kranke. Die Medizin soll nicht mehr vorrangig den einzelnen Menschen behandeln, sondern sie soll die Volksgesundheit schützen und den deutschen Volkskörper gesund erhalten.‘“

Du siehst also auch hier wieder diesen Gedanken, dass es nicht um das Individuum geht, sondern wirklich um das Volk als Ganzen, in diesem Sinne eben die Volksgesundheit wieder, die keine Erfindung des NS-Regimes war, schon vorher immer wieder genannt wurde, aber jetzt eben auch als Propaganda genutzt wurde. Der deutsche Volkskörper, was jetzt hier gerade in diesem Zitat nicht genannt wird, ist dann die Volkswirtschaft. Aber im Grunde ist es eben so, nur der gesunde Mensch kann auch arbeiten, sodass nur, wenn die Volksgesundheit erhalten wird, auch die Volkswirtschaft erhalten wird.

Und ich finde dieses Zitat „Krankheit ist ein Versagen. Wer Krankheitshalber häufig im Arbeitsplatz fehlt, ist ein schlechter Kranke.“ Das ist diese Aussage dahinter, diese Intention. Ich finde, dass man sie auch heutzutage noch oft findet. Wir dürfen gar nicht mehr krank werden. Wir versagen uns das auch selbst. Wir dürfen nicht krank sein. Und es wird von uns erwartet, dass wir uns auch noch krank zur Arbeit begeben, weil das einfach zum guten Ton gehört. Und wer sich mal krank schreiben lässt, ist eben ein Versager. Und dass so etwas in einem Gesundheitsbuch der NSDAP drinsteht, sollte uns ein wenig zu denken geben, ob wir nicht vielleicht da auf dem falschen Weg sind und uns nochmal überlegen sollten, wie wichtig wir uns selbst sind und unsere Gesundheit. Aber das nur als kleiner Schlenker.

Und zurück noch einmal in die Zeit zwischen 1933 und dem Zweiten Weltkrieg. Hitler hat damals den Krieg bewusst schon vorbereitet. Er hat seine Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg mitgebracht, in dem er auch schon gekämpft hatte. Er hat diesen Krieg lange geplant und deswegen war es auch nicht so eine Überraschung wie der Erste Weltkrieg. Und deswegen war der Start in den Zweiten Weltkrieg auch nicht so verheerend wie der Start in den Ersten Weltkrieg. Hitler war sich dessen bewusst, dass die Bevölkerung nicht ohne Weiteres in einen nächsten Krieg starten wollte, war doch der Erste Weltkrieg noch nicht wirklich lange her. Aber für ihn war es eben wichtig, er hatte seine eigenen Ziele. Und so hat er versucht den Start durch die Propaganda so einfach wie möglich zu machen, so leicht wie möglich verständlich für die Bevölkerung. Und deshalb gab es zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auch noch keine Lebensmittelrationierung. Das kam dann mit der Zeit, so dass einfach zu Beginn des Zweiten Weltkriegs noch keine Einschränkungen vorhanden waren.

Dann aber natürlich im Laufe des Zweiten Weltkriegs und zum Ende hin war auch hier wieder Hunger und Mangel allgegenwärtig. Der Zweite Weltkrieg endete dann in einen Hungerwinter 1946-47 und hinterließ Deutschland in Trümmern. Wie schon eingangs erwähnt, wird 1945 das Ende des Zweiten Weltkriegs oft als Stunde Null bezeichnet und so entstand dann das neue Deutschland aus den Trümmern heraus, aus dem Hunger heraus, aus dem Mangel heraus. Und unsere Vorfahren haben das alles erlebt und es ist noch gar nicht so lange her. Direkt im Anschluss des Zweiten Weltkriegs gab es sogenannte Hamsterfahrten, wirklich von der Stadt aufs Land um irgendwie an Nahrung zu kommen und wo dann viele Tauschgeschäfte durchgeführt wurden, wo dann irgendwelche Teppiche getauscht wurden gegen Milch und Eier oder Fleisch. Es war einfach ein Leben in Armut, Kälte, es gab Krankheiten und Hunger und das war dann die Situation, in die der Zweite Weltkrieg mündete und aus der dann in den Nachkriegsjahren die gesamte Wirtschaft in Deutschland, aber eben auch die Milchwirtschaft wieder auferstehen musste.

Alles war kaputt, keiner hatte Geld und natürlich ging es den Bauern und Landwirten auch gar nicht anders. Die meisten Männer waren entweder im Krieg gefallen oder in Gefangenschaft geraten oder kamen kriegsversehrt wieder nach Hause, sodass überall die Frauen übernommen hatten und trotzdem waren eben nicht ausreichend Arbeitskraft vorhanden, um dann zum Beispiel auf einem Bauernhof den Betrieb weiterhin so zu erhalten, wie es vor dem Krieg gewesen war. Und mit den Nachkriegsjahren starten wir jetzt in eine sehr interessante Zeit und das ist jetzt wirklich der Beginn der Milchwirtschaft, wie wir sie heute kennen.

Es startet in der Nachkriegszeit mit dem Wissen, was seit 1870 angehäuft wurde, die Umsetzung aber unterbrochen wurde durch diese beiden Weltkriege, die sehr, sehr viel verheerendes angerichtet haben und jetzt ging es darum zu sehen, wie kurbeln wir die Wirtschaft an, wie schaffen wir das Deutschland wieder aus den Trümmern aufzubauen und welche Rolle wird die Milchwirtschaft dabei spielen.

Und darum geht es dann auch in der nächsten Folge, wir schauen uns die Milchwirtschaft in den Nachkriegsjahren an, wie sie sich entwickelt hat, wie der Milchkonsum damals aussah und natürlich auch wie die Milchwerbung sich da entwickelt hat. Und ich freue mich, wenn du dann wieder mit dabei bist.

Links zur Folge

Folge 6 - Reichsmilchausschuss und Wirtschaftskrise

Ein Beitrag

Folge 6 - Reichsmilchausschuss und Weltwirtschaftskrise

In dieser Folge

  • spreche ich über die Rolle der Milch in der Weimarer Republik,
  • erzähle ich Dir vom Reichsmilchausschuss und
  • setze ich die Werbung mit der Wirtschaftslage in Relation.

Die Zeit nach dem ersten Weltkrieg war von Hunger, Mangel und Orientierungslosigkeit geprägt.

Die politische Lage hatte sich geändert, das Kaiserreich war zerbrochen und die neue Regierung hatte Mühe zu bestehen.

Mittendrin gab es noch die Inflation, die Währungsreform und dann 5 Jahre später, die Weltwirtschaftskrise.

Unbeirrt dessen versuchte die Milchwirtschaft den Fortschritt voranzutreiben und die Kuhmilch zum Wohle der Volksgesundheit zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor für Deutschland zu manifestieren.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch.

Ich bin Stefanie und ich möchte dir heute von der Rolle der Kuhmilch in der Weimarer Republik erzählen. Um das kurz und einmal zeitlich einzuordnen, wir haben uns in den vorigen Folgen mit dem Mittelalter beschäftigt, mit der Kaiserzeit und dann mit dem Ersten Weltkrieg und heute geht es dann nahtlos weiter mit der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Beginn des NS-Regimes.

Und diese Zeit ist eben die Weimarer Republik von 1918 bis 1933. Wie ich schon in der vorangegangenen Folge erzählt hatte, war der Erste Weltkrieg eigentlich als ganz kurzer Blitzkrieg geplant und hat sich dann doch vier Jahre hingezogen und darauf war die Bevölkerung nicht eingestellt, darauf war die Regierung nicht eingestellt und deswegen herrschte ein sehr großer Mangel. Der desolate Zustand der Bevölkerung hielt nach dem Krieg lange an. Die Weltwirtschaftskrise 1929-30 und die hohe Arbeitslosigkeit führten dann zu einer Zeit, über die wir alle in der Schule schon viel erfahren haben und die sich hoffentlich niemals wiederholen wird.

Hunger und Mangelernährung veranlassten die Milchwirtschaft mehr denn je die Milch als das wertvollste und wichtigste aller Nahrungsmittel hervorzuheben. Aus dieser Perspektive betrachtet mag der Fokus auf die Volksgesundheit sinnvoll und auch edel gewesen sein. Schließlich ging es vordergründig darum, die hungerleidende Bevölkerung zu nähern. Gute Milch war zu dieser Zeit hygienisch einwandfreie, rahmreiche Milch mit hohem Fettgehalt. Für die unterernährten und meist auch kranken Menschen auf jeden Fall eine Bereicherung für ihren Speiseplan, auf dem Fett, Milch, Eier, Fleisch und Gemüse eine Rarität waren.

Dazu ein Zitat aus Grafes Handbuch der organischen Warenkunde von 1928: „Leider ist aber die Verteilung der Milch an die Bevölkerung oft sehr im Argen. Nur allzu oft wird das Vieh in den Städten in schlechten Kellerstallungen gehalten, mit schlechtem Futter ernährt, überhaupt nicht in frische Luft gebracht.“

Jahrelanger Hunger und Mangel hatten das Immunsystem der Bevölkerung geschwächt und sie anfällig für Krankheiten aller Art gemacht. Schmutz und enge Behausungen führten dazu, dass sich die Krankheiten vor allem in den Städten leicht verbreiteten. Hygiene war daher das Schlagwort dieser Tage und so wurde auch in der Milchwirtschaft darauf am meisten wertgelegt. Strenge Vorschriften für die entstehenden Milchfachgeschäfte und neue Richtlinien für die Auswahl von Milchhändlern waren nur die eine Seite. In manchen Städten wurde die Produktionskette vom Stall bis zum Endverbraucher straff durchorganisiert und überwacht. Hygiene im Stall, Hygiene auf dem Weg zur und in der Molkerei, Hygiene im Milchfachgeschäft. Das war der Dreisatz, dem sich die Milchwirtschaft verschrieben hatte. Jedoch noch nicht flächendeckend in der ganzen Weimarer Republik und doch liegen hier die Anfänge für unsere gegenwärtige Lage, in der sich keiner mehr Gedanken über Hygiene macht.

Und dazu noch einmal ein Zitat aus Grafes Handbuch der organischen Warenkunde von 1928: „Um gute und reichliche Milch zu erhalten, ist es notwendig, die Milchtiere gut zu pflegen, reichlich zu nähren und gesund zu erhalten. Sehr wesentlich ist für die Gesundheit der Milchtiere Aufenthalt im Freien. Stets nur in oft schlecht gelüfteten Stellen gehaltenes Vieh erkrankt leicht an Tuberkulose“

Zur gleichen Zeit wurde 1926 der Reichsmilch-Ausschuss gegründet, um den Milchabsatz anzukurbeln, denn der Milchkonsum war zu dem Zeitpunkt rückläufig. Die Motive waren vordergründig die Volksgesundheit, denn nach den entbehrungsreichen Jahren des Ersten Weltkriegs und den trubeligen Jahren danach sollten vor allem Kinder die nahrhafte Kuhmilch trinken. Im Hintergrund allerdings war das Motiv wieder die Volkswirtschaft, denn 1926 machte die Produktion von Milch und Milchprodukten etwa ein Fünftel der gesamten landwirtschaftlichen Erzeugnisse aus. Ein Großteil davon stammte aus kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betrieben, die von der Milchwirtschaft abhängig waren.

Der Reichsmilch-Ausschuss warb mit den verschiedensten Methoden um neue Milchtrinker, darum, dass eben der Milchkonsum angekurbelt wurde. Und ich habe dazu eine kleine Sammlung erstellt, die ich hier einmal vortragen möchte.

  • Und zwar gab es Plakate von namhaften Künstlern gezeichnet an Litfasssäulen, Plakatwänden und in Schaufenstern im ganzen Land.
  • Es gab Trickfilme, die in Schulen und öffentlichen Vorführungen gezeigt wurden.
  • Es gab auch ein Milchboot mit blauweißem Sonnensegel und riesigen Milchflaschen, das unter anderem die Elbe entlang fuhr.
  • Es gab einen Milchwerbe Heißluftballon, als fliegendes Propagandaplakat, auf einem Flugplatz auf dem Milch ausgeschenkt wurde.
  • Es gab Milchflugzeuge mit Piloten, die selbst Milchtrinker waren.
  • Es gab Milchwerbetage, an denen die ganze Stadt im Zeichen der Milch stand.
  • Es gab einen Milchonkel als Geschichtenerzähler und es gab Milchwettbewerbe für Kinder.
  • Und es gab beliebte Filmstars, die Autogramme gaben und ihre Vorliebe für Milch zeigten.

Das ganze wurde dann garniert durch Propagandasprüche wie „Milch gibt Kraft“, „Mehr Milch, Butter, Käse im Haushalt“, „Milch, Butter, Käse, Roggenbrot, Nahrhaft! Gut! Billig!“ „Trinkt Milch, sie ist gesund und schmeckt gut.“ Es stand eben alles unter dem Motto mehr Milch. Immer mit diesen beiden Motiven einmal die Volksgesundheit wieder zu sanieren und zum anderen natürlich auch die Volkswirtschaft anzukurbeln. Gerade wenn wir uns dann noch einmal die Weltwirtschaftskrise 1929-30 in Erinnerung rufen, die ja nicht auf einmal mit einem Schlag da war, sondern auf die nach dem Ersten Weltkrieg wirklich alle hinschlitterten.

Ich möchte dann noch einmal aus dem Buch „Mein Opa, sein Holzbein und der große Krieg“ von Nikolaus Nützel zitieren: „Am 1. Februar 1923 kostete in München ein halbes Kilo Brot 400 Mark, lese ich in der Stadtchronik. Am 11. Oktober des gleichen Jahres hatte sich der Preis um das hunderttausendfache erhöht auf 40 Millionen Mark. Was die Menschen an einem Tag verdienten, war am nächsten Tag kaum noch etwas wert. Wenn jemand Geld gespart hatte, löste sich dieses Guthaben innerhalb kürzester Zeit in Luft auf. Am 3. November 1923 legte die Münchner Bäckerinnung den Brotpreis noch einmal um mehr als das 20-fache höher fest als Mitte Oktober. Ein Pfund kostete jetzt 9 Milliarden Mark. In der Münchner Stadtchronik folgt auf den Eintrag über den Brotpreis am 3. November 1923 ein Text über den Hitler-Putsch am 8. und 9. November. Adolf Hitler versuchte an diesen Tagen zum ersten Mal die Not und Verzweiflung vieler Menschen auszunützen, um sich selbst an die Spitze des Landes zu setzen. Es sollte aber noch zehn Jahre dauern, bis er damit Erfolg hatte. Doch es zeichnete sich schon bald nach Kriegsende ab, dass die wirtschaftliche Katastrophe in die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg rutschte, weitere Katastrophen nach sich ziehen würde.“

Ich finde es wichtig, dass wir diesen geschichtlichen Kontext im Kopf behalten, denn wie ich es schon mal in einer vorangegangenen Folge erwähnt habe, wirkt es bei manchen Quellen so, als wäre immer alles in Ordnung, als würde die Wirtschaft und auch die Wirtschaftskraft jedes Einzelnen ganz kontinuierlich weiter existieren, obwohl es diese Krisen gab. Das heißt, es gab damals immer noch Menschen, die ganz normal weiterleben konnten, aber die meisten konnten es eben nicht. Und mir geht es ja in diesem Podcast darum darzustellen, wie aus Kuhmilch ein Grundnahrungsmittel werden konnte. Und wenn weder die Kuhmilch vorhanden ist, noch das Geld, um sie zu kaufen, kann sie auch kein Grundnahrungsmittel werden. Und deswegen finde ich es wichtig, diese geschichtlichn Ereignisse alle im Hinterkopf zu behalten, wenn wir die Geschichte der Kuhmilch betrachten.

Ich möchte dazu auch noch einmal aus dem „Lebendigen Museum Online“ LEMO zitieren: „Firmen, Zusammenbrüche, Bankenschließungen und Massenarbeitslosigkeit waren die Folgen der Weltwirtschaftskrise. Zwischen September 1929 und Anfang 1933 stieg die Zahl der Erwerbslosen in Deutschland von 1,3 auf über 6 Millionen. Das Realeinkommen sank um ein Drittel, Armut und Kriminalität nahm sprunghaft zu. Massenverelendung kennzeichnete in der Wirtschaftskrise des Alltagsleben breiter Bevölkerungsschichten. Für ältere Menschen bestand keinerlei Hoffnung auf eine Anstellung. Auch jüngere Arbeitslose mussten jede Chance eines kleinen Verdienstes ergreifen, um dem gefürchteten sozialen Abstieg und der Obdachlosigkeit zu entgehen. Viele Menschen erkannten nur im Freitod einen Ausweg aus ihrer existenziellen Not. Andere versuchten durch Heimarbeit, Hausieren und Tauschgeschäfte den täglichen Überlebenskampf zu gewinnen oder zogen als Straßenmusikanten von Haus zu Haus. Für unzählige Frauen war Prostitution der letzte Ausweg.“

Und das war der Nährboden, auf dem das NS-Regime seine Saat auswarf, der allgegenwärtige Hunger, die Massenarbeitslosigkeit und der Mangel. Nach dem Ersten Weltkrieg fällt Deutschlands Industrieproduktion zunächst auf den Stand von 1888 zurück. Die Versorgungslage der Bevölkerung verschlechtert sich massiv. Preise für Waren und Dienstleistungen steigen, Löhne sinken, kleine Unternehmer und Gewerbetreibende gehen bankrott. Vermögenswert und Ersparnisse schmelzen dahin, Immobilien verlieren an Wert, ein Großteil der Bevölkerung verarmt. Mit der Währungsreform dem DOS-Plan und ausländischen Krediten kommt die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung. Produktion, Konsum und Volkseinkommen nehmen zwischen 1924 und 1928 zu. Und dann kommt die Weltwirtschaftskrise und alles bricht zusammen.

Am 27. März 1930 zerbricht die letzte Regierung der Weimarer Republik, die über eine parlamentarische Mehrheit verfügt. Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit treiben die Wählerinnen und Wähler schließlich in die Arme der Nationalsozialisten, die ab dem Jahr 1930 mit der NSDAP ihren Weg zur Machtübernahme ebnen. Und um die Rolle der Milch während des NS-Regimes, welche Propaganda es damals gab und wie die Milchwirtschaft vorangetrieben wurde, soll es dann in der nächsten Folge gehen. Und ich freue mich, wenn du dann wieder mit dabei bist.

Links zur Folge

Lebendiges Museum online
http://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg

"Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg" von Nikolaus Nützel
https://www.buch7.de/store/product_details/1021135912

Folge 5 - Die Milchkuh im ersten Weltkrieg

Ein Beitrag

Folge 5 - Die Milchkuh im ersten Weltkrieg

In dieser Folge

  • geht es um die Verhältnisse im ersten Weltkrieg,
  • berichte ich Dir von Milchrationierung und dem Steckrübenwinter und
  • stelle ich Dir meine Theorie des Mangels vor, der bis heute nachwirkt.

Manche Historiker unterscheiden gar nicht zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg, sondern nennen beide Kriege zusammen als den zweiten 30-jährigen Krieg.

Was die Milchwirtschaft angeht, macht es auf jeden Fall Sinn jede Epoche einzeln zu untersuchen, weil jede Zeit ihre eigenen Auswirkungen hatte.

Und so war es im ersten Weltkrieg vor allem zunächst der Mangel an Lebensmitteln und damit auch an Milch, der diese Jahre geprägt hat.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch.

In den letzten Folgen habe ich dir jetzt von der Milchkuh im Mittelalter erzählt, der Milchkuh ab 1870 in den Gründerjahren der Milchwirtschaft und in dieser Folge geht es um die Milchkuh im Ersten Weltkrieg.

Noch einmal ein kurzer Rückblick, nachdem ja nun seit 1870 eigentlich seit dem Kaiserreich, seit bestehen des Kaiserreichs die Milchwirtschaft kontinuierlich weiter aufgebaut worden ist, die züchterischen Erfolge immer besser wurden und auch die Melkmaschinen immer weiterentwickelt wurden, war der Erste Weltkrieg ein herber Rückschlag. Alles, was bisher aufgebaut worden war, wurde durch den Krieg zurückgedrängt, vieles wurde zerstört, das Wissen ging nicht verloren, aber es musste danach einiges wieder aufgebaut werden und zunächst waren dann auch die Mittel nicht da.

Aber ich will jetzt nicht vorausgreifen, denn ich möchte hier chronologisch vorgehen und je nachdem welchen Text ich lese und je nachdem welcher Quelle ich folge, scheint es manchmal so, als würde es gar keinen Krieg geben, als würde es auch gar keine politischen Strömungen geben, gar keine Umwälzungen, als würde einfach diese Milchwirtschaft kontinuierlich sich weiterentwickeln und als würde es gar nicht diese Kriege wie 1870/1871 geben und auch nicht diesen Ersten Weltkrieg und den zweiten, sondern als würden alle Menschen immer zu den gleichen Bedingungen weiterleben und deswegen finde ich es eben so wichtig, diese Geschichte mit einzubeziehen, also unsere Geschichte, die Historie unseres Landes, die Sozialgeschichte und auch genau hinzuschauen, wie ging es den Menschen da, wie ging es den Tieren da und sich das zu vergegenwärtigen.

Im Ersten Weltkrieg war Mangel allgegenwärtig, man hatte sich verschätzt, die Vorräte waren schnell aufgebraucht und Nachschub kaum zu bekommen. Man hatte gedacht, der Krieg würde höchstens ein paar Wochen dauern und ja, wir haben das alles in den Geschichtsbüchern gelesen, in der Schule gelernt, das war wirklich eine Fehleinschätzung, es war ein nichtiger Auslöser, es war damals eine Zeit, in der gedacht wurde, es muss Krieg geführt werden und alle Länder haben irgendwie nach Macht gestrebt, es gab einfach ganz andere politische Verwicklungen und die Menschen in Deutschland haben sich darüber definiert, wie groß das deutsche Reich ist, wie groß das Kaiserreich ist und wie viel Macht jetzt die einzelnen Länder haben und Deutschland hat sich unterlegen gefühlt gegenüber Frankreich und England, die ja beide viele, viele Kolonien hatten und so hat der Kaiser versucht seinem Kaiserreich zu der allumfassenden Macht zu verhelfen, zur Weltherrschaft quasi, etwas was dann später durch Hitler weitergeführt wurde.

Ich lese gerade ein Buch zum Ersten Weltkrieg, das hat mir Carsten aus der Bücherhalle mitgebracht, ich wäre sonst nie darauf gekommen, das ist eigentlich für Schüler und Schülerinnen geschrieben, das heißt „Mein Opa, sein Holzbein und der große Krieg, was der erste Weltkrieg mit uns zu tun hat“ und es ist wirklich sehr gut geschrieben und ich finde es eben auch spannend, wie da drin beschrieben wird, wie die Menschen damals getickt haben, also was deren Einstellung war und wie sie die Welt gesehen haben, wie wir heute damit leben. Es ist ein sehr interessanter Einblick in das soziale Leben damals und ich werde auf jeden Fall auch da nochmal in anderen Folgen darauf zurückkommen, aber in dieser Folge möchte ich jetzt erst einmal einen Überblick geben.

Die Regierung verordnete eine Zwangsbewirtschaftung, die erst am 6. Juni 1924 endete, also weit nach dem Ersten Weltkrieg und das Vorgehen war dabei alles andere als zielgerichtet und orientierte sich ausschließlich an den Bedürfnissen des Heeres. Zum Ende des Krieges war die deutsche Bevölkerung müde und ausgelaugt, Hunger war normal, Mangelernährung an der Tagesordnung, etwa 700.000 Menschen starben während des Krieges an Hunger und Unterernährung. Zustände, die wir uns heute, wenn wir vor dem Supermarktregal stehen und uns für eine Sorte Käse oder Joghurt entscheiden sollen, nicht mehr vorstellen können.

Ich möchte dazu noch einige Textpassagen zitieren, und zwar gibt es online das „Lebendige Museum online“ abgekürzt LEMO, das ist wirklich eine ganz tolle Quelle, um sich über unsere Geschichte in Deutschland zu informieren. Ich schaue da auch ganz gerne immer wieder rein, weil es ganz viel Infomaterial gibt, das wirklich schön aufbereitet ist und man sich schnell da einen Überblick verschaffen kann. Und jetzt möchte ich erst einmal eine kleine Passage zum Thema Rationierung der Milchversorgung vorlesen.

„Im November 1915 wurde im Rahmen der allgemeinen Lebensmittelrationierung die reichsumfassende Bewirtschaftung von Milch eingeführt, nachdem bereits im September ein Verbot der Verwendung von Milch und Sahne zum Backen von Kuchen verfügt worden war. Die entsprechende Verordnung vom 11. November schrieb vor, dass Kinder bis zum vollendeten zweiten Lebensjahr und stille Mütter je ein Liter, ältere Kinder einen halben Liter und kranke eine Menge bis zu einem Liter Milch auf ärztliche Bescheinigung pro Tag erhalten sollten. Zugleich wurde jedoch eingeräumt, dass die Ration beginnend bei den älteren Kindern entsprechend herabgesetzt werden kann, wenn die erforderliche Menge Milch nicht zur Verfügung steht.“

Es gab damals eine Reichsfettstelle, die den Tagesbedarf einer jeden Stadt errechnete und dementsprechend dann eine Milchmenge verordnete. Und da es aber einfach diese Milchknappheit gab im Ersten Weltkrieg, wurde dann diese Tagesmenge immer weiter herabgesetzt, sodass zum Ende des Ersten Weltkriegs kaum noch Milch zur Verfügung stand und das eben für die als bedürftig gekennzeichnet, für die anderen stand es gar nicht mehr zur Verfügung. Und es ist ja nur logisch, denn während des Ersten Weltkriegs war natürlich auch die Futterversorgung der Milchkühe kaum noch möglich. Und es war nicht gestattet, das Getreide, was man eigentlich für Brot nutzen konnte, jetzt an Tiere zu verfüttern oder die Tiere auf die Weide zu bringen, dann mussten die Tiere notgeschlachtet werden.

Und so gab es natürlicherweise, weil die Milchkühe nicht mehr gefüttert werden konnten, viel weniger Milchkühe und dementsprechend weniger Milch, dementsprechend weniger Butter. Allerdings war es eben auch so, dass aufgrund der vielen Importe, die sich jetzt schon seit dem Kaiserreich, also seit 1871 entwickelt hatten, d.h. durch den Ersten Weltkrieg und die ganzen Blockaden, die herrschen, wurde das deutsche Reich einfach abgeschnitten und es gab kaum noch Möglichkeiten, sich selbst zu versorgen. Und so kam es auch 1916/1917 zu dem sogenannten Steckrüben- oder Kohlrübenwinter, wozu ich auch noch einmal gerne aus dem „Lebendigen Museum Online“ LEMO zitieren möchte.

“Der Arzt Alfred Grothian notierte am 17. März 1916 über die Folge der Unterernährung in sein Tagebuch: Die Berliner Bevölkerung bekommt Woche zu Woche mehr ein mongolisches Aussehen. Die Backenknochen treten hervor und die entfettete Haut legt sich in Falten. Noch dramatischere Ausmaße nahmen Hunger und Not in dem sogenannten Kohl- bzw. Steckrübenwinter 1916/1917 an, als aufgrund schlechter Ernte selbst Kartoffeln als Grundnahrungsmittel zur Versorgung der Bevölkerung ausfielen und durch Steckrüben ersetzt werden mussten. Lag der Durchschnittsverbrauch eines Erwachsenen 1913 bei rund 3.000 Kalorien am Tag, so viel die Zufuhr 1917 meist unter 1.000 Kalorien. Die Allgemeinsterblichkeit steigt jetzt stark. Langsam aber sicher gleiten wir in eine zurzeit allerdings noch wohl organisierte Hungersnot hinein, bemerkte Grothian am 20. Februar 1917.

Trotzdem kamen die Ausmaße des Hungerwinters 1916/1917 unerwartet und zermürbten die physische Widerstandskraft der Bevölkerung. Der gravierende Mangel an landwirtschaftlichen Arbeitskräften, an Kunstdünger und Zugtieren ließ auch die Getreideernte 1917 auf die Hälfte eines normalen Ertrags sinken.“

Was ich so spannend daran finde, ist, dass es wirklich jetzt erst 100 Jahre her ist, dass das passiert ist und dass es danach zwar langsam wieder bergauf ging, in der Nazizeit war die Versorgung einfach besser, aber dann kam der Zweite Weltkrieg und dann wurde wieder der Mangel allgegenwärtig und in der Nachkriegszeit waren wir in einer ähnlichen Lage. Nicht ganz so schlimm, aber doch in einer ähnlichen Lage.

Und so haben unsere Urgroßeltern oder Großeltern diesen Hunger, diesen Mangel noch miterlebt. Er steckt ihn quasi in den Knochen und diese Erfahrungen haben sie an uns weitergegeben und für mich ist es so ein bisschen auch die Erklärung für diese Angst vor der veganen Ernährung, dieser Angst vor dem Mangel, dass wir dieses Gefühl haben, okay, nur Steckrüben, das kann ja nichts werden, dass diese Angst klar, es gab einfach diese lebensbedrohlichen Situationen vor 100 Jahren natürlich auch schon vorher, aber vor 100 Jahren und dann in den Kriegen, nach den Kriegen, in der Nachkriegszeit und es ist alles noch gar nicht lange her.

Und jetzt kommen diese komischen Veganer und Veganerinnen und sagen, hey, du kannst mit einer pflanzenbasierten Ernährung völlig unproblematisch ohne irgendeinen Mangel überleben und du kannst damit sogar gut leben und du kannst damit fit sein und du kannst damit einfach ein hohes Alter erreichen und ganz toll leben! Da geht dann automatisch die Abwehr an: „Oh nee, pflanzenbasierte Ernährung, da fehlt doch was, es muss diese tierischen Fette, es muss diese tierischen Eiweiße geben, es kann einfach nicht ohne gehen“ und dieses Mangeldenken, dieses Gefühl, es kann einfach nicht ohnegehen, das habe ich mir jetzt so erklärt, dass es wirklich auch von da stammt aus diesen Erfahrungen, die unsere Vorfahren, unsere direkten Vorfahren in dieser Zeit gemacht haben.

Und die sie uns mitgegeben haben, die sie überliefert haben und die jetzt noch mit in den Verordnungen der DGE mit drinstecken, das ist alles für mich da mit drin, also es liegt alles begründet in dieser historischen Ansicht, in diesen historischen Erfahrungen, dass wir sagen, wir brauchen unbedingt diese tierischen Fette, diese tierischen Eiweiße, wir brauchen es unbedingt um zu überleben, denn seht doch, was passiert ist damals, als es nur Steckrüben gab, seht doch, was passiert ist, als es wirklich kaum noch Milch gab, da sind die Mütter gestorben, da sind die Säuglinge gestorben, aber dass es eben einfach noch mehr Zusammenhänge gibt, das will keiner sehen.

Dass wir ja heute in einer ganz anderen Zeit leben, wir tragen immer noch diese Erfahrungen mit uns herum und diese Erfahrungen werden uns, wenn wir vegan leben, dann entgegengeschleudert, es kann nicht sein, es kann einfach nicht sein, dass wir pflanzenbasiert ohne Mangel leben können, diese Ängste sind immer noch da und ich bin der Meinung, dass sie wirklich tief verwurzelt sind in diesen Erfahrungen, diesen Hungerjahren, die wirklich da in uns drinstecken durch unsere Vorfahren, durch unsere Großeltern oder Urgroßeltern, je nachdem, wie alt du bist und vielleicht sogar dann Ur-Ur-Großeltern, wer weiß, aber jedenfalls, dass das einfach mit der Grund ist und dass uns das vielleicht auch hilft, uns, sage ich, wenn wir vegan leben, dass uns das hilft, dann auch das Gegenüber zu verstehen und diese Ängste zu verstehen.

In meinem Fall, ganz persönlich, als ich vegetarisch gelebt hab noch, hat meine Oma sich Sorgen gemacht um meine Blutwerte und hat mich gebeten, dass ich doch bitte zum Arzt gehe und meine Blutwerte checken lasse und ich hab's ihr zuliebe getan und da war überhaupt nichts mit meinen Blutwerten, das war alles völlig in Ordnung und ich habe da auch nie darüber nachgedacht, aber sie hatte halt Angst, sie hatte Angst, dass ich ein Mangel erleide und wo kommt es her? Sie hat den Zweiten Weltkrieg miterlebt, sie hat den ersten Weltkrieg nicht in dem Sinne miterlebt, weil sie da gerade erst zum Ende hin geboren wurde, aber den Zweiten Weltkrieg hat sie miterlebt und sie hat diesen Hunger miterlebt und diesen Mangel miterlebt und sie hat all diese Probleme miterlebt und das, wenn sie dann hört, oh, das Kind ist kein Fleisch, dann ist es gleich, oh Gott, diese tierischen Fette, nein, es kann nicht sein, es muss ein Mangel kommen und für mich ist es wirklich ein Grund mit dahin zu schauen und zu sagen, okay, es ist alles nicht so eindimensional, es spielen viele, viele Faktoren hinein und das einfach zu verstehen, wieso reagieren die anderen so, was kommt da zum Vorschein, das ist für mich mit eine Erklärung.

In der nächsten Folge schauen wir uns dann ganz chronologisch die Rolle der Milchkuh in der Weimarer Republik an und ich freue mich, wenn du dann auch wieder dabei bist.

Links zur Folge

Lebendiges Museum online
http://www.dhm.de/lemo/kapitel/erster-weltkrieg

"Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg" von Nikolaus Nützel
https://www.buch7.de/store/product_details/1021135912

Folge 4 - Milchpantscherei und Abstinenz

Ein Beitrag

Folge 4 - Milchpantscherei und Abstinenz

In dieser Folge

  • widmen wir uns dem großen Thema der Milchverfälschung,
  • beleuchte ich die Hindernisse der Milchwirtschaft aus verschiedenen Blickwinkeln und
  • erkläre ich Dir, wie der Milchzauber bis in das 19. Jahrhundert hinein wirkt.

In dieser Folge gehe ich ein wenig mehr in die Tiefe, damit die Grundmotivation der Milchwirtschaft deutlicher wird.

Generell möchte ich in den ersten Folgen einen möglichst gerafften, geschichtlichen Überblick geben und dann in späteren Folgen einzelne Aspekte noch einmal detaillerter herausgreifen.

In dieser Folge streife ich daher einige Themen, zu denen ich später noch längere Geschichten erzählen werde.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. In dieser Folge möchte ich noch einmal anknüpfen an die Milchverfälschungen, die Milchpantschereien, über die ich in der letzten Folge gesprochen habe und dir ein bisschen erzählen, wie es denn jetzt weiterging von dem Zeitpunkt an, als die Milchwirtschaft tatsächlich ihren Ursprung hatte und richtig ins Rollen kam, bis hin zum Ersten Weltkrieg.

Dazu zitiere ich aus „Unsere tägliche Kost“: ‚Schon 1847 schrieb Josef von Schreibers als einer der frühesten Milchexperten, bei einem Produkt, welches in so großer Menge konsumiert wird, unentbehrlich ist und dennoch nicht aus zu großer Ferne dem Konsumptionsplatz zugeführt werden kann, ist ein steter Absatz und ein annehmlicher Preis gesichert. Allein dieser Umstand verleitet nicht selten die Habsucht und sträfliche Begierde nach größerem Gewinn, die Menge oder die Güte der Milch durch Fälschungen verschiedenste Art zu erhöhen. Die Fälschungen werden leider tatsächlich ausgeübt.‘ Das war ein Zitat von Josef von Schreibers und dann geht es hier im Text weiter mit: ‚Die Milchpantscherei war mit anderen Worten die Regel und erklärt, warum sich an manchen Orten städtische Behörden dem Verkauf insbesondere der Magermilch widersetzten und diese in einfachen Haushalten so wenig beliebt war, dass man sie selbst im Ersten Weltkrieg trotz allgemeinen Lebensmittelmangels lieber den Schweinen als Futter gab.

Wie man den verschiedenen Quellen entnehmen kann, wurde die Milch bewusst durch Magermilch oder mit purem Wasser verdünnt und zur Wiederherstellung der Konsistenz mit Mehl und Zucker, aber auch mit Hirn, Gummi oder Leimen angereichert. Zur Verzögerung der Milchsäuregärung dienten Soda, Doppeltkohlensaures Natron, Bohrsäure und Wasserstoff Superoxid. Dazu kamen die zahlreichen Möglichkeiten der achtlosen Verschmutzung.

Schreibers hielt 1847 den Hinweis für notwendig, dass die Stellen, worauf sich die Milchgefäße, der Rahmen oder die Butter befinden sollten, den Ratten, Mäusen, Kröten und anderen Reptilien unzugänglich gemacht werden sollten. Noch um die Jahrhundertwende geschah es bei einem Kursus für angehende Milchwirte, dass die Teilnehmer bei einer Milchprobe erklärten, der Milch fehlte etwas. Als der Kursusleiter ihr etwas Stallstroh zusetzte, fand man, dass sie nun den richtigen Geschmack habe.

Bei den mangelnden hygienischen Einrichtungen war es alltäglich, dass die Milch gleich nach dem Melken mit allerlei Fremdstoffen verunreinigt wurde. Auf dem Transport zur Molkerei wurde nicht sorgsamer umgegangen. Dazu kam das häufige Umfüllen. Es wäre wünschenswert, forderte ein Ernährungsfachmann 1917, der Milch ein Merkzeichen abzugewinnen, das überall und von jedem beobachtet den unveränderlichen, ursprünglichen Zustand der Milch erkennen ließe. Der Gedanke an besondere Gütezeichen, wie sie heute vielfacher in der Lebensmittelindustrie verwendet werden, war damit erstmals ausgesprochen.‘

Soweit zunächst das Zitat aus „Unsere tägliche Kost“. Einheitliche Standards sind bei einem Produkt wie Kuhmilch eigentlich gar nicht möglich. Denn wenn wir mal darüber nachdenken, hängt die Beschaffenheit der Milch ganz stark davon ab, wie die Kuh gefüttert wurde, wie sie gehalten wird und auch in welcher Jahreszeit sie gemolken wurde. Und dann muss man natürlich noch dazu bedenken, dass man ja nicht die Milch von einer einzigen Kuh bekommen hat, wo man dann sagen könnte, okay, die ist so und so gefüttert worden, so und so gehalten und im Winter gemolken, sondern das war ja immer die Mischung von dem Gemelk vieler, vieler Kühe. Und so ist auch heute ein Standard eigentlich gar nicht möglich. Es ist dann ein künstlicher Standard, der durch die Molkereien hergestellt wird und nicht das, was als Rohmilch angeliefert wird, sondern die Milch wird so weit bearbeitet, dass daraus ein Standard entstehen kann, der aber immer noch durch die Rohmilch beeinflusst wird. Und wenn die Kuh dann eine Euterentzündung hat und Eiterbakterien auf verschiedenen Weg in die Milch geraten sind, dann werden sie ihren Weg auch in das Endprodukt finden.

Um 1900 herum war also Milchpantscherei noch an der Tagesordnung und verhinderte laut den damals führenden Experten auch den Siegeszug der Milch, da das Vertrauen der Konsumenten natürlich gebrochen war, wenn sie dann eine verfälschte Milch bekommen hatten.

Warum gab es denn jetzt überhaupt Milchpantscherei? Und auch dazu findet sich ein Abschnitt in dem Buch „Unsere tägliche Kost“ und den möchte ich hier einmal zitieren: ‚Damit der Händler, hier ist der städtische Milchhändler gemeint, seine Kunden nicht verloren, muss der oftmals zinslosen Kredit über längere Zeit einräumen. Auch die besseren Stände ließen aus alter Gewohnheit anschreiben, sodass der meist von der Hand in den Mund lebenden Milchmann bei der säumigen Zahlungsweise oft in Liquidationsschwierigkeiten geraten konnte. Neue Milchgeschäfte versuchten zudem oftmals mit Schleuderpreisen die Konkurrenz zu unterbieten, um sich auf diese Weise einen ersten Kundenstamm zu sichern. So ist der Zwang zur Unredlichkeit die fast unausbleibliche Folge, stellt eine Untersuchung hierzu fest.

Die vielfache Milchpantscherei findet hier hauptsächlich ihre Erklärung. Noch gab es kaum Mittel Milchverfälschung aufzudecken bzw. gesetzliche Handhaben zur regelmäßigen Kontrolle. Die Milchverfälschung wurde auch dadurch begünstigt, dass es den meisten Hausfrauen mehr auf die Menge als auf die Güte der Milch ankam. Einer der untersuchenden Wissenschaftler wurde dadurch zu dem anklagenden Satz veranlasst, wenn man der Milch nur dieselbe Sorgfalt zukommen lassen mochte wie dem Bier, dann wäre schon ein großer Schritt vorwärts getan.‘

Und das ist auch eine super Überleitung zu einem anderen Thema dieser Zeit. Und zwar gab es um die Jahrhundertwende, um 1900 herum verschiedene Bewegungen. Es gab ab 1890 die bürgerliche Lebensreformbewegung, die versucht hat die Milch in die Gesellschaft zu integrieren. Und es gab auch Bemühungen den Alkoholkonsum der Bevölkerung einzudämmen. Statt Bier sollte Milch ausgeschenkt werden und so entstanden die ersten Milchausschankstellen im Westen Deutschlands, die sich dann im Laufe der Jahre in ganz Deutschland ausbreiteten.

Als Zielgruppe hatten sich die gemeinnützigen Vereine, die hinter der Initiative steckten, die Arbeiter auserkoren, obwohl der Alkohol natürlich auch in anderen Gesellschaftsschichten reichlich floss. Das Motiv war wieder die Volksgesundheit, da die schädliche Wirkung des Alkoholkonsums erkannt worden war. Statt Bier und Schnapsständen gab es nun also Milchpavillions und unter dem Deckmantel der Volksgesundheit versuchten Abstinenzler Vereinigungen und Mäßigungsbewegungen den Arbeiter zur Pflicht zu rufen. Alkoholkonsum sei keine Privatsache, es schädige nicht nur die eigene Gesundheit, sondern durch den Ausfall der Arbeitskraft auch die gesamte Gesellschaft. Mit dem ersten Weltkrieg pausierte dieses Konzept und versandete dann in den Jahren zwischen den Weltkriegen vollends.

Was ich hier besonders spannend finde, ist das Motiv, das auch in den Folgejahren und Jahrzehnten bis heute immer weiter wieder auftauchen wird, nämlich dieser wirtschaftliche Faktor. Hier ist es das Motiv, dem Arbeiter nicht nur aus gesundheitlichen Gründen zu helfen, sondern dahinter stecken das Motiv, dass der Arbeiter ja dem Vaterland dienen soll und dass er der Wirtschaft, dem Wirtschaftswachstum des damals noch Deutschen Reichs schaden würde. Vordergründig ist es also die Gesundheit des Arbeiters und hintergründig ist es aber die Wirtschaft.

Und dieses Motiv zieht sich wirklich durch die ganze Zeit bis heute hin. Vordergründig immer die Volksgesundheit, die hochgehalten wird und hintergründig ist es eigentlich die Volkswirtschaft, um die man sich kümmern möchte. Denn wie ich schon in den vorangegangenen Folgen gesagt habe, ist es wirklich wichtig, für die Milchwirtschaft jetzt an Größe zu gewinnen und als Wirtschaftsfaktor für das aufstrebende Deutschland zu gelten. Und es ist eben nicht nur ein Wirtschaftsfaktor in Deutschland, sondern auch auf der ganzen Welt breitet es sich aus. Aber ich konzentriere mich hier eben nur auf Deutschland.

Also waren die Milchverfälschung, die Milchpanscherei und der hohe Alkoholkonsum, die Abneigung der Erwachsenen und vor allem der breiten Bevölkerungsschicht Milch zu trinken, alles Faktoren, die eine schnelle Verbreitung der Milch in der Bevölkerung in Deutschland verhindert haben. Ein weiterer Faktor war vor allem auch, dass Milch und Milchprodukte immer noch sehr teuer waren und mit der Industrialisierung kam auch die Massenarmut. In den 1840er Jahren lautete der Schlachtruf „Überwindung des Pauperismus“. Pauperismus bedeutet Massenarmut und in die Geschichte ist diese Situation als soziale Frage eingegangen, die immer noch geklärt werden musste, die immer noch im Raum stand und die massiven sozialen Probleme bezeichnete, die mit der Industrialisierung einhergegangen.

In den ersten knapp 100 Jahren der Industrialisierung musste eine Familie bis zu 70 Prozent des Lohns für Essen bezahlen. Sie ernährten sich damals hauptsächlich von Kartoffeln und Brot und auch noch um 1900 herum gab es noch deutliche Standesunterschiede und vor allem die höher gestellten Schichten griffen damals zu Milch, weil sie durch die Bildung davon erfahren hatten, dass sie gesünder sein sollte und die meisten Menschen, die damals in Deutschland lebten, gehörten eben nicht zu den höheren gebildeten Schichten, sodass die Masse einfach noch nichts davon erfahren hatte und die Milch schlichtweg verweigerte.

Die negative Einstellung der Erwachsenen gegenüber Milch und das tradierte Nichttrinken der Milch ist auf jeden Fall auch in der Vergangenheit begründet. Dazu möchte ich aus Maria Rollingers Buch „Milch besser nicht“ einige Absätze zitieren:

‘Trotz der positiven mythologischen Seite braucht es lange bis Milch und Milchprodukte zudem werden konnten, was sie heute sind. Zusätzlich zu grundsätzlich negativen Einstellungen medizinischer Autoritäten war Milch in den europäischen mittelalterlichen Agrargesellschaften mit vielen Tabus besetzt, denn als Urnahrung haftete ihr ein Machtaspekt an, der auch zum Schaden von Menschen eingesetzt werden konnte.

Milch wurde als eine Flüssigkeit angesehen, die mit dem Blut aus ein und derselben körperlichen Quelle stammte. Daher rührt die Vorstellung, dass wer Macht über Milch hatte, sie auch über Blut und damit über Leben und Tod hatte. Da Milch wie Menstruationsblut weiblich ist, wurden manche Frauen im negativen Sinn als Milchhexen angesehen, die scheinbar nicht nur Milch und Kühe verhexten, sondern auch allerlei anderen Schadenszauber anrichteten. In den Hexenverfolgungen spielte dies eine große Rolle.

Als tierische und weibliche Körperflüssigkeit mit Verbindungen zu Zauber und übernatürlichen Kräften, fanden viele die Milch generell problematisch und tabuisiert. Mit Überwindung dieser Vorstellungen in der Neuzeit veränderte sich auch langsam das Verhältnis zur Milch. Auch wenn man im 19. Jahrhundert über mittelalterliche Vorstellungen hinaus war, blieb ein grundsätzlicher physischer Ekel vor der frischen Milch erhalten. Zumindest beim Melken kam der abstoßende, ekelerregende Aspekt einer tierischen Körperflüssigkeit bei vielen Menschen zum Tragen. Milch war schon deshalb tabu, sie war eine Flüssigkeit, die viele Menschen nicht ohne weiteres unverarbeitet zu sich nahmen.

Erst der industrielle Gewinnungs- und Verarbeitungsprozess hat die nötige Distanz geschaffen, die diese tierische Körperflüssigkeit für Menschen erträglich und akzeptabel machte. Die Kenntnis vom Ekel gegenüber der Milch ist heute fast völlig verschwunden, ja sie ist unbekannt, da unnötig geworden. Aber dazu braucht es Zeit und die technologischen Veränderungen, die mit dem Verschwinden der Agrargesellschaft einhergingen. Noch vor 100 Jahren musste die Milch, um als modern zu gelten, gegen die negativen bäuerlichen Vorbehalte durchgesetzt werden. Die Beziehung gerade der ärmeren Schichten zur agrarischen Produktion war noch lebendig.‘

Soweit Maria Rollinger. Das heißt es gab damals noch keinen hohen Milchkonsum. Es gab Bemühungen, die Milch auch an ärmere Menschen günstiger abzugeben, dazu hätte man sich aber ein Berechtigungsschein holen müssen und niemand wollte damals wirklich bedürftig erscheinen, denn das roch dann zu sehr nach Armensuppe und Armenhaus und diese Blöße wollte sich keiner geben und deswegen wurden diese Angebote nicht in Anspruch genommen. So dass es also um 1900 herum immer noch keinen wirklich hohen Milchkonsum gab und wenn es Milchkonsum gab dann nur in den höheren gebildeten Schichten, die eben nur einen Bruchteil der Bevölkerung ausmachten.

Parallel entwickelten sich die technischen Neuerungen immer weiter. 1900 wurde bereits die Dauerpasteurisierung entwickelt. Es gab immer mehr Molkereigenossenschaften in Deutschland und es gab eigentlich immer mehr Erfindungen rund um die Kuhmilch, die aber erst mal an dem generellen Absatz der Milch nichts geändert haben. Und wie sich die Milchwirtschaft im Ersten Weltkrieg weiterentwickelte, davon hörst du dann in der nächsten Folge und ich freue mich wenn du dann wieder dabei bist.

Folge 3 - Die Gründerjahre der Milchwirtschaft

Ein Beitrag

Folge 3 - Die Gründerjahre der Milchwirtschaft

In dieser Folge

  • gebe ich Dir einen kurzen Überblick über die Milchkuh in der Kaiserzeit
  • streifen wir die Themen Hygiene und Milchverfälschung und
  • lernst Du Benno Martiny kennen.

Alle technischen Voraussetzungen für den Erfolg der Milchwirtschaft wurden in den 1870er Jahren geschaffen. Es waren Erfinderjahre, voller Versuch und Irrtum, aber auch voller Wachstum.

Kaum hatte man die Milchwirtschaft als Wirtschaftsfaktor entdeckt, wurde das Gebiet von Männern dominiert. Männer erforschten, wie man die Milch am effizientesten verarbeiten konnte. Männer entwickelten Maschinen, mit denen die Kühe am besten gemolken werden konnten. Usw. usf.

Noch ist alles am Anfang, es fehlt noch die Struktur, es fehlt noch an vielem. Und doch sind einige mit Feuereifer dabei, von denen Benno Martiny das glühenste Beispiel ist.

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und ich möchte dir in dieser Folge berichten, wie die Anfänge der Milchwirtschaft ausgesehen haben.

In der letzten Folge haben wir über die Milchkuh im Mittelalter gesprochen und in dieser Folge soll es nun um die Anfänge der Milchwirtschaft gehen, die ab 1870 wirklich ihren Durchbruch erlangt hat, denn das Jahrzehnt 1870 bis 1880 war voller Neuerung und ich möchte jetzt auch noch mal mit einem Zitat starten, damit es einfacher ist zu verstehen, wie es dazu kam.

Das Zitat stammt wieder aus "Unsere tägliche Kost": ‘Da die billigen australischen Woll- und amerikanischen Getreideimporte nach 1860 immer mehr auf den deutschen Markt zu drücken begannen und entsprechende Preisstürze verursachten, suchte die deutsche Landwirtschaft nach Wegen, um diesen Erlösausfall auszugleichen. Neben der Vermehrung der Schweinezucht bot sich vor allem die Intensivierung der Milchwirtschaft an.‘

Und diese Intensivierung der Milchwirtschaft wurde dann begleitet durch viele technische Neuerungen. Wie ich in der vorangegangenen Folge schon erläutert habe, waren die Voraussetzungen bis ins 19. Jahrhundert hinein für eine Milchwirtschaft, wie wir sie heute kennen noch nicht gegeben. Die kamen erst nach und nach und eine Voraussetzung davon war, dass es ausreichend Milchkühe gab, die Milch geben konnten und dann die technischen Neuerungen.

1877 wurde die erste Zentrifuge in Kiel installiert und diese Zentrifuge entrahmte Milch in kürzester Zeit und sparte deswegen sehr viel Arbeitskraft. Diese Zentrifuge war quasi so eine Art Startschuss hinein in die moderne Milchwirtschaft.

Und in dieser Zeit 1871 hat auch Benno Martini, - das ist quasi so der Superstar der Milchwirtschaftszene, vergleichbar auch wenn du „Thank You for Smoking“ gesehen hast mit Nick Naylor, dem, wie er sich selbst nennt, „Pinup Boy der Tabakbranche“. Genauso ist dieser Benno Martini auch zu sehen, als Milchpapst, wird er manchmal bezeichnet - die erste Milchzeitung herausgebracht, war dann Gründer des Milchwirtschaftlichen Vereins und hat auch den Kaiser dazu gebracht, dass er Mitglied dieses Vereins wurde, damit die Milch noch einen höheren Stellenwert im Kaiserreich bekam.

Er war also sehr umtriebig, hatte viele Freunde und viele wichtige Freunde muss man dazu sagen. Alles natürlich ein großer Männerklub. Frauen hatten damals nicht wirklich viel zu sagen und diese Männer um Benno Martini herum, mit Benno Martini als treibende Kraft haben dann die Milchwirtschaft wirklich zudem gemacht, was sie heute ist.

Wir können uns das so vorstellen, dass damals zwar diese Bemühungen da waren, dass Milch zu einem Grundnahrungsmittel werden sollte, aber einfach die Gegebenheiten noch nicht vorhanden waren und es in der Bevölkerung auch noch nicht angenommen wurde als Grundnahrungsmittel.

Dazu habe ich wieder ein Zitat aus „Unsere tägliche Kost“: ‘Der ausdrücklich als mustergültig gemischt bezeichnete Heeresproviant 1870 71 in Frankreich stehenden deutscher Truppen enthielt zwar pro Tag ein halben Liter Wein oder Bier, aber keinen Tropfen Milch.‘

Daran erkennt man nochmal, dass in den großen Anstalten, wie es damals hieß, auf keinen Fall Milch vorhanden war. Also Milch war einfach noch nicht Grundbestandteil der Nahrung.

Eine weitere Untersuchung hat auch ergeben, dass 1870 eine durchschnittliche, dreiköpfige Familie - das ist dann in dem Fall Vater, Mutter, Fünfjähriges Kind, in der ärmeren Bevölkerungsschicht - damals nur eine wirklich geringe Menge Milch verbraucht hat und das wahrscheinlich für das Kind. Denn in den ärmeren Bevölkerungsschichten und in den Arbeiterschichten wurde damals Kaffee getrunken und Bier und Wasser. Milch spielte einfach gar keine Rolle. Milch oder Milchsahne zum Kaffee wurde wirklich nur vereinzelt in wohlhabenden Familien zum Kaffee getrunken und es war keineswegs so, dass jedes Familienmitglied am Morgen sein Glas Milch getrunken hat.

Damals war ein erhöhter Fettverbrauch ein Zeichen von gehobener Lebensführung und und Butter war damals noch sehr teuer. Ich habe hier ein Beispiel von einem Berliner Maurer, der einen durchschnittlichen Stundenlohn von 45 Pfennig bekommen hat und 1885 musste er fünf Stunden arbeiten für ein Kilo feinste Butter und drei Stunden für ein Kilo billigste Butter. 1895 waren es dann noch 4,5 Stunden und 1901 dann drei Stunden und 20 Minuten. Das heißt daran erkennt man auch noch mal wie die Verfügbarkeit der Butter dann in diesen wenigen Jahren gestiegen ist, aber wie teuer Butter trotzdem noch gewesen ist und wie wertvoll für den Großteil der Bevölkerung.

Der Motor für die Milchwirtschaft war auf jeden Fall das Anwachsen der Bevölkerung, also die Entwicklung vom Agrarstaat hin zum Industriestaat und das zeigt sich dann auch noch mal an diesen Zahlen. 1816 lebten im Deutschen Reich 25 Millionen Menschen, 1870 lebten schon 40 Millionen Menschen im Deutschen Reich und 65 Millionen dann 1910. Also ein starkes Wachstum bis zum ersten Weltkrieg hin und dann auch noch mal eine starke Verstädterung, denn 1840 waren 70% auf dem Land tätig und lebten auch dort und 1907 waren es nur noch 25%.

Heute ist es ja noch viel weniger, so siehst du dann auch wie sich das entwickelt hat. Also einfach diese verschiedenen Faktoren, die die Milchwirtschaft beeinflusst haben. Einfach der Wandel vom Agrarstaat hin zum Industriestaat, die Bevölkerungsdichte, die anwuchs, es gab viel mehr Menschen und dann eben auch viel mehr Menschen auf geringerem Raum und die dann auch auf andere Art versorgt werden mussten.

Die Milch konnte nicht einfach auf langen Wegen transportiert werden, weil die Transportmittel noch nicht da waren, sie verdarb zu schnell, sie konnte noch nicht haltbar gemacht werden und die Grundlagen für das schnellere Verarbeiten und das Haltbarmachen, die wurden alle in diesen Jahren ab 1870 gelegt und umgesetzt, natürlich schon vorher vorbereitet, aber 1870, 1880 das war das Jahrzehnt, dass die Milchwirtschaft so nach vorn gebracht hat.

Und um nochmal auf das Zitat am Anfang zurückzukommen, dass eben nicht nur die Milchwirtschaft intensiviert wurde, sondern auch die Schweinezucht vermehrt wurde, das lag unter anderem auch daran, dass die Schweine, die Molke, also alles was an Molkereirückständen übrig blieb, am besten verwertet haben. Das heißt die Milchwirtschaft und die Schweinezucht gingen quasi Hand in Hand, das eine bedingte das andere.

Ich finde das sehr spannend zu sehen, wie viele Faktoren zusammenspielen und wie vielschichtig die Geschichte der Milchwirtschaft ist, wenn wir heute einfach nur das Produkt im Supermarkt sehen und die Packung, wo dann irgendeine Kuh drauf abgebildet ist, die unter Garantie niemals diese Milch gegeben hat.

Denn das fing damals eben auch an, dass dann verschiedene, also das Gemelk, wie es heißt, von den verschiedenen Kühen zusammengemischt wurde und es dann auch Probleme mit Milchverfälschung gab und Panscherei und es gab einfach die verschiedensten Probleme, dass es dann auch verschmutzte Milch gab und die Hygienerichtlinien einfach noch nicht so weit waren, also es war wirklich in dem Sinne eine sehr wilde Zeit, etwas, was wir uns heute in dem Maße nicht mehr vorstellen können.

Vor dem ersten Weltkrieg war der Milchhandel noch sehr unstrukturiert. Im Grunde konnte jeder Milchhändler werden, der Beziehungen zu einem Landwirt hatte und bei den damals herrschenden Lebensumständen war Milchverfälschung, verschmutzte oder schon leicht saure Milch fast normal. Die Milch wurde in offenen Gefäßen von Haustür zu Haustür getragen und den Bewohnern in ihre eigenen Gefäße gefüllt.

Und ich habe dazu auch noch ein Zitat von dem Direktor des Städtischen Untersuchungsamts Mannheim, Dr. Kanzler von 1926: “Früher kam die Milch in kleineren und größeren Sendungen an den Bahnhöfen an und wurde zumeist auf den Laderampen sofort in die Kannen der Milchhändler umgefüllt. Die Milch war hierbei einer Verschmutzung und Verseuchung in größten Maße ausgesetzt. Zumal an windigen Tagen durch dichte Staubwolken, Sand, trockener Kot und anderer Unrat mit gesundheitsschädlichen Bakterien in die Milch gelangten.

Die Milch wurde in ungereinigten Zustand von hier aus durch die Milchhändler, zumeist unmittelbar der Bevölkerung Mannheims zugeführt. Die Kannen wurden notdürftig gereinigt mit Wasser, dass die Milchhändler auf ihren Karren mitbrachten. Im Sommer konnte man in den Kannen, insbesondere an den Kanten und Ecken derselben zurückgebliebene verfaulte und unangenehm riechende Milchreste wahrnehmen.“

Du merkst also, es war damals noch nicht so weit, wie es heute ist und es zeigt auch so ein bisschen, warum jetzt die meisten gesagt haben, oh, wir müssen das alles hygienischer machen. Es war einfach extrem unhygienisch und es war alles noch nicht so strukturiert. Es wurde viel ausprobiert, es wurde viel versucht.

Es gab zwar schon 1850 in der Nähe der Städte Abmelkwirtschaften als Vorstufe der Molkereien, das heißt, Kühe wurden wieder zum Stadtrand gebracht, damit der Transportweg nicht so weit war, aber das waren eben erste Versuche. Daran zeigt sich aber, dass Kühe nicht mehr Bestandteil der Städte waren, sondern dass sie wirklich auf dem Land gehalten wurden.

Wer noch in der Stadt gehalten wurde, waren Ziegen. Ziegen waren quasi noch bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hinein die Kuh des armen Mannes. Sie waren einfacher zu halten, hatten nicht so hohe Ansprüche und haben trotzdem Milch gegeben und man konnte Käse draus machen und die Milch trinken. Und es war auch einfacher, die über den Winter zu bringen. Trotzdem war es eben nur ein kleiner Bestandteil der Milch, die für die Bevölkerung verwendet wurde.

Es gab also viele Dinge, die sich in dieser Zeit entwickelt haben und viele Neuerungen, die dann der Milchwirtschaft geholfen haben, bis zu ihrem heutigen Stand zu kommen. In den nächsten Folgen werde ich dir dann noch weitere Details berichten über die Zeit bis zum ersten Weltkrieg hin und dann natürlich auch darüber hinaus. Und ich freue mich, wenn du dann wieder dabei bist.

Folge 2 - Die Milchkuh im Mittelalter

Ein Beitrag

Folge 2 - Die Milchkuh im Mittelalter

In dieser Folge

  • starten wir ins Mittelalter,
  • erkläre ich Dir, welche Rolle Kuhmilch im Mittelalter spielte,
  • zeige ich Dir, wie der historische Kontext die Milchwirtschaft beeinflusste.

Die moderne Milchwirtschaft hat einen langen Weg hinter sich. Viele Bedingungen mussten erst in jahrhundertelanger Entwicklung geschaffen werden.

Die Kuh oder das Rind wurde damals eher als Fleisch- und Düngelieferant, vor allem aber als Lasttier genutzt. Weder Platz noch Futtermittel waren ausreichend vorhanden, um an eine Milchwirtschaft überhaupt denken zu können.

Und doch hält sich der Gedanke hartnäckig, dass Kuhmilch schon immer zu unseren Hauptnahrungsquellen gehört hat...

Transkript

Schön, dass du wieder dabei bist, bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch. Ich bin Stefanie und in dieser Folge sprechen wir über das Mittelalter.

Wie du aus den vorherigen Folgen weißt, lasse ich jetzt erstmal alles, was vor dem Mittelalter passiert ist aus und komme darauf später zurück. Um meine Ausgangsthese zu klären, wie aus Kuhmilch ein Grundnahrungsmittel werden konnte, brauchen wir auch gar nicht so weit zurückgehen in die Vergangenheit. Und doch ist die Geschichte der Kuhmilch extrem spannend, weswegen ich in späteren Folgen auf jeden Fall auch noch einmal weiter zurückgehen will als nur bis ins Mittelalter.

In dieser Folge starten wir nun also mit dem Mittelalter und im Mittelalter waren Milch und Milchprodukte wie Butter und Käse den vornehmen Familien vorbehalten. Das gemeine Volk lebte fast rein pflanzlich mit Ausnahme der Molke als Getränk und Molke ist ja ein Abfallprodukt, das entsteht, wenn Käse hergestellt wird oder eben teilweise auch Joghurt, Quark oder Butter. Das ist das, was übrig bleibt und das konnte dann entweder an die Schweine verfüttert werden oder an diejenigen, die nicht so viel hatten und die sich nicht leisten konnten, Butter oder Käse zu kaufen. Molke galt dabei auch als Heilmittel für allerlei Krankheiten.

Ich habe dazu auch ein Zitat von dem Kosmographen Sebastian Münster, der 1543 geschrieben hat: „Ihre Speis ist Schwarz Roggenbrot, Haferbrei oder gekochte Erbsen und Linsen, Wasser und Molken fast ihr einzig Trank.“

Wie man an dem Zitat erkennen kann, unterstreicht es noch einmal ganz gut, wovon sich die Menschen im Mittelalter ernährt haben, wenn sie denn nicht wirklich einer höheren Schicht zugehörig waren. Für die meisten Menschen zu dieser Zeit dreht sich der Alltag um harte Arbeit und das nackte Überleben. Adel und Großbürgertum bildeten eine reiche Minderheit, die andere Ernährungsvorlieben hatten als der Rest der Bevölkerung. Butter und Käse waren Luxusgüter, die keinesfalls in großer Menge vorhanden waren.

Das hatte ich auch schon in der vorangegangenen Folge einmal erklärt, warum das so war, eben weil man so viel Milch für die Herstellung von Butter und Käse benötigt hat und diese Milch einfach noch nicht in diesen Mengen vorhanden war, weil die Kühe einfach so viel Milch gegeben haben, wie sie brauchten, um ihr Kälbchen zu ernähren. Und dann haben sie vielleicht, wenn man sie dann öfter gemolken hat, ein bisschen mehr gegeben. Aber noch lange nicht so viel wie heute, dass es im Schnitt 22 Liter pro Tag sind, waren es früher eben im Schnitt so 8 bis 10 Liter pro Tag und das wie gesagt nicht rund ums Jahr, denn die Kuh muss ja ein Kälbchen gebären, um Milch zu geben, ganz normal wie bei jedem anderen Säugetier auch. Und da war es früher auch so, dass die Kuh nicht gemolken wurde, wenn sie schwanger war. Und eine Kuh ist genauso lange schwanger, wie wir Menschen, 9 Monate. Und in dieser Zeit wurde sie dann nicht gemolken. Und das heißt diese Effizienz, wie wir sie heute haben, dass Kühe eigentlich fast das ganze Jahr über gemolken werden und dann vielleicht zwei Monate trocken stehen, das hatte man früher noch nicht.

Die Milch war in dieser Zeit und auch noch bis zur Kaiserzeit ein Nahrungsmittel, dem auch kein großes Interesse galt. Milch konnte nur trinken, wer eine Kuh besaß oder in einem Haushalt mit einer solchen lebte. Hans J. Teuteberg und Günther Wiegelmann schreiben in ihrem Buch „Unsere tägliche Kost“, aus dem auch das erste Zitat stammte:

„Insgesamt wurde die häusliche Milchwirtschaft als eine ausschließliche Sache der Hausfrau und somit als eine ökonomisch untergeordnete Angelegenheit betrachtet. Wegen der außerordentlich geringen Haltbarkeit musste sie [die Milch] größtenteils an Ort und Stelle verarbeitet werden, wozu aber keine besondere Kunstfertigkeit gehörte. Ein Handwerk und ein weitreichender Handel konnten sich deshalb lange Jahrhunderte daraus nicht entwickeln. Die tagtäglich geübten und von der Mutter an die Tochter von Generation zu Generation weitergegebenen Anleitung zur Milchverwertung, hielt man kaum einer literarischen Aufzeichnung für würdig.“

Milchgewinnung war demnach Jahrhunderte lang ein untergeordnetes Gewerbe der Frau für den Eigenbedarf und keineswegs das Milliardengeschäft, das es heute ist. Es war vor allem auch ein weibliches Geschäft. Erst als es darum ging, das Geschäft massentauglich zu machen, übernahmen Männer das Gewerbe. Die meisten Bauern waren in Dorfgemeinden eingebunden und hatten nicht die Fläche, um größere Milchviehherden zu halten. Außerdem musste ein Teil der Tiere zum Winter hin regelmäßig geschlachtet werden, weil nicht ausreichend Futter zur Verfügung stand. Es gibt Berichte, auch später noch, nicht nur im Mittelalter, sondern auch sogar noch Anfang des 20. Jahrhunderts, in denen Milchkühe, die den Winter im Stall verbracht haben, zu schwach waren, um selbstständig auf die Wiese hinauszugehen im Frühjahr und deswegen regelrecht hinausgerollt werden mussten, damit sie dann an die frische Luft kamen und dort wieder fressen konnten, weil einfach nicht genug Futter da war, um sie zu ernähren. Die Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen, gab es noch lange nicht.

Dazu habe ich noch ein Zitat, ebenfalls aus „Unserer tägliche Kost“: „Das Rindvieh spielte in den landwirtschaftlich weniger entwickelten Gegenden Deutschlands, die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts eindeutig die Mehrheit darstellten, als Düngelieferant sowie als Fleischlieferant und vor allem aber als Lasttier eine Rolle. Der Milchertrag war viel zu gering, um als eigentliche Einkommensquelle betrachtet zu werden. Die Milchwirtschaft galt, wie die hauswirtschaftliche Literatur deutlich erkennen lässt, als ein Teil der engeren Hauswirtschaft und nicht als eigentliche agrarische Beschäftigung.“

An diesem Zitat erkennt man auch noch einmal ganz deutlich, dass es einfach nicht sein kann, dass wir schon immer in diesen Mengen Milch konsumiert haben, weil die Voraussetzungen dafür gar nicht geschaffen waren. Auf Basis der liberalen Agrarreformen im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert können zwei Faktoren als Grundlage für die spätere Milchwirtschaft gesehen werden. Der Landwirt war nicht länger untertan und konnte frei entscheiden, wie er arbeiten wollte und Neuerungen in der Landwirtschaft ermöglichten, höhere Erträge und damit auch die Haltung von mehr Tieren.

Wir müssen also bedenken, dass vor diesen Agrarreformen der Landwirt / der Bauer Untertan war und gar nicht frei entscheiden konnte, was er denn jetzt mit seinem Land und seinen Tieren anfangen kann. Er konnte also nicht sagen, ich spezialisiere mich jetzt auf Milchwirtschaft und dann wird alles so laufen, wie ich mir das vorstelle, sondern er war angestellt in dem Sinne, er war nicht selbstständig und er musste das tun, was ihm sein Lehnherr sagte und erst durch diese Agrarreformen war es dann ihm möglich, dass er frei entscheiden konnte.

Dazu kam, dass Mitte des 19. Jahrhunderts die Getreidepreise nahezu stagnierten, während die Milch- und Fleischpreise aufgrund der Verstädterung kräftig stiegen. Diese Umstände führten dann zu der modernen Milchwirtschaft, wie sie ab der Kaiserzeit betrieben wurde. Dazu habe ich hier noch ein Zitat aus dem Buch „Unsere tägliche Kost“: „Mit steigender Viehhaltung zeigte sich, dass die bisher als nebensächlich betrachtete Milcherzeugung dem Landwirt ganz neue Vorteile bescherte. Die Nachfrage war überhaupt nicht, die Produktion bei den guten Milchviehrassen nur wenig saisonbedingt und stellte eine ständige zur Verstädterung parallel steigende Einkommensquelle dar, was gerade in den ertragsschwachen Frühjahrsmonaten für finanzielle Liquidität sorgte. In vielen Gegenden wurde der Milchbauer oder die Milchfrau zur typischen Erscheinung, die dem Konsumenten die Milch ohne Zwischenhandel an der Haustür verkaufte. Die regelmäßigen und steigenden Geldeinnahmen ermöglichten den Höfen eine bessere Wirtschaftsplanung.“

Es war also eine sehr lange Entwicklung, die dahin geführt hat, dass es eine Milchwirtschaft wie heute geben konnte. Und es war dann auch noch nicht sofort im Kaiserreich soweit, dass es so viel Milch und Milchprodukte gab, wie wir es heute in den Kühlregalen sehen, sondern das war auch noch eine sehr lange Entwicklung, denn jetzt musste ja erst noch die technische Entwicklung folgen. Das werde ich allerdings in der nächsten Folge behandeln, denn ich möchte jetzt hier Folge für Folge erst mal die verschiedenen Zeitepochen abhandeln.

Was mir besonders wichtig ist und was mir halt klar geworden ist, als ich mich mit der Geschichte und eben auch der Sozialgeschichte unseres Landes beschäftigt habe, ist, dass wir die Entwicklung wirklich in diesem Kontext sehen müssen. Uns noch einmal vergegenwärtigen, dass wir zunächst in einer Agrargesellschaft gelebt haben, wo es normal war, dass es wenige Höfe weit verteilt gab, dann Burgen und Schlösser und ja, also alles, was man sich vom Mittelalter eben so vorstellt, hin zu der Verstädterung, der Industrialisierung, in dessen Zuge sich das landwirtschaftliche Bild geändert hat und auf einmal ganz viele Menschen auf engen Raum zusammenkam, wo keine Landwirtschaft in dem Sinne möglich war und wo dann neue Möglichkeiten der Versorgung erst einmal überlegt werden mussten. In dem Sinne wuchs die Weltbevölkerung oder die Bevölkerung in Deutschland, wir bleiben jetzt eigentlich eher im deutschsprachigen Raum, auch an.

Es war auch so, dass vor der Industrialisierung oder am Anfang der Industrialisierung vor 200 Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung bei 30 Jahren lag. Ich wäre schon tot. Und heute liegt die durchschnittliche Lebenserwartung weltweit bei 66 Jahren. Da sieht man was in den letzten 200 Jahren, was wir da für einen Sprung gemacht haben auch. Und es gibt so viele Faktoren, die diese Entwicklung beeinflussen, dass es wirklich sehr wichtig ist, sich das zu vergegenwärtigen.

Im Mittelalter gab es auch Milchzauber. Es gab in vorindustrieller Zeit den Glauben, dass man durch bestimmte Praktiken, die Milch wegzaubern könne. Ein Beispiel dafür war der Hexenhammer, mit dem Milch von einer bestimmten Kuh quasi per Fernübertragung gemolken werden konnte. Und diese Arten von Milchdiebstahl sollten Erklärungen bieten, wenn die Milch nicht konstant verfügbar war oder die Qualität der Butter nicht dem Standard entsprach.

Und auch das Wort Schmetterling und im Englischen das Wort Butterfly, werden auf die Vorstellung, dass in Falter verwandelte Hexen die Milch, die Molke oder den Rahm wegnehmen, zurückgeführt. Darauf deuten auch die Namen Milchdieb und Molkenstehler für einige Schmetterlingsarten hin.

Und Schmetten ist ein aus dem slavischen übernommener Ausdruck für den Milchrahm. Das Wort Schmetten in Schmetterling. Das finde ich total spannend, dass es diese ganzen Ideen und diesen Glauben, den es damals gab, dass der sich bis heute quasi gehalten hat, in diesen Bezeichnungen für diese Tiere.

Ich habe noch einen Zitat und zwar wieder aus „Unserer tägliche Kost“: „Der landwirtschaftliche Schriftsteller J. von Schreibers meinte schon 1847 prophetisch, die Milchwirtschaft stelle im Grunde nur ein Geschäftszweig dar, der kühn mit jedem anderen in der Industrie an die Seite treten dürfe. Deutlicher konnte die Abkehrung vom Prinzip der alten selbstversorgenden Hauswirtschaft und die Hinwendung zu einer kapitalistisch orientierten Milchindustrie kaum ausgedrückt werden.“

Das ist so der Ausblick auf die nächste Folge, denn dann starten wir mit der Kaiserzeit und dann tatsächlich mit der Entwicklung der Milchwirtschaft. Und ich freue mich, wenn du dann wieder mit dabei bist und mich auf meiner Reise durch die Vergangenheit begleitest.

Folge 1 - Einleitung

Ein Beitrag

#1 Einleitung

In dieser Folge

  • erzähle ich Dir von meinen Forschungsmethoden,
  • erkläre ich Dir, warum es so wichtig ist, den geschichtlichen Kontext zu beachten und
  • berichte ich Dir, wie es weitergehen wird.

Seit ich zur Kuhmilch forsche ist mir eines bewusst geworden: ich kann die Kuhmilch nicht losgelöst von der Historie unseres Landes betrachten. Alles ist wichtig und vieles spielt mit hinein.

Nie fand ich Sozialgeschichte spannender als in den letzten zwei Jahren, nie haben mich alte Bücher mehr fasziniert- es macht auf einmal alles Sinn!

Kommst Du mit auf eine Reise in die Vergangenheit?

Transkript (Korrektur gelesen von Erika K.)

Schön, dass du wieder dabei bist bei Milchgeschichten, dem Podcast rund um die Kuhmilch.

Ich bin Stefanie und ich möchte dir in dieser 1. Folge einen Überblick geben über meine Forschungsmethoden und über das, was ich bisher schon herausgefunden habe. Wie du aus der Pilotfolge weißt, bin ich jetzt schon seit etwa 2 Jahren dabei, Milchgeschichten zu sammeln und zwar tatsächlich genau in dem Sinne. Ich lese Geschichten über Milch. Teilweise sind es gut recherchierte Sachbücher, teilweise sind es auch Werbegeschichten aus den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, teilweise ist es auch wirklich Geschichte im Sinne von Historie. Und ich habe bisher vor allem in der ehemaligen Milch-Forschungs­anstalt in Kiel viele alte historische Bücher aus dem 19. Jahrhundert und auch aus dem 20. Jahrhundert lesen dürfen. Ich habe sie einscannen dürfen und ich habe ganz viel Material gefunden.

Und ich habe auch die Bücher „Milch besser nicht“ von Maria Rollinger und das Buch. „Milch: vom Mythos zur Massenware“ von Andrea Fink-Keßler gelesen zum Beispiel und noch einige mehr, die du alle auch in meinem VIP-Leserbereich findest, den ich hier für diese Forschung im letzten Jahr eingerichtet habe.

Während ich diese ganzen Dokumente, Berichte, Bücher und Geschichten gelesen habe, ist mir aufgegangen, dass ich die Tatsache, dass Kuhmilch in der Gegenwart ein Grundnahrungsmittel ist, nicht aus dem geschichtlichen Gesamtzusammenhang lösen kann. Denn es ist alles wirklich historisch bedingt, es ist historisch gewachsen und so habe ich dann angefangen, auch die Historie noch einmal für mich Revue passieren zu lassen. Denn mein Geschichtsunterricht ist schon etwas länger her und obwohl ich immer sehr gerne am Geschichtsunterricht teilgenommen habe, ist doch nicht so viel hängengeblieben, so dass ich dann wirklich noch einiges nacharbeiten musste und ich habe in meiner Wohnung einen Zeitstrahl an die Wand gehämmert tatsächlich und mir daran vergegenwärtigt wie in den letzten 200 Jahren sich Deutschland verändert hat.

Denn diese ganzen Veränderungen, die Kriege und auch die Veränderungen in der Politik alles hat damit zu tun; alles bedingt diese Entwicklung hin zu dem Grundnahrungsmittel Kuhmilch. Für mich, die ich mit diesem Überfluss von Kuhmilch und Milchprodukten aufgewachsen bin war es ganz wichtig, mir zu vergegenwärtigen, dass das eben nicht schon immer so war. In meiner Anfangszeit als Veganerin habe ich auch öfter Gegenwind bekommen von anderen Eltern oder einfach generell anderen Menschen, die gesagt haben, dass Kuhmilch doch schon immer da war und dass wir schon immer Milch getrunken haben und dass es doch selbstverständlich ist, Milch zu trinken und dass es ungesund ist, sie nicht zu trinken.

Und ich war in der ersten Zeit recht hilflos diesen Argumenten gegenüber und ich bin einfach ein Mensch, der nicht gerne hilflos ist und ich hab mir dann gedacht, ich muss dem Ganzen jetzt auf den Grund gehen und ich möchte nicht mehr ohne Argumente dastehen. Und das war dann mit eine Motivation, dass ich mich noch mehr in diese Forschung rein gestürzt habe und mich dann wirklich auf dieses Thema Milch konzentriert habe.

Denn vegan ist ja ein weites Feld und auch Tierrecht und Tierschutz ist ein weites Feld, denn es gibt ja schließlich viele, viele Missstände auf dieser Welt, die Tiere betreffen, die unsere Umwelt betreffen und Milchkühe und ihre Kälber sind da nur ein ganz kleiner Teil. Und doch war es für mich jetzt so wichtig, dass ich mich die letzten 2 Jahre nur damit beschäftigt hab und einfach auch noch gar nicht fertig bin.

Ich bin immer noch, - ich habe zwar meine These geklärt, wie aus Kuhmilch ein Grundnahrungsmittel werden konnte, aber ich habe es noch nicht wirklich konkret erarbeitet, also dass ich es wirklich unterfüttert hab mit Beispielen und das will ich jetzt noch machen und dazu will ich auch diesen Podcast nutzen, dass ich für dich meine Forschung hörbar mache. Im VIP-Leserbereich ist sie jetzt schon lesbar; allerdings noch nicht so ausgereift. Der Leserbereich ist auch ein Experimentierbereich für mich und wie ich in der Pilotfolge schon gesagt habe, ist leider meine Zeit für die Forschung begrenzt, so dass ich jetzt auch nicht so viel weiter machen konnte und jetzt will ich mit diesem Podcast einfach meiner Forschung wieder mehr Gewicht geben. Und ich möchte dich einladen, mit mir zu kommen, mit mir zu forschen, mit mir Geschichten zu lesen und mit mir diese Historie wieder zu entrollen.

Und auch dieses Thema Kuhmilch zu Entmystifizieren. Denn dass es ein Mythos ist, dass Milch so gesund ist und Milch das Allerwichtigste für uns ist, das ist klar - nur wie ist es dazu gekommen? Und das ist einfach die Frage, die ich klären will, denn das ist auch etwas, was dann dir hilft, Argumente zu finden gegenüber Menschen, die sagen, wieso, wir haben schon immer Milch getrunken, seit wir existieren, trinken wir Milch und Milch ist wichtig für unseren Organismus und ohne diese Milch können wir nicht leben. Und ich bin auch ganz weit zurückgegangen wirklich in die Antike, als es bei Ägyptern und Römern noch Kuh-Göttinnen-Kulte gab. Allerdings ist es so, daß es damals und auch bis ins Mittelalter hinein und tatsächlich wirklich bis zur Wende, als das Kaiserreich kam 1870/71, bis dahin war es nicht nötig, Werbung für Kuhmilch zu machen, denn Kuhmilch war kostbar. So wie generell alle Milch.

Und Kühe wurden auch noch nicht dahingehend gezüchtet. Man hat eigentlich, wenn es Milch gab, wie jetzt in der Antike bei den Griechen und den Römern, hat man keine Kuhmilch zu Käse verarbeitet, sondern eher Schafsmilch oder Eselsmilch oder Ziegenmilch. Und es ging gar nicht um die Kuhmilch und heute macht das einen winzigen Bruchteil aus Schafsmilch und Ziegenmilch; und ich weiß auch überhaupt nicht, ob es noch Eselsmilch gibt. Ich weiß, dass manche Stutenmilch trinken, aber es ist ein winziger Bruchteil, wenn wir heute von Milch reden, dann meinen wir Kuhmilch und deswegen habe ich dann beschlossen, mich erstmal nur auf wirklich diesen Zeitraum ab 1870 zu konzentrieren, denn dann fingen die technischen Neuerungen an und vorher gab es einfach noch nicht so viel Milch, dass Milch zum Grundnahrungsmittel hätte werden können. Denn eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Milch - Kuhmilch - ein Grundnahrungsmittel werden konnte, ist, dass sie in großem Maße zur Verfügung steht. Und das war bis dahin, bis 1870, noch nicht so.

Es war im Mittelalter zum Beispiel so, dass Milch wirklich kostbar war und alles, was daraus gemacht wurde, Butter und Käse, war besonders kostbar, denn wir brauchen um ein Kilo Käse herzustellen 10 Liter Milch, das ist heute so. Früher war die Technik ja noch gar nicht so weit. Das heißt, man hat viel mehr Milch gebraucht um jetzt diesen Käse herzustellen. Und für Butter braucht man nochmal doppelt so viel. Das sind ungefähr 22 Liter Milch, die man für ein Kilo Butter braucht, wenn man sich das mal vorstellt so in Relation setzt, eine Kuh hat früher höchstens 8 - 10 Liter Milch am Tag gegeben, denn das ist so viel wie ein Kälbchen braucht und es war so, dass Kühe ja auch dann nicht rund ums Jahr Milch gegeben haben, denn um Milch zu geben, müssen Sie ein Kälbchen gebären und dieses Kälbchen muss ja auch noch Milch bekommen, denn damals gab es ja schließlich noch keine Milch-Ersatzprodukte für das Kälbchen, so dass also nur ein winziger Bruchteil von dem, was jetzt noch zusätzlich der Kuh abgezapft werden konnte, dann für den Menschen verwendet werden konnte.

Wenn wir uns also überlegen, man braucht 22 Liter Milch, um ein Kilo Butter herzustellen, ist es eine ganze, ganze Menge Milch. Heute ist das die Menge, die ungefähr eine Kuh pro Tag gibt. Aber dann, früher war es eben noch nicht so. Das ist nur durch die Züchtung gekommen und die Züchtung ist jetzt nicht schon irgendwie im 15. Jahrhundert eingesetzt, sondern hat langsam erst im 19. Jahrhundert angefangen. Diese ganzen Entwicklungen sind total wichtig, um das alles zu verstehen, um zu verstehen, wie es dazu gekommen ist. Also wirklich die geschichtliche Entwicklung, die historische Entwicklung noch mit zu betrachten und zu schauen, ab wann hat es denn jetzt eingesetzt, ab wann hat denn überhaupt mal jemand darüber gesprochen, dass Kuhmilch so wichtig ist und ab wann waren überhaupt die Voraussetzungen da, dass Kuhmilch zum Grundnahrungsmittel werden konnte?

Ab wann haben denn die Kühe so viel Milch gegeben, dass sie dann auch für alle Menschen verfügbar war und nicht nur als Trinkmilch, sondern eben auch als Butter und als Käse. Noch in die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, also 1970 hinein war Butter kostbar. Das heißt, es gab immer noch so Butterkulte, Butter, die irgendwie zu Schwänen geformt wurde und auf Hochzeiten präsentiert wurde. So was gab es alles noch, das sind alles Fakten, die wir uns vergegenwärtigen müssen, wenn wir verstehen wollen, wie es dazu kommen konnte. Und gerade wenn du so alt bist wie ich oder jünger, oder vielleicht ein bisschen älter, aber jedenfalls damit aufgewachsen bist mit dieser Fülle und dieser Normalität, dass Milch und Milchprodukte einfach dazugehören und dass die Kühlregale voll sind davon. Dass wir vor meterlangen Kühlregalen stehen voll mit Joghurt in den verschiedensten Variationen; dass es jetzt eigentlich nur noch interessant ist, ob der jetzt fettarm ist, ob der mit Kirsche ist, ob da Schokostreusel drin sind oder ob die Buttermilch mit Kirschgeschmack ist. Also, dass wir uns wirklich nur noch darum Gedanken machen und um den Preis…das sind alles Dinge, die es damals, als wir noch nicht geboren waren, noch nicht gab. Das ist wirklich jetzt erst seit der Nachkriegszeit so gekommen und vor allem mit Wucht nach dem Mauerfall.

Denn nach dem Mauerfall kam der grenzenlose Konsum also, wenn du den Einfach Vegan-Podcast hörst, weißt du Bescheid, wir sind auf der Suche nach einer Welt jenseits des Konsums. Wir sind auf der Suche nach einem neuen Wohlstandsmodell, gegen dieses alles: immer mehr, mehr, mehr. Du weißt also, wie ich zum Thema Konsum stehe, was ich dir mit diesen Ausführungen sagen möchte, ist, dass es total wichtig ist, alles wirklich in einem breiteren Kontext zu sehen und nicht nur auf diese Missstände zu schauen, die wir jetzt haben, sondern auch zu schauen wie sind wir dahin gekommen? Und da auch zu schauen, wie können wir da wieder wegkommen, das ist klar, - aber tatsächlich meine Intention mit diesem Podcast ist, zu schauen, wie sind wir dahin gekommen, wie war der Weg, wie konnte es so weit kommen?

Und ich werde jetzt in den nächsten Folgen Stück für Stück mit dir gehen, wie gesagt erst mit dem Fokus wirklich ab 1870. Ich werde nochmal einen Schlenker wirklich machen, wie wir jetzt dahin gekommen sind zu dem Punkt 1870 einen kurzen Überblick von den Agrargesellschaften hin zur Industriegesellschaft und dann hin zu den neuen Entwicklungen, denn Milch musste ja auch haltbar gemacht werden und Milch musste wirklich schnell verarbeitet werden und die Kühe mussten auf besondere Art gehalten werden. Es gab so viele Faktoren, die wichtig waren und die eben diesen Weg geebnet haben. Und dann müssen wir natürlich bedenken, gab es Kriege in Deutschland, die wieder alles zurückgeworfen haben. Es gab verschiedene Regierungsformen in Deutschland, die auch wiederum den Milchkonsum beeinflusst haben. Es gab also ganz, ganz viele Faktoren und die Gesellschaft, in der wir heute sind, wird in erster Linie von der Werbung regiert vom Konsum, von dem Wunsch, wirklich nur zu kaufen. Wir sind einfach Konsumenten geworden und das Leben der meisten besteht daraus, zu arbeiten, Geld zu verdienen und das Geld wieder auszugeben. Wo sind wir heute gelandet?

Es war ein ganz weiter Weg, der uns zu diesem heutigen Punkt geführt hat und es ist wichtig, dass wir jetzt die Augen aufmachen und schauen. Für mich war es wirklich eine sehr, sehr starke Erkenntnis, zu sehen, dass ich all die Jahre lang nicht verstanden habe, wie es überhaupt kommen kann, dass so viel Milch in den Kühlregalen ist, dass ich nicht verstanden habe, was da mit den Kühen und den Kälbchen los ist. Wenn es dir also genauso geht und du wirklich wissen willst, wie ist es dazu gekommen? Dann freue ich mich, wenn du dich mit mir auf den Weg machst, wenn du mich begleitest und wir die nächsten Folgen gemeinsam gehen.

Pilotfolge

Ein Beitrag

Milchgeschichten - wie alles begann

In dieser Folge

  • erzähle ich Dir, wie es zu diesem Podcast gekommen ist,
  • erfährst Du, warum ich zum Thema Kuhmilch forsche und
  • spreche ich darüber, was ich sonst noch mache.

Nichts hat mich stärker berührt als die Erkenntnis, dass für Milch Kälber sterben. Seitdem lässt mich das Schicksal der Milchkühe und ihrer Kinder nicht mehr los.

Warum sind wir der festen Überzeugung, dass Kuhmilch wichtig und gut für uns ist? Wie konnte Kuhmilch ein fester Bestandteil unserer Ernährung werden? Warum gerade Kuhmilch und nicht Hunde- oder Eselmilch?

All das sind Fragen, denen ich in meiner Forschung nachgehe. Das und noch einiges mehr.

 

Transkript (Korrektur gelesen von einer·m Hörer·in)

Herzlich Willkommen zu Milchgeschichten, meinem neuen Podcast rund um das Thema Kuhmilch. Deswegen sage ich jetzt mein neuer Podcast. Ich veröffentliche schon seit März 2016 einen Podcast gemeinsam mit meinem Mann Carsten den Einfach Vegan Podcast und daher kennst du mich vielleicht auch schon und falls du den Podcast noch nicht kennst, hör doch auf jeden Fall mal rein du findest den Link hier in der Folge in der Beschreibung oder in den Show Notes.

Warum gibt es jetzt diesen neuen Podcast? Seit etwa 2 Jahren habe ich eine heimliche Leidenschaft und das ist die Milch Forschung. Ich forsche nämlich zu dem Thema wie aus Kuhmilch ein Grundnahrungsmittel werden konnte. Und warum mich das so beschäftigt hat und wie es eigentlich dazu kam, das möchte ich dir in dieser kurzen Pilot Folge erzählen.

Ich lebe vegan und bevor ich mich entschieden habe, vegan zu leben, habe ich 20 Jahre vegetarisch gelebt. Und die Entscheidung, vegetarisch zu leben, habe ich in sehr jungen Jahren getroffen, mich dann einfach damit wohlgefühlt und dann nicht weiter darüber nachgedacht. Vegan kannte ich damals nicht. Ich hatte keine Ahnung davon was eigentlich mit den Hühnern passiert und den Eintagsküken und auch keine Ahnung, dass für Milch Kälber sterben müssen.

Die Ahnung kam dann tatsächlich viele, viele Jahre später. Letzten Endes sagen wir so 19 Jahre später. Ich habe dann noch eine Zeit gebraucht, bis ich dann wirklich vegan geworden bin. Ich hatte sogar zu Beginn eigentlich gar keine Ahnung davon, wie die Kühe denn jetzt überhaupt die Milch produzieren und wo die eigentlich herkommt und dass Kühe ganz normal wie wir Menschen auch erst schwanger werden müssen, damit sie Milch geben. Und das ist eben diese Kälbchen geben muss und dass es nicht so ist, dass eine Kuh einmal im Leben schwanger wird, das Kälbchen zur Welt bringt und dann ihr Leben lang Milch gibt. Das war mir alles überhaupt nicht klar und ich hab da noch nie drüber nachgedacht, ich hab das nicht in Frage gestellt.

Aber dann, so langsam kam dann irgendwie die Erkenntnis. Ich hab mich einmal mit einer Freundin unterhalten, die auch dieser Meinung war, dass Kühe einfach so Milch geben und wir haben dann im Internet nachgeschaut und dann gesehen es ist nicht so und ja, dann kam wirklich ganz langsam die Erkenntnis und ich habe mich immer mehr damit beschäftigt und irgendwann war ich so wütend, dass ich das alles nicht gewusst hatte und so traurig, dass ich die ganze Zeit über ich, die ich eigentlich, die ich Vegetarierin geworden bin, weil ich einfach kein Tieren weh tun wollte, weil ich keine Tiere töten wollte, hab die ganze Zeit über Kälbchen und ihre Mütter getötet, getrennt. Ja ihnen einfach leid angetan durch meinen Milch Konsum.

Und dann habe ich mich gefragt, warum ist denn Milch eigentlich so allgegenwärtig? Warum ist es so wichtig, Milch zu trinken? Warum essen wir so viel Käse und Joghurt? Warum ist das alles so selbstverständlich und auch ebenso wichtig und von der Werbung ebenso getriggert?

Und dann habe ich vor etwa 2 Jahren angefangen, darüber zu forschen. Ich habe viele Bücher gelesen. Ich bin dann in die ehemalige Milch Forschungsanstalt in Kiel gegangen, in die Bibliothek dort. Die haben noch ein großes Archiv, in dem ich dann gestöbert hab und hab dort ganz viel gelesen und eingescannt. Und ja, seit 2 Jahren bin ich jetzt dabei, das alles auszuwerten und in meine ganzen Erkenntnisse zusammenzuschreiben. Ich möchte dir jetzt meine Erkenntnisse einfach auf diesem Weg präsentieren.

Ich hatte einen VIP Leser Bereich ins Leben gerufen, in denen du mit bestimmten Zugangsdaten hinein kommst. Das ist kostenfrei. Da kannst du dich einfach anmelden und da kannst du dann meine ganzen Erkenntnisse, die ich bisher gesammelt hab nachlesen und jetzt möchte ich einen Teil dieser Erkenntnisse auch als Audio für dich hier bereitstellen.

Wenn du noch mehr wissen möchtest über mich wie ich denn jetzt vegan geworden bin und was da alles passiert ist seitdem, dann hör doch auf jeden Fall auch den Einfach Vegan Podcast an. Da erzählen Carsten und ich ganz viel darüber, wie wir vegan geworden sind, was wir seitdem erlebt haben und wir interviewen viele Gäste und dieser Podcast wird auch definitiv noch weitergeführt werden.

Der Milch Geschichten Podcast ist einfach meinen persönliches Projekt mein Herzens Projekt, das ich jetzt nutzen möchte, um meine Forschungserkenntnisse für dich hörbar zu machen. Meine Forschung ist noch immer nicht beendet, ich habe auch noch nicht alle Unterlagen ausgewertet. Bei mir ist es so, dass meine Zeit sich aufteilt, in den einfach Vegan Podcast, dann habe ich noch ein Projekt das nennt sich Hamburg Vegan Erkunden. Da bin ich viel mit unterwegs, dann entwickle ich gerade einen online Kurs, der dir hilft, die vegane Ernährung in den Alltag zu integrieren und nicht zu vergessen bin ich auch noch Mutter, so dass ich diese ganzen Aufgaben, Freuden und Pflichten miteinander vereinen und da fällt die Forschung leider öfter hinten runter.

Und dafür will ich jetzt den Podcast nutzen, dass ich zumindest die Forschungsergebnisse, die ich schon gesammelt habe, dir jetzt in hörbarer Form präsentiere, und wenn du Fragen hast oder Anregungen dann schreibt mir gerne schreib mal eine Email oder schreib einen Kommentar wie du möchtest.

Und jetzt freue ich mich natürlich, wenn du wirklich mit dabei bist und dabei bleibst und weiter rein hörst und die Folgen teilst. Los geht's dann in der nächsten Folge mit ein paar einleitenden Sätzen und schon ersten Erkenntnissen. Ich hoffe, dass du dann auch wieder dabei bist und wünsch dir bis dahin alles Gute.

Quellen

Einen großen Teil meiner Informationen beziehe ich aus der Bibliothek der ehemaligen Milchforschungsanstalt in Kiel.

Max Rubner-Institut
Hermann-Weigmann-Str. 1
24103 Kiel

Webseite

Diese Bibliothek beherbergt einen wahren Schatz an Dokumenten zur Milchwissenschaft und direkt gegenüber ist auch noch der Unverpacktladen- sehr praktisch :-)

Weitere Quellen

ROLLINGER, Maria, 2013: Milch besser nicht. 5. Auflage Trier: JOU-Verlag | Meine Rezension zum Anhören.

Die Milch : Geschichte und Zukunft eines Lebensmittels / hrsg. im Auftr. der Stiftung Museumsdorf Cloppenburg, Niedersächsisches Freilichtmuseum von Helmut Ottenjann ... [Museumsdorf Cloppenburg, Niedersächsisches Freilichtmuseum], Cloppenburg : Museumsdorf Cloppenburg, 1996.

FINK-KEßLER, Andrea, 2013: Milch - Vom Mythos zur Massenware. 1. Auflage München: oekom

HAHN, Christian Diederich, 1972: Vom Pfennigartikel zum Milliardenobjekt - 100 Jahre Milchwirtschaft in Deutschland. 2. Auflage Hildesheim : Verlag Th. Mann OHG

SCHWERDTFEGER, Curt, 1956: Milch, Wunder der Schöpfung, Quelle der Gesundheit : Ein dokumentar. Bildwerk über d. Milch u.d. Milcherzeugnisse. 2. Auflage Hildesheim : Verlag Th. Mann

WIEGELMANN, Günter, 1986: Unsere tägliche Kost. Geschichte und regionale Prägung. 2. Aufl. Münster: F. Coppenrath Verlag

BROCKS, Christine, 1997: Die Kuh - die Milch : eine Publikation des Deutschen Hygiene-Museums Dresden

Grafes Handbuch der organischen Warenkunde, Vol. 5 Halbbd. 1 (ab S. 306)
http://resolver.sub.uni-hamburg.de/goobi/PPN832533432

Lebendiges Museum online: http://www.dhm.de/lemo

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